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Fotos

Der Vietnam-Krieg von Tim Page

Ein Interview mit dem Fotojournalisten, der neben all seinen Einsätzen in Kriegsgebieten auch schon mit Jim Morrison im Knast saß.
07 August 2014, 9:30am

Tim Page (rechts) mit Sean Flynn, dem Autor von Dispatches. Foto: Mike Herr.

Tim Page ist ein Fotojournalist der alten Schule. 1965 ist er im Alter von 20 Jahren nach Saigon in Südvietnam gereist. Im Laufe der darauffolgenden Jahre hat Tim eigentlich mehr als genug Agent Orange und Vietcongs gesehen, aber das hielt ihn nicht davon ab, sich weiter an gefährliche Orte zu begeben und unglaubliche Fotos zu schießen.

Nach Vietnam arbeitete Tim freiberuflich für das _Rolling Stone_-Magazin, während er die Welt bereiste und dabei Halt in Laos, Kambodscha, Bosnien und anderswo machte. Im Jahr 2009 war er in Afghanistan ein fotografischer UN-Friedensbotschafter. Er gründete wohltätige Organisationen wie die Indochina Media Memorial Foundation, die mit Workshops und Lehrgängen das Vermächtnis von Journalisten in Ehren halten, die bei ihrer Arbeit in Indochina ums Leben kamen. Auch war Tim Mentor von vielen jungen Fotografen in ganz Südostasien. Ach ja, er hat dazu noch neun Bücher geschrieben, darunter auch das weltweit gefeierte Requiem, eine Sammlung von Bildern, die von im Vietnamkrieg umgekommenen Fotografen gemacht wurden.

Letztens bot sich mir die Chance, mit Tim einen Joint zu teilen und ein Gespräch über seine Zeit im Vietnamkrieg, seine Zeit nach dem Vietnamkrieg und den bevorstehenden Untergang des Fotojournalismus zu führen.

Hubschrauber evakuieren die Opfer eines Angriffs auf Transporter, die auf dem Weg zum Camp der Duc Co Special Forces waren. Alle Fotos: Tim Page.

VICE: Hast du schon immer gewusst, dass du Fotograf werden willst?
Tim Page: Nein, ich hatte keine Ahnung. Als ich endlich aus Europa wegging, war mein Plan, bis Weihnachten 1962 in Australien zu sein. Ich kam bis nach Lahore in Westpakistan. Ich habe als Haushaltshilfe und als Souschef gearbeitet und auch Bargeld aus Khyber Pakhtunkhwa in Pakistan geschmuggelt. Als ich Europa verließ, hatte ich genau 15 Pfund (knapp 20 Euro), um nach Australien zu kommen. Ich verkaufte mein Auto an ein paar schräge Sikhs, was es mir ermöglichte, über Burma nach Thailand zu fliegen. An meinem zweiten Tag in Laos traf ich auf ein paar Amerikaner, die mir erzählten, dass USAID dort auf der Suche nach Leuten aus anderen Ländern für Gruppenleiter-Jobs wären.

War das vor Kriegsbeginn?
Es fing alles so langsam an. Amerika hat bereits so ein bis zwei Flugzeuge pro Woche verloren. Ich hatte schon damit begonnen, Filme und Abzüge mit United Press International auszutauschen und Bilder entwickeln zu lassen und zu dieser Zeit geriet der Krieg immer mehr in Fahrt.

Einmal ist der Radio durchgebrannt. Um meine Story zu veröffentlichen, musste ich mit meinem Motorrad bis zur Flussüberquerung fahren—ich hatte die Bilder und mein Kumpel die Abzüge. Wir mieteten ein kleines Boot, schwangen uns auf der anderen Seite in Thailand wieder aufs Motorrad und fuhren bis zum Udorn-Luftwaffenstützpunkt. Zwei Tage später kam der Chef des Büros in Saigon für seinen jährlichen Besuch vorbei und sagte: „Hey du, suchst du einen Job?“ 24 Stunden später lag ein blaues Telegramm in meinem Postfach, in dem mir pro Woche 90 Dollar geboten wurden, wenn ich direkt nach Saigon gehe. Ich bin mit Sack und Pack los, mein Motorrad habe ich in der Air Laos DC-4-Maschine an der Cockpit-Tür vor der ersten Sitzreihe festgemacht. Ich habe es nach der Landung die Treppen runter geschoben und war in Vietnam!

Koreanische Truppen treffen auf verängstigte Dorfbewohner, die Schutz vor einem Hubschrauberangriff suchen. Bong Son, Vietnam, Juni 1966.

Wie war es, das erste Mal unter Beschuss zu stehen?
Total verrückt. Ich hatte keine Ahnung, was los war und wie diese militärischen Dinge ablaufen. Ich hatte absolut keine Kampferfahrung. Ich war erst seit zehn Tagen im Land, meine Uniform war noch sauber und meine Stiefel noch poliert. Alle schrien militärische Ausdrücke durch die Gegend.

Mit meinem jetzigen Wissenstand ist mir bewusst geworden, dass die Vietcong genau wussten, wer wir waren, was wir machten und wohin wir gehen würden. Sie waren nicht darauf aus, Vertreter der Medien zu töten, denn diese arbeiteten so gesehen auch für die Vietcong, indem sie die amerikanische Bevölkerung demoralisierten. Es gab tatsächlich sogar diesen Typen, der für die New York Times und die Time tätig war. Er war der Chef der vietnamesischen Außenstelle und schickte irgendwie immer Korrespondenten raus, die dann gefangen genommen wurden. Nach dem Kriegsende stellte sich heraus, dass er ein Oberst der Vietcong war, ihr ranghöchster Spion.

Prince Norodom Ranariddh wird mit einem Hubschrauber von einer politischen Kundgebung abgeholt. Die Wahlen, die 1993 in Cambodia stattfanden, wurden von der UN finanziert.

Ging die Strategie auf? Haben die Medien eigentlich eher im Sinne der Vietcong gehandelt?
Ich kann ohne Zweifel sagen, dass die Berichterstattung die öffentliche Meinung beeinflusst hat. Jedes Bild vom Krieg ist ein Bild gegen den Krieg. Ich denke, dass das der erste und letzte Krieg war, über den total offen berichtet wurde. Das war der erste Krieg, den man im Fernsehen und in Farbe sehen konnte. Zum ersten Mal gab es Live-Radio und die Bilder wurden quasi im selben Augenblick übertragen, in dem sie geschossen wurden—OK, nicht ganz, aber innerhalb von 24 Stunden. Nie zuvor hat es so eine sofortige Erfassung eines Krieges gegeben. Ich will nicht behaupten, dass die Fotos den Vietnamkrieg gestoppt haben, aber ich denke schon, dass sie die öffentliche Meinungsbildung sehr beeinflussten.

1967 hast du Vietnam verlassen und bist 1968 wieder dorthin zurückgekehrt. Woran hast du in der Zeit dazwischen gearbeitet?
Da habe ich den Sechstagekrieg fotografiert. Ich wurde der arabischen Seite zugewiesen, also habe ich sechs Wochen im Libanon und in Jordanien verbracht, was ziemlich verrückt war. Danach war ich zweieinhalb Monate in Saint Tropez und beteiligte mich an diesem riesigen LSD-Event. Die britische Fusion-Band The Soft Machine war mit einer großen Flasche Sandoz-LSD unterwegs und verteilte dieses kostenlos … absolut abgefahren. Das war meine Art, nach sechs Wochen Krieg die Sau raus zu lassen. Danach bin ich zurück nach New York, wo ich anfing, über Rock ’n’ Roll zu berichten. Schließlich wurde ich zusammen mit The Doors in New Haven, Connecticut, verhaftet.

Ein wütender Jim Morrison wird 1968 während eines Konzerts in New Haven, Connecticut, der Bühne verwiesen. Er hatte „The End“ gesungen.

Da saßt du zusammen mit Jim Morrison in einer Gefängniszelle. Wie war das so?
Das war einer dieser Momente … einfach komplett surreal. Ich meine, du teilst dir da mit all diesen Menschen eine Zelle: meine Freundin, die für das _LIFE_-Magazin arbeitete, ein Korrespondent eines anderen Magazins, Morrison und zwei oder drei Betrunkene. Was haben wir da eigentlich gemacht? Wir waren so fertig, denn als wir in den Einsatzwagen gebracht wurden, realisierten wir plötzlich, dass wir noch diese ganzen verdammten Drogen dabei hatten. Wir haben dann alle Joints und die anderen Drogen von ihm geschluckt. Als wir am Gefängnis ankamen, waren wir komplett raus.

Das Opfer einer Sprengfalle wird von Marines der neu angekommenen amerikanischen Einsatzkommandos abtransportiert. Da Nang, Vietnam, September 1965.

In deinem Buch Page After Page erzählst du von einer Nacht im Jahr 1965, in der du mit einer Spezialeinheit in einem Außenposten stationiert warst. Ihr wurdet mitten in der Nacht überrascht und du musstest dich persönlich verteidigen. Wo liegt die Grenze zwischen Kämpfer und Beobachter?
In einer solchen Situation hat der Feind im Eifer des Gefechts nicht die Zeit, um zwischen dem T-Shirt-tragenden Fotografen und dem Uniform-tragenden Typen der Spezialeinheit daneben zu unterscheiden. Im Eifer des Gefechts macht nichts Sinn und du kannst nur daran denken, wie du nur noch weg willst. Leider kannst du nicht einfach einen Knopf drücken und so der Situation entkommen. Nun, eigentlich gibt es einen solchen Knopf schon, aber auf dem steht „Tod“.

Bei meiner Ankunft wurden mir eine Waffe und ein wenig Munition gegeben. Sie dachten wohl, dass ich als Fotograf nicht schlecht ziele. Ich traf den Typen dreimal genau in die Brust, genau dort, wo du ihn treffen sollst. Er trug keine schusssichere Weste oder dergleichen.

Wenn ich daran denke, spüre ich nichts …  das sollte ich aber eigentlich. Das war einfach nur eine schreckliche Nacht. Ich hatte keine Wahl, es gab keine Alternative. Du kannst die Zeit nicht zurück drehen und die Geschichte verändern. Ich habe genügend Kerzen für ihn angezündet und darüber meditiert. Ich musste seitdem auch nie wieder eine Waffe benutzen.

Eine Nonne geht an der Leiche eines Nordvietnamesischen Soldaten vorbei. Mehrere Flüchtlinge hatten 1969 versucht, aus einem nahe gelegenen Kriegsgefangenenlager in Dong Lach auszubrechen, was in einem Massaker endete.

Du wurdest in Vietnam mehrmals verwundet. Welche Verletzungen hast du dir zugezogen?
Ich wurde viermal angeschossen, dazu kam ein Motorradunfall, ein Zugunglück und ein Autounfall, bei dem das Fahrzeug am 2. Weihnachtsfeiertag durch Stacheldraht fuhr und dadurch mein Kopf aufgeschnitten wurde. Meine letzte Verletzung wurde durch eine Landmine auf der Grenze zwischen Vietnam und Kambodscha verursacht. Ich wurde in die Luft gesprengt, als ich aus einem Helikopter gestiegen bin. Ich erinnere mich nicht mehr an sehr viel. Ich weiß noch, dass es eine Nahtoderfahrung war. Ich bin in einem Krankenhaus aufgewacht und wurde gerade für die Operation vorbereitet. Ich hatte diese unglaublichen Schmerzen in meinem Penis, weil sie da einen Katheter eingeführt hatten. Ich glaube, das war schmerzvoller als das, was mit meinem Kopf passiert ist.

Dieser Junge betrauert den Tod seiner Schwester nach einem Hubschrauberangriff während der vietnamesischen Neujahrsfeier im Mai 1968.

Viele Vertreter der Medien hatten nicht so viel Glück. Dein Plan ist es, Ende des Jahres wieder mit dem Dreh deiner Dokumentation Lost Brothers anzufangen. Diese zeigt deine Suche nach vermissten Kollegen. Wie geht es da voran?
Die Suche hat niemals wirklich aufgehört. Von 1989 bis 1990 habe ich meinen ersten Film Danger on the Edge of Town produziert. Das hat aber nur noch mehr Fragen aufgeworfen, als es eigentlich beantworten sollte. Insgesamt sind in Kambodscha 37 Vertreter der Medien verschwunden—20 davon, darunter auch meine Freunde Sean Flynn und Dana Stone, von April bis Mai 1970. Einige ihrer Schicksale wurden aufgeklärt, bei keinem gab es ein Happy End. Die Suche dient der Aufklärung der Schicksale und nicht dem Finden ihrer Überreste—nach gut 40 Jahren wird das wahrscheinlich nicht passieren. Ich will und muss ihre Schicksale aufklären, um selber damit abschließen zu können. Damit würde der Kreis geschlossen werden, der der Grund für mein Buch Requiem war.

Ein verwundeter amerikanischer Soldat wird zu einem Flugplatz gebracht. Saigon, März 1966.

Du hast offensichtlich schon viel Unglaubliches erlebt und dabei einen großen Schatz an Erfahrungen gesammelt. Welchen Rat würdest daher den aufstrebenden Kriegsfotografen von heute geben?
Lasst es sein. Heute früh habe ich mich hingesetzt und Fotos eines Kollegen von seinem kürzlich erfolgten Trip nach Kairo angeschaut. In den 60ern hätte er fünf oder sechs dieser Bilder in einer Fotoreihe und dazu vielleicht noch ein Cover-Foto für einen Preis von 3000 oder 4000 Mücken verkaufen können und hätte obendrauf noch einen neuen Auftrag erhalten. Er hat von einer der Agenturen 250 Euro bekommen und die European Pressphoto Agency hat 25 Euro für die Nutzung von zehn Fotos gezahlt. Wie kann man davon leben? Heutzutage würde ich nicht mehr in dieses Geschäft einsteigen wollen.

Auch die Kriege haben sich verändert. Ich sollte so was eigentlich nicht sagen, aber Vietnam hat Spaß gemacht. Wir haben viel Zeit auf dem Schießstand verbracht, schossen mit M-60-Gewehren aus Helikoptern und mit Zwillingsmaschinengewehren von Patrouillenbooten, rauchten tolles Opium und kühle Bierchen waren immer verfügbar. Wenn du angegriffen wurdest, war es natürlich gefährlich und du hast dir vor Angst in die Hosen gemacht, aber die positiven Seiten machten das irgendwie wieder wett. Wenn es nur um den Kriegsschauplatz geht, dann war Vietnam toll. Im Irak ist es zum Beispiel schrecklich. In Afghanistan ist es wunderschön, aber dort einen Krieg zu führen ist fürchterlich. In Vietnam gab es leckeres Essen und hübsche Frauen, im Irak oder in Afghanistan kannst du dir die Frauen nicht anschauen und kein Bier besorgen. Bosnien war noch schlimmer … die Leute und die Orte hatten unaussprechliche Namen, der Winter war schweinekalt, der Sommer viel zu heiß und das Essen schmeckte beschissen.