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Diese Schweizer hätten 2018 einen Disstrack verdient

Es ist Zeit für eine Abrechnung … mit der 20 Minuten, Sascha Ruefer, Andreas Glarner und vielen mehr.

von Claire Braun und Julian Riegel
28 Dezember 2018, 10:07am

Foto 20 Minuten: Tamedia AG || Foto Ruefer: SRF | Oscar Alessio || Foto WEF: imago | Xinhua || Foto Glarner: Webseite der SVP || Foto O-Bike: imago | ecomedia | Robert Fishman || Foto Lo & Leduc: Maximilian Lederer || Foto No Billag: nobillag.ch || Foto Addore: Webseite von ProTell || Foto Hintergrund: imago | Blickwinkel || Collage: Noisey

Es ist schon viel zu lange her, dass ein rebellischer Stress dem damals polarisierendsten Politiker der Schweiz mit "Fuck Blocher" den verbalen Stinkefinger gezeigt hat. Klar, wir Schweizer sind stets um Konsens bemüht und gehen ungerne in die Offensive.

Aber manchmal muss man die Neutralität über Bord in den Vierwaldstättersee werfen. 2018 wäre das viel zu oft nötig gewesen und diese Personen und Institutionen hätten wirklich mal einen Disstrack verdient:

Die 20 Minuten

20 Minuten SVP Selbstbestimmung
Foto: Screenshot 20min.ch/epaper

Mitte November hat sich die 20 Minuten selbst auf die Schulter geklopft, als die Gratiszeitung zum "einflussreichsten Einzelmedium der Schweiz" gekrönt wurde. Oder wie sie es selbst gerne formuliert: "20 Minuten ist wichtigster Meinungsmacher". Eine Woche später beweist der wichtigste Meinungsmacher des Landes, wie er mit der Verantwortung dieses Titels umgeht: Am 20. und 21. November prangerte nämlich aggressive SVP-Propaganda auf den Titelseiten zweier 20-Minuten-Ausgaben. Diese warb für Ja-Stimmen bei der Selbstbestimmungsinitiative (SBI).

Für läppische 329.000 Schweizer Franken hatte sich das Egerkinger Komitee um SVP-Nationalrat Andreas Glarner die beiden Titelseiten zusammengekauft. Natürlich waren die populistischen Inserate von einer normalen 20-Minuten-Titelseite kaum zu unterscheiden. Mit einem peinlichen Artikel, in dem das SVP-Inserat einem Faktencheck unterzogen wurde, versuchte sich die 20 Minuten angestrengt aus der Kritik-Schlinge zu winden – der Inhalt der Anzeigen waren nämlich faktisch falsch und rassistisch. Ihre bisher "neutrale Berichterstattung" zur SBI verlor damit nun endgültig ihre Glaubwürdigkeit. Und so auch die Zeitung selbst. Dass der 20 Minuten das grosse Populisten-Geld wichtiger war als ihre Verantwortung als angeblich einflussreichstes Einzelmedium des Landes, lässt sich kaum abstreiten. Käuflich und stolz darauf? Einmal Disstrack, bitte.

Sascha Ruefer

srf sascha ruefer
Foto: SRF | Oscar Alessio

Die Fussball-WM hätte eigentlich ein kleines Sommermärchen für die Schweizer Nati werden können, wäre da nicht so ein verhängnisvoller Torjubel dazwischen gekommen. Der Doppeladler, den Xhaka und Shaqiri nach ihren Treffern im Spiel gegen Serbien mit ihren Händen formten, stürzte die Nation in eine Sinnkrise über ihre Doppelbürger. Oder eben nicht.

Die einen erlebten live vor der Glotze, wie Sascha Ruefer nicht nur wegen der Tore der WM-Helden ausflippte. Nein, er sprach damals jedem "Ihr seid Schweizer, ich bin Eidgenosse"-Arschloch aus der Seele: Der Doppeladler von Xhaka sei "dumm und überflüssig". Über Shaquiri äusserte er sich im selben engstirnigen Patrioten-Geschwätz: "Ich fasse es nicht! Das ist ein politisches Statement."


Noisey-Video – Wirklich wichtige Fragen an Schweizer Rapper: Ist die Schweiz rassistisch?


Dass auf der Langstrasse zu dem Zeitpunkt Schweizer und albanische Flaggen gemeinsam gehisst wurden, bekam der SRF-Moderator natürlich nicht mit. Er gab mit seinen wertenden Kommentaren lieber Futter für eine total überflüssige und rassistische Diskussion, die am Ende sowieso zu nichts geführt hat. Ausser, dass wir Schweizer von Aussen mal wieder als ausländerfeindlich wahrgenommen und Doppeladler das Wort des Jahres wurde. Danke für nichts, Sascha. Ab jetzt schauen wir erst Recht im deutschen Fernsehen Fussball.

Das WEF

Donald Trump WEF
Foto: imago | Xinhua

Einmal im Jahr verwandelt sich das Schweizer Ski-Paradies Davos in eine Kapitalismus-Oase und die verschneiten Strassen werden statt von schlittelnden Kindern und rutschenden Omas von langen Konvois und roten Teppichen besetzt. Willkommen beim viertägigen World Economic Forum. Und als würde gegen das Treffen der reichsten Menschen der Welt noch nicht genug protestiert, luden die Veranstalter 2018 den König des Kapitalismus, Donald Trump, ins idyllische Schweizer Bergdorf ein. Da wurde der Blondschopf von der Schweizer Armee besser bewacht als das fragwürdige Gold unter unserem neutralen Boden.

In einer inhaltslosen, selbst-glorifizierenden Rede, bedankte sich Trump beim WEF und verlor sich eine halbe Stunde lang in Selbstlob. Danach hängte er tatsächlich einige nette Worte über die belanglose, kleine Welt ausserhalb der USA an: "America first does not mean America alone". Damit auch die Schweizer Bäggli vor Stolz rosa aufleuchten. Wir können uns nun entweder über Trump oder über das Organisationskomitee des WEF aufregen. Oder über beide. So machten es zumindest die landesweiten Protestierenden – und dies zurecht. Gebracht hat es aber nichts. Denn einmal dürft ihr raten, welcher Schmollmund auch das WEF 2019 mit seiner Präsenz ehrt. Da wird er für 3,2 Millionen Dollar eingeflogen. Für irgendwas müssen wir unser Gold schliesslich nutzen.

Andreas Glarner

andreas glarner
Foto: Webseite der SVP

SVP-Nationalrat Andreas Glarner hätte eigentlich jede Woche einen Disstrack verdient. Denn es vergehen keine sieben Tage, an denen aus Oberwil-Lieli keine populistischen Parolen fliessen. Nebst seiner grosszügigen Spende von 50.000 Schweizer Franken an die Schweizer Flüchtlingshilfe (statt 2016 zehn Asylbewerber in seinem Dorf Oberwil-Lieli aufzunehmen!!!) und dem Kauf der oben erwähnten 20-Minuten-Titelseiten gab’s ja noch die Cervelat-Story.

Die Geschichte begann mit einer wütenden Schweizer Mama. Ihr Kind dürfe zum Abschlussfest einer Aargauer Jugendorganisation keinen Cervelat mitbringen. Denn: Die Nationalwurst beinhaltet Schweinefleisch und dieses könne nicht auf demselben Grill liegen, wie das Fleisch muslimischer Kinder. Da dröhnten Glarners Hass-Sirenen. WIE, KINDER KÖNNEN UNSERE NATIONAL-WURST NICHT GRILLEN?! Als nächstes gräbt Glarner wahllos eine Klassenliste aus, und zeigt mit seinen Facebook-Post-Wurstfingern auf die Kinder mit ausländischen Namen – wegen euch gibt es keine Cervelat! Dass das Verbot echt war, konnte Glarner nicht beweisen. Genug Hass hat er mit der Aktion aber mal wieder geschürt.

O-Bike

O-Bikes in München
Foto: imago | ecomedia | Robert Fishman

Wir hassen O-Bikes. Weil O-Bikes dumm sind. Und weil wir vergessen hatten, sie zu hassen, weil sie dumm sind. Ein O-Bike ist "das Billig-Rad aus der Hölle", wie ein Journalist der Hamburger Morgenpost schreibt. Die Plastik-Esel der Bikesharing-Firma aus Singapur verpesteten innerhalb eines halben Jahres sämtliche Gehsteige Zürichs und Winterthurs. Klar kotzte das die hiesigen Velofahrerinnen und Velofahrer an. Erst 900, dann 500 grau-gelbe Velos verstopften sämtliche Fahrradständer der Stadt. Und hingen auch überall schön rum. Schrott-Kunst, eben.

Ebenfalls Hölle war es ja auch, diese Dinger zu fahren. Als müsse man sich selbst beim bergabfahren hochkrampfen. Im Rückwärtsgang. Leider, leider ging die Firma im Sommer 2018 pleite und zog sich auch aus der Schweiz zurück. Was zurückblieb: massive Velo-Friedhöfe. Was dagegen gemacht wurde: nichts. So gammelten sie eine Weile vor sich hin, bis sie schliesslich aus den Augen und den Helmen der Velofahrenden verschwanden und abtransportiert wurden. O-Bike war ein kurzes und schmerzvolles Kapitel für jeden Veloständer und die Umwelt.

Lo & Leduc

Lo & Leduc 079
Foto: Maximilian Lederer

Beef in der Schweiz? Gibt es nur an den Swiss Music Awards vom Hauptsponsor Schweizer Fleisch. Vor allem mit den symphatischen Bernern Lo & Leduc will sich eigentlich niemand anlegen. Vielleicht weil alle vor den krassen Freestyle-Skills von Lo Angst haben? Oder wegen ihrer einschüchternden Stalking-Künste? Wenn es ein Song schafft, jede Minute von jedem Tag im Kopf kleben zu bleiben wie ein vertrockneter Kaugummi auf der Schuhsohle, dann ist es der Megahit "079". Die Spitze des Mainstream-Gipfels erreichte der Track, als ihn Dr. Mo als Remix mit einigen sich nicht reimenden englischen Lines aufpeppen wollte. Damit er auch international dafür sorgen kann, dass Radios die Toilette runtergespült werden. Unvorstellbar, dass dies Lo & Leduc gutheissen konnten. Vermutlich haben sie schon ihren eigenen Disstrack geschrieben. Gegen ihren eigenen Song. Hätten wir jedenfalls so gemacht.

Die 'No Billag'-Initianten

nobillag
Foto: nobillag.ch

Im Frühling 2018 hatten wir das Vergnügen über eine von kultur-ignoranten, frustrierten Liberalen lancierte Initiative abzustimmen. Mit der Annahme der No-Billag-Initiative sollten die staatlichen "Zwangsgebühren" für Radio und Fernsehen in der Schweiz abgeschafft werden. Was die rechtskonservativen Initianten nicht einberechnet hatten, war die Kultur, die dadurch mal schön auf dem Sondermüll gelandet wäre. Viele kleinere Radio- und Fernsehsender, sowie die hiesige Musik- und Filmszene wären mit einer Annahme vermutlich untergegangen wie das Streichorchester auf der Titanic. Und ein wichtiger Pfeiler der Schweizer Demokratie wäre ins Wanken geraten.

Die Jungpolitiker sahen das alles nicht so eng. Die Monopolstellung der SRG müsse eh schon längst mal ordentlich angegriffen werden. Tja, so einfach ist das nicht. Sonst hätten wir ja auch die SBB schon längst von ihrem eisernen Thron geschoben. Und dann? Von Zürich nach Bern per Uber? So teuer wäre auch der Schweizer Medienkonsum geworden, hätte sich No-Billag durchgesetzt. 71.6 Prozent der Abstimmenden haben die Gefahren frühzeitig erkannt. Zum Glück. Sonst wäre die 20 Minuten noch wichtiger für die Meinung von Herrn und Frau Schweizer geworden und wir wissen ja, was die mit dieser Macht machen.

Die Waffenlobby

Protell
Foto: Webseite von ProTell

Die Schweiz ballert auf dem weltweit dritten Platz für privaten Waffenbesitz in der vordersten Reihe mit. Und kauert im europäischen Vergleich auf dem zweiten Platz für Suizide durch Schusswaffen. Eine Silbermedaille, auf die man nicht stolz sein kann. Vielleicht was dagegen unternehmen? Ein bisschen Verantwortung übernehmen? Protell-Präsident Jean-Luc Addore findet nein. "Suizid ist kein Delikt, sondern ein Menschenrecht!", verteidigte sich die traditionsgeile Waffenlobby gegen die Verschärfung der Schweizer Waffengesetze.

Dass Suizid ein Menschenrecht ist, ist an sich nicht falsch. So entschied bereits die Europäische Menschenrechtskommission, dass jeder selbst wählen darf, wann er seinem Leben ein Ende setzen möchte. Problematisch ist die Haltung von Protell aber schon: Die Waffenlobby wolle niemandem im Weg stehen.

Man muss kein Pazifist sein, um zu checken, dass die Waffenlobby ihre schiesspulverbeschmutzten Augen mal gründlich abbürsten sollte. Falls die schockierenden Zahlen noch nicht genug nach Veränderung schreien, sagen wir’s euch gerne nochmal. In einem harten Disstrack, in dem die Waffenexporte in Bürgerkriegsländer auch in ein paar Lines angeprangert werden.

Honorable Mentions

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