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Wenn du in panischer Angst davor lebst, dich übergeben zu müssen

Emetophobie ist die krankhafte und zumeist vollkommen irrationale Angst vor jeder Art des Erbrechens. Eine Erkrankung, von der vor allem Frauen betroffen sind.

von Angela Hui
15 Mai 2017, 8:18am

Photo by Evil Pixels Photography via Stocksy

Während ich hier sitze und tippe, meldet sich die kleine Stimme in meinem Hinterkopf zu Wort. Sie flüstert mir zu, mich jetzt auf gar keinen Fall zu übergeben. Ich versuche zwar, den Gedanken immer wieder von mir wegzuschieben, bekomme aber dennoch einen Kloß im Hals. Allein bei dem Gedanken daran, dass mir schlecht werden könnte, wird mir schlecht.

Ich leide unter eine leichten Form von Emetophobie, der Angst vor jeglicher Form des Erbrechens. Das bedeutet, dass ich nicht nur Angst davor habe, mich übergeben zu müssen, sondern auch davor, zu sehen oder zu hören, wie sich andere übergeben. Außerdem habe ich echte Panik davor, zu ersticken.

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Niemand mag das Gefühl, sich übergeben zu müssen. Zu einer Phobie wird es allerdings dann, "wenn der Betroffene unverhältnismäßig viel Angst davor hat, sich übergeben zu müssen", sagt Lorna Denton. Sie arbeitet als Psychotherapeutin und litt selbst mehr als 30 Jahre lang unter Emetophobie. "Außerdem fangen die Betroffenen an, sich Vermeidungsstrategien zuzulegen, wie zum Beispiel keinen Alkohol mehr zu trinken oder auf bestimmte Lebensmittel zu verzichten. Sie versuchen alles dafür zu tun, dass ihnen nicht schlecht wird."

Obwohl es sich bei Emetophobie um eine anerkannte Erkrankung handelt, ist die Störung nach wie vor weitestgehend unbekannt und wird auch nur sehr selten diagnostiziert. Wie viele Menschen von dieser speziellen Form der Angststörung betroffen sind, ist daher schwer zu sagen. Forscher gehen allerdings davon aus, dass bis zu sieben Prozent der Frauen sowie drei Prozent der Männer betroffen sein.

"In der Regel tritt die Erkrankung in Verbindung mit anderen generalisierten Angst- und Zwangsstörungen in Erscheinung", sagt Denton. Unterschätzt werden sollte sie nicht. "In besonders schlimmen Fällen kann sie sogar dazu führen, dass man es umbedingt vermeidet, schwanger zu werden. Betroffene bekommen keine Kinder, weil sie Angst vor der Morgenübelkeit haben oder sich nicht in der Lage sehen, sich um ein krankes Kind zu kümmern."


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Philippa Willitts leidet seit über 30 Jahren an Emetophobie. Als Teenager ging es ihr zeitweise so schlecht, dass die Ärzte eine Essstörung bei ihr diagnostizierten. Sie hatte solche Angst davor, sich übergeben zu müssen, dass sie überhaupt nichts mehr zu sich nahm. "Ich habe erst nach Jahren verstanden, was mit mir los ist. Meine Gedanken drehten sich ständig darum, ob mir übel war oder nicht. Ich hielt mich selbst deshalb lange Zeit für einen Hypochonder." Niemand wusste, was ihr wirkliches Problem war.

Die meisten Phobien haben ihren Ursprung in der frühesten Kindheit – so auch die Angst vor dem Erbrechen. Emetophobie steht oft in Verbindung mit einem geringen Selbstwertgefühl und einem hohen Maß an Perfektionismus. In den meisten Fällen haben die Betroffenen Angst davor, die Kontrolle zu verlieren. "Frauen sind stärker davon betroffen als Männer. Knapp 95 Prozent der Betroffenen, die mich kontaktieren, sind Frauen zwischen 18 und 24 Jahren", erzählt Denton. Das liege auch darin begründet, dass Frauen ein ausgeprägteres Ekelgefühl haben. Sie sich also zum Einen schneller vor Dingen ekeln, sich zum anderen aber auch mehr Sorgen darüber machen, als ekelhaft empfunden zu werden, wenn sie sich beispielsweise übergeben müssen.

Ein Punkt, den ich nur bestätigen kann. Vor ein paar Jahren ging mein schlimmster Albtraum schließlich in Erfüllung: Ich saß in U-Bahn auf dem Weg nach Hause. Das Geschaukel in der Bahn wurde mir irgendwann zu viel und die Angst, mich womöglich in der Öffentlichkeit übergeben zu müssen, hat meine Übelkeit nur noch zusätzlich verstärkt. Ich habe verzweifelt versucht, mich zur nächsten Haltestelle zu retten, doch in dem Moment, als die Türen aufgingen, musst ich mich schon in meine Hände übergeben. Das war kein unangenehmes Würgen mit ein bisschen Spucke. Wir sprechen hier von einem ziemlichen Schwall.

Kurz danach begann ich zu hyperventilieren und wurde ohnmächtig. So dramatisch sich das auch lesen mag, im Vergleich zu anderen Betroffenen wirkt meine Geschichte noch vergleichsweise harmlos.

Für manche hat Erbrechen etwas geradezu erlösendes. Für Menschen, die unter Emetophobie leiden, ist es der absolute Worst-Case. Foto: Duncan Hill | Flickr | CC BY 2.0

Angela Smith litt über 40 Jahre lang unter Emetophobie. "Als kleines Mädchen lag ich nachts regelmäßig wach, weil ich Angst hatte, dass ich mich übergeben muss", erzählt sie. "Flugreisen sind unmöglich, weil es immer zu Turbulenzen kommen könnte, wovon mir dann wiederum schlecht wird. Meine Angst war zeitweise so schlimm, dass ich ohne Ingwer, Probiotika und Magentabletten überhaupt nicht mehr aus dem Haus gehen konnte."

Katrina Fouracre erwartet gerade ihr erstes Kind und hat tagtäglich mit ihren Ängsten zu kämpfen. Mit der Schwangerschaft erreichte die Angststörung ihren Höhepunkt. Zwar hatte sie schon immer Angst davor, wie und ob sie mit der Morgenübelkeit umgehen könnte. Das blieb allerdings nicht ihre einzige Sorge. "Inzwischen geht es soweit, dass ich nicht weiß, was ich tun soll, wenn mein Kind zur Schule geht und sich bei anderen Kindern ansteckt. Wie soll mich um mein Kind kümmern, ohne selbst krank zu werden? Ich merke aber auch, dass die Angst nachlässt, je größer mein Bauch wird."

Emetophobie verschwindet nicht über Nacht. Doch mit den entsprechenden Mitteln kann man die psychische Belastung reduzieren. "Mit einer kognitiven Verhaltenstherapie kann den Betroffnen in der Regel geholfen werden", erklärt Denton. "Ich gebe meinen Patienten praktische Methoden an die Hand, die sie nutzen können, um mit ihren Gedanken zu managen und ihre Ängste zu kontrollieren."

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Einer der problematischsten Aspekte ist der permanente Kampf gegen das eigene Verdauungssystem, der immer wieder durch den bloßen Gedanken ans Erbrechen befeuert wird. "Die meisten Betroffenen haben Schwierigkeiten, zwischen nervöser Übelkeit und tatsächlicher Übelkeit zu unterscheiden", erklärt Denton. "Es fällt ihnen schwer, sich zu entspannen und den Gedanken [an ihre Angst] loszulassen."

Im Unterschied zu anderen, im ersten Moment irreal anmutenden Phobien können Emetophobiker nie sicher sein, dass ihr schlimmster Albtraum nicht vielleicht doch in Erfüllung geht. Das trägt dazu bei, dass sich die Gedanken der Betroffenen im Alltag ständig um ihre Phobie drehen. Auch Fouracre wird jeden Tag mit ihrer Angst konfrontiert.

"Ich gebe mein Bestes, um mein Leben nicht von der Angst bestimmen zu lassen. Wenn mir schlecht wird, habe ich eine Methode, die mich davon abhalten soll, mich zu übergeben. Meistens vergeht meine Angst danach schnell wieder: Ich lasse kaltes Wasser über meine Hände laufen und gehe – wenn möglich – kurz raus an die frische Luft oder öffne ein Fenster. Das gibt mir ein Gefühl von Sicherheit. Im Moment arbeite ich jeden Tag daran, meine Gedanken nicht von meinen Ängsten kontrollieren zu lassen."

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Titelfoto: imago | Westend 61

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