Wenn du für immer auf Drogen hängen bleibst

Es gibt eine Störung, bei der Drogenkonsumenten teils lebenslang unter Halluzinationen leiden. Ein Betroffener erzählt.

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23 September 2017, 1:09pm

Als Alex Miller, 21, noch zur High School ging, kaufte er ein rezeptfreies Hustenmittel in der Apotheke, um davon high zu werden. Zuvor hatte er am gleichen Tag bereits das ADHS-Medikament Adderall genommen. Er nahm damals häufig Adderall, weil er mit einer Amphetaminsucht zu kämpfen hatte.

"Am Morgen hatte ich ein Aufputschmittel genommen und später dann ein Dissoziativum. Das war eine leichtsinnige Kombination", sagt er. "Als ich am nächsten Tag aufgewacht bin, hatte ich leichte Schlieren in meinem Sehfeld. Die sind zwar kaum aufgefallen, aber ich wusste sofort, dass etwas nicht stimmte. Die Nebenwirkungen hätten schon längst abgeklungen sein müssen."

Wochenlang war Millers Sehvermögen beeinträchtigt. Wenn sich Objekte bewegten, zogen sie kleine Lichtstreifen hinter sich her. Zuerst habe ihn das nicht groß gestört, berichtet er weiter. Schließlich war es noch ziemlich harmlos. Mit der Zeit machte er sich aber zunehmend Sorgen, weil die Spuren einfach nicht weggehen wollten. Das ist jetzt vier Jahre her und seitdem hat sich seine Sehstörung nur verschlimmert.

"Werde ich mit 30 Jahren blind sein? Werde ich bald keine dichtbefahrene Straße mehr überqueren können? Werde ich noch Auto fahren können? Solche Gedanken mache ich mir", sagt er.

"Es gibt kein Heilmittel für HPPD außer Mutter Natur."

Miller leidet unter der Hallucinogen Persisting Perception Disorder (HPPD), einer bislang noch kaum erforschten Störung. Betroffen sind davon ausschließlich Menschen, die halluzinogene Drogen konsumiert haben. Symptome können sein, dass man visuelle Effekte wahrnimmt – wie eine Art Heiligenschein um Objekte zum Beispiel. Oder man sieht Dinge an der Peripherie des Blickfelds, die nicht da sind. In manchen Fällen sehen Betroffene auch Nachbilder, also Phantombilder, wenn der ursprüngliche Lichtreiz abgeklungen ist.

Auch wenn die Störung nicht lebensbedrohlich ist, kann sie den Alltag stark beeinträchtigen und so irritierend sein, dass Betroffene psychische Probleme bekommen. Forscher gehen davon aus, dass Menschen mit HPPD leichter eine Depression entwickeln, die Wahrscheinlichkeit sei sogar um 50 Prozent erhöht. HPPD wird meistens mit LSD in Verbindung gebracht, kann aber auch durch andere Substanzen wie MDMA und Amphetamine ausgelöst werden.


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Bislang gibt es noch kein Heilmittel. Im besten Fall können die Symptome durch eine Kombination aus Medikamenten und Gesprächstherapie in den Griff bekommen werden. Die Störung kann Monate, Jahre oder sogar das ganze Leben andauern. In einer britischen Studie wird der Fall eines Mannes Ende 40 beschrieben, der seit über 25 Jahren unter HPPD leidet.

"Es gibt keine richtig gute Behandlungsmethode", sagt Henry Abraham, Psychiatrie-Dozent an der Tufts University, und einer der wenigen Wissenschaftler weltweit, die überhaupt zu HPPD forschen. "Wir haben alles Mögliche ausprobiert, wir haben Aufsätze veröffentlicht, aber es gibt kein Heilmittel für HPPD außer Mutter Natur."

Miller erzählt, dass er zu Beginn gar keine Hilfe gesucht habe. "Eine Zeit lang habe ich mich selbst behandelt und versucht, mich von dem Problem abzulenken", sagt er. "Ich habe es mit Stimulantien versucht. Jeder wird dir sagen, dass Abstinenz die beste Option ist, aber für manche Leute ist das leichter gesagt als getan."

"HPPD-Betroffene sollten unbedingt jeglichen Freizeitkonsum vermeiden."

Miller, der sich jetzt wegen seiner Sucht in Behandlung befindet, nimmt momentan Quetiapin, ein Antipsychotikum, um seine Symptome in Schach zu halten. Und es funktioniert. Zuvor hatte er bereits mit gewissem Erfolg Benzodiazepine genommen. Das psychoaktive Medikament wird HPPD-Patienten häufig verschrieben, aber birgt seine eigenen Risiken. "Benzos können relativ sicher genommen werden, solange die Person nicht Gefahr läuft, abhängig zu werden", so Abraham. "Es ist die erste Verteidigungslinie, aber kein Heilmittel." Abraham betont eindringlich, dass HPPD-Betroffene unbedingt jeglichen Freizeitkonsum vermeiden sollten – insbesondere den von Marihuana. Darüber hinaus habe seine Forschung ergeben, dass eine Achtsamkeitstherapie sehr dabei helfen kann, die Symptome zu lindern und mit dem Zustand klarzukommen.

Über HPPD wird so selten gesprochen, dass die meisten Ärzte noch nie davon gehört haben. Dabei wird die Störung sogar in den medizinischen Standardwerken ICD und DCM aufgeführt. "Es gilt als seltene Krankheit", erklärt Abraham. Weil mit der Therapie kaum Geld zu verdienen ist, ist das Interesse der Pharmaunternehmen äußerst gering – dementsprechend bekommen Wissenschaftler auch keine Fördergelder, um es zu erforschen.

Abraham schätzt, dass etwa vier Prozent aller Halluzinogenkonsumenten von HPPD betroffen sind. Da allerdings keine großflächigen Studien dazu durchgeführt wurden, gibt es keine konkreten Zahlen. Ein weiterer, besorgniserregender Aspekt der Störung sei außerdem, dass sie auch erst Jahre nach dem Drogenkonsum auftreten kann – also nicht wie bei Miller am nächsten Morgen.

"Wenn du in der Vergangenheit LSD genommen und kein HPPD entwickelt hast, dann hast du deswegen noch keinen Freifahrtschein", sagt Abraham. "Oft entwickeln Menschen dieses Syndrom nach einer durchzechten oder durchkifften Nacht." Das heißt: Wenn jemand jemals LSD oder andere Halluzinogene genommen hat, dann kann ein späteres Gelage das Fass zum Überlaufen bringen und HPPD auslösen.

"Betroffene zögern, über HPPD zu sprechen, weil ein Stigma damit verbunden ist."

Miller vermutete schon lange vor der offiziellen Diagnose, dass er HPPD hat. Zuerst ging er mit seinen Schlieren zu einem Augenarzt, aber der konnte nichts feststellen. Dann wurde er in einem Kernspintomografen durchleuchtet und von einem Spezialisten an der Schnittstelle zwischen Augenheilkunde und Neurologie untersucht. Laut Abraham ist Millers Weg zur Diagnose nicht ungewöhnlich. Er schätzt, dass Patienten durchschnittlich sechs Ärzte besuchen, bevor sie einen finden, der die Krankheit kennt.

Aus diesem Grund hat Miller eine Facebook-Gruppe für Menschen gegründet, die unter HPPD leiden oder vermuten, es zu haben. Die Mitglieder reden darin über ihre Erfahrungen und wie HPPD ihr Leben beeinflusst. Sie tauschen sich auch darüber aus, was ihnen geholfen hat.

"Jeder in der Facebook-Gruppe hat etwas, womit viele andere da draußen zu kämpfen haben", sagt Miller. "Ihre Probleme sind so groß, dass sie diese Gruppen aufsuchen, weil die Ärzte ihnen keine Antworten geben können."

Miller sagt, dass HPPD einen gleich doppelt trifft. Einerseits beeinträchtigt die Störung Betroffene im Alltag, andererseits würden Menschen kein Mitgefühl zeigen, weil die Erkrankung mit Drogenkonsum in Zusammenhang steht und die Patienten selbst für ihren Zustand verantwortlich gemacht werden. "Betroffene zögern, über HPPD zu sprechen, weil ein Stigma damit verbunden ist", sagt er. "Und jetzt habe ich eine ständige Erinnerung an etwas Dummes, das ich gemacht habe, als ich in der High School war."

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