Jugendliche aus dem Maghreb werden in Innsbruck in die Illegalität getrieben
Foto: Martin Hesketh | Flickr.com | CC BY 2.0

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Jugendliche aus dem Maghreb werden in Innsbruck in die Illegalität getrieben

„Selbst Hunde haben hier ein besseres Leben als wir", erzählen die jungen Flüchtlinge.
29.12.15

Das „Heilige Land Tirol" ist eine der am besten erschlossenen Tourismusregionen in Europa. Allein die Landeshauptstadt Innsbruck verzeichnet jedes Jahr weit mehr als eine Million touristische Nächtigungen. Mitten unter den zahlreichen TouristInnen existiert eine weitere Gruppe, die einen langen Weg hinter sich hat, aber unfreiwillig hier gelandet ist: Jugendliche und junge Erwachsene aus dem Maghreb.

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Die Gruppe umfasst zwischen 50 und 100 Personen und ist seit zirka zehn Jahren hier. Viele von ihnen leben prekär, auf der Straße in kleineren Gruppen und „Überlebens"-Zweckgemeinschaften organisiert. Sie haben in Innsbruck keinen Zugang zu sozialen Einrichtungen und sind nirgends gern gesehen.

Ohne Ausweispapiere und ohne Möglichkeit der legalen Geldbeschaffung sitzen sie als nicht abschiebbar in Innsbruck fest. Ihre Herkunftsländer wollen sie nicht zurücknehmen und stellen ihnen keine Heimreisezertifikate aus—gleichzeitig gibt es für sie in Innsbruck aber auch keine Perspektive auf ein „legales" Leben.

In der öffentlichen Wahrnehmung sind sie die „Marokkaner", was in Innsbruck mit Drogendealer gleichgesetzt wird. Für viele sind sie einfach ein „dreckiges Gesindel", das weggehört, egal wie. Tatsächlich kommen nicht alle von ihnen aus Marokko, sondern sind von überall aus dem Maghreb. Es gibt—wenn überhaupt—nur negative Berichterstattung.

Wenn es nach der FPÖ und dem lokalen Stadtsheriff Rudi Federspiel geht, sind sie für so ziemlich alles verantwortlich, was in Innsbruck nicht gut läuft—man denke an das Wahlplakat mit dem Kunstwort „Marokkanerdiebe" von August Penz. Die Polizei konnte in ihrem schon 10-jährigen Katz- und Mausspiel nichts an der sozialen Realität ändern, dass diese Menschen nun mal da sind—und sie werden wohl auch in Zukunft nichts an der Existenz dieser Gruppe ändern, solange es kein großflächiges Umdenken in der Migrationspolitik von Europa gibt.

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Selten werden die maghrebinischen Jugendlichen gefragt, wie sie selbst ihr Leben hier in den Bergen der selbsternannten Alpenmetropole sehen. Deshalb habe ich sie im Innsbrucker Begegnungsbogen getroffen—dem einzigen „legalen" Ort, den sie haben. Dort können sie sich ungestört treffen, gemeinsam kochen und bekommen sozialarbeiterische Unterstützung. Ich habe das Treffen mit einem Arabisch sprechenden Streetworker vereinbart.Als ich ankomme, sind kaum Leute hier. Einer der maghrebinischen Jugendlichen kocht, zwei sitzen auf der Couch. Sie grüßen mich freundlich und geben mir die Hand.

Der Streetworker und Dolmetscher ist nicht hier. Obwohl außer ihm niemand gewusst hat, dass ich komme, erregt es auch keine besondere Aufmerksamkeit, dass ich da bin. Wir stellen uns gegenseitig mit unseren Vornamen vor. Ich erzähle dem anderen Streetworker, dass ich verabredet bin. Er meint, er könne zwar kein Arabisch, dafür aber auf Italienisch und Französisch übersetzen. Viele der maghrebinischen Jungs sprechen mehrere Sprachen, die sie im Maghreb oder in anderen europäischen Ländern gelernt haben, bevor sie nach Österreich und Tirol kamen. Deutsch sprechen sie meist nur sehr gebrochen.

Zwei der Jungs erklären sich bereit, mit mir zu reden: Aziz, der fließend Italienisch spricht und Chalid, der fließend Französisch spricht. Aziz gibt sein Alter mit 18 an, Chalid mit 16. Beide sehen viel älter aus—und sind es vermutlich auch.

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Aziz, ein größerer Mann mit dunklen Locken, wirkt sehr müde, teilweise abwesend. Auf den ersten Blick würde man nichts Besonderes an seiner Erscheinung erkennen. Bei näherer Betrachtung sieht man aber, dass er wohl schon länger in seinen Klamotten herumläuft. Chalid ist viel kleiner, hat kurze dunkle Haare und einen sehr hellen Teint. Er fragt nach, was ich mache und ob ich Psychologie studiere. Ich erkläre ihm, wieso ich da bin. Er will die Fragen durchgehen, bevor er sich endgültig entscheidet, das Gespräch mit mir zu machen.

Nachdem wir die Fragen gemeinsam durch besprochen haben, gibt er mir sein OK. Währenddessen setzt sich noch ein weiterer maghrebinischer Junge dazu. Er stellt sich nicht vor, reicht mir aber eine Tasse frischen Pfefferminztee. Chalid fängt an, zu erzählen, dass er aus Algerien kommt. Aziz stammt aus der Westsahara und zeigt mir auf einer Karte sehr genau, woher.

Chalid ist seit Ende 2010 in Europa. Aziz gibt vier bis fünf Jahre an. Aziz kam mit den Pateras nach Spanien. So werden die Fischerboote genannt, in denen die Fliehenden von Marokko aus die Meerenge nach Europa überqueren. Von dort aus gelangte er in einem LKW nach Deutschland. Seit dem Frühjahr 2015 ist er nun in Innsbruck. Chalid ist von der Türkei nach Griechenland und über die in den letzten Monaten besonders bekannt gewordene Balkanroute nach Österreich gekommen.

Ungefähr vor sieben Monaten hat er Innsbruck erreicht. Auf meine Frage, was das erste ist, das ihnen zu Österreich einfällt, fängt Aziz an, von Demokratie zu reden. Er war auf der Suche nach einem demokratischen Land und besseren Lebensverhältnissen. Das hat er bis jetzt nicht in Europa gefunden—sein Leben als Straßendealer ist nicht das, was er suchte.

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Viele der maghrebinischen Jugendlichen in Innsbruck sind in keinem regulären Asylverfahren. So auch Aziz. Er war zwar im Erstaufnahmezentrum in Traiskirchen, doch laut seinen Erzählungen hatte er dort Probleme mit anderen Flüchtlingen. Er wurde von einer Gruppe zusammengeschlagen—was genau vorgefallen ist, will er nicht im Detail erzählen.

Auf einmal kramt er einen Zettel aus seiner Geldtasche und zeigt mir eine Vorladung des Gerichts zu diesem Vorfall. Ich nicke, um zu bestätigen, dass ich ihm glaube. Ich frage Chalid, was ihm zu Österreich einfällt. Auch für ihn war es die Hoffnung auf ein besseres Leben. Doch es ist viel schlechter als sein altes. Überall wo sie hingehen, werden sie wie „Aussätzige" behandelt, erzählt er.

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Aziz betont, dass er jeden legalen Job machen würde, wenn er denn könnte. „Ich bin total unglücklich mit meinem Leben hier, aber ich kann auch nicht mehr zurück in die Westsahara", sagt er. Seine Eltern wohnen dort nicht mehr. Sie sind in Algerien, er hat sie seit 10 Jahren weder gesehen, noch etwas von ihnen gehört.

Aziz und Chalid müssen viel trinken und kiffen, um die Kälte auszuhalten und in der Nacht ein wenig schlafen zu können. Doch selbst in der Nacht ist die Polizei hinter ihnen her.

Als mein Glas mit frischem Pfefferminztee fertig ist, schenken sie mir sofort nach. Auf meine Fragen wie es ihnen in Innsbruck geht, fängt Aziz sofort an, von der Polizei reden. Egal wo er hingeht, überall ist klar, dass die „Marokkaner" Drogendealer sind. Chalid betont, dass viele andere Gruppen in den Drogenhandel involviert sind, von denen manche sogar richtig viel Geld machen würden, aber das sieht angeblich keiner.

„Wir sind halt viel sichtbarer als andere Gruppen", meint Chalid. Für Aziz ist der Rassismus, den er hier erfährt, sehr auffällig. Nirgendwo anders hat er zuvor so viel Rassismus erlebt wie in Österreich, erzählt er. In ihrer prekären Lebenslage gibt es auch keine Orte in Innsbruck, an die sie sich zurückziehen können.

„Nur wenn wir es schaffen, zu schlafen, haben wir etwas Ruhe", so Aziz. Sie müssen viel trinken und kiffen, um die Kälte auszuhalten, damit sie in der Nacht ein wenig schlafen können. Doch selbst in der Nacht ist die Polizei hinter ihnen her. So kommt es schon mal vor, dass ihre Zelte zerstört werden.

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Inzwischen sind weitere zwei Jungs dazugekommen. Sie gesellen sich dazu und machen immer wieder Bemerkungen und bringen eigene Erlebnisse ein. Wenn sie tagsüber unterwegs sind, bekommen sie ständig Strafen von der Polizei. Wenn er im Rapoldipark (Stadtpark in Innsbruck) unterwegs ist und dort herum spaziert, bekommt er von der Polizei eine Strafe von 300 Euro, erzählt er.

Er sieht mich an und sagt: „Warum?" Ein kurze Stille und dann ein Lächeln. Aziz fragt mich, ob „sie" damit Recht hätten. Er meint die Polizei. „Sie sollte nicht nur Marokkaner suchen, sondern jene Menschen, die auch böse Sachen machen", so Aziz. „Wenn ein einzelner Fisch stinkt, muss man nicht die ganze Kiste leeren."

Chalid hört sehr genau zu, was Aziz sagt, aber er versteht kaum Italienisch und fragt immer wieder auf Arabisch nach, was der andere geantwortet hat. Aziz spricht die meiste Zeit und ist sehr dominant, während Chalid sehr genau überlegt, bevor er redet.

Als ich Chalid frage, wie es ihm in Innsbruck geht, überrascht er mich mit seiner Antwort: „Ich habe keine Probleme mit der Polizei, aber was mich wirklich stört ist, wenn ich auf der Straße unterwegs bin und merke, dass einige Menschen von mir Angst haben. Das stört mich schon."

Er weiß: Ohne die Sprache zu können, kann er sich nicht mit den Menschen unterhalten und das fördert nicht unbedingt das Vertrauen. Dessen ist sich auch Aziz bewusst. Er würde sich wünschen, Deutsch zu lernen: „Aber wie soll das gehen, wenn du auf der Straße lebst und nur eine Stunde in der Woche einen Ort, wie den Begegnungsbogen hast? So kann man keine Sprache lernen."

„Selbst Hunde haben hier ein besseres Leben als wir."

Chalid fügt noch hinzu: „Es klingt vielleicht skurril, aber mir gefallen die Berge hier besonders gut. Auch einige Menschen sind nett zu mir." Als ich Chalid frage, ob ihn hier etwas an seine Heimat erinnert meint er: „Wenn das so wäre, würde ich von hier abhauen!" Aziz erzählt von der Situation in der Westsahara und von Marokko. Dort gebe es auch unglaublich viele Migration aus den Nachbarstaaten.

Als die anderen ins Gespräch einsteigen, erzählen sie von ihren Heimatländern und vergleichen sie mit ihrer aktuellen Situation in Innsbruck. Zuhause hätten sie eine Ausbildung gemacht, sagen sie. Aziz war Maurer, Chalid arbeitete als Schreiner. „Wir leben auf der Straße, aber wir hätten eine Ausbildung, die wir anbieten könnten." Sie betonen, dass sie Hilfe wollen, in die Schule gehen und arbeiten möchten. Doch sie wissen auch, dass das nicht passieren wird. Aziz findet, dass die Maghrebiner besonders diskriminiert werden. In seinen Augen haben alle anderen Flüchtlinge mehr Rechte als sie.

Im Marokko der 1990er-Jahre gab es lange Zeit ein sehr erfolgreiches Varieté-Programm: „Ja racjach wain musafer?" („Oh Reisender, wohin führt dich dein Weg?"). Das war eine Hommage an die Nordafrikaner_innen im Exil und deren Träume, die sie in Europa verwirklichen wollten. Die Träume der meisten Maghrebiner in Innsbruck sind schon lange der eiskalten Realität von Illegalität und dem Kampf ums tägliche Überleben gewichen. Aziz fasst es so zusammen: „Selbst Hunde haben hier ein besseres Leben als wir."