Trauernde Frauen an blauen Grabtafeln auf einem Friedhof in Rumänien
Alle Fotos: Silviu Gheție
Menschen

Tod, Streit und lustige Nachrufe auf dem seltsamsten Friedhof Europas

Die besonderen Kreuze auf dem "Fröhlichen Friedhof" in Rumänien ziehen Besucher an – aber es ist nicht alles so locker, wie es scheint.
22.12.20

Ich bin an einem Sonntagvormittag mit meinem Auto nach Săpânța gefahren, ein rumänisches Dorf an der Grenze zur Ukraine. Săpânța ist berühmt für seinen "Fröhlichen Friedhof". Hier stehen witzige Nachrufe auf den Gräbern oder eingraviert in bunte Holzkreuze. Ein Auto vom Grenzschutz parkt diskret in einer Seitenstraße und erinnert mich daran, dass Zigarettenschmuggel hier eine der wenigen Möglichkeiten ist, um Geld zu machen.

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Der "Fröhliche Friedhof" ist nicht nur optisch ein Highlight. Er steht für den besonderen Umgang mit Trauer in Săpânța. Hier im obersten Norden Rumäniens hängen Tod und Freude eng zusammen. Beerdigungen werden mit Gedichten und Tanz gefeiert. Um das besser zu verstehen, bin ich hingefahren und habe die Beerdigung eines 19-Jährigen besucht.

Trauernde Frauen an einem offenen Sarg

In Săpânța werden die Toten drei Tage lang in seinem speziellen Raum aufgebahrt

Die Dorfbewohner sind im Haus des Verstorbenen zusammengekommen und tragen traditionell Schwarz. An den Wänden hängen Teppiche und alte Teller. Rund 100 Trauernde drängeln sich um den offenen Sarg. Eine Fahne wurde für ihn genäht – so will es die Tradition, wenn junge Männer unverheiratet sterben. Danach tanzen die Trauergäste einen traditionellen Volkstanz, ganz leise, ohne Musik.

Musiker und Trauernde bei einer Beerdigung

Ein Musiker spielt Tárogató, ein für rumänische Volksmusik typisches Instrument

Ich habe das Elternhaus des Verstorbenen verlassen, um mir den Friedhof anzusehen. Dorthin wird der Sarg in einigen Stunden gebracht. Touristen stehen vor den bunten Kreuzen, während zwei Männer eimerweise Wasser aus einer frisch ausgehobenen Grabstelle schöpfen und dabei rauchen. Sie sind die Totengräber auf dem Fröhlichen Friedhof und heißen beide Viorel. Später haben mir Dorfbewohner im Pub erzählt, dass eine Grabstelle hier zwischen 600 und 1000 Euro kostet. Der durchschnittliche Monatsverdienst liegt bei 625 Euro.

Ein Mann mit Geige und zwei weitere Männer schauen in ein ausgehobenes Grab

Eine Grabstätte auf diesem Friedhof ist teuer

Der Meister und seine Schüler

Jeder, der auf dem Fröhlichen Friedhof begraben werden möchte, muss ein traditionelles Holzkreuz von einem lokalen Handwerker anfertigen lassen. Die meisten dieser Kreuze hat der Erfinder der Tradition gebaut: Stan Ioan Pătraș, ein exzentrischer Bildhauer, der seit seiner Geburt 1908 im Dorf gelebt hat.

Pătraș hat jedes dieser Holzkreuze aus einem speziellen Eichenholz gefertigt, es blau gestrichen und mit Mustern und ironischen Sprüchen über das Leben des Verstorbenen verziert. Die Sprüche schreibt er im lokalen Dialekt, sie sind roh, pur und grammatikalisch inkorrekt. Übrigens: Das Blau der Holzkreuze ist mittlerweile in Rumänien so berühmt, dass es einen eigenen Namen bekommen hat: Săpânța Blau.

Als Pătraș 1977 gestorben ist, hat er sein Haus seinem Protege Dumitru Pop-Tincu hinterlassen. Pop hat mir während einer Führung durch die Werkstatt stolz erzählt, dass er die Holzkreuze genau so herstellt wie sein Meister.

Ein älterer Mann mit Schnurrbart und Strohhut bei der Arbeit in seiner Werkstatt, wo er Grabkreuze herstellt

Dumitru Pop-Tincu sagt, er sei der einzige, der diese Tradition fortführt

Über die Jahre haben viele berühmte Rumänen die Schwelle dieses Hauses betreten: der verstorbene Kommunistenführer Nicolae Ceaușescu und seine Ehefrau Elena genauso wie Botschafter und Popstars. Die Leute wollen wissen, was es mit diesen verrückten Kreuzen auf sich hat. Als ich Pop danach frage, zuckt er mit den Schultern und lacht laut: Genau das wurde Stan Pătraș auch immer von Journalisten gefragt. "Weißt du, was er geantwortet hat? Er hat mit den Schultern gezuckt und ihnen gesagt, ihm sei einfach danach gewesen."

Jetzt ist Pop derjenige, der das tut, wonach ihm ist, und Gedichte auf die Grabsteine schreibt. Dafür recherchiert er gründlich das Leben des Verstorbenen. Er benutzt nur traditionelles Werkzeug und auch, wenn eine Kettensäge seine Arbeit schneller und einfacher machen würde, wäre das Ergebnis weniger authentisch. Da ist er sich sicher.

Er hat mir auch von dem Kreuz des jungen Mannes erzählt, der heute begraben wird. "Die Inschrift", erzählt er, "steht für den Humor des Jungen, aber auch dafür, dass er aufgrund von Alkohol gestorben ist".

Der Eingang zu einem mit Schnee und Matsch bedeckten Friedhof, das Tor ist rostig und schief

Der "Fröhliche Friedhof" im Schnee

2008 hat Pop das Săpânța-Kreuz mit seinen speziellen Mustern und der blauen Farbe beim Amt für Erfindungen und Handelsgüter angemeldet. Er hat sogar erwirkt, dass andere Schüler von Pătraș nur mit seiner Erlaubnis solche Holzkreuze herstellen dürfen. Die anderen Handwerker haben ihn daraufhin verklagt – und gewonnen. Sie dürfen für den "Fröhlichen Friedhof" ihre eigenen Holzkreuze herstellen, ohne sich mit Pop absprechen zu müssen.

Jeder Handwerker signiert sein Holzkreuz, denn ohne diese Signaturen würden nur Experten wissen, wer welches Kreuz gebaut und bemalt hat. Von den 1327 Kreuzen hat Pătraș mehr als die Hälfte selbst gefertigt, den Rest haben seine Schüler gemacht.


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Pop zieht eine neue Generation von Handwerkern heran. Aber er will nur einen einzigen Nachfolger, damit es keinen Streit gibt. Denn es geht nicht nur um Kunst, sondern auch um Geld. Ein Kreuz kostet zwischen 300 und 900 Euro, was für so ein kleines Dorf verdammt viel Geld ist. Laut Pop will der örtliche Pfarrer Vater Grigore Luțai den Friedhof zu Geld machen. Er verkauft Tickets am Eingang und sammelt das Geld für seine Gemeinde. Das dürfte eine ordentliche Summe sein, bei den 10.000 Touristen, die allein letzten Sommer das Dorf besucht haben.

"Weswegen sollten die Leute denn herkommen, wenn nicht wegen der Holzkreuze auf dem Friedhof?", fragt Pop. "Sonst gibt es hier nichts. Es wäre einfach nur ein Friedhof. Deswegen streite ich mich mit dem Pfarrer um die Rechte an dem Friedhof."

Eine Trauerprozession, die von zwei Reitern angeführt wird

Die Prozession zieht in den Friedhof ein

Ich nehme eine Abkürzung von Pops Haus, durch ein kaputtes rostiges Tor direkt zum Friedhof. Die Beerdigung hat schon begonnen, die verschwitzten Totengräber starren in die Grube und alte Damen haben sich die besten Plätze an den umliegenden Gräbern gesichert, um alles möglichst nah mitzubekommen. Vater Luțai führt die Prozession an und gibt letzte Anweisungen, bevor der Sarg hinunter in die Erde gelassen wird und einige Trauernde leise dabei weinen.

Danach kommen alle zusammen und ich setze mich zum Pfarrer, um ihm einige Fragen zu stellen. Er erzählt fröhlich von unseren Vorfahren, den Daker, und wie sie dem Tod mit einem Lächeln im Gesicht entgegen getreten sind. Natürlich lässt er dabei seinen persönlichen Erfolg nicht aus: Er hat das Săpânța-Peri Kloster in der Nähe gegründet, die größte Holzkirche Europas. Er hat in seiner Geschichte allerdings ein kleines Detail ausgelassen: Alleine hat er es nicht geschafft. Er hat einen Mitgründer: Dan Adamescu, ein erfolgreicher Medienmogul, der 2016 wegen Bestechung verurteilt wurde.

Eine Gruppe trauernder Frauen, die sich gegenseitig umarmen, eine filmt weinend mit ihrem Handy die Beerdigung

Eine Trauernde filmt die Beerdigung mit ihrem Smartphone

Der Pfarrer vermeidet das Gespräch über die vielen Streitereien rund um den Friedhof, aber er versichert mir, er wolle die Handwerker versöhnen und dass sein einziges Ziel das Gemeinwohl sei. Das Eintrittsgeld, dass er für seine Gemeinde sammle, habe er für Reparaturen und Instandhaltungsarbeiten ausgegeben – es muss wohl noch baufälligere Orte hier geben als das alte rostige Tor.

Ein Priester steht inmitten der Trauergemeinschaft

Vater Luțai während der Beerdingungspredigt

Für die vielen Touristen, die jedes Jahr herkommen und Selfies mit den verrückten Kreuzen machen, über die Nachrufe schmunzeln und kleine Andenken im Souvenirshop kaufen, ist der "Fröhliche Friedhof" ein Highlight. Für die Handwerker ist er ein Rechtsstreit. Aber für die Dorfbewohner ist er etwas ganz anderes: Es ist einfach ein Dorffriedhof, wo ihre Liebsten begraben liegen.

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