Film

„Ich weiß, was Rausch bedeutet“ – Moritz Bleibtreu im Interview

In seinem neuen Film geht es um dramatisch schieflaufende Drogentrips, privat macht er sich lieber Gedanken über Pegida und Facebook. Wir haben mit einem der letzten Unangepassten des deutschen Kinos gesprochen.

von Lisa Ludwig
08 Januar 2016, 9:32am
In spielt Moritz Bleibtreu erneut seine Paraderolle. Die eines aus der Norm ausbrechenden Mannes, der—in diesem Fall—durch halluzinogene Pilze mit den Abgründen seiner Seele in Berührung kommt. Ein guter Anlass, um sich mit dem 44-Jährigen zusammenzusetzen, der Zeit seiner Karriere vor allem eines nicht sein wollte: angepasst. Herausgekommen ist dabei ein Gespräch über die Schwierigkeit, Drogentrips nachzuspielen, die ideale Schulsportart für Einzelgänger und warum es ohne Facebook . Ganz nebenbei wurde dabei auch eine der größten Fragen der Menschheit geklärt: Hund oder Katze?Die dunkle Seite des Mondeskein Pegida gegeben hätte

VICE: Ich habe Die dunkle Seite des Mondes damals als Teenager gelesen und es war für mich der ausschlaggebende Punkt dafür, dass ich seitdem unfassbare Angst vor halluzinogenen Drogen habe.
Moritz Bleibtreu: Ich kannte das Buch vorher auch. Ich glaube, ich habe das damals ein Jahr, nachdem es rausgekommen ist, gelesen und es geht mir da genau so wie dir: Ich habe auch sehr großen Respekt vor jeder Form von halluzinogenen Drogen. Ich würde das auch nicht machen. Ich habe einmal in meinem Leben Pilze genommen. Da war ich noch sehr jung und es war auch nur sehr wenig. Es war lustig, aber ich möchte es gar nicht wiederholen. Das gehört für mich zu den Dingen im Leben, die existieren und die man nicht unbedingt ausprobieren muss.

Hilft es einem, eine Person in so einer Rauschsituation darzustellen, wenn man eine ungefähre Vorstellung davon hat, was in so einem Moment in einem passiert?
Das ist ja genau der Punkt: Ich habe keine ungefähre Vorstellung davon. Was ich damals mit den Pilzen erlebt habe, ist eigentlich mit einer frühen Kiffer-Erfahrung zu vergleichen. Sehr viel Lachen, aber es gab nichts von dem, was man einer halluzinogenen Droge eigentlich zuschreibt. Verschiedene Formen von visueller Veränderung und so, das gab es alles überhaupt nicht. Das war mir also völlig neu. Aber ich habe viel Castaneda und andere Literatur gelesen, die sich damit befasst. Insofern ist das so ein Teilbereich—wie bei vielen Dingen in der Schauspielerei-, wo du wirklich auf deine Fantasie angewiesen bist. Eine Innenwelt, das, was in einem intern wirklich passiert, mimisch und gestisch darzustellen, ist sowieso sehr reglementiert. Mit Ausnahme von bestimmten Drogen, die ganz „klassische" Symptome haben. Alkohol zum Beispiel, wo das Sprachzentrum irgendwann in Mitleidenschaft gerät, oder bestimmte koordinative Fähigkeiten, die du nicht mehr auf die Reihe kriegst ... Das ist auch für einen Schauspieler viel einfacher, weil es dabei eine Identifikationsfläche für fast jeden gibt. Viele Menschen waren schon mal betrunken.

Beim Kiffen ist das schon anders und bei halluzinogenen Drogen ist es wieder ganz anders. Es geht auch gar nicht darum, was ich empfinde oder wo ich mir das herhole. Es geht einzig und alleine darum, was der Zuschauer empfindet. Deswegen glaube ich zum Beispiel auch nicht an Method Acting. Wenn man den Gedanken nämlich ganz durchdenken würde, würde das fast schon heißen: Gut, ich nehme jetzt mal einen Trip, um den Erfahrungshaushalt zu haben, aus dem ich dann schöpfen kann, wenn ich spiele. Wo soll man denn dann die Grenze ziehen? Wenn ich einen Mörder spiele, was machen wir dann? [Lacht] Genau darum geht es ja in der Schauspielerei und das macht auch den Reiz aus: Dass man versucht, Dinge wahrheitsgemäß auszudrücken, die man nicht erlebt hat. Wenn du eine Figur spielst, die dir sehr fremd ist, in ihrem sozialen Gefüge und allem, und dann jemand, der das im echten Leben macht, ankommt und sagt „Spot on!"—das ist eigentlich das größte Kompliment, das du bekommen kannst. Alles, was es braucht, ist eine emotionale Identifikationsfläche, und ich weiß, was Rausch bedeutet, ich weiß, was Wut bedeutet. Diese Sachen, die meine Figur durchmacht, sind mir nicht fremd.

Alle Fotos: Grey Hutton

Hasst du Katzen?
Nein, ich liebe Katzen! Ich mag Katzen voll gerne. Ich bin voll der Katzenmensch.

Ich konnte mich nämlich mit der Szene im Film, in der du eine erwürgst, sehr identifizieren.
Echt? Man sagt ja auch so: Entweder Hund oder Katze. Ich mag eigentlich beides sehr gerne, aber wenn ich mich entscheiden müsste, wäre ich eher ein Katzenmensch. Ich mag die Eigensinnigkeit, die die haben. Ich mag die Tatsache, dass sie nicht hörig sind wie Hunde, dass die so ihr Ding machen. Man sagt ja immer „Hunde sind so intelligent". Das sagt man aber nur, weil sie das tun, was wir von ihnen wollen. Ein Hund ist eigentlich ein gänzlich dummes Tier, weil wenn du ein Tier schlägst und misshandelst und es trotzdem, weil du es fütterst, wieder bei dir ankommt, spricht das nicht wirklich für die Intelligenz des Tieres. Eher für sein Rudelverhalten und seine Unterwürfigkeit. Das hat aber mit Intelligenz erst mal nicht so wahnsinnig viel zu tun. Ich finde die Katze intelligenter. Wenn du eine Katze schlägst, kommt die nie wieder zu dir.

„Die Leute lügen, um sich zu schützen. Das mache ich nicht"—Interview mit Charlotte Roche.

Man hat als Mensch natürlich eine ganz andere Definition von Intelligenz, und Rudeltiere verhalten sich komplett anders als Tiere, die Einzelgänger sind. Selbst unter Herdentieren gibt es ja auch unterschiedlich hohe gemessene Intelligenz.
Ganz genau, deswegen machen mir Gruppen an sich auch Angst. Jede Form von Gruppe, die sich auf die Fahne schreibt, eine Gruppe zu sein, finde ich irgendwie schon mal suspekt. Mag ich nicht. Ich mag keine Uniformierung, ich mag keine eindeutige Gruppenzugehörigkeit, die dann unter Umständen ausschließt, was andere Leute denken oder empfinden. Das finde ich alles mist. Ich mag den Individualismus und ich fände es toll, wenn jeder Mensch ein Unikat wäre und sich alle deswegen gegenseitig lieben und respektieren, weil sie Unikate sind, und nicht, weil sie zu einer scheiß Gruppe gehören.

Du wirst es nie erleben, dass du fünf Menschen an einen Tisch setzt, die sich bei allen Diskussionspunkten, oder bei allen Dingen, die es auf der Welt gibt, immer einig sind. Das funktioniert wahrscheinlich noch nicht mal bei zwei Menschen, geschweige denn bei Tausenden. Immer wenn man sich hinter der Ideologie einer Gruppe versteckt, verschwindet die Individualität. Und die Individualität ist unter Umständen viel komplexer als das, wofür diese Gruppe steht. Das ist gefährlich, weil man damit Gefahr läuft, nicht mehr zu differenzieren und Leute nicht mehr als Individuen wahrzunehmen. Was sie sind, hoffentlich. Deswegen macht mir jede Form von Ideologie Angst, die das Individuum verschwinden lässt.

Ist das eine Einstellung, die sich bei dir über die Jahre hinauskristallisiert hat, oder ...
Nö, so war ich schon immer! Ich fand Gruppen schon immer scheiße. Ich war zum Beispiel auch immer ein Einzelsportler.

Nie bei Völkerball mitgespielt?
Völkerball mochte ich noch ganz gerne. Eigentlich ist es ein lustiges Beispiel, dass du gerade Völkerball nimmst, weil Völkerball ja tatsächlich eine der Teamsportarten ist, wo es auch ganz massiv um Individualität geht. Wenn du am Ende der Einzige bist, weißt du? Das war eine der Sportarten, die ich ziemlich gut konnte, weil ich immer Kampfsport gemacht habe. Deswegen konnte ich sehr gut springen und war sehr schnell, sehr flink. Teamsportarten an sich waren aber nie mein Ding. Ich war immer lieber jemand, der alleine da steht und den Sport alleine macht. Ich weiß auch nicht, warum.

Kommt einem der Job als Schauspieler, der oft sehr exzentrische und eigene Rollen spielt, da entgegen? Dass man sich nicht so wirklich danach richten muss, was andere für „angemessen" halten?
Wenn man die Schauspielerei jetzt so betrachtet, wie das viele junge Kollegen heute tun—wo es um Ruhm, den Bekanntheitsgrad und diesen ganzen Kram geht—, dann ist man wahrscheinlich besser damit beraten, möglichst konform mit dem zu gehen, was die Allgemeinheit will. Der Mainstream ist ja auch eine Allgemeinheit, eine Gruppe, die bestimmte Vorstellungen von einer idealen Geschichte oder was auch immer hat. Ich war immer jemand, der instinktiv gegen den Strom geschwommen ist. Nicht bewusst im Sinne von Provozieren.

Provokation ist für mich ein Mittel, das ich künstlerisch absolut uninteressant finde. Das kann nämlich jeder, das ist ganz einfach. Aber es ist trotzdem wichtig, dass das, was man künstlerisch macht, egal was, eine Eigenständigkeit hat. Gerade bei Schauspielern ist das natürlich nicht so einfach, weil du Teil von einem großen Ganzen bist. Du bist ja nicht dafür verantwortlich, wie dieser Film am Ende wird. Du hast nur deinen Teilbereich, den du ausfüllen kannst. Deswegen ist es karriereplanungsmäßig wahrscheinlich gar nicht so zuträglich, wenn man eine differenzierte, individuelle Meinung hat.

Das heißt: Du biederst dich nicht unter irgendwelchen Hashtags auf Instagram bei deinen Fans an, damit die das Gefühl haben, dir besonders nahe zu sein?
Ich habe Social Media und mache das auch. Ich habe einen Instagram-Account, ich habe Facebook, ich hab Twitter. Aber ich begreife das als ein Spiel, weißt du? Für mich ist das nicht echt. Wenn mich jemand in sozialen Netzwerken beleidigt, dann versuche ich, das nicht ernstzunehmen. Das ist gar nicht so einfach. Nachrichten berichten heute zu 50 Prozent aus sozialen Medien, wo man denkt: Das kann nicht sein. Wo ist eure journalistische Ehre? Eure Hingabe an euren Beruf? Wir nehmen das gerade zu ernst. Ich habe für mich irgendwann die Entscheidung getroffen und gesagt: Das ist alles nicht echt. Das sind für mich Avatare. Ich finde das super und ich freue mich über jeden Like, aber ich nehme es nicht ernst. Weißt du, was ich meine? Es ist nicht echt. Wenn du morgen den Stecker rausziehst, ist mir das völlig egal. Das ändert an meinem Leben nichts, es wird mir nichts fehlen. Scheiß drauf.

Wenn du dich umguckst und siehst, wie viele von den Konflikten, die uns begegnen, einfach daraus resultieren, dass einer irgendetwas sagt, von dem der andere sich dann berufen fühlt, darauf zu kommentieren, was dann wieder kommentiert wird—auf einmal hast du einen Konflikt, der so im echten Leben nie entstanden wäre. Weil uns unsere natürliche Empathie, die die meisten von uns zum Glück noch haben, sogar einige Arschlöcher haben die noch, davor bewahren würde, so miteinander umzugehen, wie wir das im Internet tun. Der große Denkfehler, der da gemacht wird, ist zu sagen, dass die sozialen Medien ein Kommunikationsmittel sind. Das stimmt nicht. Die sozialen Medien sind ein Publikationsmittel, das ist etwas völlig anderes. Kommunikation machen wir jetzt gerade. Alles, was wir sagen, machen wir abhängig davon, wo wir jetzt gerade sitzen. Vielleicht würden wir ganz anders miteinander sprechen, wenn der Fotograf nicht da wäre. Wenn wir in einer Bar sitzen würden, würden wir ganz anders miteinander sprechen. Verstehst du? Was sind wir jetzt? Fake? Nein, wir sind schlau. Wir passen uns an eine Situation an, aufgrund von gesellschaftlichen Regeln, die wichtig sind. Wenn die wegfallen, ist das keine Kommunikation, sondern eine Publikation. Und das ist das, was die meisten Leute nicht schnallen.

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Ich bin da total bei dir, aber ich glaube, dass es manche Fälle gibt, wo es für die Leute doch auch ein Sprachrohr ist. Und wenn wir darüber reden, dass im Kopf sehr viel passiert und es schon im Film schwierig ist, das nach außen zu tragen, dann gibt es viele Leute, die tatsächlich aus gesellschaftlichen Mechanismen heraus Sachen nicht offen sagen würden, die aber im Internet kommunizieren. Wenn das Internet eine Möglichkeit ist zu sehen, was Leute, die in Dresden auf die Straße gehen und „Ausländer raus!" brüllen, wirklich denken und was die an Hass in sich tragen, dann finde ich das gut. Weil man sie so besser im Auge behalten kann.
Das ist ein Denkfehler. Weil die Tatsache, dass du das zulässt, das Verhalten im echten Leben multipliziert. Es ist genau anders rum. Deswegen sind auch so viele Leute bei Pegida, die damit eigentlich gar nichts am Hut haben. Du wirst dazu aufgefordert. Die sozialen Medien haben den Menschen, die normalerweise nie gehört wurden, eins gegeben, was sie nie hatten: und das ist eine Meinung. Eine öffentliche Meinung und diese Meinung tun sie kund. Erst in den sozialen Medien und dann, wenn sie das Gefühl haben, dass andere diese Meinung teilen, auch wenn die Schnittmenge noch so gering ist, gehen sie auf die Straße. Und jetzt hast du ein Problem, weil das wäre alles nicht passiert, wenn es diese sozialen Medien nicht geben würde.

Natürlich ist das irgendwo auch die Frage, was zuerst da ist: Die Henne oder das Ei? Aber guck mal: Wir leben in einer parlamentarischen Demokratie. Du kannst so viel gegen Einwanderer haben, wie du willst. Das ist nicht meine Meinung, ich teile sie nicht. Aber solange du diese Meinung nicht insofern artikulierst, als dass du dann gesellschaftlich ein Problem darstellst—wieso solltest du diese Meinung nicht haben? Ich gestehe dir diese Meinung zu. Wenn man aber eine Möglichkeit bekommt, diese Meinung zu artikulieren, dann verselbstständigt sich das. In der momentanen Situation fragen sich Leute, was man gegen so was machen kann. Ich glaube, als allererstes: Stellt euer Facebook ab.

Ein schönes Schlusswort.

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