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Alles, was Umziehen so unfassbar ätzend macht

Schritt 1: Bei jedem Gegenstand, den du einpackst, 15 Minuten in emotionale Erinnerungen verfallen. Schritt 2: Aufgeben und alles in Tüten stopfen.

von Joel Golby
09 April 2018, 3:45am

Foto: Jamie Clifton

Als wir in meine vorletzte Wohnung einzogen, war die Lampe in der Abzugshaube über dem Herd kaputt. Also haben wir recherchiert und nicht schlecht gestaunt, dass so eine Abzugshaubenbirne neu um die zehn Euro kostet. Die hat auch zehn Jahre Garantie, aber unser Mietvertrag war auf ein Jahr begrenzt. Überhaupt sah das Auswechseln im YouTube-Tutorial unverhältnismäßig kompliziert aus und so haben wir die Birne einfach Birne sein lassen. So drängend war das Problem auch irgendwie nicht. Haben wir der Hausverwaltung Bescheid gesagt? Natürlich nicht. Die Lampe blieb aus und wir brieten, brutzelten, garten und köchelten im schummrigen Halbdunkel. Was voll OK war, weil wir nach genau einem Jahr wieder ausgezogen sind. Jetzt darf sich jemand anderes damit rumschlagen. Wäre ich ein besserer Bewohner, frage ich mich manchmal, wenn es das Licht meiner eigenen Abzugshaube gewesen wäre? Würde ich dann mehr Wert auf ein gut ausgeleuchtetes Kocherlebnis legen? Oder würde ich einfach weiter mein halbes Monatsgehalt für eine suboptimale Wohnung mit defekter Herdbeleuchtung ausgeben?

Eigentlich hatte ich diese Gedanken und Gefühle zu Das Licht in der Abzugshaube schon in meinem Unterbewusstsein vergraben. Vor Kurzem kam aber alles wieder an die Oberfläche, weil ich umgezogen bin – mal wieder. Und ich möchte fast wetten, dass du vor Kurzem auch umgezogen bist oder bei einem Umzug geholfen hast. Denn das ist der Fluch unserer Generation:


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Ein Jahr lang leben wir in einer mehr als bescheidenen Wohnung. Dann beschließt der Mitbewohner plötzlich, dass die Beziehung mit seiner Freundin doch wirklich ernst sei. Die beiden würden gerne zusammenwohnen. Etwas Bammel habe er allerdings schon. Deswegen wäre eure Zweier-WG perfekt, jeder hätte sein eigenes Zimmer und er könnte weiter an seinem Musikprojekt arbeiten und ach, übrigens, er sei ja sowieso Hauptmieter und habe damals die Kaution vorgestreckt, weil du ja keinen Job hattest. OK, den hatte er auch nicht, aber sein Vater ... Egal, das tue jetzt nichts zur Sache. Du musst jedenfalls ausziehen. Oder du hangelst dich, weil du in einer beliebten Metropole mit umkämpftem Wohnungsmarkt lebst, sowieso schon seit zwei Jahren von Zwischenmiete zu Zwischenmiete. Manchmal ist die Gegend aber vielleicht auch einfach beschissen und zum nächsten REWE musst du acht Minuten laufen. Was ich damit sagen will: Unsere Generation ist zum Nomadendasein verdammt. Keine andere Generation vor uns hatte so viele verschiedene Lieferadressen in ihrem Amazon-Konto.

Als wäre das nicht alles deprimierend genug, sind hier ein paar Dinge, die Umzüge besonders schlimm machen.

Dieser Augenblick, wenn du Smalltalk mit der Familie deines Mitbewohners halten musst, weil sie beim Umzug helfen

Ich nehme an, dass du nicht alleine wohnst. Wenn du nicht gerade im Lotto gewonnen oder betuchte Eltern besitzt, hast du Mitbewohner – mindestens einen, maximal 27. Und wenn du Mitbewohner hast, bedeutet das oft und gerade bei jüngeren Exemplaren, dass die Familie anrauscht, um beim Umzug zu helfen. Ein schlaksiger pubertierender kleiner Bruder, der von allen "Matti" genannt wird. Ein Vater, der warum auch immer mit drei Handys in eurer neuen Küche hantiert, während die Mutter Kartons auspackt – auch deine. Um unangenehme Nachfragen zu vermeiden, bringst du deine "Badezimmer"-Kiste unauffällig in Sicherheit – möglichst weit weg von ihr. Und da bist du und wuselst um diese Familie herum, versuchst dich langsam mit diesem neuen Ort bekanntzumachen, mit dem neuen Licht, dem Geruch diesem generellen "Feeling", und in Flur und Küche führen sie fröhlich schnatternd interfamiliäre Unterhaltungen und schließen die Inissia, Cafissimo, Tassimo oder was-weiß-ich an. Die Mutter verspricht, jedes zweite Wochenende vorbeizukommen, um "für euch alle aufzuräumen". Der Vater fragt dich an den Türrahmen gelehnt, was du eigentlich so machst, während du versuchst, die passende Schublade für deine Unterhosen zu wählen. Es ist die Hölle.

Die Emotionen

Es ist schon toll, jedes einzelne deiner Besitztümer einzupacken, nicht wahr? Dadurch siehst du nämlich, wofür du dein Geld ausgibst. Ich für meinen Teil habe die zweifelhafte Gabe, mich exakt daran zu erinnern, wo ich was gekauft und wie viel ich dafür bezahlt habe. Beim Packen verbringe ich also 20 Prozent der Zeit damit, 8 Euro Kerzen, 21 Euro Lampen und eine 70 Euro (!) Decke (!!!) zu manövrieren und mich zu fragen, ob irgendetwas von dem Geld, das ich in meinem Leben ausgegeben habe, gut investiert war. (Nein.) Außerdem buddelst du alte Gegenstände aus, die du vor ein paar Monaten achtlos in eine Schublade geworfen hast. Und jetzt sitzt du auf deiner Bettkante mit einem kleinen Holzpferd in deiner Hand, das du dir bei einem Ausflug zum Stadtbauernhof gekauft hast – mit einer Frau, mit der du fünf bedeutungslose Affären zuvor fast mal was Richtiges laufen hattest. Und weil du jetzt so beschäftigt mit deinen semipositiven Gefühlen bist, hast du dich 45 Minuten lang nicht bewegt. Fantastisch! Umziehen ist super!

Aufgeben, einfach auf alles scheißen und den ganzen Mist in Müllsäcke stopfen

Es ist nicht lange her, da musste ich dreimal in einem Jahr umziehen. Natürlich habe ich dabei folgende Lektion gelernt: Je mehr Zeit du ins Einpacken investierst, desto weniger Stress hast du beim Auspacken. Das ist eine einfache Energietransfer-Gleichung: Zeit für Sorgfalt = weniger Zeitaufwand beim Gabeln suchen, weil du dich durch eine Kiste mit Büchern, Bettzeug und Küchensieben wühlen musst – nur um festzustellen, dass die Gabeln doch woanders sind.

Bedeutet das, dass ich bei meinem letzten Umzug nicht einfach bis zur letzten Sekunde gewartet habe, um dann meine Habseligkeiten wahllos in drei Müllsäcke zu stopfen, während der Umzugswagen schon vor der Tür wartete? Natürlich nicht.

Foto: Bruno Bayley

Und die Sache mit den Schubladen

Wenn du Schubladen voll mit Krimskrams besitzt, dann hast du in meinen Augen zwei Möglichkeiten: Du gehst die Sachen sorgsam durch und schaust, was du behalten willst. Was du nicht behalten willst, kommt in den Müll, den Rest packst du ein. Alternativ ziehst die Schublade einfach komplett aus dem zugehörigen Möbel und trägst sie seitwärts gehend wie ein unbeholfener Krebs die Treppen hoch und runter. Natürlich machst du den Krebs, du Kretin.

Ziehe ich jetzt wirklich mit dieser blöden angebrochenen Reispackung um?

Irgendwas am Umziehen scheint das menschliche Gehirn zu lähmen. Wenn das Hirn durch die Küchenschränke geht, um alles einzupacken, sagt es sich, dass die ganzen angebrochenen Packungen, Gewürze und Öle wertlos sind. Und man schmeißt sie folglich in den Müll.

Bei meinem letzten Umzug lief das etwa so: "Halbe Tube Honig? Die kann sich verpissen." Ich: "Linsen? Linsen können mich kreuzweise." Ich: "Ich werde diese angebrochenen Reispackungen wegwerfen – wenn's sein muss, Korn für Korn." Und wieder ich, nachdem ich in meiner neuen Bude angekommen bin und sofort für Lebensmittel zum Supermarkt muss und merke, dass ich mir wieder Essig, Öl, Salz und alle Gewürze neu kaufen muss und dieser ganze Krempel ziemlich viel Geld kostet: leises Wimmern.

Gott, bist du eklig

Willst du mal was Witziges erleben? Rück dein Bett zehn Zentimeter von seinem angestammten Platz und erfreu dich an dem schmierig-grauen Staub, der sich seit deinem Einzug darunter gesammelt hat. Das bist du – all diese Schüppchen und Hautfetzen, die unter deinem Bett vor sich hinvegetieren. Mittendrin liegt eine alte Socke, mit der du anscheinend mal was aufgewischt hast. Ein vertrocknetes Kondom. Eine verkrustete Müslischale. Alle Haare dieser Welt. Ein verloren geglaubtes Magazin – das Cover zerfleddert. Eine graue Linie an der Wand markiert die Stelle, die du beim Schlafen mit dem Kopf streifst. Das ist Fett.

Räum die ganze Wohnung leer und du siehst die Hinterlassenschaften deiner Anwesenheit: graue Ränder um jeden Lichtschalter, die Schmalzschicht auf dem Badezimmerboden, die dreckigen Fenster, die Nutellaflecken im Küchenschrank. Und dann musst du das Drecksloch, das du überhaupt erst zu einem gemacht hast, putzen und stundenlang streichen, nur damit der Vermieter am Ende doch wegen der Kaution rumzickt, weil die Wände voller Striemen sind. Pro Tipp: Nur bei Tageslicht streichen. Leben heißt, Dreck machen.

Geil, ein Ladegerät für ... irgendwas?

Bei jedem Umzug finde ich irgendwo ein Kabelknäul aus alten Ladegeräten. Dann spiele ich mit dem Gedanken, alles zu entheddern und sorgsam zu beschriften. Die Praxis sieht dann aber so aus: "Du hast jetzt ein Jahr überlebt, ohne überhaupt eins dieser Teile zu brauchen. Schmeiß den Mist weg." Und dann stehe ich in meiner neuen Bude, versuche den Radiowecker einzustöpseln, aber kann das verfickte Kabel nicht finden.

Warum habe ich diesen ganzen Kram?

Wenn du beim Einpacken nicht mindestens drei Säcke nutzlosen Krempel wegschmeißt und beim Auspacken noch einmal zwei, dann machst du Umzüge falsch. Und die gleiche Logik lässt sich auf dein Leben erweitern und den ganzen Mist, den du am Ende behältst. Ein paar Beispiele von meinem letzten Umzug: alte Skizzenbücher, in die ich seit sechs Jahren nicht mehr geschaut habe, ein kompletter Ordner voller Pokémon-Karten, meine alte Adresse in Schönschrift auf der Deckelinnenseite, eine Tasse mit Münzen, die ich umzugsgerecht zugeklebt habe – vor drei Umzügen – und immer noch nicht zur Bank gebracht habe, um den Inhalt in brauchbares Geld umzuwandeln. Warum habe ich diesen ganzen Mist? Und warum so viel davon?

Foto: Bruno Bayley

Die Radkappen deines Mietbullis am Bürgersteig andellen und, scheiße, das sind dann noch mal 150 Euro

Früher habe ich immer so einen breitgebauten Typen bezahlt, damit er mich und meine Habseligkeiten durch die Stadt bewegt. Seit er bei einem Umzug aber einmal als Begrüßung zu mir sagte: "Du? Schon wieder?", war die Sache mit ihm für mich gegessen. Man will ja niemanden langweilen. Seitdem habe ich diverse Freunde, die im Besitz eines Führerscheins sind, davon überzeugen können, einen Lieferwagen zu mieten und mich und meinen Krempel durch die Gegend zu fahren. Eigentlich endet das jedes Mal damit, dass jemand eine Radkappe lädiert, den Wagen in einer engen Seitenstraße zerkratzt, über eine rote Ampel fährt oder beim Zurücksetzen einen Roller oder ein Fahrrad mitnimmt. Und bei einem Mietwagen muss man für den kleinsten Scheiß doppelt und dreifach zahlen. Tu nicht so, als wäre das dir noch nie passiert. Allen passiert das. Ich habe mir das Geschäftsmodell diverser Mietwagenanbieter angeschaut und es ist die einzige Art, auf die diese Firmen wirklich Geld machen. Die wollen, dass wir Scheiße bauen. Arbeitsplätze hängen davon ab, dass wir Scheiße bauen.

ARRGH, nichts *passt*

Die Matratze, die du gekauft hast, weil ein Podcast es dir befohlen hat, will nicht in deinen geerbten Bett-Rahmen passen und die oberste Schublade von dieser Kommode, die du überhaupt nicht haben willst, die die Hausverwaltung aber nicht entfernt, obwohl du sie schon zweimal angeschrieben hast, öffnet sich nicht, wenn du nicht gerade so fest daran ziehst, dass du plötzlich das ganze Teil in der Hand hast. Irgendein hirnamputierter Pfosten hat den Küchenschrank so angebracht, dass die Tür beim Öffnen immer gegen die Dunstabzugshaube (mit! funktionierendem! Licht!) knallt. Die Heizung in deinem Zimmer befindet sich an der falschen Stelle, wenn du das Bett da haben willst, wo du es gerne hättest – nämlich am Fenster. Dann musst du nämlich deinen Kleiderschrank vor die Heizung stellen, womit dieser das einzige ist, was in diesem Zimmer je warm wird. Außerdem sind die Wände so marode, dass du dich kaum traust, einen Nagel reinzuhauen, geschweige denn Regalbretter anzubringen. Und so lebst du hier dann einfach ein bisschen. Du ziehst ja eh bestimmt bald wieder um.

Das Beste, was du tun kannst, um dieses Zimmer dein eigen zu machen, ist drei Kissen zu kaufen, eine Pflanze und einen eingerahmten Siebdruck – vielleicht noch ein paar Lichterketten, aber vielleicht auch nicht. Der alte Boiler wird mindestens einmal im Jahr den Geist aufgeben und die Lüftung im Bad schreit, als würde eine Hexe darin gefoltert werden. Außerdem sind da diese ominösen grauen Flecken hinter der Heizung im Flur. Die waren schon da, als ihr eingezogen seid, aber werden immer nur größer und ihr werdet am Ende die Schuld bekommen und das Geld für die Reparatur wird von eurer Kaution abgezogen. Wirklich repariert wird sie aber nie. Das weißt du. Und überhaupt gibst du mindestens die Hälfte deines Einkommens für diesen Ort aus, der noch nicht mal wirklich deiner ist. Wenn kein Wunder geschieht, wirst du eh nie deine eigene Wohnung kaufen. Genau das hier wird es also für immer sein, schätze ich.

Wie auch immer, Glückwunsch zum Einzug! Hier ist eine 3 Euro Flasche Wein, die du wahrscheinlich nie trinken wirst. Und nächstes Jahr dann wieder alles von vorne, ja?

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