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Tiere

Warum wir süchtig nach süßen Tierbabys sind

Von den Minions bis hin zu winzigen Babyäffchen—die Menschheitsgeschichte ist geprägt von unserer besonderen Liebe für niedliche Dinge.
17.3.16
Photo by J Danielle Wehunt via Stocksy

Der österreichische Biologe und Ethnologe Konrad Lorenz hat sich um 1940 eine Auszeit vom Nationalsozialismus genommen, um eine Formel für Niedlichkeit zu entwickeln. Das Kindchenschema beschreibt eine Reihe von physischen Merkmalen, die uns ein „Awww" entlocken. Laut Lorenz (der später einen Nobelpreis für seine zoologische Forschungsarbeit bekam und angeblich auch seinem Nazismus abschwor) finden wir vor allem große Köpfe, runde Gesichter, eine hohe Stirn, pummelige Backen, einen runden Mund, kleine Nasen und große Augen extrem niedlich.

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Forscher sind sich einig, dass die Niedlichkeit von Babygesichtern „das Pflegeverhalten anderen Individuen animiert, mit der evolutionären Funktion, das Überleben des Nachwuchses zu sichern." In den Jahren 1979, 1981, 1994, 2002 und 2012 haben verschiedene Wissenschaftler Untersuchungen zur „Wahrnehmung von Niedlichkeit" bei erwachsenen Menschen durchgeführt, indem sie verschiedenen Gruppen Bilder von den Gesichtern von Kleinkindern gezeigt und ihre Reaktionen gemessen haben.

Das Ergebnis hat gezeigt, dass wir evolutionär darauf gepolt sind—insbesondere erwachsene Frauen—Babys süß zu finden, damit wir uns um sie kümmern. So viel also zu kleinen Menschenkindern.

OK, aber was ist mit Häschen und Kätzchen und Welpen?

Das ist ungefähr derselbe Mechanismus. Wir kreischen, wollen sie knuddeln, uns um sie kümmern und teilen YouTube-Videos von Babys anderer Spezies, weil wir dabei dieselbe übertriebene Empathie verspüren wie für Menschenbabys. Je menschlicher sie aussehen, desto süßer finden wir sie.

Wenn man sich diese Videos mal genauer anschaut, bemerkt man, dass Tiere, die sich wie Babys oder Kleinkinder verhalten, die stärksten Reaktionen hervorrufen. Wie diese Pandas auf einem Schaukelpferd, zum Beispiel, oder dieses gähnende Faultier, oder dieses kleine Äffchen, das gerade von einem Nickerchen aufwacht und Windeln trägt (Zum Dahinschmelzen, ich weiß. Mir geht es genauso. Das ist Evolution.)

Foto: Milles Studio | Stocksy

Der Neurologe Dr. Edgar Coons hat gegenüber der New York Times erklärt, dass in unserem Gehirn, während man sich Videos wie diese ansieht, eine „erstaunliche Verkettung ‚hedonischer Mechanismen'" in Gang gesetzt werden kann. „Vieles deutet darauf hin, dass es sich dabei um sogenannte angeborene Schlüsselreize für unsere elterlichen Instinkte handelt", sagt er.

Diese Instinkte entwickeln sich bereits sehr früh. Eine 2014 veröffentlichte Studie hat gezeigt, dass schon Kinder ab drei Jahren anfangen, eine Vorliebe für Lebewesen zu entwickeln, die süßer und kleiner als sie sind.

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Aber es gibt noch etwas anderes, was wir vom Kindchenschema lernen können: Wenn man Erwachsenen etwas verkaufen will, erwachsenen Frauen und Kindern—mach es süß!

Von den Kewpie Dolls zu den Minions

Die Kewpie Doll ist eine der berühmtesten und ältesten niedlichen Modeerscheinungen. Die Illustratorin Rosie O'Neill hat die original Kewpie Doll mit ihren großen, beschwörenden Augen und den rosigen Bäckchen 1909 für die Weihnachtsausgabe des Ladies Home Journal gezeichnet und sie war so beliebt, dass es bis 1912 eine Papierversion und bis 1913 eine dreidimensionale Ausführung der Puppe gab, die serienmäßig in einer deutschen Spielzeugfabrik hergestellt wurde. Miriam Formanek-Brunell bezeichnete das später als „die Kommerzialisierung der Mädchenjahre".

Die Kewpie Doll wurde sogar zum Maskottchen der Suffragetten. Sie nannten die Puppe die kleine, kleine Suffragette—vermutlich um zu betonen, dass sie für die Rechte ihrer Töchter kämpften.

Seit damals hat sich die Industrie rund um die Niedlichkeit zu einem lukrativen Geschäft entwickelt. Disney, Pixar und Illumination Entertainment sind ganz besonders gut darin, die ganze Familie in Filme zu locken und dazu zu bringen, Merchandise-Artikel mit den Niedlichkeits-optimierten Gestalten darauf zu kaufen.

Im richtigen Licht können alle Figuren, Kreaturen oder sogar Objekte niedlich aussehen: Bambi und Klopfer, das berühmte Nagerpärchen Mickey und Minnie Mouse, Cinderella und ihre kleinen fetten Mäusefreunde, der haarige Riese und der laufende Augapfel aus Monster AG, ein klappriger Roboter namens Wall-E, Woody und die Toy-Story-Helden, alle 101 Dalmatiner, das dicke britische Kulturgut Winnie Puh, ein schmelzender Schneemann namens Olaf und was auch immer das pummelige weiße aufblasbare Roboter-Ding aus Baymax darstellen soll. Sie sind alle Produkte der Lorenz'schen Kindchenschema-Offenbarung.

Pixar hat sogar eine mathematische Formel für Niedlichkeit entwickelt. Wie der wissenschaftliche Mitarbeiter Tony DeRose in diesem Video erklärt, werden die Figuren mithilfe von geometrischer Modellierung so angenehm und rund und optisch so weich wie möglich gemacht.

Das wahrscheinlich rundeste, angenehmste und seltsamste Beispiel für niedliches Design sind die Minions. So wie ich das sehe, sind Minions glücklose personifizierte gelbe Tic-Tacs. Aber ihr Verhalten, ihre Größe, Form und Verwundbarkeit haben etwas kindliches, was sie „süß" macht. Warum sonst würden sie ihren eignen Film bekommen? Warum hätte Universal Pictures sonst im letzten Jahr 593 Millionen Dollar (umgerechnet rund 534 Millionen Euro) in das Marketing mit Kleidung, Accessoires, Obst, Fahrzeuge, lebensgroße Puppen, Spielzeug, Bettwäsche und Taschen gesteckt? Wieso sonst hätte der Film 1,1 Milliarden Dollar (992 Millionen Euro) eingenommen (was ihm den elften Platz unter den bestverdienensten Filmen aller Zeiten beschert hat)?

Minions spielen mit einem modernen Leiden, das die politische Theoretikerin Hannah Arendt als „eine Erotisierung der Machtlosigkeit, wodurch die Zärtlichkeit gegenüber ‚kleinen Dingen' hervorgerufen wird, aber manchmal auch der Wunsch, diese herabzusetzen oder herabzuwürdigen" beschreibt. Gemessen an dem gelben Kassenschlager—und daran, wie oft wir auf Videos von Seelöwen-Babys, die auf einer Sitzbank eines Restaurants schlafen, klicken—sind wir bereit, viel Geld für dieses Gefühl zu zahlen.