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The Grievous Sins Issue

Die neuen Roma-Ghettos

Im Laufe der Geschichte ist es immer wieder zu Ereignissen gekommen, die perfekt dazu geeignet sind, rassistische Gewalt auszulösen. Der Brand der historischen Burg Krásna Hôrka im letzten Jahr lieferte der slowakischen extremen Rechten ein eigenes...

von Aaron Lake Smith
29 April 2013, 7:00am


Spielende Kinder auf einer Bauruine in der Roma-Siedlung Vel’ká Ida im Osten der Slowakei. Im Hintergrund das gewaltige Werk von US-Steel. Fotos von Matt Lutton

Im Laufe der Geschichte ist es immer wieder zu Ereignissen gekommen, die perfekt dazu geeignet sind, rassistische Gewalt auszulösen. Am 10. März des vergangenen Jahres schauten die Einwohner der in den Bergen der Ostslowakei gelegenen Gemeinde Krásnohorské Podhradie zum Berg in der Ortsmitte hinauf und sahen, dass ihre geliebte, im 14. Jahrhundert erbaute Burg Krásna Hôrka in Flammen stand. Als die Feuerwehr endlich auf dem Berg ankam, war der Dachstuhl bereits ausgebrannt und im Glockenturm waren drei Glocken geschmolzen.

Am folgenden Tag verkündete ein Sprecher der Polizei, dass das Feuer von zwei elf- und zwölfjährigen Roma-Jungen verursacht worden sei, die in einem Ghetto am Stadtrand lebten. Während sie am Fuße des Berges versuchten, eine Zigarette anzuzünden, soll ein ungewöhnlich starker Windstoß die glühende Zigarettenasche den Berg hinaufgeweht haben, wo sie das auf dem Gelände der Burg verstreute Holz entzündete. Schuldig oder unschuldig, die Beschuldigten und ihre Familien gerieten in Panik—möglicherweise weil in den letzten zwei Jahren Dutzende gewaltsamer Übergriffe auf Roma stattgefunden hatten, so das European Roma Rights Center (Europäisches Zentrum für die Rechte der Roma). Aus Angst vor Vergeltung wurden die Jungen umgehend zu Verwandten geschickt, während die Roma-Männer sich in der Nacht darauf vorbereiteten, ihre Gemeinde zu verteidigen. Letztendlich wurden die Jungen aufgrund ihrer Minderjährigkeit nicht angeklagt, doch da war es bereits zu spät: Die Vorstellung, dass „Zigeunerkinder“ ein Wahrzeichen des slowakischen nationalen Erbes in Brand setzen, schien die Vorurteile vieler weißer Slowaken gegenüber den ärmsten Bürgern ihres Landes zu schüren. Der Brand der Burg Krásna Hôrka lieferte der slowakischen extremen Rechten ein eigenes Äquivalent zum Reichstagsbrand 1933—ein symbolisches Ereignis, das ihnen zur Rechtfertigung brutaler Maßnahmen dient. Mitte März flog ich in die Slowakei und fuhr nach Krásnohorské Podhradie zu einer Gedenkveranstaltung anlässlich des Jahrestages des Brandes von Krásna Hôrka. Marián Kotleba, ein ehemaliger Lehrer und nun Chef der extrem rechten Volkspartei Unsere Slowakei (slowakisch: udová strana Naše Slovensko, kurz L’SNS), hoffte, seine trüben Aussichten auf Wählerstimmen mit dem Thema Krásna Hôrka und seinem Kampf gegen die „Zigeunerkriminalität“ zu verbessern.

Nach meiner Ankunft begab ich mich auf einen Platz vor der Stadtverwaltung. Eine Gruppe von etwa 150 Menschen—Skinheads, entschlossen wirkende Einwohner und etwa zwölf grün gekleidete Mitglieder des Offizierskorps—waren versammelt, um Mariáns Rede zu lauschen. Mein Dolmetscher riet mir, nicht in der Nähe der Menge zu parken, damit die ungarischen Nummernschilder unseres Leihwagens möglichst nicht auffielen. „Wenn es etwas gibt, das die Neonazis noch weniger leiden können als Roma, dann sind es Ungarn“, erklärte er halb im Scherz und meinte damit die ablehnende Haltung der Slowaken gegenüber ihrem ehemals imperialen Nachbarn.


Ein Roma-Junge mit einer entzündeten Brandwunde. Er hatte neben brennendem Müll auf einem güllegedüngten Feld am Rande der segregierten Roma-Siedlung außerhalb des Dorfes Huncovce, Slowakei, gespielt.

Marián, ein kleiner, schnurrbärtiger Mann im schwarzen Kampfanzug, stand vor seinem blauen, zebragestreiften Hummer, flankiert von zwei Skinheads, die die große, grüne Parteifahne schwenkten. „Uns gefällt nicht, dass die Regierung anständige Bürger benachteiligt, um die Situation dieser Parasiten zu verbessern“, sagte er in ruhigem, sachlichem Ton. Ein riesiger gelber Baukran zur Reparatur des Burgdaches ragte auf dem Berggipfel über der Burg hervor. „Die ausgebrannte Burg ist ein Symbol für das, was passieren wird, wenn die Regierung weiterhin nichts gegen diese zunehmende Bedrohung unternimmt“, fuhr Marián fort. „Wenn wir nichts dagegen unternehmen, wird alles noch viel schlimmer … Wenn der Staat diese Zigeunerextremisten nicht so unglaublich gut versorgen würde, was glaubt ihr, würde dann passieren? Sie würden alle nach England gehen. Sie können überall hingehen; es steht ihnen frei. Wenn sie in der Slowakei so sehr leiden: Niemand hält sie auf. Niemand wird sie vermissen. Ich muss euch, glaube ich, nicht sagen, dass ich sie auf keinen Fall vermissen würde.“ Begeisterter Applaus aus der Menge. Marián wetterte noch weitere 20 Minuten gegen die Europäische Union und plädierte für die Rechte der „anständigen Bürger“—ein Synonym für weiße Slowaken. Er beendete die Versammlung, indem er den Bewohnern der Stadt nahelegte, „endlich die Augen zu öffnen und etwas zu unternehmen“. Nach der Rede unterhielt ich mich mit einigen Skinheads. Einer von ihnen, Marek, schlug vor, man solle Roma in Reservate stecken „wie die für die Ureinwohner Amerikas“. Ein Teenager im grauen Tarnanzug mit einem Aufnäher „ALL COPS ARE BASTARDS“ geiferte: „Die Zigeuner sollte man alle vergasen“, bevor ihn ein älterer Nazi wegzerrte.

Noch am selben Abend fuhr Marián in seinem Hummer als Höhepunkt des Tages in die ärmliche Roma-Siedlung am Rande des Dorfes und bedrohte deren Bewohner. Er kündigte an, die Roma-Siedlung räumen und ihre Häuser abreißen zu lassen. Die Bewohner reagierten, indem sie Steine warfen und den Hummer mit Hämmern attackierten. In einer Stellungnahme kurz nach dem Vorfall schrieb Marián: „Uns blieben nur zwei Möglichkeiten. Wir konnten so radikal handeln wie Milan Juhász [ein Polizist a. D. aus der Westslowakei, der im vergangenen Sommer fünf Roma-Männer verletzt und getötet hatte mit der Begründung, er habe „die Ordnung wiederherstellen müssen“]. Wir hatten vier Gewehre und etwa 250 Schuss Munition dabei. Aber wir beschlossen, der Polizei eine letzte Chance zu geben.“


Marián Kotleba, Chef der extrem rechten Partei Unsere Slowakei, hält auf einer Versamm­lung gegen „Zigeunerkriminalität“ in Krásnohorské Podhradie, anlässlich des Jahrestages des verheerenden Brandes auf der Burg Krásna Hôrka eine Rede.

Mit der Verschärfung der Krise in der Eurozone und einem bevorstehenden Sparkurs für die Slowakei scheinen sich Moderate, linke Politiker und Durchschnittsslowaken plötz­lich zufällig alle darüber einig zu sein, die ärmste Minderheit des Landes zum Sündenbock zu machen. Laut aktueller Schätzungen leben in der Slowakei etwa 440.000 Roma, also etwa acht Prozent der Bevölkerung—die Slowakei ist eines der Länder in Europa mit dem höchsten Roma-Anteil in der Bevölkerung. Laut der Beobachtungen und Berichte des European Roma Rights Center (ERRC) sind rassistische Gewalt, Räumungen, Bedrohung und subtilere Formen von Diskriminierung und Vorurteilen in der Slowakei innerhalb der vergangenen zwei Jahre stark angestiegen. Das ERRC betrachtet die Situation in der Slowakei als eine der schlechtesten in Europa. In den vergangenen zwei Jahren haben elf slowakische Gemeinden Mauern errichtet, um die Bewohner der Roma-Ghettos von ihren weißen Nachbarn zu trennen. An Silvester 2012 hielt der Bürgermeister der Kleinstadt Zlaté Moravce (er soll betrunken gewesen sein) auf dem Marktplatz vor über 1.000 Einwohnern eine Rede, in der er die Angehörigen der „weißen Rasse“ dazu aufrief, die „arbeitslosen Parasiten“ zu bekämpfen, was Skinheadmeuten prompt dazu veranlasste, in der gesamten Stadt Roma-Teenager aus den Kneipen zu verjagen.

Das Problem sind nicht nur die Neonazis, sondern auch die tief verwurzelten Vorurteile der weißen Slowaken. Im Dezember wurde die geköpfte Leiche eines Roms—vom städtischen Schlachter enthauptet—in einem Abwasserkanal des Nachbardorfs gefunden. Im vergangenen April erschoss ein Tscheche in dem ostslowakischen Dorf Chot buz einen nach Altmetall suchenden Rom. Dabei soll der Schütze gebrüllt haben: „Ihr schwarzen Huren! Ich werde euch alle umbringen!“ Und im Laufe des vergangenen Jahres berichtete der Slovak Spectator über mindestens vier Fälle von rassistisch motivierter Gewalt durch slowakische Neonazis gegen schwarze und farbige Ausländer, darunter einen amerikanischen Basketballspieler, der bei einem slowakischen Team unter Vertrag steht.

Die Roma sind eine heterogene ethnische Gruppe, die, so meinen Historiker, etwa im 9. Jahrhundert aus Indien in den heutigen Irak auswanderten und im 14. Jahrhundert schließlich den Balkan und Osteuropa erreichten. Sie wurden immer verfolgt. In Isabel Fonsecas Publikation Bury Me Standing wird geschildert, dass europäische Gesetze aus dem 15. Jahrhundert die Hinrichtung von Roma ohne den Beweis eines Verbrechens legitimierten. In der Walachei und in Moldawien wurden Roma im Mittelalter als Sklaven gehandelt. Ein Roma-Sklave war so viel wert wie ein Schwein. Bis ins 17. und 18. Jahrhundert hinein hielten Aristokraten sogenannte „Heidenjagden“ ab, wobei sie ganze Wälder in Brand setzten, um die Roma aus ihren Verstecken zu treiben und zu töten. Heute leben auf der Welt etwa 13 Million Roma, die Mehrheit von ihnen in Europa.


Roma-Kinder in der segre­gierten Roma-Siedlung im Dorf Vel’ká Ida. Die Siedlung verfügt nur an zwei Stunden pro Tag über fließendes Wasser.

Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus und der Abspaltung von der Tschechischen Republik im Jahr 1993 verlieh die demokratische Slowakei ihren Roma-Bürgern Minderheitenrechten, die in der Praxis allerdings zur umfassenden Marginalisierung durch die weiße slowakische und ungarische Mehrheit führten. In seiner im Februar gehaltenen Rede wirft der slowakische Premierminister Robert Fico den Roma vor, den Staat erpressen zu wollen. „Wir haben unseren unabhängigen Staat nicht für Minderheiten gegründet, obwohl wir sie natürlich respektieren, sondern vor allem für die Slowaken, die diese Nation und den Staat bilden“, sagte er, um sich anschließend über die „seltsame Neigung, die Anliegen von Minoritäten zu unterstützen“ zu beklagen. Die komplizierten politischen Konstellationen des ehemaligen Ostblocks sind dergestalt, dass ein pragmatischer, sozialdemokratischer Politiker wie Premierminister Fico auch dafür bekannt ist, sich über Menschenrechtsbeobachter lustig zu machen und in nationalistischer Rhetorik zu schwelgen. 2005 hatte eine von der EU, der Europäischen Kommission und der Weltbank—um nur einige der Organisationen zu nennen—gesponsorte Initiative den Auftrag, dieses Jahrzehnt in der Slowakei und elf anderen Ländern zur „Dekade der Roma-Inklusion“ zu machen. Der Europäische Sozialfonds stellte eine Milliarde Euro dafür zu Verfügung, dass Roma in der Slowakei vorgegebene Maßstäbe in den Bereichen Arbeit, Bildung und soziale Inklusion erreichten. Allerdings wurden in der Slowakei mit diesen Geldern kaum erkennbare Ergebnisse erzielt. Ein aktueller Bericht des UN-Entwicklungsprogramms zeichnet ein eher düsteres Bild: Von den 43 Prozent der Aufträge und Finanzmittel, die die slowakischen Kommunalverwaltungen für Roma einforderten, erreichten tatsächlich nur 18 Prozent die marginalisierten Roma-Gemeinden. In meinen Interviews mit den Roma herrschte die weitverbreitete Meinung vor, dass die weißen Verwaltungen Fördermittel, die eigentlich für die Roma bestimmt waren, für eigene Entwicklungsprojekte nutzten.

Anderseits beharren weiße Slowaken hartnäckig auf der Theorie, dass EU-Entscheider Geld in die Slowakei leiten, um das Land in ein gigantisches Ghetto zu verwandeln und die Roma davon abzuhalten, in Länder wie Großbritannien und Frankreich auszuwandern. Beide Ansichten scheinen nicht völlig unglaubhaft zu sein. Eine meiner Quellen (die nicht genannt werden will), eine Teilnehmerin an hochrangigen Treffen der Europäischen Kommission und der Weltbank, teilte mir mit, sie habe den Eindruck, die Förderung sozialer Programme diene eigentlich dazu, die Roma-Immigration von Ost- nach Westeuropa einzudämmen. Es existieren auch Berichte über Androhungen der Europäischen Kommission, die Liberalisierung der Visabestimmungen für Balkanländer aufzuheben—sie erlaubt den Einwohnern von Balkanländern, die Grenzen zwischen ihren und anderen EU-Ländern frei zu überschreiten—wenn sie nichts tun, um ihre Roma-Bevölkerung zu stabilisieren. Westeuropa will die Roma nicht, und die Slowakei will sie auch nicht.


Jungen auf einem Hügel an der Mauer, die die Roma-Siedlung in Ostrovany, von ihrer Nicht-Roma-Nachbarschaft trennt. Von links nach rechts: Ferko, 12, Lukas, 9, Lubomir Kaleja, 12, und David Kotler, 12

Einige Tage vor der Neonazi-Versammlung besuchte ich ein Roma-Ghetto. Ich fuhr an kahlen Bäumen, schwarzen matschigen Feldern, Zweiter-Weltkriegs-Denkmälern und gotischen blutenden Kruzifixen vorbei auf verlassenen Landstraßen nach Košice, einer trostlosen Industriestadt im Osten der Slowakei, die sich seit dem Zusammenbruch des Kommunismus nicht wesentlich verändert zu haben scheint. Anfang des Jahres war Košice neben Marseille zur „Europäischen Kulturhauptstadt 2013“ ernannt worden. Eine seltsame Entscheidung. Die Kopfsteinpflasterstraßen der historischen Altstadt waren ab 10 Uhr abends menschenleer und gaben dem Ort eine vage an Stasizeiten erinnernde Atmosphäre. Die Wahl erfolgte genau im richtigen Moment, um in dem mit Sparprogrammen und einer 33-prozentigen Jugendarbeitslosigkeit konfrontierten Land EU-Begeisterung zu entfachen.

In der Umgebung von Košice gibt es ungefähr 14 illegale Roma-Siedlungen sowie riesige Sozialwohnbauprojekte wie Luník IX, eine Wohnblock-Siedlung für Tausende Roma, die wie eine in ihr Gegenteil verkehrte Epcot-Modellstadt wirkt, eine Stadt extremer Armut. Im vergangenen Februar marschierten einige Hundert weiße slowakische Aktivisten—die mit den Neonazis nichts zu tun haben—durch die Straßen Košices. Die Organisatoren berichteten den Medien: „Die Zigeunerkriminalität hat viele Leben zerstört.“

Am Stadtrand Košices, vor dem Hintergrund einer dystopischen Ostblock-Skyline aus Stahlfabriken, Werkhallen und qualmenden Schloten, erreichten wir das Dorf Vel’ká Ida. Im August ließ der gemäßigt rechte Bürgermeister Vel’ká Idas eine etwa zwei Meter hohe Mauer vor der Roma-Siedlung errichten (angeblich, um zu verhindern, dass Roma-Kinder von Autos überfahren werden). Zur selben Zeit reduzierte der Bürgermeister die Wasserversorgung der 800-Einwohner-Gemeinde auf zwei Stunden pro Tag mit der Begründung, es werde zu viel verbraucht.

In Vel’ká Ida traf ich Carlo, den inoffiziellen Chef der Roma-Siedlung. Hinter der Mauer, die die Gemeinde von der Straße trennt, verbargen sich baufällige Häuser, auf riesigen Müllcontainern hockende Hunde und die aus Richtung der Industrie-Skyline herüberwehenden Abgase. Carlos Frau, eine verhärmte Mittfünfzigerin, führte uns durch die Menschenmenge in ihre Hütte.

Carlo, ein kleiner, zäher Mann mittleren Alters, hielt in der Küche von seinem Bett aus Hof. Von den 800 in der Siedlung lebenden Roma war er einer der wenigen, die Arbeit hatten, und zeigte mir stolz seinen Ausweis von US-Steel, wo er für 350 Euro im Monat arbeitete. „Die Slowakei ist das schlimmste Land für Roma. Die Regierung ist nichts anderes als eine Horde Rassisten“, sagte er. Als ich ihn über die neue Mauer befragte, zuckte er mit den Schultern. „Ich weiß, dass das Rassismus ist, ich weiß, dass das Segregation ist. Aber wir haben im Moment viel größere Probleme. Zum Beispiel das Wasser und die Arbeitslosigkeit.“ Ein Rom in seinen 20ern, der bis dahin still am Küchentisch gesessen hatte, widersprach Carlo. „Wenn der Bürgermeister die Mauer nur zum Schutz der Kinder gebaut hat, warum dann so hoch?“, fragte er. „Sie soll uns unsichtbar machen.“ Carlo schüttelte den Kopf und erzählte, dass betrunkene Weiße aus dem Ort regelmäßig nachts in die Siedlung fahren, um sie zu belästigen und mit Gewehren um sich zu schießen. „Schau, du kannst uns die Armut ansehen“, sagte Carlo. „Und diese extremen Rechten mit ihrem Gerede gegen Roma, was wollen die von uns? Was wollen die uns denn wegnehmen? Wir haben doch nichts.“ Während des Kommunismus hatten die Roma keine offiziellen Minderheitenrechte (das Konzept der Minderheitenrechte widersprach der kompromisslosen Einheit, die das Fundament des riesigen Sowjetsystems war). Es gab allerdings eine Wohnraumgarantie in Stadtzentren und genug Arbeit in der Industrie; Integration wurde erzwungen und Diskriminierung konnte bestraft werden. Die Behörden siedelten die Roma in der Tschechoslowakei nach Bedarf um und versuchten die ethnische Gruppe zu einem allzeit verfügbaren Pool von Industriearbeitern zu formen. In den vergangen 20 Jahren wurden die Roma infolge eines Prozesses, den man als systematische Gentrifizierung bezeichnen könnte, aus den slowakischen Stadtzentren verdrängt und in segregierte Siedlungen an Stadt- und Dorfrändern abgeschoben. Die Zahl der illegalen Roma-Siedlungen und Ghettos in der Slowakei stieg von 278 im Jahr 1988 auf 620 im Jahr 2000. Berichte des UN-Entwicklungsprogramms schätzen die Arbeitslosigkeit unter Roma derzeit auf um die 70 Prozent—verglichen mit 33 Prozent bei Nicht-Roma. Fast alle Roma, die ich interviewte, waren arbeitslos. Viele weiße Slowaken, mit denen ich sprach, schoben dies auf die angebliche „Arbeitsscheu“ der Roma, während Menschenrechtsgruppen die weitverbreitete Diskriminierung und Vorurteile dafür verantwortlich machen.


Der Bürgermeister der Gemeinde Vel’ká Ida, Július Beluscsák, in seinem Büro

Zwei Tage nach meinem Besuch bei Carlo saß ich in einem Gemeindeverwaltungsbüro in einer Burg aus dem 17. Jahrhundert gegenüber der Roma-Siedlung und sprach mit Vel’ká Idas Bürgermeister Július Beluscsák. Er wirkte eitel und eingebildet, von seinem schlaffen Händedruck bis hin zu seinen spitzen Reißverschlussstiefeln aus Schlangenleder. Mir war es peinlich, sein makellos sauberes Büro mit meinen dreckigen Schuhen betreten zu haben, an denen noch der Siedlungsmatsch klebte. Der Bürgermeister leierte die üblichen Fakten runter: In seiner Stadt lebten 1.300 Roma, von denen 75 Prozent arbeitslos seien, „und etwa 200 streunende Hunde“. 90 Prozent der Roma, so behauptete er, hätten keine Ahnung von Grundhygiene. Als ich ihn fragte, wie es ist, eine Gemeinde mit solchen sozialen Problemen zu verwalten, seufzte er und meinte: „Ich beneide die Bürgermeister, die keine Roma in ihrer Gemeinde haben. Die Roma-Siedlung in Vel’ká Ida ist wahrscheinlich eine der schlimmsten in der gesamten Slowakei. Die Frauen bekommen bereits im Alter von 13 Jahren Kinder und es geht weiter bis 33. Wir haben hier eine 33-Jährige mit elf Kindern. Sie bekommen Kinder, um Sozialhilfe beanspruchen zu können. Sie haben weder Verpflichtungen noch Beschäftigungen. Die Kinder werden nicht geimpft.“ Ein Vorurteil gegenüber Roma betrifft Hygienevorstellungen. Genau wie das Wort „Zigeuner“ im Deutschen, ist auch das slowakische Wort „Cigáni“ (Zigeuner) negativ konnotiert. 2011 gründeten einige Slowaken eine Bewegung namens Zobudme sa (Wacht auf) und sammelten die Unterschriften von Bürgermeistern in 400 Groß- und Kleinstädten, um einen koordinierten Abriss der illegalen Roma-Siedlungen in die Wege zu leiten. Die Unterzeichner versuchen Umweltschutzgesetze zu ihrem Zweck zu nutzen und stufen informelle Siedlungen als Müllhalden ein, um ihre Bewohner dann mit der Begründung zu vertreiben, es werde hier nur Müll abgeladen und die Lebensbedingungen seien unhygienisch. Doch die Bürgermeister der „Wacht auf“-Bewegung schlagen nicht etwa die Integration der Roma in die weißen Gemeinden vor oder einen Ausbau der Sozialwohnungen. Sie wollen sie lediglich aus ihrem Umfeld verbannen: Aus den Augen aus dem Sinn. Im Oktober vertrieb der Bürgermeister von Košice 156 Menschen aus seiner Siedlung und kaufte ihnen einfache Busfahrkarten in die nächste Stadt. Der Bürgermeister jener Stadt wiederum—ebenfalls ein Unterzeichner von „Wacht auf“— kauft ihnen einfache Busfahrten zurück nach Košice. Laut eines aktuellen ERRC-Berichtes hausten die Zwangsgeräumten nun im Wald. Haben die Gemeinden die Situation der Roma, für die sie diese allein verantwortlich machen, nicht selbst mitverursacht, indem sie es ihnen schwer machen Arbeit, Impfungen und menschenwürdigen Wohnraum zu bekommen und sie wie Aussätzige behandeln? Die Erklärungen des Bürgermeisters sowie die Denkweise von „Wacht auf“ sind paradox: Seiner Ansicht nach sind die Roma unhygienisch, weil sie arm sind; und die Roma sind arm, weil sie unhygienisch sind. Versuchen wir doch, sie alle loszuwerden, war allem Anschein nach die Logik, die dahintersteckte, und die Geschichte hat uns ja schon einmal gezeigt, wohin diese Art des Denkens letztendlich führt. Als ich den Bürgermeister fragte, wie sich die Situation der Roma in der Stadt verbessern ließe, entgegnete er: „Man muss wie in einer Diktatur vorgehen.“ Als ich wissen wollte, was genau er damit meinte, erklärte er schnell: „Nein, nein. Diktatur wie unter dem Kommunismus. Damals war Arbeit Pflicht. Wenn die Kinder nicht zur Schule gingen, kam die Polizei und verprügelte die Eltern.“ Dann ging der Bürgermeister unversehens zu seinem Schrank und holte einige Geschenktüten und einen Fußballwimpel heraus. In den Tüten befanden sich ein Handtuch und ein Anstecker, beide mit dem Wappen Vel’ká Idas—ein von zwei Lanzenreitern flankierter Burgturm. „Vel’ká Ida ist sehr bekannt“, brüstete er sich. „Hier befand sich im 15. Jahrhundert tatsächlich einmal eine Zigeunerburg. Als die Tschechen uns angriffen, kamen die Lanzenreiter der Zigeuner uns bei der Verteidigung zu Hilfe.“ „Die Burg gab es wirklich? Und die Roma halfen, sie zu verteidigen?“, fragte ich völlig verwirrt. „Nein“, antwortete der Bürgermeister und rieb sich das Kinn. „Das ist nur eine Legende.“ 


Mauer und eisernes Tor trennen einen Sozialwohnungskomplex für Roma vom Rest der Stadt am Rande von Prešov. Das Schloss des Tores wurde vor Kurzem von Roma aufgebrochen.

In der aktuellen slowakischen Gesetzgebung und in den Kommentaren der Abgeordneten taucht mit beunruhigender Häufigkeit eine Formulierung auf: nicht anpassungsfähig. Sie spiegelt die Wahrnehmung wider, dass es zwei Arten Roma gibt: diejenigen, die sich in die weiße Gesellschaft integrieren können, und die, die es vorziehen, in verdreckten, segregierten Siedlungen zu leben. 2001 meinte Premierminister Fico: „Die große Masse der Roma will nur im Bett liegen und Sozial- und Familienleistungen beziehen. Diese Leute haben herausgefunden, dass es wegen des Kindergeldes vorteilhaft ist, Kinder zu bekommen.“ Noch schockieren­der sind die Fälle von Zwangssterilisationen an Roma-Frauen in slowakischen Krankenhäusern im Jahr 2004, die nach einer juris­tischen Auseinandersetzung dazu führten, dass die Erfordernis einer Einverständniserklärung in die Gesundheitsgesetzgebung des Landes aufgenommen wurde. Zeugenaussagen, die vom Center for Civil and Human Rights im Jahr 2003 zusammengetragen wurden, dokumentieren ungeheuerliche, von weißen slowakischen Krankenhausärzten verübte Misshandlungen. Sie sollen Roma-Frauen vorgeworfen haben, sie bekämen zu viele Kinder—manchmal auch geistig behinderte Kinder—um mehr Kindergeld zu erhalten. Die Zeugenaussagen sind erschreckend: versuchte Vergewaltigung einer in den Wehen liegenden Roma-Frau durch einen Krankenwagenfahrer, von ihren Gynäkologen vergewaltigte Frauen, Frauen, denen bei der Geburt Schmerzmittel verweigert wurden, und der besonders furchtbare Fall einer Frau, die auf dem Fußboden des Krankenhauses liegend gebären musste, während ein Arzt sie anschrie: „Du bist eine Sau, also wirf auch wie eine Sau!“

Während meiner Interviews und Gespräche mit weißen Slowaken hatte ich den Eindruck, dass viele von ihnen die Roma als Sozialhilfebetrüger betrachteten, nur darauf aus, staatliche Leistungen zu erschleichen. Im vergangenen April wurde Peter Pollak als erster Roma in das slowakische Parlament gewählt. Als Sprecher der Roma-Gemeinden ist er auch dafür zuständig, die Regierung in Roma-Fragen zu beraten. Während es einige Hoffnungsschimmer gibt, wie etwa ein verbessertes Antidiskriminierungsgesetz, das im April in Kraft treten wird, sank die Begeisterung für Pollak mit der Erkenntnis, dass er von Premierminister und Innenministerium dazu benutzt wird, ein paternalistisches Reformpaket mit dem Motto „Der richtige Weg“ durchzusetzen, das die Kinder „gesellschaftlich nicht anpassungsfähiger Bürger“ betrifft. Die Gesetze, von denen viele noch zu verabschieden sind, sehen vor, dass Straftaten und der Schulbesuch der Kinder die Höhe der von Roma bezogenen Sozialleistungen beeinflussen können. Premierminister Fico erklärte Anfang des Jahres seinerseits, für die Roma sei es am besten, die Kinder von ihren Familien zu trennen und sie in Internate zu stecken. „Jemand sollte diesen Kindern zeigen, dass man auch anders leben kann“, sagte er.


Milan Daňo, 52, der inoffizielle Chef der segregierten Roma Sozialwohnungs-Siedlung „Alter Ziegelofen“, in der 2.000 Menschen leben. Milan verlor seinen Arbeitsplatz, weil er gegen die Mauer protestiert hatte.

Eine Stunde nördlich von Košice, am Rande der Stadt Prešov, besuchten wir ein weiteres Roma-Ghetto, den „Alten Ziegelofen“, eine riesige Sozialwohnungs-Siedlung am Rande der Autobahn. Vor 13 Jahren mit EU-Fördermitteln errichtet und scheinbar den feuchten Träumen des amerikanischen Stadtplaners Robert Moses entsprungen, bieten diese bereits maroden Gebäude 2.000 Roma Wohnraum. 2010 errichtete die Stadt eine Mauer und ein eisernes Tor auf dem Hügel hinter dem Komplex und versperrte damit den einfachsten und sichersten Weg in die Stadt. Die Nicht-Roma Nachbarn bekamen Schlüssel, damit sie ihre Gartenparzellen erreichen konnten, die Roma jedoch nicht. Der ursprünglich 15-minütige Schulweg der Roma-Kinder dauert jetzt 45 Minuten und führt an der Autobahn entlang. Für Schulbusse sorgt die Gemeinde natürlich nicht. Slowakische Schulen haben immer noch getrennte Klassenräume für Roma und Weiße. Bei vielen Roma-Kindern werden Behinderungen diagnostiziert und sie stellen, laut ERRC-Berichten, 60 Prozent der Schüler an Förderschulen. Obgleich ein von Menschenrechtsbeobachtern gelobtes Urteil eines slowakischen Gerichts von 2012 die offene Segregation beendete, besteht doch immer noch eine De-facto-Segregation. Einige Roma-Eltern berichteten mir, die einzige Veränderung sei die, dass Roma und weiße Schüler nun gemeinsam Mittag essen. Roma-NGOs und Medienorganisationen melden, dass weiße Slowaken von den Dörfern in die Städte zögen, damit ihre Kinder nicht mit Roma-Kindern in dieselbe Klasse gehen müssten, also eine Art umgekehrte „weiße Flucht“. Im „Alten Ziegelofen“ wurden wir zur Wohnung des inoffiziellen Chefs des Wohnkomplexes, Milan Daňo, geführt. Milan, ein gedrungener, 50-jähriger, von Kopf bis Fuß mit Tattoos übersäter Rom, arbeitete als Community-Koordinator für eine Roma-NGO, bis er im November entlassen wurde. Von den 2.000 Bewohnern des „Alten Ziegelofens“ war er einer der wenigen, die Arbeit hatten. Milan erzählte, dass ihm aufgrund einer Äußerung gegenüber einem Journalisten im Sommer gekündigt wurde: „Erst haben sie die Berliner Mauer abgerissen, dann haben sie die Roma-Mauer aufgebaut!“ Außerdem hatte er eine Petition gegen die Barriere unterzeichnet. „Man sagte mir, der Bürgermeister wolle mich nicht mehr sehen“, sagte er niedergeschlagen. In den 1990er Jahren bewohnte die Mehrheit der Roma Prešovs noch zwei Straßenzüge in der Stadtmitte. Ihre Wohnungen wurden als unbewohnbar eingestuft, sie wurden zwangsgeräumt und der „Alte Ziegelofen“ wurde ihnen als Alternative angeboten. „Während der Wohnkomplex gebaut wurde, erzählte man uns, es sollten Militärbaracken werden, damit wir nicht auf die Idee kämen, sie würden uns umsiedeln.“ Milan und alle anderen Bewohner des „Alten Ziegelofens“ zahlen Miete und haben Mietverträge. Ich fragte mich allerdings, warum die Menschen keine anderen Unterkünfte hatten finden können, nachdem sie aus dem Stadtzentrum verbannt worden waren? Sowohl der Dolmetscher als auch Milan schüttelten resigniert die Köpfe, sie hatten das Gefühl, ich hätte es immer noch nicht verstanden. „Es ist unmöglich—die Nicht-Roma in der Stadt würde nie an uns vermieten.“ Doch etwas verstand ich immer noch nicht. Wie zahlen 2.000 arbeitslose Roma jeden Monat 300 Euro für ihre jeweiligen Wohnungen? „Einige bezahlen die Miete vom Kindergeld, andere von der Sozialhilfe oder von Schwarzarbeit. Wir nehmen Kredite auf“, sagte Milan. Er erklärte, es habe einige „Aktivierungsmaßnahmen“ gegeben—von der EU und den slowakischen Kommunen finanzierte Arbeitsanreizprogramme—doch diese befristeten Tätigkeiten wie Straßen fegen, Rinnsteine säubern und Schnee schippen betrafen immer nur 15 oder 20 Menschen und waren manchmal auch unbezahlt. Milans Frau Zlata, eine arbeitslose Nicht-Romni, sagte: „Die gesamte Nicht-Roma-Öffentlichkeit kritisiert uns als ,arbeitsscheu‘. Das Problem ist aber, wenn du ein Rom bist, bekommst du einfach keinen Job. Wenn ich schon keinen Job bekomme, wie kann ich das dann angesichts all der Diskriminierung von ihm erwarten?“

Milan und Zlata betrachteten diese Aktivierungsmaßnahmen nicht als nachhaltige Arbeitsplätze, sondern als eine Art Beschäftigungstherapie für die angeblich gewohnheitsmäßig „arbeitsscheuen“ Roma-Gemeinden.


Dieser industrielle Schweinemastbetrieb wurde auf dem Gelände eines ehemaligen Roma-KZs aus dem Zweiten Weltkrieg errichtet, nicht weit außerhalb des Dorfes Lety in der Tschechischen Republik. In dem Lager starben Schätzungen zufolge 326 Menschen, und mehr als 500 wurden nach Auschwitz deportiert.

Das Deutsche Reich gründete bereits 1899 die Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens um eine „Lösung“ für die Roma auf den Weg zu bringen. Die Tschechoslowakische Republik schloss sich im 20. Jahrhundert an und das Gesetz über Fahrende Zigeuner aus dem Jahr 1927 verpflichtete alle Roma, sich erfassen, registrieren und bei den Behörden klassifizieren zu lassen. Der Zugang zu öffentlichen Bädern war ihnen untersagt, sie mussten Personalausweise bei sich tragen und ihre Bürgerrechte wurden eingeschränkt. Die Gesetzgebung wurde in Deutschland mit den Nürnberger Gesetzen, dem Reichsbürgergesetz und einer Roma-Version der Kristallnacht, der Aktion „Arbeitsscheu Reich“ verschärft. Die „Endlösung der Zigeunerfrage“ wurde von Himmler erstmals 1938 zur Sprache gebracht. Die meisten Historiker schätzen, dass während des Nationalsozialismus zwischen 500.000 und 1,5 Millionen Roma umkamen. In der Nachkriegsgedenkkultur und bei der geschichtlichen Aufarbeitung des Nationalsozialismus wurden die Roma größtenteils ausgeschlossen und vergessen. Sie waren auch bei den Nürnberger Prozessen nicht vertreten und erhielten keine Wiedergutmachung.

Es herrschte die Ansicht, dass die Roma von den Nazis und den Achsenmächten nicht aus rassistischen Gründen ermordet wurden, sondern aufgrund ihres angeblich asozialen und kriminellen Verhaltens—dieselben Gründe, die heute der Rechtfertigung ihrer Verfolgung dienen. Der Holocaust an den Roma hatte noch nicht einmal einen eigenen Namen und wird erst seit den 1990er Jahren als Porajmos—„das Verschlingen“ bezeichnet. Bereits 1939 wurden erwachsene männliche Roma in Arbeitslager im Protektorat Böhmen und Mähren geschickt. 1942 setzte der SS-Kommandant Horst Böhme in Prag Himmlers Erlass um, die „Zigeunerplage zu bekämpfen“. Mindestens 1.039 Roma wurden ihrer Habe beraubt und nach Lety deportiert, ein ehemaliges Straflager etwa eine Stunde von Prag entfernt, das nicht von der SS, sondern von Tschechen verwaltet wurde. Heute befindet sich auf dem ehemaligen Lagergelände ein industrieller Schweinemastbetrieb.

In einer kalten Nacht in einer Kneipe in der Nähe des Prager Stadtzentrums traf ich Markus Pape, einen investigativen Journalisten und Autor des Buches „Und keiner wird euch glauben….“ Das Konzentrationslager Lety – Geschichte und Erinnerung (1997). „Der Titel“, so erzählte er mir, „gibt das wider, was man den Roma-Überlebenden entgegnete, als sie aus Lety herauskamen und versuchten, ihre Geschichte zu erzählen. Die Leute sagten: ‚Keiner wird euch je glauben.‘“ Der kettenrauchende Deutsche wirkt ruhelos und ungepflegt, wie es für investigative Journalisten mittleren Alters üblich zu sein scheint.


Jemand schmier­te „Zigeuner ins Gas!“ in das Gästebuch des Informations­zentrums über das Konzentrationslager Lety.

Markus’ Buch basiert auf Archivmaterial und persönlichen Zeugenaussagen überlebender Roma. Wenn wir über die Zeit des Nationalsozialismus sprechen, werden aus Menschen oft Statistiken. Auf der Landkarte der europaweiten Vernichtung war das Lager Lety vergleichsweise klein. 326 Menschen starben in Lety, darunter 241 Kinder. Die tschechischen Historiker, die von Lety wussten, taten es als harmlos ab, und verglichen es mit den US-Internierungslagern für die japanische US-Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg. Aus ihrer Sicht wurden die Kinder, die dort starben, Opfer einer unglückseligen Typhusepidemie im Stalingrad-Winter 1943. Mit Markus’ Buch wies jedoch zum ersten Mal ein historisches Werk darauf hin, dass dort furchtbare Verbrechen begangen worden waren. Bei seinen Nachforschungen hatte er festgestellt, dass die Todesfälle alle vor Ausbruch der Typhusepidemie 1943 auftraten. Er war der Meinung, dass Lety als Konzentrationslager einzustufen sei. Das führte zu einem Aufschrei unter den tschechischen Historikern und Politikern, und die Tatsache, dass Markus Deutscher war, entschärfte die Situation nicht gerade. „Nach Ansicht der Tschechen war das ‚nicht sehr nett‘“, seufzte er. „Es entsprach nicht der Selbstwahrnehmung der Tschechen als Opfer des Zweiten Weltkrieges. Sich selbst sehen sie so: ‚Manchmal verstießen wir gegen ein paar Gesetze, aber wir waren nicht wie Deutschland oder andere imperiale Nationen.‘“ Auch wenn Lety nur als Internierungslager genutzt wurde: Mehr als 500 Roma wurden von dort nach Auschwitz in die Gaskammern deportiert. Das Lager Lety wurde nach der Typhusepidemie zerstört und keiner der damals verantwortlichen Tschechen ist jemals für seine Verbrechen bestraft worden. Bis in die frühen 1990er Jahre geriet das Lager in Vergessenheit. Es wurde erst von einem amerikanischen Amateurgenealogen namens Paul Polansky in tschechischen Archiven wiederentdeckt. Václav Havel, der erste Präsident der demokratischen Tschechischen Republik, reagierte darauf, indem er ein kleines Denkmal in Auftrag gab, das 1995 in der Nähe des Schweinemastbetriebes errichtet wurde, hatte aber während der Entwurfsphase keine Roma zu Rat gezogen. „Kannst du dir vorstellen, ein Holocaust-Denkmal zu errichten, ohne Juden dazu zu befragen?“, so Markus’ rhetorische Frage. Der derzeitige tschechische Premierminister besuchte das Denkmal im vergangenen Sommer, stellte aber noch einmal klar, dass es keine Möglichkeit gebe, den Schweinemastbetrieb zu verlagern.

Markus, der jetzt halbtags für eine Menschenrechtsgruppe arbeitet, erzählte über seine tschechischen Freunde: „Wenn ich mit ihnen über die Roma spreche, glauben sie, dieses Problem werde nie gelöst. Das ist vielleicht so wie das Problem zwischen Israelis und Palästinensern. Für Israel gibt es keine Lösung.“

Am folgenden Morgen fuhren Markus und ich durch das trostlose, menschenleere tschechische Dorf Lety und über einen Hügel zum Gelände des ehemaligen Lagers. „Das Lager wurde auf der anderen Seite des Hügels errichtet, damit niemand sehen konnte, was dort vor sich ging“, erklärte er. Wir bogen in eine asphaltierte Straße ab, die aber bald einem Feldweg wich. An diesem trüben Nachmittag sah die Schweinemast mit ihrem rostigen Stacheldrahtzaun, den Reihen grauer Baracken und dem übel riechenden, aus den Schornsteinen aufsteigenden Rauch wie ein Konzentrationslager aus; so wie wir es von Fotos in Geschichtsbüchern kennen.

Wir standen oben auf dem zugigen Hügel und betrachteten eine historische Tafel, die den Standort des ehemaligen Lagers zeigte. „Die Überlebenden berichten, sie seien dort gefoltert worden“, sagte Markus. „Ein Überlebender, der in Auschwitz und Lety war, sagte, dass Lety schlimmer gewesen sei, weil es Tschechen waren, also die eigenen Landsleute. Auschwitz sei furchtbar gewesen, aber man habe gewusst, dass einem die Gaskammer bevorstand. In Lety habe man nie gewusst, was am kommenden Tag passieren würde.“ Havels Denkmal, inmitten schneebedeckter Bäume, wirkte wie eine baptistische Freilichtbühne, die man eher in einem Vorort Houstons vermuten würde. „Das Problem ist: Besucher kommen hierher, sehen von der Straße aus die Schweinemast und fragen dann, ob das die Gedenkstätte sei. Sieht ja auch aus wie ein KZ“, sagte Markus. Am anderen Ufer eines kleinen Teiches stieß der Schweinemastbetrieb weiter graue Rauchwolken aus. Markus deutete auf den Teich und sagte: „Die Überlebenden berichteten, dass hier Kinder ertränkt worden seien.“ Zurück im Dorf besuchten wir ein Informationszentrum über das Lager Lety. Der kleine ungeheizte Raum stank nach nassen Zigarettenstummeln, und seltsame Spiegel hingen an den Wänden. Nachdem wir die Texttafeln gelesen hatten, warfen wir auf dem Weg nach draußen einen Blick ins Gästebuch. Jemand hatte „Zigeuner ins Gas!“ über eine ganze Seite geschmiert. Auf der Rückfahrt nach Prag sprachen Markus und ich über die Zukunft. „Heute würde jede Regierung, die die Roma unterstützt, die nächsten Wahlen verlieren“, sagte er. „Eine Demokratie sollte eigentlich die Minderheiten schützen. Ohne diesen Schutz werden die Minderheiten durch die Entscheidungen der Mehrheit unterdrückt. Ich glaube, die Menschen in den post-kommunistischen Ländern haben Schwierigkeiten, sich daran zu gewöhnen. Nach 1989 verloren sie einen großen Teil ihrer Identität, nämlich ein Teil des internationalen kommunistischen Blocks zu sein. Sie mussten den Nationalismus zum Leben erwecken, um die Leere zu füllen. Und die Roma passen da nicht rein.“

Dieser Artikel wurde in Partnerschaft mit dem Investigative Fund des Nation Institute verfasst.