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10 Fragen

10 Fragen an einen HIV-Positiven, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Hasst du den Mann, der dich angesteckt hat? Wie lange hat es gedauert, bis du nach der Diagnose wieder Sex hattest? Wie viel kostet es, HIV zu haben?

von Stefan Lauer
30 November 2016, 5:00am

Titelfoto: mit freundlicher Genehmigung von Marcel

HIV und Aids sind nicht unbedingt Themen, über die man sich in der Küche bei einer WG-Party unterhält. Der Hauptübertragungsweg in Deutschland ist Sex. 70 Prozent der Neuinfektionen in Deutschland betreffen schwule Männer. In vielen Köpfen ist eine HIV-Infektion gleichbedeutend mit AIDS und damit gleichbedeutend mit dem frühen Tod. Durch neue Medikamente und Behandlungsmöglichkeiten ist das aber schon länger nicht mehr der Fall. Die Lebenserwartung von HIV-Infizierten ist zumindest in Deutschland nicht sehr viel niedriger als die von HIV-negativen Menschen.

Marcel Dams ist 27 und seit sieben Jahren HIV-positiv. Und er spricht darüber. Marcel hat sich angesteckt, als er zum ersten mal Sex mit seinem damaligen Partner hatte. Der war positiv, hat es ihm nicht gesagt, und die beiden haben kein Kondom benutzt. Ein paar Wochen später bekam er dann seine Diagnose. Heute arbeitet Marcel für die AIDS-Hilfe in Nordrhein-Westfalen, war Botschafter des Welt-AIDS-Tags und sitzt in der Jury des HIV-Community-Preises, mit dem Projekte ausgezeichnet werden, die die Versorgung und soziale Integration von Menschen mit HIV verbessern.

Also die perfekte Person, anlässlich des Welt-AIDS-Tags am 1. Dezember all die Fragen über HIV zu beantworten, die ihr euch vielleicht nicht trauen würdet zu stellen.

VICE: Hasst du den Mann, der dich angesteckt hat?
Marcel: Ich hatte nie das Bedürfnis, mich zu rächen, war aber total wütend und sauer auf ihn. Aber all die Wut bringt ja letztlich nichts. Irgendwann habe ich gesagt: OK, du kannst diese Gefühle jetzt noch ewig haben oder du setzt dich jetzt mal damit auseinander, in welcher Situation du bist und was du noch ändern kannst und was auch nicht. Dementsprechend habe ich mich irgendwann auch davon verabschiedet, wütend zu sein.

Wie hast du dich gefühlt, als du deine Diagnose bekommen hast?
Als ich die Diagnose bekommen habe, war ich plötzlich ganz in mir, habe nicht mehr mitbekommen, was die Frau mir erklärt, und ich weiß noch, dass ich irgendwie nach Hause gekommen bin, aber nicht mehr wie. Ich habe nichts mehr mitbekommen, war völlig weggetreten. Es fühlt sich sehr leer an und Leere ist kein schönes Gefühl. Die ersten Symptome hatte ich zwei Wochen, nachdem ich mich angesteckt hatte. Starke Grippesymptome, das heißt Fieber, Schüttelfrost. Ich war beim Hausarzt, der es auch erst für eine Grippe gehalten hat, habe Antibiotika bekommen und als die dann nicht angeschlagen haben, habe ich zu denken angefangen. Meine Lymphknoten waren angeschwollen. Aus dem Bio-LK hatte ich noch im Kopf, dass das erste Anzeichen sein könnten. Ich bin dann zum Gesundheitsamt gegangen und habe einen Test gemacht. Es gibt ein diagnostisches Fenster, dass man eigentlich drei Monate warten soll, bis man den Test macht, weil sich die Antikörper erst bilden müssen, aber ich war aufgeregt. Der erste Test war sehr uneindeutig und ich musste bis zum nächsten vier bis sechs Wochen warten. Als ich dann das positive Ergebnis bekommen habe, war ich darauf eingestellt.

Bist du nicht auch selbst schuld?
Tatsächlich sagen Leute das. Ich spreche lieber von selbstverantwortlich. Deswegen, weil ich auf ein Kondom verzichtet habe. Ich hätte es anders machen können. Schuld ist eine moralische Bewertungskategorie, die ich nicht richtig finde in dem Bereich. Ich wusste, wie ich mich schützen kann. In zwischenmenschlichen Beziehungen oder wenn es um Sex geht, schalten wir eben manchmal den Kopf aus und handeln anders, als man es uns beigebracht hat. Da ist was passiert, das kann ich nicht rückgängig machen, und gleichzeitig finde ich aber auch, dass sowas menschlich ist.

Folgendes Szenario: Eine Party, du hast was getrunken, der andere auch. Es läuft drauf hinaus, dass ihr zusammen nach Hause geht. Sagst du, dass du HIV-positiv bist?
Grundsätzlich finde ich, man muss das nicht sagen. Ich finde, jeder muss selbst wissen, wann er das sagt. Wenn der Schutz da ist durch Therapie oder Kondom, warum sollte man es dann sagen? Außerdem: Wenn es gesellschaftlich so wäre, dass der HIV-Positive es sagen müsste, dann hätte der mehr Verantwortung als der HIV-Negative und das ist ja nicht das Ziel. Man möchte ja letztlich, dass der HIV-Negative sich immer schützt, ohne darauf zu warten, dass ihn jemand warnt. Ich möchte selber entscheiden, wem ich das sage, und solange ich niemanden in Gefahr bringe, spielt das für mich keine Rolle. Ich bin ja in Behandlung, meine Viruslast ist sehr niedrig und ich gelte als nichtinfektiös und ich sage dann auch recht früh: "Willst du ein Kondom benutzen oder wollen wir auf ein Kondom verzichten?" Die Viruslast beschreibt, wie viel Virus im Blut und im Sperma ist. Je höher die Viruslast ist, desto höher ist die Gefahr, jemanden zu infizieren. Ab einem bestimmten niedrigen Wert spricht man von einer Viruslast unter der Nachweisgrenze. Das heißt nicht, dass ich negativ bin, sondern nur, dass die Ansteckungswahrscheinlichkeit sehr gering ist. Ohne Kondom ungefähr auf dem Niveau, wie wenn ein HIV-Positiver mit hoher Viruslast ein Kondom benutzt.

Hast du mal wegen HIV einen Korb kassiert?
Nicht nur einmal. Ich würde nicht sagen, dass jeder Zweite Nein sagt, aber doch, das kommt häufiger vor. Tatsächlich auch mit der Begründung, dass der andere Angst hat. Das nehme ich dann nicht persönlich. Anders wäre das, wenn jemand sagt: "Nee, du bist 'ne Gefahr." Das ist einfach ein Vorwurf, der nicht stimmt. Ich bin keine Gefahr. Wenn mir aber jemand ehrlich sagt, dass er Angst hat, verletzt mich das nicht. Auch wenn es manchmal schade ist, je nachdem wer da vor dir steht.

Hattest du am Anfang Angst, dass du versehentlich jemanden ansteckst?
Ja, das war tatsächlich ein großes Thema für mich. Ich hatte das Gefühl, wenn ich einen Orgasmus bekomme, sind da Viren drin. Das war ziemlich bedrückend. Ich war Anfang 20 und wenn ich mir vorstelle, dass ich bis jetzt keinen Sex mehr gehabt hätte, das wäre ziemlich traurig gewesen. Die ersten Male nach der Diagnose waren auch von solchen Gedanken begleitet. Es hat aber auch geholfen, da ich gemerkt habe: Natürlich kann was passieren, es kann immer was passieren, egal wie viel Schutz man hat, und trotzdem ist die Angst davor irrational, weil die Gefahr einfach sehr gering ist. Ganz selten überlege ich noch: Könnte ich dafür verantwortlich sein, dass sich jemand infiziert hat?

Wie lange hat es gedauert, bis du nach der Diagnose wieder Sex hattest?
Ziemlich lange. Ich glaube, ich habe sogar drei oder vier Monate nicht masturbiert, weil ich Angst vor mir selbst hatte. Ich hatte Angst, dass, wenn ich komme, da verseuchtes Sperma kommt. Sex zu haben, hat nochmal gedauert. Mindestens ein halbes Jahr, wenn nicht sogar länger.

Bist du in Sachen Alkohol und Drogen eingeschränkt wegen deiner Medikamente?
Medikamente schlagen natürlich auf den Körper. Ich nehme eine Kombination, die die Leber ein bisschen belastet. Das bedeutet aber nicht, dass ich keinen Alkohol trinken darf oder dass es ein Problem ist, wenn ich abends zwei Bier trinke und am nächsten Morgen sind dann zehn Bier draus geworden und ein paar Schnaps. Mir wird alle drei Monate Blut abgenommen, um zu bestimmen, wie die Viruslast aussieht, aber gleichzeitig wird auch einmal im Jahr durchgecheckt, wie die Organe aussehen. Man muss mit dem Arzt besprechen, welchen Lebensstil man hat, also sagen "Ich trinke Alkohol", "Ich habe in den letzten drei Monaten häufiger gekifft". Mir wurde nicht geraten, weniger zu trinken, mich anders zu ernähren oder nicht zu kiffen. Wenn man sich jetzt Crystal Meth spritzt, ist das wahrscheinlich anders.

Wie viel kostet es, HIV zu haben?
Die Medikamente kosten circa 2.000 Euro im Monat, dazu kommen die dreimonatigen Untersuchungen. Ich mache mir keine Gedanken, weil es die Krankenversicherung und damit die Gesellschaft Geld kostet. Mich treibt aber um, dass die Medikamente so teuer sind. Man müsste am System was ändern, die Medikamente dürften nicht so teuer sein. Es gibt viele Menschen auf der Welt, die keinen Zugang zu diesen Medikamenten haben, eben weil sie so teuer sind.

Wenn du deine Infektion weitergeben könntest und du wärst danach gesund, würdest du es machen?
Nein. Ich habe eine Infektion, vielleicht eine chronische Erkrankung, aber mir geht es nicht schlecht, ich muss nicht im Krankenhaus liegen. Ich nehme Medikamente, ich fühle mich gut, ich habe kaum Nebenwirkungen. Wenn ich das jetzt abgeben könnte und danach geheilt wäre, wäre der einzige Unterschied, dass ich weniger Arztbesuche hätte und weniger Tabletten.

Mehr von Marcel gibt es auf seinem YouTube-Kanal.

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