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75 Jahre Kriegsende: Wie es ist, in einem ehemaligen KZ zu arbeiten

"Manche posten Bilder von sich, auf denen sie Yoga-Übungen in Gedenkstätten machen. Ich finde es schwer, darüber zu urteilen." – Sasha, 25

von Lisa Lotens
08 Mai 2020, 3:00am

Alle Fotos: bereitgestellt von Chris en Marjan

Was bedeutet Gedenken 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs? Was können uns Gedenkstätten heute noch sagen? Und wie werden wir uns in Zukunft erinnern, wenn die letzten Augenzeugen gestorben sind?

Diese Fragen stellte das Fotografenduo Chris und Marjan jungen Menschen in sieben europäischen Ländern, die in den Gedenkstätten ehemaliger Konzentrations- und Durchgangslager arbeiten. Wie ist es, wenn dein Arbeitsplatz ein ehemaliges Konzentrationslager ist? Wie beeinflusst das deine Form des Gedenkens?

In Zusammenarbeit mit dem Amsterdamer Ausstellungsort Melkweg Expo ist daraus die Serie Snow in Summer entstanden. Der Titel bezieht sich auf die Asche verbrannter Körper, die während des Nationalsozialismus im Umkreis der Tötungsanstalt Hartheim in Österreich durch die Luft wirbelte.

Sasha, 25, arbeitet bei der Hamburger KZ-Gedenkstätte Neuengamme im Bereich Social Media und Archiv. Während des Kriegs waren 106.000 Menschen in dem Lager inhaftiert. 42.900 kamen dort ums Leben.

Sasha arbeitet bei der Hamburger KZ-Gedenkstätte Neuengamme

In Neuengamme mache ich unter anderem Fotos für das Archiv. Das ist manchmal eine zweischneidige Angelegenheit: Wie fängt man die ästhetische Schönheit eines Ortes ein, an dem so hässliche Dinge passiert sind? Es ist ein wunderschöner Ort in wunderschöner Natur, aber Tausende Menschen wurden hier ermordet.

Vor Kurzem habe ich zwei Frauen gesehen, die um das Denkmal gejoggt sind. Manchmal posten Menschen Bilder von sich in den sozialen Netzwerken, auf denen sie Yoga-Übungen in Gedenkstätten machen. Ich finde es schwer, darüber zu urteilen, weil es tatsächlich ästhetisch schöne Orte sind. Aber wir dürfen niemals vergessen, was hier passiert ist.

Das ehemalige Konzentrationslager Neuengamme
Das ehemalige Konzentrationslager Neuengamme

Ich mag den Social-Media-Auftritt der Gedenkstätte. Ein Freund fragte letztens ganz überrascht: "Ihr habt einen Instagram-Account?" Ich verstehe diese Überraschung, weil der lockere Ton von Social Media mit einem so ernsten Thema erstmal schwer zu vereinbaren ist. Trotzdem finde ich es wichtig. Einerseits, um mit Besuchern und Hinterbliebenen in Kontakt zu bleiben, insbesondere während der Corona-Krise. Zum Beispiel haben wir einen Livestream zur Gedenkveranstaltung gemacht. Andererseits können wir Geschichte so auf moderne Art erzählen. Ich folge einer Reihe von Gedenkstätten auf Instagram und sie teilen vor allem persönliche Erlebnisse und keine trockenen Fakten. Das funktioniert sehr gut, insbesondere für die jüngere Generation. Social Media kann natürlich niemals die reale Erfahrung ersetzen, aber ich denke, beide Seiten unterstützen sich gegenseitig: Wenn du eine Gedenkstätte online siehst, willst du sie wahrscheinlich auch bald besuchen gehen.

Hier in der Gedenkstätte Neuengamme wurde nicht alles einfach rekonstruiert. Man wird nicht explizit mit Leichen oder dem Schrecken des Lagers konfrontiert. Das gefällt mir. Für eine Gedenkstätte ist es ziemlich schwer zu entscheiden, wie man die Geschichte erzählen möchte. Wie sie zu einem durchdringt, ist für jeden anders. Ich mag es, wenn Geschichte durch abstrakte Objekte oder Kunst erzählt wird, also eher indirekt. Das erreicht mich emotional am meisten.

Tom, 19, arbeitet im niederländischen Durchgangslager Amersfoort, das die Deutschen als Besatzungsmacht betrieben. Während des Kriegs waren dort 37.000 Menschen inhaftiert. 20.000 von ihnen wurden in deutsche Konzentrations- und Arbeitslager deportiert. Im Durchgangslager Amersfoort kamen insgesamt 650 Menschen ums Leben.

Tom arbeitet im niederländischen Durchgangslager Amersfoort

Der Sinn des Gedenkens ist, klar zu machen, dass so etwas nicht mehr passieren darf. Die Arbeit an diesem Ort hat meine Sichtweise auf Gedenken verändert. Am Anfang hieß das für mich vor allem, darüber nachzudenken, was passiert ist, und sich damit auseinanderzusetzen. Jetzt fühle ich mich aber auch verpflichtet, die Geschichte weiterzugeben. Ich weiß jetzt auch die Menschen viel mehr zu schätzen, die an diesen Gedenkstätten arbeiten und sich dem Zusammentragen der verschiedenen Geschichten verschrieben haben. Am Anfang dachte ich, dass die Leute das einfach nur interessant finden. Aber es ist viel mehr als das. Es ist eine persönliche Angelegenheit für sie und sie widmen große Teile ihres Lebens dieser Arbeit.

Der Wald um das Durchgangslager Amersfoort
Der Wald um das Durchgangslager Amersfoort

Freiheit wird von vielen als selbstverständlich angesehen. Das ist nachvollziehbar. Man kann sich das ja gar nicht mehr vorstellen: Du bist zu Hause und plötzlich musst du in einen Luftschutzkeller, weil deutsche Flieger die Stadt bombardieren. Aber es ist wichtig, über Freiheit nachzudenken und sie schätzen zu lernen. Wenn du die Vergangenheit kennst, siehst du auch in der Gegenwart, wenn so etwas passiert, und kannst etwas dagegen unternehmen. Am Anfang eines langen Waldweges beim Durchgangslager, wo damals Menschen erschossen wurden, befindet sich heute ein Gedenkstein voller Kieselsteine. Das ist ein jüdischer Brauch. Ich finde es beeindruckend, dass immer noch viele Menschen herkommen, um ihre Trauer auszudrücken.

Der Schwerpunkt beim Gedenken wird sich in Zukunft wahrscheinlich zum digitalen Erzählen oder Rekonstruieren von Geschichte verlagern. Das ist gut, weil die neue Generation eher weniger ein Buch in die Hand nimmt. Wir werden sie in Zukunft über Social Media aufklären.

Rahel, 21, arbeitet in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Während des des Zweiten Weltkriegs wurden im dortigen Konzentrationslager mindestens 200.000 Menschen inhaftiert, ungefähr 41.500 starben.

Rahel arbeitet in der KZ-Gedenkstätte Dachau

Ich bin in der Nähe von Dachau aufgewachsen und war mir deswegen immer bewusst, was hier passiert ist. Manchmal haben wir Besucher, die während des Kriegs hier im Lager waren oder ihr ganzes Leben lang gegenüber gewohnt haben. Sie kommen zur Gedenkstätte, um von ihren Erfahrungen zu erzählen. Da bekomme ich immer Gänsehaut. Die Angst ist immer noch in ihren Augen zu sehen. Und es bereitet ihnen Unbehagen, wieder dort zu sein, wo alles passiert ist. Wenn so jemand von den Geschehnissen erzählt, dann geht einem das richtig nahe.

Das Gedenken zeigt mir, wie wichtig und wertvoll der Respekt gegenüber anderen Menschen ist, damit wir in Frieden miteinander leben können. Gedenken ist aber auch ein Akt des Widerstands gegen Ungerechtigkeit und unmenschliche Gräueltaten. Daran erinnern mich die Menschen, die hier unschuldig eingesperrt und getötet wurden, jeden Tag.

Das ehemalige Konzentrationslager Dachau
Das ehemalige Konzentrationslager Dachau

Denkmäler stehen für Frieden, Versöhnung und Respekt. Sie zeigen, dass Menschen Gräueltaten ertragen mussten, dass wir diese Menschen nicht vergessen dürfen, und dass wir verhindern müssen, dass so etwas erneut passiert.

Das, was damals geschehen ist, hat kein Ablaufdatum. Deshalb ist es wichtig, die Menschen weiterhin dazu aufzurufen, sich mit den Verbrechen der Nazis und den Folgen zu beschäftigen. Wir müssen das Ganze auch an die jüngere Generation weitergeben, damit auch sie niemals vergisst.

Simon, 30, ist Projektbeauftragter für Erinnerungspädagogik im Museum und Gedenk- und Forschungszentrum Kazerne Dossin in Belgien. Während des Zweiten Weltkriegs diente die Kaserne als Durchgangslager. Von hier aus wurden 25.500 Juden, Sinti und Roma nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Davon haben nur fünf Prozent den Krieg überlebt.

Simon ist Projektbeauftragter für Erinnerungspädagogik im Museum und Gedenk- und Forschungszentrum Kazerne Dossin in Belgien

Die Nazis wollten das gesamte jüdische Volk zerstören. Es sollte nichts übrig bleiben – weder etwas Körperliches noch etwas Kulturelles. Der Weg vieler Toten lässt sich kaum zurückverfolgen, weil die Nazis so systematisch vorgegangen sind. Deshalb gibt es für viele der gestorbenen Menschen keinen Ort zum Trauern. Das macht unsere Gedenkstätte so wichtig: Sie war eine der letzten Stationen, an denen sie gewesen sind, und ist jetzt ein Platz, an dem die Angehörigen um sie trauern können.

Die Spuren des Holocaust sind oft noch in unseren Stadtbildern vorhanden. Kriegsdenkmäler wie dieses sind wichtig, um die Menschen daran zu erinnern. Und manchmal wird man auch im Alltag damit konfrontiert, zum Beispiel wenn man über einen Stolperstein geht.

Seitdem ich hier arbeite, denke ich mehr über Dinge wie Freiheit nach. Wie hängen die Gräueltaten der Vergangenheit und die danach erworbenen Freiheiten mit der Gegenwart zusammen, in der unsere Freiheit wieder in Gefahr gerät? Denkmäler haben die Aufgabe, auf Prozesse aufmerksam zu machen, die menschliches Handeln beeinflussen – zum Beispiel Propaganda, Polarisierung, Gruppenzwang, Gehorsam und Autorität. Wir können dadurch lernen, kritisch darüber nachzudenken, wie Ausgrenzung in der Vergangenheit funktioniert hat und in der Gegenwart funktioniert. 90 Prozent aller Juden, die nach dem Krieg in Belgien blieben, waren Geflüchtete, auch aus Nazideutschland. Jetzt führen wir wieder die Diskussionen, die schon damals stattfanden: über Migration, über Grenzen und darüber, wie Geflüchtete angeblich Jobs und Wohnungen wegnehmen.

Unsere Gedenkstätte lädt dazu ein, über all das nachzudenken, ohne eine politische Position aufzuzwingen. Propaganda ist kein Ding der Vergangenheit, sie existiert auch heute noch – etwa als Fake News oder in Form von antisemitischen, rassistischen oder frauenfeindlichen Memes. Wenn wir die Vergangenheit nicht vergessen, können wir diese neuen Formen erkennen und machen hoffentlich nicht die gleichen Fehler wie damals.

In der Kazerne Dossin

Einige junge Leute, aber auch Erwachsene, gehen davon aus, dass so etwas wie der Holocaust nicht noch mal passieren kann. Die Realität ist jedoch komplexer. Nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg sagten die Leute auch: Das darf nie wieder geschehen. Seitdem wurden die Menschenrechte aber überall auf der Welt wieder verletzt, zum Beispiel in Syrien, Ruanda oder Srebrenica. Gedenken ist auch die Erkenntnis, dass Freiheit nicht selbstverständlich ist, und dass wir kontinuierlich für den Schutz unserer Menschenrechte kämpfen müssen.

Erinnern ist etwas, das sich ständig verändert – insbesondere in der vielfältigen Gesellschaft von heute. Wir müssen einen Weg finden, verschiedene Erinnerungskulturen in Einklang zu bringen. In Zukunft werden bei Gedenkfeiern nicht mehr nur Kränze niedergelegt, sondern auch neue Formen wie Kunst und Musik mit eingebracht. Unsere Generation darf nicht vergessen, dass das auch unsere Geschichte ist. Jungen Menschen muss die Möglichkeit gegeben werden, dem Ganzen selbst Substanz zu verleihen.

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