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Die ungesehenen Betroffenen – ein Besuch bei der Männerberatungsstelle Wien

Gewalt gegen Männer geht mit ihren gesellschaftlich zugeschriebenen Charakteristika oft nicht konform. Und trotzdem passiert sie.
8.12.16
Foto: Demeter Attila | pexels | CC0

In der Nähe des Reumannplaztes, am südlichen Ende der U1, treffe ich Hubert Steger auf seinem Arbeitsplatz, der Männerberatungsstelle in Wien. Knapp einen Monat habe ich auf dieses Interview gewartet. "Viel zu tun" wurde mir am Telefon beteuert, und so wundert es mich nicht, dass nach einer herzlichen Begrüßung und einem angebotenen Glas Wasser der Satz folgt: "Warten Sie hier, ich tippe noch schnell etwas ab und bin gleich für Sie da." Es ist 9 Uhr abends.

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Die mittlerweile unter dem Dachverband Männerarbeit Österreichs untergebrachte Männerberatungsstelle ist eine junge Institution. 1984 gegründet, richtet sich ihr Angebot neben LGBTIQ* Personen an dezidiert männlich sozialisierte Menschen. Das Spektrum umfasst psychotherapeutische Maßnahmen in Einzel- oder Gruppensitzungen sowie Opfer- und Prozessbegleitungen. Die Mehrzahl macht jedoch vom allgemeinen Journaldienst Gebrauch, also von kurzweiligen Einzelberatungen, die nicht länger als eine bis drei Sitzungen dauern. "Manchmal ist das schon genug", sagt Steger, doch gemessen an den Nachfragen sind darüber hinaus auch keine Kapazitäten vorhanden. Allein in Wien hielt die Einrichtung im Jahr 2014 fast 4500 Beratungen ab—bei 12 Mitarbeitern unterschiedlicher Professionen.

Von Männern wird erwartet, dass sie sich wehren können.

In der Opferbetreuung bildet die Männerberatung im Vergleich zu anderen geschlechterspezifischen Einrichtungen in Wien—wie etwa die anFrauen orientierte Interventionsstelle—weiterhin eine exotische Ausnahme. Das liegt zum einen daran, dass Betroffene von physischer und psychischer Gewalt, von Übergriffen im direkten Umfeld, vorwiegend Frauen sind. Zum anderen ist es jedoch dem Umstand geschuldet, dass die Konnotation von Männlichkeit keine Betroffenenrolle zulässt. Das ist ein großes Problem, "da von den Betroffenen erwartet wird, dass sie sich als Mann doch wehren können, sich zurecht finden oder doch einen Ausweg wissen müssen", so Steger. Gewalt gegen Männer geht mit ihren gesellschaftlich zugeschriebenen Charakteristika, wie Autonomie, Stärke und Überlegenheit nicht konform, weshalb Übergriffe oder Missbräuche für die Eigen- und Außenwahrnehmung unsichtbar sein können.

Besonders sexueller Missbrauch an Männern ist ein kaum diskutiertes, teilweise tabuisiertes Thema. "Es wird ihnen manchmal nicht geglaubt", erzählt Steger, und wenn doch, sehen sie sich mit einem marginalen Angebot konfrontiert und mit einer gesellschaftlichen Struktur, die solche Fälle gar nicht vorsieht. Steger erinnert sich an Fälle, bei denen er Betroffene zur Untersuchung begleitet hat. "Wenn die dann reinkommen, ist es den Ärzten gar nicht bewusst, wer daherkommt oder mit welcher Betroffenheit—es gibt auch keine klare Zuständigkeit." Es fehle medizinisches Fachpersonal, das auf solche Fälle spezialisiert sei und das Wissen, welche Instanz diese Untersuchung überhaupt durchführen solle. Gynäkolog*innen? Urolog*innen? Allgemeinmediziner*innen? "Wir wurden an vier Ärzte weiter geleitet, bis jemand die Untersuchung endlich durchgeführt hat". Das heißt: Viermal erzählen, was einem angetan wurde, sich immer wieder entblößen. "Das war furchtbar für sie".

Strukturell werden männlich sozialisierte Menschen als Täter behandelt.

Gewalt und sexueller Missbrauch an Männern gehen nicht nur von anderen Männern aus. Besonders bei häuslicher Gewalt sind die Geschlechter* zu gleichen Teilen tatanteilig, wobei Frauen zu unsichtbaren Gewaltformen tendieren, wie etwa zur Kontrollgewalt. Die Frau erlangt dabei durch Schuldgefühle und Drohungen Kontrolle über den Mann. Das resultiert zumeist in einer sozialen Isolation des Mannes, erklärt Steger, "da von ihnen verlangt wird, sich nicht mehr mit Freund*innen zu treffen". In extremen Fällen sei es die Forderung, den Arbeitsplatz zu meiden oder zu wechseln.

Solche Beziehungen laufen auf physische Gewaltausübungen hinaus. In ernsthaften Gefahrensituationen hilft dann nur das Einschreiten der Polizei oder ein Anruf beim Opfertelefon, das die betroffene Person an sichere Unterkünfte weitervermitteln kann. Wenn die Gewalt am Mann ausgeübt wurde, stellt sich jedoch zum einen das Problem, dass das Opfertelefon die Männer nicht in sozialen Einrichtungen unterbringen kann—es gibt in Österreich kein Pendant zum Frauenhaus.

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Zum anderen geht der routinierte Eingriff der Polizei vom Mann als Täter aus, was sich am kategorischen "Wegweisen" des Mannes bemerkbar macht. Er wird also von der Wohnung oder vom Haus verwiesen. Das "Wegweisen" ist eine deeskalative Maßnahme und eine effiziente dazu. Der schnellste Weg, den Konflikt kurzfristig aufzulösen, ist schließlich eine räumliche Trennung der involvierten Personen. Im weiteren Verfahren kommt sie jedoch einer voreiligen Verurteilung gleich. "Der Stempel der Weggewiesenen", wie es Steger umschreibt, brandmarkt die Person, ob schuldig oder nicht, als Gewalttäter. Auch bei der nachträglichen Protokollierung im Revier wird der Mann als Beschuldigter befragt. "Alles, was er sagt, wird als Schutzbehauptung oder als Vorwand ausgelegt, selbst wenn er massive Verletzungen hat". Deshalb bietet die Wiener Männerberatungsstelle auch bei solchen Behördengängen Unterstützung an.

Dabei versucht die Männerberatung nicht, per se Stellung für den Mann zu beziehen. "Männer", das weiß Hubert Steger aus seiner Berufserfahrung, "wollen als Opfer betrachtet werden". Sie sehen dann ihre Mitschuld nicht oder wollen ihre Tatanteile nicht wahrhaben. In der Beratung und Betreuung ist es dann wichtig, Bagatellisierungen und Verleugnungen bei Männern sichtbar zu machen. Bei häuslicher Gewalt kooperiert die Männerberatung dann mit der Interventionsstelle, bei der die Frau betreut wird. "Es gibt dann Austauschgespräche; das ist sehr konstruktiv". Sowas funktioniert jedoch nur, wenn der Mann als Täter und die Frau als Betroffene deklariert ist. Im umgekehrten Fall fehlen die Angebote. "Es gibt unter anderem kein Anti-Aggressionstraining für Frauen", beklagt sich Steger, "was jedoch notwendig ist, da auch Frauen diese Probleme haben können".

Verallgemeinerungen klammern Probleme aus.

Die Dichotomisierung in Frau gleich Betroffene und Mann gleich Täter begegnet Hubert Steger auch in seinem Arbeitsumfeld. Zum Beispiel bei Diskussionen über gesetzliche Veränderungen, bei denen ein Ausbrechen aus der Binarität und dessen eingeschriebener Wertung nicht gelingt. "Setzt man sich für Männer ein, die vielleicht zu wenig gesehen werden, kann man relativ schnell einen Kampf auf der Gegenseite auslösen. Es ist dann nicht mehr möglich, das Dazwischen zu sehen, Personen als Menschen zu betrachten, die sich gegenseitig Gewalt antun." Dabei widerspricht Steger der Frauenarbeit nicht. Er befürwortet sie und weiß natürlich von dem geschlechterspezifischen Ungleichgewicht bei der Erfahrung von Gewalt und Misshandlungen. "Realität ist jedoch auch, dass Männer Opfer sein können—Opfer durch Männergewalt und durch Frauengewalt."

Den höheren politischen Auftrag sieht Steger in der Männerberatungsstelle daher auch in der Sensibilisierung für alternative Konzepte von Männlichkeit. In der Öffentlichkeit, in der beratenden Situation oder in der Therapie soll nicht die Rehabilitation einer bestimmten Männlichkeit forciert werden, sondern das "Hinterfragen oder Sichtbarmachen von anderen Aspekten von Männlichkeit". Dabei wäre es nur eine mögliche Position, den Mann als Betroffenen zu sehen. Allgemein soll aus einem verengten Bild ausgebrochen werden, das neben bestimmten Arten, Mann zu sein, noch weitere, vielschichtige Möglichkeiten erlaubt.

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Falls Ihr selbst von diesem Thema betroffen seid oder unter verwandten Problemen leidet, könnt ihr euch an folgende Institutionen wenden:

Männerberatungsstelle: http://www.maenner.at

MEN Männergesundheitszentrum für Burschen und Männer: http://www.men-center.at

Selbsthilfegruppe Geschiedene Väter & Mütter: http://www.geschiedene-vaeter.org


Foto: Demeter Attila | pexels | CC0