Logo einer rechtsextremen Band und Screenshot aus Telegram
Foto: Joachim Sielski | Screenshot: Telegram | Collage: VICE
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So hemmungslos verbreiten Neonazis rechtsextreme Musik auf Telegram

Brachiale Menschenverachtung, 1.353 Audio-Files, 57 öffentliche Channels und Gruppen: Telegram ist ein Marktplatz für rechtsextreme Musik geworden.
21 Februar 2020, 4:30am

Wer bei Facebook ein Hakenkreuz postet, bekommt Ärger. Wer bei Telegram ein Hakenkreuz postet, dem passiert erst einmal nichts. Wenn Neonazis keinen Bock auf Stress haben, gehen sie also zu Telegram.

Mindestens 57 Gruppen und Channels von rechtsextremen Bands lassen sich in der Chat-App finden. Hier machen sie, was sie auf vielen Plattformen sonst nicht mehr dürfen: Sie teilen verbotene Musik, informieren über Konzerte, verkaufen CDs und T-Shirts.

Telegram, von vielen als WhatsApp-Alternative mit drolligen Bots und Sticker-Paketen gefeiert, hat sich zu einer der wichtigsten Plattformen für Rechtsextreme entwickelt. Im April 2018 empfahl die US-Neonazi-Website Daily Stormer ihren Lesern, dorthin zu wechseln. Seitdem nutzen immer mehr Gruppen der extremen Rechten die App.

Telegram ist für seine extrem liberale Auslegung von freier Rede bekannt und toleriert Extremismus viel eher als andere Plattformen wie Facebook, Instagram oder Discord. Die App ist eine Mischung aus Messenger und Sozialem Netzwerk. Nutzerinnen und Nutzer können sich relativ anonym in Gruppen und Channels vernetzen.

Damit ist Telegram auch das ideale Werkzeug für Neonazis, um menschenverachtende Ideologien zu verbreiten und Nachwuchs zu rekrutieren. Alben mit extrem rassistischen, volksverhetzenden oder antidemokratischen Inhalten werden von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert – ihre Verbreitung ist verboten. Auf Telegram sind sie trotzdem zu finden.

Mindestens zehn Prozent der einflussreichsten rechtsextremen Bands sind auf Telegram

VICE hat überprüft, wie viele der in Deutschland wichtigsten 368 rechtsextremen Bands sich dort ohne Probleme finden lassen. Als Grundlage diente eine Liste rechtsextremer Musikerinnen und Musiker des Online-Portals Belltower News der Amadeu Antonio Stiftung.

Die Channels und Gruppen wurden im Februar 2020 gesucht | Alle Grafiken: VICE

Für unseren Test haben wir die Namen der 368 Bands in die Suchmaske von Telegram eingegeben: Zehn Prozent waren mit eigenen Channels oder Gruppen vertreten. Durch gepostete Links innerhalb der Channels und Gruppen konnten wir weitere Telegram-Gruppen finden, teilweise von dazugehörigen Musik-Labels. Insgesamt haben wir dadurch 57 Telegram-Channels und Gruppen über rechtsextreme Musik aufgespürt. Die Mitgliederzahlen variieren stark: Die kleinste zählt 13, die größte 8.669 Mitglieder. Sie gehört zum Rapper Chris Ares.

2019 wurden so viele rechtsextreme Telegram-Gruppen gegründet wie nie zuvor

Die Gruppen und Channels verstecken nichts. Um die Inhalte zu hören und zu sehen, müssen wir nicht beitreten. Wir sehen das Foto von Erich Priebke, einem verurteilten SS-Kommandeur und Kriegsverbrecher. Wir sehen Hunderte rechtsextreme Songs wie etwa "N-Wort" von Landser, in dem es heißt, Schwarze Menschen müssten bald "um ihr Leben rennen". Offen sichtbar sind auch Hakenkreuze, SS-Runen, Schwarze Sonnen und das brennende Feuerkreuz – das Symbol des Ku-Klux-Klans.

Die große Mehrheit der Gruppen wurde im Jahr 2019 gegründet. Dahinter steht eine breite Bewegung von Rechtsextremen in Richtung Telegram. Auf Anfrage von VICE teilt das BKA mit, dass Rechtsextreme in den vergangenen Monaten zunehmend Telegram nutzen. Aktuelle Forschungen etwa der Bosch-Stiftung und der Amadeu Antonio Stiftung bestätigen die wichtige Rolle von Telegram für Rechtsextreme. Das liegt gewiss auch daran, dass Facebook und Instagram seit 2018 deutlich strenger gegen rechtsextreme, nationalistische oder rassistische Inhalte vorgehen. Der Leiter der Identitären Bewegung Österreich, Martin Sellner, wirbt seit Monaten für den Wechsel zu Telegram. Im Mai 2018 sind viele Kanäle der Identitären Bewegung von Facebook und Instagram geflogen.

Stand: Februar 2020 – gut möglich, dass die Säule für das laufende Jahr weiter wächst

Auch die Betreiber des Telegram-Channels der Band "Fight Tonight" schreiben in ihrem ersten Beitrag, dass ihnen das "ganze Gemache bei Facebook ziemlich auf den Sack geht". Der Betreiber des Channels zur Band "Sturmwehr" schreibt, dass er auf Facebook gesperrt sei. Er nennt es "30 Tage Gesinnungshaft".

Links, Bilder, mp3s: Das teilen rechtsextreme Bands auf Telegram

Wir haben ausgewertet, welche Inhalte in den 57 Gruppen und Channels geteilt werden. Die meisten davon waren Links, etwa auf rechtsextreme Blogs und Online-Shops für T-Shirts und CDs. Auch rechtspopulistische News-Artikel wurden geteilt, etwa zum Verbot der Neonazi-Gruppe Combat 18 oder zu Polizeieinsätzen gegen Rechtsextreme.

Einige der insgesamt 6.605 geteilten Links führten zu Download-Seiten mit noch mehr Musik

Insgesamt wurden auch 4.884 Bilder und Videos geteilt, häufig CD-Cover und Festivalplakate. Die Rechtsextremen sind dabei vorsichtig genug, keine Symbole verfassungswidriger Organisationen zu zeigen. Beliebte Motive sind Totenköpfe, dunkle Reiter, Flammen. Die geteilten Videos sind häufig verwackelte Konzertmitschnitte oder Infos über abgesagte Events.

Hinter den meisten der 1.353 Audiodateien steckte rechtsextreme Musik, darunter viele indizierte Titel. In 21 Channels und Gruppen wurde Musik der jeweiligen Band geteilt, davon teilten mindestens zwölf Gruppen auch Lieder, die auf dem Index stehen – deren Verbreitung also verboten ist. Auf Spotify und YouTube würden diese Titel sofort gelöscht werden, wenn sie jemand meldet. Telegram dagegen ist ein Marktplatz für rechtsextreme Musik geworden.

In mindestens 12 Telegram-Channels und Gruppen kursieren indizierte Lieder

Gelb und rot markiert sind nur Gruppen und Channels, die direkt auf Telegram Audio-Dateien mit rechtsextremer Musik teilen

Indizierte Titel gibt es unter anderem auf den Telegram-Channels zu der Band "Stahlgewitter". Die Musiker Frank Krämer und Daniel "Gigi" Giese spielten häufig auf Konzerten der heute verbotenen Organisation "Blood & Honour". 2003 durchsuchte die Polizei sieben Wohnungen der Bandmitglieder wegen des Verdachts der Volksverhetzung auf dem Album Politischer Soldat. In ihrem Song "Pervers und Abnormal" ruft die Band dazu auf, homosexuelle Paare zu "kastrieren", auch dieser Titel ist auf Telegram zu hören.

Die Gruppe Landser war wohl eine der bekanntesten Neonazi-Bands Deutschland – bis sie 2008 vom Kammergericht Berlin als "kriminelle Vereinigung" eingestuft und ihre Mitglieder zu Haft- und Bewährungsstrafen verurteilt wurden. Sie hätten in ihren Liedern Menschen vieler Nationen in ihrer Menschenwürde herabgesetzt und ihnen das Lebensrecht abgesprochen, heißt es in der Begründung. Ihr Song "Ran an den Feind", auch auf Telegram zu finden, ist klar antisemitisch. Gesungen wird: "Bomben auf Israel”.

Musik lockt Menschen in die rechtsextreme Szene

Miro Dittrich forscht für die Amadeu Antonio Stiftung zu Rechtsextremen und Rechtspopulisten im Netz. Er sagt: "In den Telegram-Gruppen und -Channels wird rechtsextreme Musik vermarktet, weil den Rechtsextremen eine legale Vermarktung nicht möglich ist. Auch Konzerte werden dort klandestin organisiert. Wenn man das Konzert öffentlich bekannt gibt, würde es verboten werden oder die Antifa steht vor der Tür."

Musik spiele eine wichtige Rolle dabei, Menschen in die rechtsextreme Szene zu locken. "Musik schafft Identität", sagt Dittrich. Sie könne Menschen an rechtsextreme Ideologien heranführen und auch dort halten. Starke Identifikation mit der Musik könne dazu führen, dass sich für die Anhängerinnen und Anhänger eine alternative Realität herausbildet – eine Realität, in der Merkel eine Kommunistin sei und islamistische Horden das Land überfielen. "Für diese Menschen entwickelt sich dann ein Handlungsdruck, der sich zum Beispiel in Stimmen für rechtsextreme Parteien äußert", sagt Dittrich, "oder in Gewalttaten."

Viele rechtsextreme Musiker gehen inzwischen vorsichtiger vor. Kein Song von Rapper Chris Ares ist indiziert, obwohl er dieselbe Ideologie propagiert wie alte Rechtsrocker: "Aufrecht stehen. Absolut. Gerade gehen. Deutsches Blut. Patrioten, die sich wehren."

Nutzer teilen Hakenkreuze und das Kennzeichen der SS

Die rechtsextreme Szene ist eng miteinander verwoben, das zeigt die Werbung für den "Revolutionären Kongress" in diesem Frühjahr, die in mindestens drei der 57 Gruppen zu finden ist. Hier wollen sich nicht nur rechtsextreme Musiker treffen, sondern offenbar auch Mitglieder von Parteien wie NPD, Die Rechte oder III. Weg, wie das Portal Blick nach rechts berichtet .

In mindestens vier Gruppen wurden Symbole verfassungswidriger Organisationen gezeigt. Hakenkreuze oder die doppelte Siegrune, das Erkennungszeichen der SS, sind in geteilten Bildern zu sehen.

Auch die Schwarze Sonne, die Lebensrune oder der Lebensbaum wurden von den Nationalsozialisten verwendet. Trotzdem ist ihr Gebrauch nur in bestimmten Kontexten illegal. Die Lebensrune war das Kennzeichen der SA – doch man findet sie auch auf Geburts- oder Sterbeanzeigen. So ist ihre Verwendung nach einem Urteil des bayerischen Oberlandesgerichts nur verboten, wenn ein sie auf einen "unbefangenen Dritten" den Eindruck erwecken könne, es handele sich um das Zeichen einer verfassungswidrigen Organisation.

"Für NSU-Unterstützer wurde auf Rechtsrock-Konzerten Geld gesammelt"

Rechtsextreme Musik hilft der rechtsextremen Szene auch finanziell. Einnahmen aus Konzerten und Merchandise fließen oft zurück in die Szene, wie Dittrich erklärt. "Unter Rechtsextremen gibt es Streit, wenn jemand die ganze Kohle für sich behält." Finanziert würden auch Anwälte, Propagandamittel und Versammlungsorte.

Durch das Geld lässt sich eine Linie von rechtsextremer Musik zu Rechtsterrorismus ziehen. "Für die NSU-Unterstützer, die vor Gericht standen, wurde auf Rechtsrock-Konzerten Geld gesammelt", sagt Kira Ayyadi, Expertin für Rechtsrock bei der Amadeu Antonio Stiftung. Bis heute seien Personen aus dem engsten Unterstützer-Kreis des NSU in der Rechtsrock-Szene aktiv, sagt sie, etwa Organisatoren, Security und als Bands. Belege dafür liefert unter anderem eine Antwort der Landesregierung Thüringen auf eine kleine Anfrage im Jahr 2018.

Telegram lässt die Channels online

Telegram sieht sich bei dem Thema offenbar nicht in der Verantwortung. "Man könnte an Telegram nun Forderungen stellen, den Rechtsextremismus einzudämmen. Das Problem damit ist aber: Es interessiert sie nicht", sagt Miro Dittrich. Telegram ist bekannt dafür, sich der öffentlichen Kontrolle zu entziehen und Presseanfragen allenfalls knapp zu beantworten. Der russische Telegram-Gründer Pavel Durov lebt im Exil. Facebook-Chef Mark Zuckerberg hingegen musste sich schon mehrfach vor dem US-Kongress für seine Plattform verantworten.


Auch auf VICE: Der Alltag einer Transfrau, die früher als Neonazi gegen queere Menschen hetzte


Auch VICE gegenüber bleibt Telegram verschwiegen. Nutzende können der Plattform Channels und Gruppen melden, die dort nicht hingehören, dafür gibt es eine eigene Funktion in der App. Als Begründung für die Beschwerde können Nutzende zwischen "Spam", "Gewalt", "Kindesmissbrauch", "Pornografie" und "Sonstiges" wählen.

Wir haben uns für "Sonstiges" entschieden. In das daraufhin erscheinende Textfeld haben wir geschrieben, dass es sich um indizierte Musik handelt, die in Deutschland illegal ist. So haben wir insgesamt fünf der Channels und Gruppen gemeldet.

Auch fünf Tage später waren sie weiterhin online. Auf unsere E-Mail vom 14. Februar, warum Telegram nichts gegen Neonazi-Content und illegale Musik unternehme, haben wir bislang keine Antwort erhalten.