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Sex

Ich habe mit einer Orgasmus-Trainerin versucht, einen Ganzkörperhöhepunkt zu bekommen

Auf der Suche nach dem transzendentalen Höhepunkt. Oder wenigstens mal wieder einem etwas stärkeren Orgasmus.

von Grant Stoddard
27 Juni 2018, 11:28am

Foto: imago | Ikon Images

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Wenn Freundinnen und Partnerinnen ihre Orgasmen beschreiben, erzählen sie nicht selten von Ganzkörpererfahrungen mit kribbelnden Extremitäten und schwummerigem Kopf. Bis zu einer halben Stunde soll das Ganze manchmal anhalten. Meine eigenen Höhepunkte sind nicht nur wesentlich lokaler und flüchtiger, sondern scheinen mit jeder Woche schwächer zu werden. Versteh mich nicht falsch, meine Orgasmen sind immer noch schöner als Fußnägelschneiden, aber sie sind weit von den transzendentalen Erlebnissen entfernt, von denen mir Frauen und einige wenige Männer immer wieder berichten.

Aufgrund meiner Niedrigenergie-Orgasmen hatte ich sogar schon befürchtet, ein möglicher Kandidat für eine Testosterontherapie zu sein. Genau das ist nämlich eins der vielen Symptome für einen niedrigen Hormonspiegel. Nach einer Untersuchung zeigte sich jedoch, dass ich mich testosterontechnisch eher am oberen Ende meiner Alterskohorte befinde.

Der erfreuliche Befund bedeutete allerdings auch, dass ich mir meinen Orgasmusbooster irgendwo anders als beim Arzt suchen musste. Bei meinen Recherchen stieß ich auf eine Tantra-Therapeutin in Manhattan, die auf ihrer Homepage versprach, den Weg zum "Ganzkörperorgasmus" zu ebnen. Mit einer Reihe von Methoden – Atmen, Dehnen, Klängen, Visualisierungen und Massagen – will Michiko Takatani ihren Klienten helfen, "stärkere und vollere Orgasmen" zu erleben. Eine Sitzung sollte drei Stunden dauern.

Ihre angegebenen Referenzen von 25 Jahren Erfahrung und 1.000 orgastischen Klienten fand ich schon ziemlich beeindruckend, aber als jemand, der jeglichem Eso-Klimbim extrem skeptisch gegenübersteht, war ich kurz davor, mich anderweitig umzuschauen. Dann aber sah ich das Musikvideo zu "Ma*Star*bation", in dem eine verzückende Michiko hinreißend mit einem Umhängekeyboard rumwedelt. Song und Video waren so herrlich albern, wie ich es nie von einer Tantra-Meisterin erwartet hätte. Ich gab mir also einen Ruck und buchte einen Termin.


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Die Adresse liegt in einem weniger glamourösen Teil Manhattans. Michiko öffnet mir mit einem großen Lächeln die Tür und stellt sich als "Kiki" vor. Wir umarmen uns kurz und ich folge ihr nach oben durch ein heruntergekommenes und deprimierendes Treppenhaus. Auf ihre Bitte benutze ich das Gemeinschaftsbad auf dem Flur – "es ist nicht so sauber" –, danach folge ich ihr in einen winzigen Raum, in den kaum mehr als die darin befindliche Massageliege passt. Schwere Räucherstäbchenschwaden wabern durch die Luft.

Kiki lädt mich ein, gegenüber von ihr auf dem Boden Platz zu nehmen. Auf dem schmalen Streifen neben der Liege. Während wir so im Schneidersitz dasitzen, fragt sie nach meinen Problemen. Ich sage, dass ich gerne wieder kraftvollere Orgasmen hätte. Kein Problem, sie könne mir da helfen, sagt sie. Mit Paaren arbeite sie übrigens auch. Bevor ich fragen kann, wie mehr als zwei Menschen in den winzigen Raum passen sollen, bittet sie mich, mich bis auf die Unterwäsche auszuziehen. Und schon befinde ich mich inmitten einer Entspannungsübung.

Kiki hat sich bis auf einen Bikini ausgezogen, genau wie ihre Haare und ihr Kleid ist dieser in einem kräftigen Blau gehalten. Daneben wirkt der Raum noch trostloser. Sie spricht mit derart weicher Stimme, dass ich Probleme habe, ihre Anweisungen zu verstehen. "Entspann deine Schultern"; "Schaffe Raum zwischen deinen Rippen". Akustisch untermalt wird das Ganze von Ambientklängen aus einer kleinen Anlage, dem metallische Singen ihrer Klangschale und zwei streitenden Betrunkenen unten auf der Straße.

Anschließend folgen eine Reihe Dehn- und Atemübungen mit zunehmendem Schwierigkeitsgrad, bevor mich Kiki durch ein Prozedere leitet, bei dem ich eine Reihe von Energieschlössern, im Esosprech: Chakren, in meinem Körper schließen soll. Damit soll ich eine Art Energiekreislauf herzustellen. Hm, OK. Nachdem ich meine Energieschlösser ein paar Mal fest verschlossen habe, geht es weiter zur nächsten Aufwärmübung.

Kiki führt mich jetzt in eine Position, die meine Kundalini "aufsteigen" lassen soll. Dem vergleichenden Religionswissenschaftler Joseph Campbell zufolge ist die Kundalini eine latent weibliche Energie, die zusammengerollt am Ende der Wirbelsäule liegt. Mit den Armen an meiner Seite, und Kopf und Beinen 15 Zentimeter über dem Boden, werde ich durch eine Reihe von Visualisierungen geführt, die mir später helfen sollen. Bei einer anderen Übung schauen wir uns einander lange in die Augen. Eine intensive Erfahrung, die sich wahrscheinlich mit jedem Menschen krass anfühlt, auch wenn dieser keine wildfremde Hexerin in einem Bikini ist. Schließlich legen wir uns gegenseitig die Handflächen auf den Brustkorb unseres Gegenübers, genau übers Herz, und schicken uns abwechselnd Energien zu.

Was man auf eine Aufforderung a la "Schicke deine Energie durch deine Hand und in meine Brust" genau machen soll, lässt sich schwer sagen. Aber irgendwie habe ich den Dreh wohl raus: Immer, wenn ich es ausprobiere – ja, was eigentlich?! –, zuckt Kiki zusammen, ihre Augen drehen sich nach hinten und ihr Lächeln wird breiter. Es erinnert mich an damals, als meine Orgasmen noch aus allen Rohren feuerten. Ich will das Gefühl zurück.

"Jetzt erhältst du meine Energie", sagt sie.

Nach über einer Stunde recht intensiver Vorbereitungsübungen hoffe und, ja, erwarte ich, irgendwas Energiemäßiges in meiner Brust zu spüren, als sie loslegt. Leider regt sich nichts – und ich habe auch nicht den Eindruck, dass es mir irgendetwas bringen würde, so zu tun als ob. Nach gut fünf Runden möglichen Energiegebens und -nehmens merke ich, dass ich – wie schon bei meiner Darmspülung – irgendwie alles falsch mache.

"Versuch nachzumachen, was ich tue", sagt Kiki und zuckt, als ich aus unmittelbarer Nähe etwas Magie auf ihr Brustbein feuere. Klar, "Fake it 'till you make it" ist eine effektive Erfolgsstrategie für verschiedenste Lebensbereiche, aber tantrischen Sex hätte ich da eigentlich nicht zugezählt. Ich strenge mich an, ihr ekstatisches Beben so gut ich kann zu imitieren, aber so wirklich will es mir nicht gelingen. Kiki bittet mich, auf der Liege Platz zu nehmen.

Es folgt eine lange, schwerfällige Massage mit leichten, kleinen Bewegungen, die Kiki mit sonderbaren Lauten aus ihrem Mund begleitet. Während dieser Stunde, die ich mich bäuchlings durchkneten lasse, manifestiert sich kurzzeitig etwas sexuelle Energie bei mir, aber als es Zeit ist, mich auf den Rücken zu drehen, ist sie wieder verschwunden.

Ich starre die Decke an, während Kiki mich weiter massiert, dann küsst sie eine Weile meine Füße, meine Knöchel, Schienbeine und meine Oberschenkel. Während der Küsserei platziert sie die Finger ihrer rechten Hand auf meinem Wurzelchakra – einem Bereich, der sich etwa bei meinem Perineum befindet, dem Bereich zwischen Hoden und Anus. Die Finger ihrer linken Hand ruhen derweil auf meinem Sakralchakra, das sich etwa auf der Höhe des Bundes meiner Unterhose befindet.

Hartnäckig und fest entschlossen lässt Kiki ihre Finger an diesen zwei Punkten eine beachtliche Dauer vibrieren. Langsam aber sicher beschleicht mich das Gefühl, dass sie irgendeine Reaktion von mir erwartet, die einfach nicht kommen will. Unbeirrt und hingabevoll nimmt sie meine Hand und platziert sie wieder auf ihrer Brust. Schnell ist klar, dass nicht das passiert, was passieren soll.

"Zeigen deine Klienten an diesem Punkt in der Regel eine Reaktion?", frage ich, als ich bemerke, dass unsere Session bereits in die vierte Stunde geht.

Das täten sie tatsächlich, sagt sie und bestätigt auf die erdenklich netteste Art, dass ich ein schwieriger Klient bin. Natürlich hatte Kiki ihre Hausaufgaben gemacht und wusste, welche Eskapaden ich bereits im Namen des Qualitätsjournalismus angestellt habe. "Vielleicht liegt es daran, dass du schon viel Sex gehabt hast", versucht sie sich an einer Erklärung. "Die meisten Klienten spüren stärker, was ich mache."

Diese Klienten, das soll hier nicht unerwähnt bleiben, zahlen für eine solche Sitzung auch ordentlich Geld. Ich habe das nicht. Das, was ich hier gratis erlebe, kostet andere 340 US-Dollar. Wenn man seinen sauer verdienten Lohn für so eine Sitzung ausgibt, ist man vielleicht auch empfänglicher für die Energien, die Kiki möglicherweise anzubieten hat oder auch nicht.

Aber dann plötzlich spüre ich ein Kribbeln, eine Art brummende Spannung. Erst in meinem rechten, dann in meinem linken Arm. Ich bin ehrlich überrascht und gebe Kiki Bescheid, die augenblicklich ihre Anstrengungen verdoppelt. Werde auch ich nun an Energiekanäle und -schlösser glauben? Werde ich meiner Mutter und meiner besten Freundin – beide Reiki-Begeisterte – ein paar Entschuldigungen für meine ständigen Witze schulden? Und vor allem: Werde ich einen umwerfenden Ganzkörperorgasmus haben?

Zehn Minuten später ist aus dem Gefühl, einen extrem schwachen Elektrozaun anzufassen, allerdings auch nicht mehr geworden. Langsam finde ich mich damit ab, dass ich wohl für immer ein Tantra-Muggel sein werde.

"Eine Sache würde ich noch gerne ausprobieren", sagt Kiki, die jetzt auch gemerkt hat, wie spät es schon ist.

Wieder bittet sie mich, im Schneidersitz vor ihr auf dem Boden Platz zu nehmen. Sie fragt nach meinem Einvernehmen, das ich ihr aus vollem Herzen gebe, bevor sie sich auf meinen Schoß setzt. Mit dem Gesicht zu mir. Kamasutra-Fans dürften diese Stellung als die Lotusblume kennen. Der Plan ist, meine Brust gegen ihre zu drücken. Dabei saugt sie diese Energie runter in ihr Sakral-Chakra – also ihren Schambereich – und schickt diese weiter in mein Sakral-Chakra – also meinen Schambereich. Dann soll ich die Energie hoch in mein Herz-Chakra saugen und zurück in ihres schicken. Ein Energiekreislauf soll so entstehen.

Kiki war die vergangenen vier Stunden über dermaßen geduldig und liebenswürdig gewesen, dass das aufkommende Gefühl vielleicht reine Einbildung ist. Viel wahrscheinlicher ist es aber einfach die Aufregung, meinen fast-nackten Körper so nah am fast-nackten Körper einer anderen Person zu haben.

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