Popkultur

Mit welchen sexistischen Angriffen prominente Österreicherinnen konfrontiert sind

Autorinnen, Musikerinnen oder Journalistinnen haben oft eine Sache gemeinsam.
14.3.17

Screenshot aus The Ox-Bow Incident, via YouTube

"Warum gibt es eigentlich so wenig Frauen in der Humoristenszene? Aja, weil man systematisch am Scheiterhaufen verbrannt wird, wenn man Witze macht."  So kommentiert Stefanie Sargnagel das Babykatzengate noch am 10. März auf ihrem Facebook-Profil. Einen Tag später wird ihr Account gesperrt. Später würde sich Facebook für die Sperre bei der Autorin entschuldigen.

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Aber nicht nur Autorinnen wie zuletzt, sondern auch Journalistinnen, Musikerinnen, Moderatorinnen oder Politikerinnen werden oftmals systematisch aus dem digitalen öffentlichen Raum verdrängt – oder zumindest versuchen es Hassposter immer wieder. Manchmal schaffen sie es leider auch. In Österreich müssen Opfer von Verhetzung allerdings das Prozesskostenrisiko meist selbst tragen und entscheiden sich daher oft dafür, eher ihren eigenen Account zu löschen.

Sie schweigen, werden mundtot gemacht. In der Fachsprache bezeichnet man dieses Phänomen als Silencing. Stefanie Sargnagel lässt das nicht mit sich machen und wenn sie auf Facebook gesperrt wird, schreibt sie eben auf Twitter weiter.

Es ist nicht das erste Mal, dass Facebook die Profile von Betroffenen sperrt, anstatt gegen die Täter von Online-Hass vorzugehen – auch wenn Facebook die Sperre relativ schnell wieder aufgehoben hat. Es ist auch nicht das erste Mal, dass Stefanie Sargnagel mit Vergewaltigungswünschen und Gewaltdrohungen als Reaktionen auf einen Witz umgehen muss. Und es ist nicht das erste Mal, dass einer weiblichen Person des öffentlichen Lebens so etwas passiert.

Geraten Frauen in den Fokus von öffentlichen Diskussionen, oftmals zusätzlich angeheizt von Postings und Äußerungen populistischer Politiker oder durch Artikel in Boulevardblättern wie der Krone, geht es meist schnell nicht mehr um ihren Beruf und ihre Qualifikationen, sondern um ihr Geschlecht. Sie werden auf ihr Aussehen und ihre Sexualität reduziert, beschimpft, ihnen wird mit Vergewaltigung gedroht. Und überraschend oft ist die FPÖ mit im Spiel.

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Hier ein paar Beispiele.

Corinna Milborn

Foto: wikimedia | by CC 2.0

Weibliche Journalistinnen werden im Internet dreimal so häufig angefeindet wie ihre männlichen Kollegen. Auch in den Postfächern von VICE-Autorinnen landen regelmäßig Nachrichten mit mehr als fragwürdigen Inhalten. Puls 4-Infochefin Corinna Milborn musste im Internet bereits solche Zeilen über sich selbst lesen, die wirklich sprachlos machen: "Man sollte dieser Entarteten die Gebärmutter ziehen, ausspülen und einem Schutzsuchenden als Trinkschlauch auf die Reise in die Wüste mitgeben."

Derartige Äußerungen kamen nicht von irgendwo. Im Zuge der Bundespräsidentschaftswahl 2016 wurde Milborn seitens der FPÖ eine tendenziöse Interviewführung vorgeworfen, nachdem sie Norbert Hofer unbequeme Fragen stellte und beispielsweise immer wieder auf seine Rhetorik-Tricks aufmerksam machte. Die Partei schoss sich regelrecht auf sie ein, möglicherweise, weil sie selbst über ihr öffentliches Bild bestimmen und diese Aufgabe nicht den Medien überlassen wolle, wie der Kurier zur Thematik schrieb. Strache thematisierte Milborn auf seiner followerstarken Facebook-Seite und setzte die Autorin so ebenfalls einem Mob aus.

Milborn gab bereits im Vorfeld des Interviews bekannt, sie würde "diesmal jede einzelne Mord- oder Vergewaltigungsdrohung, Rufschädigung und Beleidigung" klagen. Dass Milborn von "diesmal" spricht, steht für sich selbst – aber leider nicht für den Umgang mit starken Frauen im Netz.

Elke Rock, vormals Elke Lichtenegger

Ein Beitrag geteilt von Elke Rock (@elke.rock) am 23. Nov 2016 um 0:25 Uhr

Als Elke Rock noch Elke Lichtenegger hieß, gab es mal viel Wirbel um ihre Person. Ein abfälliger Kommentar über heimische Bands machte die Ö3-Moderatorin 2014 zum Subjekt eines Shitstorms, der darüber hinaus eine bereits bestehende Debatte über Musik aus Österreich anfeuerte. Infolge der Postings und Nachrichten von Usern erlitt sie einen Nervenzusammenbruch.

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Elke Rock hat sich seitdem öffentlich entschuldigt und erklärt. Verziehen hat ihr aber niemand so wirklich – ihren neuen Nachnamen dürfte sie nur allzu gern angenommen haben. Man darf gerne darüber nachdenken, wie die Reaktionen der Öffentlichkeit ausgesehen hätten, wären die selben unüberlegten Aussagen aus dem Mund eines männlichen Ö3-Moderators gekommen.

Es sollte auch nicht das einzige Mal bleiben, dass Elke Lichtenegger öffentlich beschimpft und bedroht wird: Im August 2015 postete die Moderatorin auf ihrer Facebook-Seite, dass sie einen syrischen Flüchtling bei sich aufgenommen habe. Sofort wurde ihr von selbsternannten "Asylkritikern" unterstellt, dass sie den jungen Mann nur aufgenommen habe, weil sie Sex von ihm wolle. Ein User schrieb: "Ich will nicht wissen, was du von dem verlangst, damit er bei dir wohnen darf."

Mirjam Weichselbraun

Foto: Wikimedia | by CC 2.0

Mirjam Weichselbraun moderiert seit 2011 die Opernball-Übertragung für den ORF. 2016 interviewt sie gerade Harald Serafin, als sie einen Rückblick auf das Jahr 1985 ankündigt. Auch damals wurde Serafin am Opernball interviewt – von Ursula Stenzel, die zu der Zeit noch als Moderatorin tätig war. "Ich frage mich, was aus der Interviewerin geworden ist. Wahrscheinlich nicht viel", witzelt Weichselbraun im Anschluss.

Was darauf folgte, waren Kommentare wie "Nutte des ORF" und "Bückstück des Rotfunk" und ihr wurde unterstellt, sich im ORF hochgeschlafen zu haben. Weichselbraun wäre besser in "einem Billigporno aufgehoben", andere User drohten mit Attacken. Die FPÖ lud einen Mitschnitt des Sagers auf ihren YouTube-Channel, nannte das Video "Eklat am Opernball: ORF-Weichselbraun verhöhnt Ursula Stenzel" und befeuerte die Kommentatoren so noch einmal.

Stefanie Sargnagel

Collage: VICE Media; Einzelcredits: Foto von Stefanie Sargnagel: David Bogner; Foto von Strache: Parlamentsdirektion | PHOTO SIMONIS; Foto von Norbert Hofer: Parlamentsdirektion | PHOTO SIMONIS; Foto von Michael Fleischhacker: Screenshot via YouTube; Foto von Thomas Glavinic: Ela Angerer | Wikimedia Commons | CC BY-SA 3.0

Bereits 2016 wurden Sargnagel und Milborn wegen eines Facebook-Postings stark angegriffen, in dem sie Norbert Hofers Einstellung zu Abtreibung kritisierten. Was in den vergangenen Tagen passiert ist, müssen wir euch vermutlich nicht mehr erklären. Wenn schon, könnt ihr das hier, hier, hier oder hier nachlesen.

Ingrid Thurnher

Nach einer TV-Diskussion im Rahmen der Bundespräsidentschaftswahl, in der die Moderatorin Norbert Hofer Fragen zu seiner umstrittenen Israel-Reise gestellt hatte, wurde sie Opfer einer Vielzahl an Hasspostings. Hofer-Fans bezeichneten sie als "unbefriedigt" und wünschten ihr indirekt Vergewaltigung. Alles begann mit einem Recherchefehler, den Strache später als "Wahlmanipulation" bezeichnen sollte.

Letztendlich verließ Thurnher Im Zentrum nach über 10 Jahren, unter anderem als Folge dieser Debatte. Durch den Druck von außen sollen sich Thurnher und der ORF Medienberichten zufolge auf eine Neuorientierung geeinigt haben; sie wurde mit Anfang 2017 Chefredakteurin von ORF III.

Lisa Gadenstätter

Nachdem im Juni 2014 in der ZIB24 eine Diskussion zur Nahostkrise eskalierte und ein Diskutant das Studio verließ, wurde Moderatorin Gadenstätter zum Ziel von Attacken, bekam Morddrohungen und wurde massiv beschimpft. Auf den Shitstorm folgte jedoch ein sogenannter Blumenregen und User, die genug von der Hetze hatten, solidarisierten sich mit Gadenstätter.

Das sind nur die prominentesten Beispiele aus einer Vielzahl von Frauen, die bereits Einschüchterungsversuche und Drohungen – sei es mit Mord oder Vergewaltigung – erleben mussten.

Auffällig ist dabei, dass diese Attacken oftmals von rechter Seite kommen und auch die FPÖ oftmals klare Stellung gegen kritische, weibliche Stimmen bezieht und sie so Hasskommentaren aussetzt. Aber nicht nur das haben diese Frauen gemeinsam – denn keine von ihnen hat sich dadurch aus dem öffentlichen Raum verdrängen lassen.

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