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Bei meiner Depression waren Medikamente hilfreicher als eine Therapie

Du bist kein Versager, nur weil du deine Depression nicht allein mit der Kraft deines eigenen Geistes in den Griff bekommst.

von James Nolan
27 April 2015, 7:00am

Diese Woche schlug eine im Medizin-Journal The Lancet erschienene Studie große Wellen in den Medien. Darin wurde berichtet, dass eine neue achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie (bzw. MBCT – Mindfulness-Based Cognitive Therapy) genau so effektiv wie Antidepressiva dabei sein könnte, Betroffene vor einem Rückfall in eine schwere Depression zu bewahren. Die Studie zeigte, dass die Rückfallrate in beiden Versuchsgruppen—eine behandelt mit Medikamenten, die andere behandelt mit MBCT—ähnlich war: 47 Prozent bei der einen und 44 Prozent bei der anderen.

Das ist schon ziemlich beachtlich. Allein in den USA werden jedes Jahr über 10,5 Milliarden Euro für Antidepressiva ausgegeben und dementsprechend wäre die Aussicht darauf, Betroffene mit einer ebenso effektiven und dabei potenziell auch noch kostenfreien Methode zu behandeln, ein großer Segen für alle—bis auf die Giganten der Pharmaindustrie.

Als jemand, der schon mit beiden Methoden seine Erfahrungen gemacht hat, fand ich es ganz sinnvoll, hier ein paar Wörter dazu zu verlieren. Zuerst sollten wir aber klären, was mit Achtsamkeit eigentlich gemeint ist. Achtsamkeit ist eine Methode, mithilfe derer man sich seiner eigenen Gedanken bewusst wird und lernt, sich von diesen—wenn sie negativ sind—zu lösen, indem man sich in den Augenblick des Hier und Jetzt versetzt. Dabei soll man dann lernen, die „schlechten" Gedanken zu akzeptieren und sie in etwas anderes zu verwandeln. Das ist eine gängige Praxis fernöstlicher Philosophien wie dem Buddhismus, dessen Anhänger sich dann auf Aufgaben wie Putzen, Essen und—während der Meditation—tiefe Atmung konzentrieren. Menschen, die so etwas praktizieren, behaupten, dadurch viel ausgeglichener durchs Leben zu gehen.

Einen weiteren Weg zu mehr Ausgeglichenheit siehst du hier:

Dieser Ansatz wird heutzutage mit einer kognitiven Verhaltenstherapie kombiniert und aus dieser Verbindung wurde dann MBCT entwickelt—dabei werden Personen dazu ermutigt, sich ihren negativen Gedanken zu stellen, indem sie Dinge machen, die ihnen eigentlich zu wieder sind. Wie auch immer, das depressive Gehirn funktioniert nicht unbedingt logisch und derartige Gedankenspielchen sind nicht für jeden was. Allzu oft will man sich auch einfach nur ins Bett legen, um dort etwas Ruhe zu bekommen—und das ist auch vollkommen OK so.

Mit 21 habe ich zum ersten Mal Antidepressiva verschrieben bekommen—ein Jahr nach dem unerwarteten Tod meiner Mutter. Obwohl ich eigentlich mein ganzes Leben lang schon an Depressionen litt, hatte ich mich bis dahin geweigert, irgendwelche Mittelchen zu nehmen—das damit einhergehende Stigma hielt mich immer davon ab. Nach ihrem Tod brauchte ich allerdings etwas, das mir dabei half, mit all dem umzugehen—also begann ich damit, Achtsamkeit und Meditation zu erlernen.

Am Anfang funktionierte beides ganz gut, aber nach etwa einem Jahr gipfelte das alles bei mir in einem ausgewachsenen Nervenzusammenbruch. Ich hatte nicht nur das Gefühl, dass ich unbedingt Medikamente brauchte, sondern auch, dass mich die Achtsamkeit verschlossener gemacht hatte—sie erlaubte es mir, an bestimmte Sachen einfach nicht mehr zu denken und sie dementsprechend nicht zu verarbeiten. Die ständige Präsenz im Hier und Jetzt—die Sache, die mir meinen inneren Frieden bringen sollte—bescherte mir am Ende das genaue Gegenteil.

Versteht mich nicht falsch, Antidepressiva sind auch nicht immer die bequemste Lösung. Die Nebenwirkungen können dich extrem launisch machen und zu heftigen Kopfschmerzen führen, wenn man mal vergisst, eine Tablette zu nehmen. Sie können auch dafür sorgen, dass du beim Sex einfach ewig brauchst, was—auch wenn sich das erst mal großartig anhört—ziemlich schnell ziemlich frustrierend wird. Aber sie können eben auch unglaublich effektiv sein.

VIDEO: Ambien als Wundermittel für Hirnkranke

Antidepressiva lösen bestimmt nicht alle Probleme, aber sie geben einem etwas Raum zum Atmen und machen das Leben wieder lebbar. Sie ermöglichen uns neue Perspektiven, mithilfe derer man es auch schafft, ein paar Veränderungen durchzuführen. Die Achtsamkeitsmethode brachte mir hingegen eine verzerrte Sicht auf die Dinge: den unbegründeten Glauben, dass ich meine Krankheit mit einer Philosophie heilen könnte. Antidepressiva haben in den Augen vieler Menschen auch immer noch dieses Stigma: Im Bezug auf die geistige Gesundheit sind „Chemikalien" tabu—auch wenn wir sie klaglos in unserer täglichen Nahrung, unseren Getränken und unseren Kosmetikartikeln akzeptieren.

Dieser Widerspruch hat dazu geführt, dass sie von vielen von uns gemieden werden—aus Angst man könnte schwach erscheinen oder verfälscht werden. Auch ich gehörte zu diesen Leuten. Der Hoffnung, dass Depressionen genau so effektiv mit Achtsamkeit behandelt werden könnten, ist vielleicht auch einfach nur eine Hinweis auf unsere Weigerung, uns unsere Schwächen und unseren eigenen Kontrollverlust einzugestehen. Für manche Menschen sind Medikamente einfach eine tagtäglich Notwendigkeit, um wenigstens halbwegs normal zu funktionieren. Die Debatte um neurobiologische VS psychosoziale Ursachen in Bezug auf psychische Erkrankungen wird ohne Zweifel noch lange fortdauern, aber für diesen Moment gilt: Alles, was hilft, ist willkommen.

Wenn man bedenkt, dass Depressionen eine Vielzahl von Ursachen haben können, ist es nicht besonders wahrscheinlich, dass es bald eine bestimmte „Kur" oder Behandlung dafür geben wird. Wir müssen immer wieder für uns selbst herausfinden, was für am besten funktioniert. Bei mir hielt die Achtsamkeitsmethode meine Depression in Schach, sobald die Symptome auftraten. Medikamente hielten meine Depression aber so sehr in Schach, dass sie gar nicht mehr auftauchte. Das hat hier nichts mit Stolz oder Angeberei zu tun, aber da ich schon Beides ausprobiert habe, weiß ich einfach, welche von den beiden Methoden ich bevorzuge.

„Menschen mit Depressionen wollen ihre Leben genau so wenig verschwenden, wie alle anderen—wir wollen einfach das, was am besten und schnellsten funktioniert. Wir wollen die Sache, die uns die meisten Dinge tun lässt, ohne dass wir ständig den Pistolenlauf der Depression im Nacken verspüren."

Was die Studie angeht, liege ich vielleicht nicht ganz falsch, wenn ich vermute, dass die Ergebnisse nicht ganz neutral sind. Sie wurde implizit ja immerhin durchgeführt, um zu beweisen, dass MBCT effektiver als Antidepressiva sei. Dazu führte die Achtsamkeits-Gruppe „tägliche" Übungen durch. Da kann man sich natürlich fragen, ob sie genau so fleißig gewesen wären, wenn sie nicht bei der Studie mitgemacht hätten.

Die Effektivität jeder kognitiven Verhaltenstherapie hängt meiner Erfahrung nach stark von den Therapeuten und deren Willen ab, die Übungen auf die individuellen Bedürfnisse anzupassen. Wie oft habe ich schon eine Sitzung verlassen und mich gefühlt, als wäre ich einfach mit einem Haufen anderer Leute unter einen Hut gebracht worden. Mir wurden Dinge geraten, die auf den ersten Blick logisch erschienen, die ich aber so intensiv und regelmäßig praktizieren musste, dass der Stress dadurch manchmal schlimmer als meine eigentliche Krankheit war.

Als Kassenpatient können die Wartezeiten für eine kognitive Verhaltenstherapie auch gut und gerne ein paar Monate betragen—zu lange für jemanden, der schnelle Hilfe braucht. In einer perfekten Welt wäre eine Kombination aus guter MBCT und Antidepressiva wahrscheinlich der Königsweg. Menschen mit Depressionen wollen ihre Leben genau so wenig verschwenden, wie alle anderen—wir wollen einfach das, was am besten und schnellsten funktioniert. Wir wollen die Sache, die uns die meisten Dinge tun lässt, ohne dass wir ständig den Pistolenlauf der Depression im Nacken verspüren.

Antidepressiva sind keine Wunderdroge für jeden und wir wissen noch nicht mal genau, wie sie eigentlich funktionieren. Für mich aber, wie auch für viele andere, sind sie die Sache, die mit einem erfüllten Leben momentan am kompatibelsten sind. Ich rate hier aber auf keinen Fall dazu, Medikamente zu nehmen bevor nicht andere Methoden ausprobiert wurden—depressive Störung manifestieren sich bei jeder Person anders und dementsprechend anders reagieren Menschen auch auf die unterschiedlichsten Behandlungsformen. Ich mache mir aber schon Sorgen, dass diese neue Studie das Stigma der Antidepressiva weiter verstärkt. Warum? Weil man kein Versager ist, nur weil man seine Depression nicht allein mit der Kraft des eigenen Geistes besiegen kann.

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