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Sechs Städte in sechs Jahren: Was ständiges Umziehen mit dir macht

Wenn du deinen Krempel zum dritten Mal in zwei Jahren einpackst, wirst du beschließen, dass der Besitz eines Muffinblechs überbewertet wird – der Besitz eigener Möbel sowieso.

von Teresa Pfützner
20 Oktober 2016, 4:00am

Foto: imago | Steinach

Es war letzten Freitag am Berliner Busbahnhof, als mir klar wurde, dass ich etwas ändern muss. Ich stand im Nieselregen in dritter Reihe zwischen wartenden Fernbus-Pendlern. Mit jeder Minute drückten die Träger meines Rucksacks schwerer auf meine Schultern. In diesem Moment sprach mich eine ältere Frau von der Seite an: "Na, auch auf dem Weg nach Hause?", sagte sie. Sie stand neben mir, dann merkte ich: Sie sprach nicht mit mir, sondern nur lautstark in ihr Handy. Ich war erleichtert. Denn hätte sie mich gefragt—ich hätte ihre Frage nicht beantworten können.

"Zuhause" ist für mich in den letzten sechs Jahren ein relativer Begriff geworden. Wenn mich jemand danach fragt, antworte ich der Einfachheit halber meist mit der Stadt, die gerade auf meinem Personalausweis steht. Nur waren das in den letzten sechs Jahren sechs verschiedene. Sie kamen schneller zusammen als gedacht. Das Bachelorstudium in Magdeburg, das Auslandsjahr in Rumänien, dann drei lange Praktika in Berlin, Brüssel und Hamburg und schließlich das Masterstudium in Halle. Eine ganz normale Studentenbiografie eigentlich: Jeder dritte Abiturient zieht für sein Bachelorstudium in ein anderes Bundesland, für den Master wechseln dann noch einmal 39 Prozent die Universität. Jedes Jahr gehen außerdem rund 30.000 deutsche Studenten in Europa mit dem Erasmus-Programm für mindestens ein Semester ins Ausland. Für den ersten Job verlassen noch einmal die Hälfte der Studenten die Stadt, in der sie leben. Ein ständiges Umziehen also. Nie hat der Begriff "Wanderjahre" die Ausbildungszeit besser beschrieben als heute.

Der Arbeitsmarkt ist es aber nicht, der uns zum ständigen Umziehen zwingt. Klar, man hat auch immer die Personaler-Floskel "Flexibilität beweisen" im Hinterkopf, wenn man Praktika und angesehenen Unis hinterher zieht. Aber mal ehrlich, wenn alle ein High School Year, einen Freiwilligendienst, ein Auslandssemester oder Praktika machen (oder im Extremfall sogar alles von dieser Liste!), haut das auch keinen Personaler mehr um.

Was macht es mit uns, wenn wir alle paar Monate unser Leben einpacken?

Was uns zum Kofferpacken zwingt, sind vor allem unsere eigenen Ambitionen. Aus einer Welt, die uns vermeintlich unbegrenzte Möglichkeiten bietet, wollen wir rausholen, was geht.

Mit dem Wohnort ist es mittlerweile ein bisschen wie mit der Partnersuche: Weil man so viele Optionen hat, will man sich nicht zu früh festlegen. Wir probieren aus: mal die Metropole, mal die Studentenstadt, dann ins Ausland. Wir leben geografische Promiskuität.

Nicht ganz unschuldig an unserem Bedürfnis permanent umzuziehen sind aber auch unsere Eltern, der ZEIT-Studienführer und die DAAD-Werbekampagnen, die uns immer wieder unter die Nase reiben, dass Mobilität ein Privileg ist, ein Geschenk an die europäische Nachwendegeneration, was wir zu genießen und besonders: zu nutzen haben. Aber was macht es mit uns, wenn wir alle paar Monate unser Leben einpacken?

Es macht auf jeden Fall ziemlich pragmatisch, was Besitz angeht. Denn spätestens, wenn du den ganzen Krempel zum dritten Mal in zwei Jahren einpackst, wirst du beschließen, dass der Besitz eines Muffinblechs überbewertet wird—und der Besitz eigener Möbel sowieso.

Die einfachste aller Lösungen: die möblierte Zwischenmiete oder das voll ausgestattete Wohnheimzimmer.

Von den 20.000 Gegenständen, die einem Menschen angeblich gehören, hast du irgendwann noch gefühlte 100 übrig. Und es fühlt sich grandios an, zu wissen, dass du für dein nächstes Abenteuer keinen Möbellaster brauchst, für den dein Vater extra anreisen muss, weil nur er ihn einparken kann. Ab jetzt reicht auch der Kofferraum des DriveNows.

Mit jeder neuen Stadt, mit jedem neuen Abschnitt, den du meisterst, stresst dich der logistische Kram weniger. Wenn du deine Leute einmal im Monat besuchen fahren willst, überlistest du den Sparpeisfinder der Deutschen Bahn jedes Mal dank deiner cleveren Kombination aus 9.99-Euro-Fernbus-Tickets und Mitfahrgelegenheiten. Und wenn du nicht da bist, versuchst du, deine Freundschaften und deine Liebe über Skype, WhatsApp und Facebook am Leben zu halten. Wenn deine beste Freundin ihre Uni-Prüfung besteht, bekommt sie zwar kein High-Five von dir, aber dafür von Pusheen. Und die Autovervollständigung deines Handys weiß auch schon genau, was du deinem Partner jeden Tag sagen möchtest: "Hab einen schönen Tag, Baby", "Schreibst du mir vor dem Einschlafen nochmal?" und "Bald bin ich wieder da", schlägt das Smartphone selbstverständlich vor. Wie oft muss man diese Worte aneinander gereiht haben, damit ein Smartphone sie sich merkt?

Mit jeder Stadt probierst du ein neues Leben an. Du lernst neue Menschen kennen, aber vor allem dich selbst.

Wenn deine Freunde irgendwann immer weniger Zeit finden, um mit dir zu skypen, zuckst du mit den Schultern. Ein schmerzhafter, aber natürlicher Selektionsprozess—wer jetzt bleibt, bleibt für immer. Und all die Dinge, die du unterwegs erlebst, willst du auf keinen Fall missen. Du musstest Hermann Hesse zwar schon im Abi lesen, aber jetzt erst verstehst du, was er mit seinem "Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne" sagen will: neue Stadt, neue Möglichkeiten. In Berlin triffst du Mimi, eine Trainerin, die sowohl Bauchtanz als auch Boxen unterrichtet. Und natürlich lernst du beides. In Rumänien tanzt du in unterirdischen Clubs und singst beim abschließenden Karaoke, komplett betrunken vom selbstgebrannten Pflaumenschnaps deines Vermieters, zur Begeisterung des ganzen Ladens fast akzentfrei "Dragostea din tei". In Brüssel läufst du jeden Tag in High Heels ins Büro und übst dich in diplomatischen Smalltalk beim Empfang der jordanischen Delegation. Mit jeder Stadt probierst du ein neues Leben an. Du lernst neue Menschen kennen, aber vor allem dich selbst. Fühle ich mich im Stimmengewirr einer Vier-Nationen-WG oder in der Stille einer Einzimmerwohnung wohler? Brauche ich wirklich eine Stamm-Kneipe, einen Stamm-Frisör oder überhaupt irgendwas Angestammtes?

Aber immer, wenn du dich gerade in deinen freien, ungebundenen Lebensstil hineinsteigert hast, ruft deine Familie an und fragt, ob du Ostern nach Hause kommst. Sie trösten sich damit, dass dein ständiges Unterwegs-Sein bestimmt gut für deine Karriere ist. Trotzdem spürst du, dass sie insgeheim traurig darüber sind, dass du sie seit Jahren nur zum Geburtstag anrufst, statt vorbeizukommen. Weil der Weg zu ihnen immer zu lange dauert oder du am Sonntagnachmittag einfach lieber durch deinen neuen Stadtteil spazieren willst, als mit deiner Familie um den immergleichen See. Wenn du dann doch mal bei ihnen bist, kannst du sie wenigstens mit deinen Geschichten unterhalten. Deine Rolle als Reisender ist ein Teil von dir geworden—und davon, wie die anderen dich sehen.

Franz Neyer ist Professor für Psychologie an der Uni Jena und erforscht, wie sich Mobilität auf die Persönlichkeit auswirkt. Er und sein Team haben herausgefunden, dass Menschen, die oft den Wohnort wechseln, die Mobilität bald als Teil ihrer Persönlichkeit begreifen, zum Beispiel was für Geschichten sie von sich erzählen: "Wer oft den Wohnort wechselt, versteht sich selbst nach einer Weile als Wandernder oder Reisender. Diese Menschen haben die Sicherheit gewonnen, in neuen Städten und Ländern immer wieder zurechtzukommen und über dieses Gefühl definieren sie sich", sagt er. Wer viel unterwegs ist, könne sogar regelrecht Fernweh-süchtig werden. Ein Phänomen, das Neyer und seine Kollegen gerade erforschen.

Diese Lust, sich immer wieder auf den Weg zu machen, könnte laut Neyer auch damit zusammenhängen, wie man sich beim Leben ohne festen Wohnsitz selbst entwickelt. In der Studie "Do we become a different person when hitting the road?" befragten Neyer und seine Kollegen über 1.000 Studierende von mehr als 200 deutschen Unis während eines Studienjahres mehrmals zu ihren Charakterzügen. Der Hälfte der Befragten stand ein mindestens einsemestriger Auslandsaufenthalt unmittelbar bevor, die andere Hälfte plante das nächste Studienjahr in Deutschland. Am Ende des Jahres zeigte sich: Im Vergleich zu den Zuhausegebliebenen waren die Studenten mit Auslandserfahrung offener geworden, setzten sich mehr für andere ein und waren weniger unsicher und ängstlich.

Für Neyer und seine Kollegen beweist ihre Studie, dass Auslandsaufenthalte für die Persönlichkeitsentwicklung so bedeutsam für das Leben sind, wie zum Beispiel der Auszug aus dem Elternhaus oder die Geburt der eigenen Kinder.

Trotzdem befällt dich manchmal eine leise Melancholie. Wenn du einen wirklich schönen Ort gefunden hat, und nicht weißt, ob du zurückkommen wirst. Weil du vielleicht nie erfahren wirst, wie der Park im Frühling aussehen wird. Und das schale Gefühl, dass du diesen Ort mit deinem Partner nur über Instagram teilen kannst.

"Vertrautheit ist ein menschliches Grundbedürfnis", erklärt Franz Neyer. "So wie Kinder bei Gefahr die Nähe von Mutter oder Vater suchen, suchen auch Erwachsene die Nähe zu ihren Freunden, ihrer Familie oder ihrem Partner, wenn sie traurig sind oder Hilfe brauchen. Das Internet verspricht, dass diese Nähe über Facebook und Skype auch über Distanz aufgebaut werden kann. Aber neue Studien von uns zeigen, dass es nicht reicht, wenn man Familie und Freunde nur am Laptop sieht, man muss auch wirklich von Zeit zu Zeit persönlich zusammenkommen, um sich sicher und behütet zu fühlen", sagt der Psychologie-Professor.

Du hast schon vor einer Weile gemerkt, beginnst aber erst jetzt, es dir einzugestehen: Mit jedem Umzug wird das Organisatorische zwar leichter, aber das Emotionale immer schwerer. Du hast Menschen auf dem Weg kennengelernt, aber doch zurückgelassen. Du wolltest schließlich immer weiter. Aber weiter—wohin? Und weiter—allein? Es ging lange nur um dich. Du bist ein Twentysomething und hast das gute Recht, nur an dich zu denken. Aber langsam spürst du, dass die ganze Selbstverwirklichung allein, dich vielleicht nicht glücklich machen wird.

Du spürst, dass der Wendepunkt naht. Und dann kommt er: vielleicht in Form eines Abends, an dem du dich mit irgendwelchen Leuten aus der Facebook-Gruppe "Neu in Hamburg" triffst, und sie dir die gleichen Fragen stellen, die du schon den Mitgliedern der "Neu in Berlin"-Gruppe vor drei Monaten beantwortet hast: Woher kommst du? Was machst du? Und: Wie heißt du gleich nochmal? Schein-Gespräche, die in ein Backpacker-Hostel passen. Aber nicht mehr in dein Leben.

Also suchst du dir den Ort aus, in welchem du bei all deinen Reisen am glücklichsten warst. Du setzt bei Immobilienscout das Häkchen bei "Wohnung" statt bei „Zwischenmiete" und es fühlt sich richtig an. Das viele Umziehen hat dich bereit dafür gemacht anzukommen.

So war es zumindest bei mir.

Und das Ankommen werde ich jetzt feiern. Ich werde die Wände in Farben streichen, die sich schwer abdecken lassen, teure Massivholzmöbel kaufen, die sich schwer auf- und abbauen lassen und vielleicht sogar, wenn es mich packt, ein Muffinblech. Just to prove a point. Damit ich dann, falls ich mal wieder unterwegs bin, und mich wirklich mal jemand fragt: "Na, auch auf dem Weg nachhause?" einfach freundlich lächelnd antworten kann: "Genau."

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