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Mein Dad, Gene Simmons, ist voller Scheiße und du bist es auch

„Es ist wichtig, seine Helden umzubringen. Und manchmal muss man eben den eigenen Vater umbringen. Ihn töten, damit man ihn und seine Fehler lieben kann, viel mehr noch als man je ein falsches Vorbild lieben könnte."
01 Juli 2015, 9:55am

Der Comedian Patt Oswalt erzählt in seinem Bühnenprogramm oft davon, wie ihm zum ersten Mal klar wurde, dass seine Eltern Scheiße erzählten. „Wenn man aufwächst, dann nimmt man bis zu einem bestimmten Zeitpunkt alles, was Erwachsene von sich geben, für bare Münze", meint er. „Aber irgendwann kommt der Moment, in dem man sich denkt: ‚Hey, eigentlich ist das Bullshit.'" Ich denke mal, für die meisten von uns kommt dieser Augenblick ziemlich früh.

Bei mir kam er erst im späten Teenager-Alter. Und die Erkenntnis bereitete mir auch weitaus mehr Probleme.

Ich habe keine Lust, das ständig zu wiederholen, also sage ich es einmal vorne weg: Ich werde mich ehrlich und direkt über meinen Eindruck von meinem Vater, Gene Simmons, äußern. Dabei lässt es sich nicht umgehen, darüber zu reden, was er beruflich macht. Ich werde es nicht krampfhaft vermeiden, aber ich werde auch nicht unnötig darüber erzählen. Ich werde über ihn als Menschen reden—unabhängig von seinem Ruf, seiner Rolle und der Figur, die er in der Öffentlichkeit spielt. Ich finde, Rebellion um der Rebellion willen ist genauso eine Form von Sklaverei wie Angepasstheit. Ob ein Magnet zieht oder schiebt, sein Einfluss ist gleich stark, denn in jedem Fall wird man von einer äußeren Kraft bewegt. Deshalb werde ich jegliche Erwartungen, die andere vielleicht haben, ignorieren und einfach nur über meinen Vater schreiben.

Dad hatte diese große, beeindruckende Baritonstimme. Wenn er wollte, dass ich etwas tat, dann machte er „einen Deal" mit mir und schüttelte mir fest die Hand, als sei ich ein ebenbürtiger Geschäftspartner.

Mit meinen 2,07 Metern kann ich heute auf meinen Vater mit seinen läppischen 1,89 Metern herabsehen. Doch bevor ich in die Pubertät kam, war mein Vater monumental. Ich erinnere mich daran, wie ich seine körperliche Präsenz in meinen Knochen spüren konnte, und es furchteinflößend und beruhigend zugleich war. Wenn ich diese Stimme hörte, die den Korridor entlangrollte wie ein Felsbrocken, und diese großen Stiefel auf den Parkettböden aufklatschten, bekam ich davon dasselbe Gefühl wie beim ersten Anblick des T-Rex im ersten _Jurassic-Park_-Film.

Dad hatte diese große, beeindruckende Baritonstimme. Wenn er wollte, dass ich etwas tat, dann machte er „einen Deal" mit mir und schüttelte mir fest die Hand, als sei ich ein ebenbürtiger Geschäftspartner (das fragliche Geschäft war zum Beispiel: „Schlag deine Schwester nicht und du kriegst später Regenbogenmarzipan-Kekse"). Er sprach nie mit „Babystimme". Er packte uns bei jeder Gelegenheit in väterliche Plattitüden ein—Klischees wie: „Jeder Tag über der Erde ist ein guter Tag" und „Du kriegst nur so viel Respekt, wie du einforderst." Natürlich kann man aus diesen Sätzen etwas lernen, selbst wenn sie Klischees sind, die schon bis zum Abwinken wiederholt wurden. Die Schallplatte mag einen Sprung haben, aber es ist eine gute Scheibe.

Ich erinnere mich auch, wie all die anderen Erwachsenen sich immer seinem Willen beugten. Er war berühmt, er war erfolgreich und alle hörten immer zu, wenn er sprach. Die Leute knieten sich oft vor mich hin, um mir in die Augen zu sehen und mir in ernstem Ton zu sagen: „Du weißt, dass dein Dad eine Legende ist, oder?"

Allgemein dachte ich, alles, was mein Vater von sich gab, sei in Stein gemeißelt und das Ergebnis endloser Erfahrung und Praxis. Doch als ich wuchs und er anfing zu schrumpfen, fielen mir zum ersten Mal die Risse auf. Ich fing an, seine Poren und seine grauen Haare zu sehen—all die kleinen Fehler, die ihn menschlich machten. Mir ging auf, dass er nur ein Mann war, und wie alle Männer hatte er (in den Worten von Dr. Steven Novella): „eine verzerrte und konstruierte Wahrnehmung, und diese steht im Dienste der jeweiligen Sichtweise, die [sein] Gehirn steuert."

Diese Erkenntnis kam mir in der Highschool, als ich anfing, etwas über Drogen zu erfahren. Mein Vater ist stolz darauf (sprich: prahlt damit vor jedem, der fragt), dass er noch nie im Leben geraucht, getrunken oder gekifft habe—abgesehen von einem Vorfall, bei dem „besondere" Brownies mit, ähm, Brownies verwechselt wurden.

Er ist bis heute noch ein überzeugter Drogengegner. Vielleicht liegt das an seinen stressigen Begegnungen mit Drogensüchtigen der Rock-n-Roll-Szene der 70er und 80er, doch er hat auf menschlicher Ebene etwas gegen Drogenabhängige. In seiner Erfahrung machten sie ihm das Leben und die Arbeit unnötig schwer.

Er hat oft über dieses Thema gesprochen, und dabei auch oft verkehrte Dinge gesagt. Ich weiß noch, wie ich als Teenager in der Küche Nachrichten sah, voll tragischer Geschichten über Drogensucht und Gewalt, oder Berichte über das Leben von Musikern, und so weiter. Er wurde dann immer recht emotional und rief Sachen wie: „Diese Idioten. Sie sollten sie [mittelalterliche Foltermethoden x, y und z]." Meine Mutter, schon immer die Stimme der Vernunft, zieht ihm für diese Ausbrüche eins mit einer Zeitschrift über oder wirft Tic Tacs auf ihn.

Und es ist natürlich bewusste Übertreibung, doch er glaubt tatsächlich an strenge Drogengesetze und er hat kein Mitgefühl mit Drogenabhängigen. Da ich mich lange mit ihm darüber unterhalten habe, weiß ich, dass das diese oft missverstandene Vorwurfshaltung keine Reaktion auf die echten, tragischen medizinischen Opfer der Drogensucht ist. Er macht eher den Menschen Vorwürfe, die diese Leute mal waren, als sie sich zum ersten Mal dazu entschieden haben: die Entscheidung, den ersten Zug zu nehmen, die Nadel zum ersten Mal durchzudrücken, die erste Line zu ziehen. Er kann keine Empathie aufbringen, wenn jemand leichtfertig ein Leben im Land der unbegrenzten Möglichkeiten aufs Spiel setzt—und als solches sieht er es nun mal aus seiner Immigrantenperspektive. Er glaubt, die Verantwortung liege bei den Drogenabhängigen, weil sie es überhaupt ausprobiert haben, mit all dem Wissen, das wir im Informationszeitalter haben. Wer dieses Risiko eingeht, verscherzt es sich mit ihm automatisch. Der Mann, der einen Bären mit einem Stock triezt und dann von dem Tier getötet wird, hat sein Schicksal verdient. Das ist auch mehr oder weniger seine Sicht auf Drogen—wenn ich hier für ihn sprechen kann. Und ich gebe zu, irgendwo ergibt sie auch Sinn.

Doch wie bei vielen seiner Ansichten über das Leben verfolgt mein Vater diesen Grundsatz bis zu einem absolutistischen Extrem und scheut dabei nicht vor bewusster Übertreibung zurück. Das hat ihm schon öfter Schwierigkeiten eingehandelt—und meine Familie und ich haben beklagt, wenn er sich dadurch zum gefundenen Fressen für die Klatschpresse machte.

Es wär während einer dieser Situationen, dass mir klar wurde, dass ich anderer Meinung war als mein Vater. Ein kurzer Ausschnitt von ihm machte die Runde im Fernsehen und im Internet, und die Leute kritisierten ihn wegen seiner groben, oft nicht wörtlich gemeinten Aussagen. Mir wurde klar, dass ich, trotz meines Drangs, ihn als Sohn zu verteidigen, mit den Kritikern übereinstimmte. Das mag oberflächlich gesehen keine große Erkenntnis gewesen sein, doch sie brachte eine extreme kognitive Dissonanz mit sich. Uneinigkeit mit meinem Dad hatte ich zuvor nicht als Option gesehen.

Mein Dad hat mir versehentlich beigebracht, dass unsere Helden sich irren können.

Ich kannte Leute, die Gras rauchten. Die meisten, die ich kannte, tranken Alkohol. Doch ich konnte mich nicht dazu überwinden, seine Meinung zu teilen und jegliche negative Auswirkungen auf die Gesundheit, die aus diesen Entscheidungen resultierten, als verdient anzusehen. Immerhin besteht das Leben aus Risiken. Mir wurde klar, dass ich nicht der Meinung war, dass Marihuana und Alkohol auf dieselbe Art behandelt werden sollten wie Heroin und Zigaretten. Sie alle als schädlich über einen Kamm zu scheren, ist ein Fall von „Kind mit dem Bade ausschütten". Ich war der Meinung, und das bin ich heute noch, dass die meisten Drogen entkriminalisiert gehören und dass sie (größtenteils) wie ein medizinisches Thema und kein strafrechtliches behandelt werden sollten. Ich finde, wenn es auch nichts anderes gibt, das uns gehört, so gehören wenigstens unsere eigenen Körper uns, und wir sollten damit tun dürfen, was wir wollen, so lange wir anderen dabei nicht schaden. Ich wusste, dass mein Vater mir niemals zustimmen würde, und ich wusste auch wieso: Weil es nicht mit der Sichtweise übereinstimmte, die ihn steuerte. Der Sichtweise, die auch meine gewesen war—bis ich meine Meinung änderte und eine neue Perspektive fand.

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Ob du in puncto Drogenkonsum mit mir übereinstimmst oder nicht, ist irrelevant. Der noch wichtigere Punkt ist, dass er mir in Form der Uneinigkeit eine wertvollere Lektion erteilte, als er es je getan hatte, wenn wir einer Meinung waren: Keine Meinung ist unantastbar. Er hat mir versehentlich beigebracht, dass unsere Helden sich irren können. Wenn ich seine Meinung über Drogenabhängige in einem jüngeren Alter gehört hätte, dann hätte ich einfach aus emotionalen Gründen zugestimmt, und weil ich ihn für weise hielt und weil er mein Dad war. Es ist nichts weiter als das Autoritätsargument, und ich habe damit gelebt, zumindest bis zu jenem Augenblick. Selbst wenn sich herausstellen sollte, dass ich mich in dieser Sache täusche, dieses Gefühl—dass eine Autorität sich auch irren kann—war ein wichtiger Teil meiner Entwicklung. Wenn diese gottgleiche Autoritätsfigur sich in einer Sache irren konnte, dann konnte niemand anderes, egal wie qualifiziert oder mächtig die Person vielleicht erschien, ein solches Podest verdient haben. Es waren Beweise, die zählten, und nicht die Autorität.

Nachdem ich erst diesen kleinen Sprung in seiner Rüstung gesehen hatte, fiel der Rest davon in meinen Augen schnell von ihm ab. Er war für mich nicht länger Superman.

Ich erinnere mich an das Jahr, als ich ihm über den Kopf wuchs. Er sah zu mir hoch, dann runter zu meinen Schuhen, dann wieder hoch zu mir, und sagte: „Das ist doch lächerlich. Ich mag das nicht." Ich wurde nur noch größer und unsere Interaktionen wurden damit immer komischer. Wenn ich ihm in einem Restaurant gegenübersitze, dann stoßen wir immer mit den Füßen aneinander. Und dann klatscht er mit der Stirn auf die Tischplatte und sagt sowas wie: „Unglaublich. Es gibt kein Entrinnen." Der T-Rex, der Koloss, ist schon lange weg. Er ist nur ein Mann—und dadurch nur noch interessanter.

Ich hörte den Lektionen meines Vaters früher als eifriger Schüler zu, staunend und aufnahmebereit. Wir diskutierten nie über etwas. Heute tun wir das und manchmal werden die Diskussionen hitzig, vor allem wenn es um politische oder gesellschaftliche Themen geht. Aber jedes Mal merke ich wieder, dass er mich hinterher mehr respektiert, selbst wenn wir uns nie einig werden, als er es tat, als ich noch einfach passiv zustimmte.

Meine Uneinigkeit mit meinem Vater hat es mir auch erleichtert, die gelegentliche Reibung mit der Presse besser zu verdauen. Es passiert mindestens einmal im Jahr und inzwischen tangiert es mich einfach gar nicht mehr. Starke Meinungen sind genau das, und egal, wie die Aussage lautet, es wird immer jemanden geben, der den Mittelfinger schon durchlädt und entsichert, bevor man überhaupt zu Ende gesprochen hat, sei es ein ganzer Mob oder eine Einzelperson.

Es ist wichtig, seine Helden umzubringen. Und manchmal muss man eben den eigenen Vater umbringen. Ihn töten, damit man ihn und seine Fehler lieben kann, viel mehr noch als man je ein falsches Vorbild lieben könnte.

Diese Lektion lässt sich gleichermaßen auf das berufliche Erbe meines Vaters anwenden wie auf seine Vaterschaft. Er wird fast durchgehend angebetet und von Jasagern umringt. Doch man könnte sagen, dass er seine größten Leistungen in Zeiten der Spannung vollbracht hat, bevor er Jasager hatte. Als er die Band KISS gründete, war er ein schlaksiger, unbeholfener Junge aus New York. Niemand sagte „ja" zu ihm. Er kam bei Frauen nicht gut an. Die Leute hielten ihn für dumm, weil er nicht gut Englisch konnte. Mein Vater und Paul mussten um jeden Vertrag und jedes Konzert kämpfen, sie mussten gegen schlechte Rezensionen und Schulden und normale Jobs und überhaupt einfach alles kämpfen, um das zu erreichen, was sie erreicht haben. Sie mussten allen widersprechen. Sie mussten überzeugt sein, dass alle anderen, alle Autoritäten, Unrecht hatten.

Es ist also wichtig, zu widersprechen. Es ist wichtig, seine Helden zu töten. Und manchmal muss man den eigenen Vater töten. Ihn töten, damit man ihn und seine Fehler lieben kann, viel mehr noch als man eine hohles Vorbild jemals lieben könnte. Das Wichtigste, das mein Vater mir beigebracht hat, ist, dass er—wie alle anderen—manchmal einfach Scheiße erzählt.

Alles Gute nachträglich zum Vatertag, Pops.