Inhalt: DATELINE BERING STRAIT, FEAR OF FLYING AND SEASICKNESS, DIE UNBESUNGENE „ESELSBANK“ & DER VORSTAND VON KAMTSCHATKA
DATELINE BERING STRAIT
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Der russifizierte Däne Vitus Bering erkundete auf mehreren Expeditionen diesen ostsibirischen Außenposten Russlands und entdeckte die Existenz einer Meeresenge, die später nach ihm benannte „Beringstraße“, die Eurasien bzw. Russland von Amerika trennt und durch die die internationale Datumsgrenze verläuft. Bis zum Anfang des 18 Jh.s war noch nicht belegt, ob es zwischen Sibirien und Nordamerika eine Landverbindung gibt. In der stillen, geschützten Awatscha-Bucht gründete Bering einen Expeditionsstützpunkt und im weiteren Verlauf die wichtigste Stadt Kamtschatkas—Petropawlowsk Kamtschatski, benannt nach seinen beiden Schiffen, „St. Peter“ und „St. Paul“.
FEAR OF FLYING AND SEASICKNESS
Bei Tendenz zu Flugangst oder Seekrankheit ist hier allerdings kein Hin- oder Entkommen. Gibt es Unwetter, kann es sehr leicht passieren, dass man unfreiwillig ein paar Wochen hängen bleibt. In Wahrheit ist auch die Passagierflotte schon seit Jahren eingestellt. Nach Kamtschatka führt weder eine Zugstrecke noch gibt es Straßenverbindungen, also keinen Bodentransport.
FDIE UNBESUNGENE „ESELSBANK“ & DER VORSTAND VON KAMTSCHATKA
Im russischen Sprachgebrauch bedeutet „Kamtschatka“ so viel wie „Eselsbank“ oder „am Arsch der Welt“, wobei beim Gebrauch des Namens niemandem die real existierende Kamtschatka-Halbinsel in den Sinn kommt. Sie ist einfach zu weit weg, auch für die Wahrnehmung der Menschen in Russland selbst, als dass es jemanden interessieren würde, was dort los ist und wo diese Region überhaupt liegt. Bei dem Wort denkt man in Russland und im ganzen postsowjetischen Raum am ehesten an den gleichnamigen Song „Kamtschatka“ aus dem 1984 erschienenen und immer noch überragenden düster-postmodernistisch angelegten Musikalbum „Начальник Камчатки“ (= „Vorsteher von Kamtschatka“). Urheber dieses Stückes ist der heute immer noch kultig verehrte Songwriter und Frontman der aus der Underground-Rock-Szene entspringenden, später enorm populären Wave-Postpunk-Gruppe Kino, Wiktor Zoi, der 1990 unter mysteriösen Umständen tödlich verunglückt ist und so etwas wie den russischen Jim Morisson verkörpert. In diesem Song war aber auch gar nicht die wilde östliche Vorhut der ehemaligen Sowjetunion, sondern ein kultumwobenes Heizwerk in Sankt Petersburg (kurz SPB) gemeint, in dem der Frontman von „Kino“ anfänglich als Heizer sein täglich Brot verdiente, dann auch dort lebte, und das er später zum legendären SPB-Rock-Underground-Treffpunkt umfunktionierte. Das ist die ins Deutsche adaptierte Version der verkatert-nihilistischen Downtempo-Hymne, deren Text weit geläufiger ist als der der russischen Version:
(Textauszug:Kino “Kamtschatka“, 1984)
Hier fand ich das Erz, hier fand ich die Liebe
Ich versuche zu vergessen, vergesse und wieder
Denke wieder an den Hund wie ans Licht
Na, sei es, wie es ist.
Oh-oh-oh-oh-oh-oh, dieser seltsame Ort Kamtschatka,
Oh-oh-oh-oh-oh-oh, dieses süße Wort „Kamtschatka“.
Hier sind weder wir noch sie,
Ich suchte hier Wein und fand nur Malzbier
(bzw. die russische Version davon, „Kwass“)
Meine Hände sind schwer, mein Kopf ist wie aus Blei,
Na, sei es, wie es ist.
Oh-oh-oh-oh-oh-oh,
Oh-oh-oh-oh-oh-oh.
So schaute seine bzw. dann auch „unsere“ Kamtschatka aus: Im dunklen Innenhof versteckt. Und wie im Song „Die Nacht“:
„Die, die nichts mehr zu erwarten haben, starten los,
sie kann man nicht mehr einholen. Aber denen, die schlafen
gehen, wünschen wir: Guten Schlaf. Geruhsame Nacht …“
„Diese“ Kamtschatka bedeutete, wie die Songs von Wiktor Zoi und der Gruppe Kino, Ausbrecherisches, Nihilistisches, Subversives. Nur die Kohle musste zwischendurch nachgelegt werden—zumindest im Videoclip zu einer weiteren Sowjet-Jugend-Hymne von Kino, “Jetzt übernehmen wir”.
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