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Wie es ist, mit 19 Burnout zu bekommen

"Falls du mich suchst, ich bin im Eimer."

von Anika; aufgeschrieben von Yannah Alfering
08 Dezember 2018, 9:45am

Collage bestehend aus: Frau: imago | PhotoAlto || Pillen: imago | allOver

In meiner Familie mögen sich alle. Ich hatte eine glückliche Kindheit in einem kleinen Dorf nahe Ulm, nie Probleme in der Schule und tolle Freunde. Objektiv gibt es keinen Grund dafür, dass ich mit 19 Jahren plötzlich das Gefühl hatte, morgens nicht mehr aufstehen zu können.

Im Oktober 2017 startete ich gerade ins dritte Lehrjahr meiner Ausbildung. Da es nicht viele Unternehmen gibt, die diese Ausbildung anbieten, möchte ich hier nicht genauer auf meinen Beruf eingehen. In der Berufsschule erzählten uns die Lehrer was vom "Ernst des Lebens". Davon, wie wichtig es sei, für die Abschlussprüfungen zu lernen und sich parallel nach Jobs umzuschauen. Ich war schon immer ziemlich perfektionistisch, also ging ich jeden Tag zehn Stunden arbeiten und lernte danach. Mein bisschen Privatleben brach weg, als zeitgleich viele meiner Freunde fürs Studium in eine andere Stadt zogen. Also blieb ich nach der Arbeit einfach zu Hause. Früher war ich ständig feiern, plötzlich sagte ich jede Verabredung kurz vorher ab. Auf der Arbeit wirkte ich motiviert und fröhlich, sobald ich nach Hause kam, fing ich an zu weinen. Die Vorstellung auf einer Party zwischen glücklichen, tanzenden Menschen zu stehen, während mir einfach nur nach Weinen war, stresste mich. Jede Minute Freizeit kam mir wie Zeitverschwendung vor. Ich musste lernen. Dafür war ich allerdings viel zu überarbeitet, also starrte ich nur die Wand an, während die Minuten verstrichen.

"Bitte hilf mir, egal wer" – Tagebucheintrag vom 19.10.2017

Nach ein paar Wochen bekam ich Herzrhythmusstörungen und jeden Morgen Panikattacken. Mein Puls wurde immer schneller, als würde ich die ganze Zeit sprinten. Mein Körper sagte Stop, aber ich ignorierte ihn. Erst als ich auf der Arbeit ohnmächtig wurde, ging ich endlich zum Arzt. Der nahm meine Probleme nicht ernst, schob sie auf die Abschlussprüfungen, und verordnete mir pflanzliche Beruhigungsmittel und eine Woche Urlaub, "um mal wieder was mit Freunden zu machen". Auch meine Eltern wollten am Anfang nicht wahrhaben, dass ich etwas Psychisches habe und ließen mich von oben bis unten von verschiedenen Ärzten durchchecken. Die fanden nichts. Irgendwann zog meine Mutter die Notbremse und schickte mich statt zur Arbeit zu einem Psychologen. Ich fand das total bescheuert. Es gibt Menschen, die kommen aus schwierigen Verhältnissen oder haben furchtbare Dinge erlebt. Ich aber nicht. Ich hatte kein Recht, zu Hause zu sitzen und zu heulen – warum tat ich es trotzdem?

Anika
Anika zieht gerade in ihre erste eigene Wohnung | Foto: Rita Schmid

"Ich habe Angst vor dem Leben" – Tagebucheintrag vom 27.11.2017

Mein erster Psychologe hatte seine Praxis bei uns im Dorf. Ich kannte ihn vom Einkaufen und spürte jedes Mal die Blicke der anderen Leute, wenn ich die Stufen zu seinen Behandlungsräumen hoch lief. Als ob jeder sich darüber das Maul zerreißen würde, dass ich jetzt zum Psychologen gehe. Ich hatte meine Fassade so lange aufrecht gehalten, dass er meine Probleme nicht wirklich ernst nahm. Selbst dann nicht, als ich ihm sagte, wie viel ich weine und wie schlecht es mir geht. Seiner Meinung nach sollte ich eine Pause einlegen, mir ein Hobby suchen und Zeit mit meinen Freunden verbringen. Ich war frustriert. Endlich hatte ich mich getraut, zu einem Psychologen zu gehen, und dann riet der mir den gleichen Scheiß, wie alle anderen Menschen auch. Ich brach die Therapie ab.

"Wieder nicht zur Berufsschule geschafft" – Tagebucheintrag vom 08.12.2017

Von alleine wurden meine Probleme allerdings auch nicht besser. Ich redete zwar viel mit meinem Hausarzt, aber für ihn führte kein Weg an einer richtigen Therapie vorbei. Er stufte mich schließlich als akuten Fall ein, damit ich sofort einen Platz bekomme. Wenn man Pech hat, wartet man sonst ein halbes Jahr. Der neue Psychotherapeut war in der Nachbarstadt, was die Sache für mich deutlich angenehmer machte. Ich hatte eigentlich gehofft, von ihm ein Medikament zu bekommen, das einfach meine Probleme löst. Stattdessen brach ich direkt in der ersten Sitzung weinend zusammen. Er machte mir klar, dass ich öfters würde kommen müssen, damit es mir besser geht. Und, dass ich mein Problem einsehen müsse, um gesund zu werden. Zum ersten Mal traf ich jemanden, der meinen Zustand ernst nahm. Für ihn hatte ich nicht bloß irgendein "Teenie-Problem", das sich durch ein Treffen mit meinen Freundinnen lösen ließ. Bei unserem dritten Treffen im Dezember stellte er die Diagnose "Schwere Depression durch zu hohe Belastung". Die Art von Depression, die man unter dem Modebegriff Burnout versteht. Es hat lange gedauert, bis ich begriffen habe, was das bedeutet.

"Bin weinend die Piste runtergefahren. Trotz neuem Board ist alles nur scheiße" – Tagebucheintrag vom 31.12.2017

Obwohl ich versuchte, Arbeit und Therapie unter einen Hut zu bekommen, musste ich nach ein paar Wochen einsehen, dass ich es so nicht mehr zur Arbeit schaffte. Mein Hausarzt schrieb mich Anfang Januar zum ersten Mal für sechs Wochen krank. Das ist das Maximum. Dann zum zweiten Mal. Dann zum dritten Mal. Letztendlich bis Ende Juni. Auf der Arbeit spielte ich direkt mit offenen Karten, auch wenn es mir unangenehm war. Ist doch komisch, dass ausgerechnet die Auszubildende Burnout bekommt. Oder? Ich hatte wirklich Glück, dass ich so eine tolle Chefin hatte. Als ich ihr erzählte, dass ich psychische Probleme habe, sagte sie, ich solle mir so viel Zeit nehmen gesund zu werden, wie ich bräuchte. Ich könne jederzeit zurückkommen.


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Die ersten Woche meiner Krankschreibung blieb ich nur zu Hause. Auszugehen kam mir falsch vor, ich sollte schließlich gesund werden. Meine Freunde hatten mittlerweile aufgehört, mich zu fragen, ob ich abends mitkomme. Wenn jemand immer kurz vorher absagt, hat man eben irgendwann keinen Bock mehr. Wenn man nicht zur Party kommt, weil man ein gebrochenes Bein hat, können das alle verstehen. Wenn man es wegen Burnout nicht vor die Tür schafft, sieht das schon anders aus. Eine Freundin fragte genauer nach. Ich erzählt ihr zwar, dass ich Burnout hätte, aber was sollte sie dazu sagen? Ich kann das schon nachvollziehen. Ich war vorher ganz anders. Die Leute konnten sich nicht vorstellen, dass es ausgerechnet mir plötzlich so schlecht ging.

"Panikattacke" – Tagebucheintrag vom 28.01.2018

Für meinen Arzt war Ausgehen ein wichtiger Bestandteil meiner Therapie. Er schrieb mir sogar ein "Rezept", damit ich mich nicht schlecht fühle, wenn ich trotz Krankenschein auf Parties ging. In einer Mail erklärte ich meinen Arbeitskollegen, warum ich zwar krank, aber nicht bettlägerig sei. Ich hätte es doof gefunden, wenn sie mich draußen sehen, und sich dann fragen, wieso ich sie seit Wochen mit der Arbeit alleine lasse.

Im Februar 2018 nahm ich zum ersten Mal Antidepressiva. Die ersten Tage habe ich nur gekotzt. Eine typische Nebenwirkung der SSRI. Am liebsten hätte ich sie sofort wieder abgesetzt, aber mein Hausarzt meinte, ich müsse durchhalten. Ich gab meinem Körper noch eine Woche, um sich an die Tabletten zu gewöhnen, und es wurde tatsächlich besser. Antidepressiva machen dich nicht von heute auf morgen wieder glücklich. Das dauert ein paar Wochen, klappt dann aber ganz gut. Meine negativen Gedanken sind durch sie nicht weniger geworden, aber ich war nicht mehr so antriebslos und habe weniger geweint. Trotzdem hatte ich das Gefühl, zu Hause bei meiner Familie nicht richtig gesund werden zu können.

Ich bin das älteste von drei Kindern. Ich war immer die, um die man sich keine Sorgen machen musste. Wenn es zu Hause Streit gab, schlichtete ich. Wenn jemand auf meine Geschwister aufpassen musste, machte ich das gerne. Ich fühlte mich irgendwie für das Wohl meiner Familie verantwortlich, auch wenn meine Eltern mir nie einen Grund dafür gaben. Und jetzt war ich auf einmal die, bei der gar nichts mehr ging. Um sie nicht zu enttäuschen, versteckte ich so gut wie möglich, wie schlecht es mir wirklich ging. Gleichzeitig war ich wütend darüber, dass sie es so lange nicht merkten. Ich brauchte Abstand.

"Falls du mich suchst, ich bin im Eimer" – Tagebucheintrag vom 10.03.2018

Im März 2018 fing ich deshalb eine stationäre Therapie in einer psychosomatischen Klinik an. Die anderen Leute in meiner Gruppe waren in einem ähnlichen Alter wie ich, zwischen 18 und 25. Ein Mädchen litt wie ich an Burnout, die anderen hatten Depressionen, soziale Phobien oder Borderline. Ich glaube, psychische Krankheiten nehmen bei jungen Leuten zu. Auf Social Media wird einem den ganzen Tag lang ein perfektes Leben vorgespielt. Alle sehen gut aus, tragen die angesagtesten Klamotten und fahren ständig in den Urlaub. Kein Wunder, dass man sein eigenes Leben irgendwann scheiße findet. Es will zwar immer keiner zugeben, aber für mich spielt auch das Handy eine große Rolle. Jeder Mensch macht den Tag über etwas, ob es arbeiten ist oder studieren, und sobald er mal eine Minute Pause von seiner eigentlichen Tätigkeit hat, guckt er aufs Smartphone. Man schaltet weniger ab. Man hört weniger auf seinen Körper, und merkt nicht mehr, wenn er Ruhe braucht. Ich bin da nicht besser.

Mit 19 verändert sich das ganze Leben. Man muss plötzlich erwachsen werden, obwohl man sich noch gar nicht bereit dazu fühlt. Egal, ob man gerade Abi macht oder seine Ausbildung beendet: Die Lehrer tun so, als würde man just in dem Moment die wichtigste Entscheidung seines Lebens treffen. Wenn man jetzt einen Fehler macht, wird man ihn den Rest seines Lebens bereuen. Ich finde, dass das Quatsch ist. Man kann Jobs kündigen und Studiengänge abbrechen. Und das Leben geht trotzdem weiter. Eine Freundin von mir hat nur Einsen auf dem Zeugnis. Alle sagen ihr, sie müsse Medizin studieren oder Jura, stattdessen hat sie sich für Sozialwissenschaften entschieden. Sie tun so, als ob sie in einem sozialen Beruf ihr Leben verschwenden würde. Ich wünschte manchmal, wir würden in der Schule mehr mit Menschen in ihren Zwanzigern reden. Vielleicht würden sie uns sagen, dass es nicht schlimm ist, mal falsch abzubiegen. Und, dass das Leben nicht vorbei ist, wenn man sich nach einem Jahr BWL-Studium entscheidet, doch lieber Grundschullehrerin zu werden.

"Das Leben ist schön" – Tagebucheintrag vom 09.06.2018

Die Therapie hat mir geholfen, das Leben anders zu bewerten und mir weniger Druck zu machen. Nach vier Wochen Wiedereingliederung bin ich ohne Antidepressiva zurück in meinen Job gegangen, mache jetzt meine Ausbildung fertig und schreibe gerade Prüfungen. Früher habe ich mich darüber geärgert, wenn mein Zug fünf Minuten Verspätung hatte, heute lache ich darüber. Dann warte ich eben. Ich habe Zeit. Ich ziehe heute schneller die Notbremse, wenn ich merke, dass mir die Dinge zu viel werden. Auch, wenn ich deshalb vielleicht mal einen wichtigen Termin verpasse. Stattdessen freue ich mich über die Sonne, Spaziergänge oder Ausflüge mit dem Fahrrad. All die Dinge, die ich fast acht Monate verpasst habe, weil ich nur in meinem Zimmer saß. Wenn man einmal so am Boden war, dass man nicht mehr wusste, wieso man aufstehen soll, wird einem bewusst, dass Gesundheit das Wichtigste ist. Nicht Erfolg oder ein "perfektes" Leben.

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