Drogen

Wie Albanien zu Europas erstem Narco-Staat wurde

Der Balkanstaat versorgt unter anderem Deutschland mit Cannabis und Kokain – zum Leid der albanischen Bevölkerung.

von Monty Reed
14 Juni 2019, 9:46am

Ein heruntergekommener Vorort von Albaniens Hauptstadt Tirana im Januar. Ich treffe mich mit zwei Kokainschmugglern, die gerade von einem Ausflug nach Deutschland zurückgekommen sind. Wie viele ihrer Kollegen sind Artin und Luli von Cannabis auf Kokain umgestiegen. Das bringt mehr Geld und der Stoff ist leicht zu beschaffen. Sie verdienen etwa 20.000 Euro, wenn sie ein Kilo Kokain in die reichen Länder Europas schaffen. Und der Markt wächst.

Die beiden Männer erzählen Machogeschichten gespickt mit Schlagringen und Baseballschlägern, fachsimpeln über Rolex-Modelle, schnelle Autos und schöne Frauen. "Wie du wahrscheinlich gemerkt hast", Artan deutet mit einem Kopfnicken auf die kaputte, teils überschwemmte Straße, die nicht repariert wurde, seit sie denken können, "musst du die Tour nach Deutschland, Italien oder England machen, wenn du hier was erreichen willst. Kokain ist richtige Arbeit."


VICE-Video: Unterwegs in Barcelonas Drogen-Squats


In den 1990ern erschütterte eine schwere Wirtschaftskrise den Balkanstaat, der bereits vom Jugoslawienkrieg geschwächt war. Seitdem sind junge Albanerinnen und Albaner gefangen in einem Netz aus Armut und Korruption. Manche sehen den Drogenhandel als einzigen Ausweg. Das Schmuggelgeschäft hat in Albanien eine lange Geschichte. Mittlerweile hat sich das Land zum ersten Narco-Staat Europas entwickelt. Und das, obwohl Albanien NATO-Mitglied ist und kurz vor Beitrittsverhandlungen mit der EU steht.

Nach der Definition des Internationalen Währungsfonds ist ein Narco-Staat ein Land, "in dem alle rechtmäßigen Institutionen von der Macht und dem Reichtum des illegalen Drogenhandels durchdrungen sind". Klassische Beispiele sind Venezuela, Guinea-Bissau und Afghanistan. Aber auch Albanien steht knietief im Drogengeld.

Koks zu Kampfpreisen: Albanische Gangs mischen den europäischen Drogenmarkt auf

Das kleine, gebirgige Land an der Adria ist Europas größter Produzent von illegalem Outdoor-Cannabis. 2017 beschlagnahmte die Polizei dort 68 Tonnen Gras. Seinen Titel als Narco-Staat verdient Albanien allerdings erst durch den Kokainhandel. In den vergangenen zehn Jahren haben sich albanische Gangs zu wichtigen Akteuren im europäischen Kokaingeschäft entwickelt. Mit verhältnismäßig reinem Stoff zu Kampfpreisen haben sie zu der steigenden Verfügbarkeit der Droge seit 2012 beigetragen.

Albanische Schmuggler unterhalten direkte Schmuggelrouten von Südamerika und Europas großen Kokainumschlaghäfen in Belgien und den Niederlanden. Im Februar 2018 beschlagnahmte die albanische Polizei 613 Kilogramm Kokain, die versteckt in einer Ladung kolumbianischer Bananen die Hafenstadt Durrës erreichten.

Seit das Drogengeschäft in dem Balkanstaat an Bedeutung gewonnen hat, werden immer häufiger Albaner mit Verbindungen zum organisierten Verbrechen in Südamerika getötet. 2017 wurde der Kosovo-Albaner und mutmaßliche Kokainhändler Remzi Azemi in Guayaquil, Ecuador, an einer Straßenkreuzung erschossen, als er in einem gepanzerten Auto unterwegs war. Im Vorjahr wurde Ilir Hiri, ein anderer Albaner mit mutmaßlichen Kontakten zum Drogengeschäft, in derselben Stadt ermordet.

Natürlich spielt das Geschäft mit illegalen Drogen auch in anderen europäischen Ländern eine große Rolle. Im Süden der Niederlande stellt die MDMA-Produktion sogar ein ernsthaftes Umweltproblem dar. Im Gegensatz zu anderen Staaten sind die Drogenbosse in Albanien jedoch bestens mit der politischen Elite vernetzt und beeinflussen maßgeblich die Entwicklung des Landes. Nicht selten stecken sie sogar mit den Strafverfolgungsbehörden unter einer Decke.

Das Geld aus dem Drogengeschäft spielt in Albaniens politischem System eine große Rolle. Stimmen sichert man sich dort nämlich immer noch am besten gegen Bares. Eine von der EU finanzierte Studie fand heraus, dass mehr als jeder fünfte Erwachsene in Albanien mindestens einmal Geld für seine Stimme angeboten bekommen hat. Ende Januar dieses Jahres wurden Telefonmitschnitte veröffentlicht, die zu belegen scheinen, dass kriminelle Organisationen die Präsidentschaftswahlen 2017 beeinflusst haben.

Laut Afrim Krasniqi, dem Vorsitzenden des albanischen Instituts für Politikwissenschaften, haben kriminelle Banden bei den Wahlen 2017 eine größere Rolle gespielt als die politischen Parteien. "Heute herrscht generell der Eindruck, dass Wahlen ohne die Unterstützung solcher Gruppen nicht zu gewinnen sind", sagt er.

Protestors run from tear gas in Tirana, Albania during February protests calling for the resignation of the prime minister over corruption allegations.
Demonstrierende in Albaniens Hauptstadt Tirana fliehen im Februar bei Protesten gegen Ministerpräsident Edi Rama vor Tränengas | Foto: Gent Shkullaku/AFP/Getty Images

Weil Drogenhandel und politische Macht in Albanien dermaßen verstrickt sind, hat der britische Geheimdienst Einheiten nach Tirana entsandt, um die Geschäfte im Auge zu behalten. Ein Mitglied des britischen Teams sagt gegenüber VICE, man habe eindeutige Beweise dafür, dass die albanische Polizei Informationen direkt an die Banden weitergebe. Neben Agenten aus Großbritannien befinden sich auch Teams aus den USA, den Niederlanden und Italien im Land. Sie alle mussten in der Vergangenheit feststellen, dass Informationen, die sie mit albanischen Behörden geteilt hatten, in die falschen Händen geraten waren.

Seit der Regierungsbildung 2013 sind bereits zwei Innenminister von Ministerpräsident Edi Rama aus dem Amt geschieden. Der erste, Saimir Tahiri, wird sich dieses Jahr vor Gericht wegen Drogenhandels und Korruption verantworten müssen. Sein Nachfolger, Fatmir Xhafaj, trat nach 19 Monaten im Amt zurück, als sein Halbbruder in Italien wegen Drogenhandels zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Zwar konnte man Xhafaj keine Beteiligung an den Verbrechen seines Bruders nachweisen, aber nationaler und internationaler Druck brachten Rama vermutlich dazu, sich von dem Minister zu verabschieden.

Klement Balili, der Pablo Escobar des Balkans

Doch niemand verkörpert die Verwicklungen der albanischen Elite mit dem organisierten Verbrechen besser als Klement Balili. Der "Pablo Escobar des Balkans", wie die griechische Polizei ihn nennt, ist ehemaliger Beamter, Luxushotel-Besitzer und Drogenboss. Ein 10.000-Seiten Dossier der griechischen Regierung, das VICE vorliegt, beschreibt, wie sein penibel organisiertes, transnationales und milliardenschweres Drogenimperium Länder wie Italien, Griechenland, Großbritannien und Deutschland mit Cannabis und Koks versorgt.

Den Grundstein für sein Imperium legte Balili in den 1990ern, als weite Teile Albaniens infolge der Wirtschaftskrise zu rechtsfreien Räumen wurden. Viele Familien hatten ihre kompletten Ersparnisse verloren. Die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit und die niedrigen Löhne förderten die Expansion der albanischen Gangs.

Offiziell war Balili in den Bereichen Transport, Tourismus, Fischerei und Sicherheit tätig. 2014 wurde er im Badeort Saranda zum Verkehrsdirektor ernannt. Die Hafenstadt ist auch ein bekannter Drogenumschlagplatz. Außerdem baute Balili im Laufe der vergangenen zehn Jahre eine Reihe von Luxushotels an der albanischen Adriaküste. Zu den Eröffnungsfeiern kamen immer wieder hochrangige Politiker.

Balili hat nie einen Hehl aus seinen Verbindungen zu einer der großen Parteien Albaniens gemacht, der Sozialistischen Bewegung für Integration. In einem Interview Anfang dieses Jahres erklärte er, seine Ernennung zum Verkehrsdirektor sei eine Gegenleistung für Geldspenden gewesen, die er und seine Familie der Partei vermacht hatten.

Die griechische Polizei ist Balili seit zehn Jahren auf den Fersen. Aber immer, wenn sie Fortschritte zu machen schienen, stießen die Beamten bei albanischen Behörden auf Hindernisse. Im Mai 2016 verhaftete die griechische Polizei zwölf Mitglieder von Balilis Gang und beschlagnahmte knapp 700 Kilo Marihuana. Die Griechen stellten einen Haftbefehl für Balili aus, aber die albanische Polizei weigerte sich, eine Kopie davon anzunehmen. Als die Behörden das Dokument schließlich anerkannten, war Balili "verschwunden".

Drei Monate später soll Balili mit einem hochrangigen Polizeioffizier auf seiner Jacht vor der albanischen Küste fotografiert worden sein. Das war kein Einzelfall: Zu der Zeit tauchte Balilis grinsendes Gesicht immer wieder im Hintergrund von Handyvideos und Fotos von Feiern der albanischen Polizeiführung auf.

Balilis Nähe zur politischen Elite ist US-amerikanischen und griechischen Behörden zufolge der Grund für seinen Erfolg als Drogenschmuggler. Donald Lu, von 2014 bis 2018 US-Botschafter in Albanien, sagte 2016: "Politiker von Links und Rechts haben sich den Interessen von korrupten Geschäftsleuten, Verbrechern und Drogenhändlern gebeugt. Wie sonst lässt sich erklären, dass der Drogenschmuggler Klement Balili noch auf freiem Fuß ist?"

"Er hat immer gezahlt, die Gemeinde hat ihn respektiert. Er war ein Geschäftsmann, kein Pate."

Diesen Januar verhaftete die albanische Polizei Balili schließlich. Die Regierung präsentierte die Festnahme als großen Coup, dabei hatte sich der Drogenboss gestellt und die Bedingungen seiner Festnahme selbst festgelegt. Das Innenministerium und die Strafverfolgungsbehörden wurden von Balilis Anwälten über dessen Ankunft informiert. Der albanische Polizeichef verhaftete ihn persönlich. Aufgrund einer frischen Verfassungsänderung wurde Balili nicht nach Griechenland ausgeliefert, sondern musste sich in seiner Heimat vor Gericht verantworten.

Im Februar akzeptierte der Strafgerichtshof Balilis Bitte um ein "verkürztes Verfahren". Damit ist ihm nicht nur garantiert, dass seine Strafe um ein Drittel gekürzt wird, es stellt auch sicher, dass er während des Prozesses nicht zu viel über die politische Elite Albaniens sprechen muss. Am 7. Mai wurde Balili wegen Drogenhandels, Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung und Geldwäsche zu zehn Jahren Haft verurteilt. Sein Anwalt hat bereits angekündigt, in Berufung zu gehen.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Balili mit einer milderen Strafe davonkommt oder komplett freigesprochen wird. Eine ganze Reihe einflussreicher Albaner sind bereits in Berufungsverfahren Anklagen oder Verurteilungen für schwere Korruptionsvergehen entkommen.

Mehrere Bauleute, die für Balili an Bauprojekten gearbeitet haben, loben ihn gegenüber VICE. "Ich weiß nicht, was Klement gemacht hat, oder ob wirklich stimmt, was sie sagen, aber Klement hat Geld in unsere Gemeinde gebracht", sagt eine Person, die anonym bleiben möchte. "Er hatte viele Bauprojekte und wir haben jahrelang an ihnen gearbeitet. Er hat immer gezahlt, die Gemeinde hat ihn respektiert. Er war ein Geschäftsmann, kein Pate."

Ein jüngerer Bauunternehmer zeigt sich weniger begeistert von Balili: "Er hat gezahlt, wenn er Lust dazu hatte. Wenn er nicht zahlen wollte, konntest du nichts dagegen tun", sagt er. "Er hat die Polizei, die Gerichte und die Steuerbehörden in der Tasche. Ich will nicht wissen, was passiert wäre, wenn ich mich über eine offene Rechnung beschwert hätte. Er kennt und kontrolliert alles und jeden. Er hätte uns einfach wie eine Zigarre ausgedrückt."

60 Prozent der Bevölkerung wollen auswandern

Auf den ersten Blick ist Tirana eine aufstrebende Stadt. Die Café-Kultur und das Nachtleben florieren. Die direkte Umgebung von zwei internationalen Hotels, in denen Diplomaten, ausländische Geschäftsleute und Politiker ein und aus gehen, wurde mit viel Geld aufgehübscht. Obwohl sie die große Mehrheit der albanischen Bevölkerung ausmachen, leben die Armen in den Randgebieten der Hauptstadt, wo Häuser manchmal weder Strom, Wasser noch Fenster haben.

Der zentrale Stadtteil Blloku, einst kommunistischen Parteikadern vorbehalten, ist heute der Spielplatz von Albaniens Elite. In Blloku wohnen vor allem Politiker, Richterinnen und Typen, die wissen, wie man Koks vertickt. Abends umkreisen Mercedesse die hell erleuchteten Bars wie Tigerhaie. In den Lokalen schwenken Parlamentsabgeordnete die Bierkrüge, während sie auf ihren iPhones PornHub gucken und Dua Lipa oder Notorious B.I.G. hören. Die einflussreichen Vertreter der neuen Generation sind redselig, lebhaft und oft nur einen verpatzten Deal von der Pleite entfernt.

A masked Albanian police officer searches a clandestine cocaine refining laboratory in 2015.
15. Januar 2015, ein albanischer Polizist durchsucht ein Kokainlabor im Dorf Xibrake bei Elbasan | Foto: AFP/Getty Images

Der Erfolg von Albaniens Gangs kommt auf dem Rücken der Bürgerinnen und Bürger, die im Korruptionssumpf sich selbst überlassen sind. In einer internationalen Umfrage gaben 2018 60 Prozent der Albanerinnen und Albaner an, auswandern zu wollen. Damit landete Albanien auf dem vierten Platz – hinter Haiti, Liberia und Sierra Leone. Junge Menschen machen schon in der Schule erste Erfahrungen mit Korruption, wenn Eltern Lehrerinnen und Lehrer für bessere Noten bestechen. An Universitäten hängt die Zulassung häufig davon ab, ob man Freunde in Machtpositionen hat.

Im Juni beginnen die Beitrittsverhandlungen mit der EU

Rudina Hajdari, Oppositionsführerin im albanischen Parlament und Vorsitzende der Kommission für Europäische Integration, sagt im Gespräch mit VICE: "Junge Albanerinnen und Albaner sind wütend und fühlen sich von der Regierung betrogen. Wir haben unfassbar große Probleme mit Korruption. Als die Drogen ins Spiel kamen, floss so viel Geld, dass es sogar unsere Landeswährung erschüttert hat. Geld diktiert die Entscheidungen unseres Landes." Und das Geld werde von den Drogenkartellen bereitgestellt – an einzelne Politikerinnen und Politiker und an die Parteien selbst. Alle Parteien. "Jeder, der gegen die Korruption ankämpft, stößt auf große Hürden", sagt Hajdari.

Albanerinnen und Albaner verfolgen gebannt, ob die EU diesen Juni die Beitrittsverhandlungen beginnen wird. Vielleicht dürfen sie bald visumfrei durch die komplette EU reisen. Frankreich und die Niederlande sehen die albanischen Drogenbanden allerdings als solche Bedrohung, dass sie gegen die Reisefreiheit sind.

Ministerpräsident Rama war früher Basketballspieler und wurde 2013 auch wegen seines strengen Antikorruptionskurses ins Amt gewählt. Aus dem Ausland gab es viel Lob für ihn, als er das berüchtigte Cannabis-Anbaugebiet um das Dorf Lazarat unter Polizeigewalt brachte. Allerdings sieht auch Rama sich Betrugs- und Korruptionsvorwürfen ausgesetzt. Angeführt von der Opposition finden in Tirana seit einigen Wochen heftige Proteste gegen die Regierung statt.

Ramas Gegner fordern, dass er sein Amt niederlegt, damit Albanien der EU beitreten kann. Lulzim Basha, Vorsitzender der konservativen, oppositionellen Demokratischen Partei Albaniens sagt: "Wir haben die Mission, Albanien von Verbrechen und Korruption zu befreien – damit Albanien wie der Rest von Europa wird."

Die von Korruption geplagten Länder, die die Drogen für unseren Markt produzieren, waren bisher für Europäer eher weit weg. Albanien hat das Problem direkt vor unsere Haustüre gebracht – und der Großteil der Bevölkerung hofft, reingelassen zu werden. Das ist das Traurigste am Narco-Staat: Die Korruption und die kriminellen Machenschaften beschränken vor allem die Möglichkeiten seiner ganz normalen Bürgerinnen und Bürger.

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