Zwei Männer mit Skimasken schauen in einen Kofferraum mit einem geknebelten Mann
Illustration: Massimiliano Marzucco
Menschen

Wie ein Teenager die längste Mafia-Entführung Italiens überlebte

Carlo Celadon war 19, als die 'Ndrangheta ihn entführte. Sein Martyrium dauerte 831 Tage.
18 Februar 2020, 4:00am

Es war der 25. Januar 1988 in Arzignano, einer kleinen Stadt im Nordosten Italiens. Carlo Celadon, 19 Jahre alt, aß gerade zu Abend. Er war allein zu Hause. Sein Vater Candido, ein reicher Unternehmer, war mit Carlos Schwester im Urlaub, sein großer Bruder war in den Flitterwochen. Plötzlich brachen vier bewaffnete Männer ins Haus ein, fesselten Carlo, sperrten ihn in den Kofferraum ihres Autos und fuhren mit ihm davon. Es sollte die längste Entführung der italienischen Geschichte werden.

Die vier Männer waren Mitglieder der 'Ndrangheta, einer mächtigen Mafia-Organisation aus Kalabrien, einer Region im südlichsten Zipfel Italiens. Heute ist sie einer der wichtigsten Akteure im internationalen Drogenhandel, insbesondere mit Kokain, und erwirtschaftet einen geschätzten Jahresumsatz von 53 Milliarden Euro. Vor ihrem Aufstieg zur mächtigsten Mafia-Organisation Europas verdiente die 'Ndrangheta ihr Geld vor allem mit Lösegelderpressungen. Vor allem auf Angehörige wohlhabender Familien hatte sie es abgesehen. In der Hochphase dieser Kidnappings, Ende der 1960er bis Anfang der 1990er, wurden fast 700 Menschen entführt.


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Der italienische Journalist Pablo Trincia hat Carlos Geschichte in einer Folge des italienischen Podcasts Buio rekonstruiert. "Diese Zeit markiert einen Wendepunkt im Aufstieg der Mafiaclans", sagt Trincia am Telefon. "Die 'Ndrangheta hatte um ihre Entführungen ein richtiges System aufgebaut. Die Einnahmen investierte sie in profitablere illegale Aktivitäten wie den Drogenhandel."

In jener Nacht im Januar 1988 fuhren die Kidnapper 17 Stunden nonstop mit Carlo nach Aspromonte in Kalabrien, der Heimat der 'Ndrangheta. Dort wurde er in einem kleinen Erdloch angekettet. Zu essen bekam er eine Packung Brot. Aus den Nachrichten wusste Carlo, dass solche Entführungen häufig bis zu sechs Monate dauern. Die Verhandlungen und das Organisieren des Lösegelds brauchen schließlich Zeit. "Ich stellte mich darauf ein, lange leiden zu müssen", erinnert er sich im Podcast.

Die 'Ndrangheta verlangte fünf Milliarden Lire für die Freilassung, etwa 2,6 Millionen Euro

Vor allem eine Sache sei ihm damals immer wieder durch den Kopf gegangen. Er hätte einmal mit seinem Vater in den Nachrichten einen Bericht gesehen, in dem es um die Freilassung eines Entführungsopfers gegen Lösegeld ging. Er fragte seinen Vater, was er in dieser Situation tun würde. Candido hatte ihm in die Augen geschaut und nur den Kopf geschüttelt. "Ich hatte Angst, dass er mich dort sterben lassen würde", sagt Carlo.

In Wahrheit kam sein Vater sofort aus dem Urlaub zurück. Er war bereit, alles für die Rettung seines Sohnes zu tun. Tagelang erhielt die Familie allerdings nur Anrufe von Betrügern. Drei Monate warteten sie, bis sich die echten Entführer meldeten. Ein Mann, der sich Agip nannte, verlangte fünf Milliarden Lire für die Freilassung.

Aber Carlo wusste von alledem nichts. Monatelang hatten die Kidnapper seine schlimmsten Ängste genährt. Sie sagten ihm, dass sein Vater sich weigere, für ihn zu zahlen. Carlo sollte Briefe an ihn schreiben, in denen er um Hilfe fleht. Sie wurden nie zugestellt. Als Candido einen Beweis verlangte, dass sein Sohn noch lebt, gaben sie ihm eine Kassette. Darauf war Candidos Stimme zu hören. Wütend beschuldigte er seinen Vater, ihn sitzen zu lassen und nur an sein Geld zu denken.

Nach dem ersten Anruf übernahm der Staatsanwalt Tonino De Silvestri den Fall. "Es gab zwei Lager", erklärt De Silvestri in dem Podcast. "Die einen wollten jeglichen Kontakt mit den Entführern vermeiden und das Vermögen der Familie einfrieren, damit die Entführer ihre Lösegeldforderung fallenlassen. Andere fanden, es sollte der Familie überlassen sein." De Silvestri entschied sich für einen Kompromiss. Er fror anfangs das Familienvermögen ein, aber ließ Candido mit den Entführern verhandeln. Die Polizei sollte am Tag der Übergabe zuschlagen.

"Wenn du nicht zahlen willst, schicken wir dir seinen Kopf!"

Es vergingen Monate. Carlo blieb angekettet in dem Erdloch. "Der Geruch meines Essens lockte Mäuse an, also blieb ich in einer Ecke", sagt er. "Ich habe ein Stück Käse unter ein Glas gelegt. Wenn eine Maus kam, habe ich mit dem Glas ihren Kopf zerquetscht." Aber nicht nur das. "Zweimal kamen Schlangen reingekrochen. Ich wusste, wenn sie mich beißen und sich das entzünden würde, würden meine Entführer mich niemals ins Krankenhaus fahren." Während eines Sturms wäre Carlo einmal fast ertrunken, weil sich sein Loch mit Wasser füllte. "Ich schrie, so laut ich konnte, aber niemand antwortete mir."

Schließlich verabredeten Candido und Agip ein Treffen. Der Vater hielt sich an die Anweisungen und übergab das Lösegeld, aber Carlo wurde nicht wie abgemacht übergeben. Die Polizei, die sich in der Nähe in Stellung gebracht hatte, folgte dem Mann, der das Geld eingesammelt hatte, zu einem kleinen Haus und nahm fünf Menschen fest. Doch von Carlo und dem Geld fehlte jede Spur.

Kurz vor der Razzia hatte die Bande Carlo zu einer Höhle im Wald gebracht. Sieben Monate gab es kein Wort mehr von den Entführern, die Familie befürchtete das Schlimmste. Schließlich meldete sich Agip und forderte weitere fünf Milliarden Lire. Der Ton wurde zusehends aggressiv. "Sag mir einfach, wenn du nicht zahlen willst", sagte Agip zu Candido. "Dann schicken wir dir seinen Kopf."

"Sie brachten mich zu einer Landstraße und ließen mich dort liegen."

Die Entführungen waren nicht nur eine Einkommensquelle für das Organisierte Verbrechen, sondern gleichzeitig auch ein Mittel, um Angst in der Bevölkerung zu verbreiten und die Behörden machtlos erscheinen zu lassen. Indem die 'Ndrangheta Teile ihrer Einnahmen in den armen Dörfern im Aspromonte-Gebirge verteilte, schuf sie sich in loyales Netzwerk. Das macht es bis heute schwierig, gegen sie vorzugehen.

Monate später wurde ein weiteres Treffen arrangiert. Candido hatte das Lösegeld auf zwei Milliarden Lire reduzieren können, eine Million Euro. Am Morgen des 4. Mai 1990, nach 831 Tage, wurde Carlo endlich freigelassen.

"Sie brachten mich zu einer Landstraße und ließen mich dort liegen", erinnert er sich. Ein Autofahrer entdeckte ihn und rief die Polizei. Carlos hatte in Gefangenschaft 30 Kilo verloren und konnte nicht ohne Hilfe stehen. Immer noch in dem Glauben, dass er nur so lange in Gefangenschaft war, weil sein Vater das Lösegeld nicht zahlen wollte, weigerte sich Carlos, am Telefon mit ihm zu sprechen.

"Was mich an Carlo Celadons Geschichte wirklich beeindruckt hat", sagt Trincia, "war, wie er es schaffte, nicht den Verstand zu verlieren. Er überlebte zweieinhalb Jahre in einem Loch, ohne etwas anderes tun zu können, als die Sekunden zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang zu zählen. Obendrein ging er davon aus, dass seine Familie ihn aufgegeben hatte und er jeden Moment getötet werde."

Agip wurde ein paar Jahre später bei einer Drogenrazzia in Deutschland festgenommen. "Beim Abhören von Telefonaten erkannte die Polizei seine Stimme wieder. Das war aber reiner Zufall und wie sich herausstellte, war er nur einer von vielen Mittelsmännern", sagt Trincia. Der Rest der Entführer blieb verschwunden. Und mit ihnen auch die Milliarden von Lire.

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