Politik

Künstler rufen BioNTech-Mitarbeiter auf, Impfstoff-Formel zu leaken

Wir haben das Peng! Kollektiv gefragt, wie fair dieser Aufruf ist.
18.2.21
Das Plakat des Kunstkollektivs Peng!, auf gehängt in Mainz, das BioNTech-Mitarbeiter dazu auffordert
"Deine Arbeit kann Leben retten – oder Profite maximieren." Ein Plakat des Kunstkollektivs Peng! in Mainz | Foto Bereitgestellt von Peng!

Durch die Coronakrise haben sich soziale Ungleichheiten verschärft oder noch mehr herauskristallisiert. Trotz Virus und Minustemperaturen müssen Menschen auf der Straße schlafen während Hotels leer stehen. Hartz IV reicht nicht für mehrere FFP2-Masken im Monat. Und auch ein sicherer Ort, an dem man sich isolieren kann, Zugang zu essentiellen Gütern oder einer Impfung – alles Privilegien. 

Das Kunstkollektiv Peng! möchte eine dieser Ungleichheiten beheben. Mit ihrem jüngsten Projekt BioNTech-Leaks fordern sie Mitarbeitende von BioNTech dazu auf, die Herstellungsanleitung der Impfung zu leaken. Auf Plakaten, die in Marburg und Mainz in der Nähe der BioNTech-Gebäude aufgehängt wurden, ist eine Frau mit Plastikhandschuhen vor einem Mikroskop zu sehen, neben ihr der Schriftzug: "Deine Arbeit kann Leben retten – oder Profite maximieren." Auf der dazugehörigen Webseite gibt es einen Button mit der Aufschrift "Jetzt leaken". 

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Das Peng! Kollektiv beschreibt sich selbst als "ein explosives Gemisch aus Aktivismus, Hacking und Kunst im Kampf gegen die Barbarei unserer Zeit." In den letzten Jahren haben die Mitglieder zum Beispiel mit dem Projekt Klingelstreich beim Kapitalismus mit führenden Unternehmen über Vergesellschaftung und Klimawandel gesprochen oder mit der Cop Map eine Karte programmiert, die es Usern ermöglicht Polizeipräsenz als Gefahr zu melden und einzusehen.

Robin Barnabas von Peng! erzählt von den Hintergründen des neuen Projekts und erklärt, wie ein Leak das weltweite Infektionsgeschehen beeinflussen würde.

VICE: Was fordert Peng! mit dem Projekt BioNTech-Leaks?
Robin Barnabas:
Mit der Webseite rufen wir die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von BioNTech dazu auf, die Herstellungsanleitung für die Impfung zu leaken. Denn es gibt eine massive Krise mit fatalen Folgen für Menschenleben und Wirtschaft, sowohl im globalen Süden als auch weltweit. Die Krise besteht darin, dass jüngere, gesündere Erwachsene in reichen Ländern die Impfung vor dem Gesundheitspersonal und älteren Menschen in ärmeren Ländern bekommen. Da der Markt und die Politik, es nicht schaffen die Ungleichheit zu beseitigen, fordert die Webseite diejenigen auf, die Zugang haben zur der Herstellungsanleitung des Impfstoffs, nämlich die Mitarbeiterinnen von BioNTech, diesen zu leaken. So können andere Fabriken in die Produktionskette einsteigen.


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Reicht die Herstellungsanleitung, um einen Impfstoff herzustellen?
Es gibt einen Unterschied zwischen dem Code des mRNA-Vakzins und der Herstellungsanleitung. Der Code ist schon öffentlich. Was noch nicht öffentlich ist, sind die sogenannten Standard Operating Procedures, die beschreiben, wie man die Impfung genau herstellt. Es geht hier nicht um die Produktion von Impfstoffen in einer Garage oder Küche oder Mikrowelle, sondern wir sprechen von den größten Vakzinproduzenten der Welt. Die Herstellungsanleitung würde genau diesen Fabriken ermöglichen ihren Beitrag in der Produktionskette zu leisten. Das mRNA-Vakzin ist im Vergleich zu herkömmlichen Impfstoffen einfach herzustellen. Bei herkömmlichen Impfstoffen arbeitet man immer mit dem Virus selber. Beim mRNA-Vakzin gibt es eine komplett neue Technologie. Der Impfstoff von Moderna wird von Lonza, einem Schweizer Chemieunternehmen, hergestellt. Lonza hatte bis dahin keine Erfahrung mit der Produktion von Impfstoffen. Das deutet darauf hin, dass der Pool an Unternehmen, die einen mRNA-Impfstoff herstellen könnten, groß ist. Es gibt Expertinnen, die davon ausgehen, dass allein in Indien tausend Unternehmen in der Lage wären in diese Produktion einzusteigen. 

Wirkt sich die Abschaffung von Patenten nicht negativ auf Innovation aus?
Es gibt immer das Argument, das Befürworter von Patentschutz bringen, dass die Abschaffung von Patenten den Anreiz Forschung zu betreiben verhindert. Dieses Argument hält oft dem Realitätscheck nicht stand. Forschungen haben gezeigt, dass Pharmaunternehmen nur einen sehr geringen Anteil ihrer Gewinne in die Forschung stecken, stattdessen wird viel mehr Geld für Marketing ausgegeben. In dieser Pandemie hat sich gezeigt, dass für die Forschung nach Impfstoffen um die Förderung vom Staat gebeten wird. BioNTech hat sehr hohe Förderbeträge bekommen. Mehr als die Hälfte der Entwicklungskosten wurden finanziert. Andere Impfstoffe wurden gänzlich gefördert. Das hat die Forschung angetrieben. Das heißt, dass auch ohne Patente Innovation möglich ist.

Die Gründer von BioNTech, Özlem Türeci und Uğur Şahin aus Mainz, wurden zu Recht für ihre harte Arbeit und ihre Erfolg gefeiert. Ist es nicht unfair, jetzt dazu aufzurufen, dass man sie beklaut?
Dazu gibt es in der Rechtswissenschaft gute Antworten. Der Rechtsauffassung von Hugo Grotius nach ist es zum Beispiel ungerecht, andere daran zu hindern sich von meinem Feuer ein eigenes zu machen. Es wird umso ungerechter, wenn die Gesellschaft Brennholz und Streichhölzer zu Verfügung gestellt hat. Gerade ist der Markt für diese Impfstoffe ganz groß. Das heißt: auch wenn mehrere Fabriken in die Produktion einsteigen würden, kann man noch immer sehr hohe Profite machen.

Wurde euch schon ein Leak über die Webseite zugespielt?
Das können wir nicht sehen. Auf der Webseite gibt es diesen Button, der auf die Webseite der Whistleblower-Plattform DDoS führt. Wir von Peng! haben keinen Zugriff und auch keine Übersicht auf dort hochgeladene Daten, weil wir das genaue Prozedere des Leakens einerseits der Whistleblowerin von BioNTech und andererseits den Betreibern der Plattform überlassen, weil diese damit Erfahrung haben.

Wie würde ein solcher Leak das weltweite Infektionsgeschehen beeinflussen?
Im ersten Schritt würde der Zugang zur Herstellungsanleitung eine höhere Impfstoffproduktion ermöglichen. Im zweiten Schritt müsste das Patent ausgesetzt werden, damit der Impfstoff auch legal auf den Markt gebracht werden kann. Das Virus hält sich nicht an Ländergrenzen. Je länger die Pandemie anhält, desto mehr Mutationen wird es geben. Die Chance, dass bestimmte Impfstoffe dann nicht mehr funktionieren, erhöht sich. Das heißt: Je länger es dauert, bevor weltweit geimpft wird, desto länger wird sich das Virus weiterhin verbreiten können. Der weltweite Einstieg in eine höhere Produktion des Impfstoff würde dazu beitragen, das einzudämmen. Vor allem würde es auch ermöglichen, dass das Gesundheitspersonal und die Risikogruppen in allen Ländern geschützt wären. Das würde die Todeszahlen einschränken und die Lockdowns verkürzen. 

Wie könnte bei der nächsten Pandemie von Anfang an eine Ungleichheit bei essentiellen Gütern unterbunden werden?
Als die Bundesregierung öffentliche Gelder in die Forschung gesteckt hat, hätte sie das Teilen des Wissens als Bedingung stellen können. Das hat sie nicht gemacht. Es gibt die freiwillige WHO-Initiative Covax, die viel zu wenig Funding bekommen hat. Deshalb stehen so viele Länder, die nur von Covax abhängig sind, am Ende der Impfstoff-Warteschlange. Dann hat sich herausgestellt, dass die westlichen Länder lieber auf bilaterale Verträge gesetzt haben, um exklusiv für ihre Bevölkerung den Impfstoff zu sichern. Das hat dazu geführt, dass gerade laut einer Studie des Global Health Institutes nur 16 Prozent der Weltbevölkerung Zugang zu 60 Prozent des Impfstoffs gesichert hat. Dabei handelt es sich genau um diese Staaten, die anfangs betont haben, dass dieser Impfstoff Allgemeingut werden soll. Trotzdem haben sie diese Privatisierung zugelassen.

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