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​„Der Schnee, auf dem wir alle talwärts fahr'n ...“

Einige Schneesportlehrer nehmen während ihrer Arbeitszeit Drogen. Ein ehemaliger Snowboardlehrer hat die Erlebnisse von Kollegen gesammelt.

von Bernhard Seiler
09 Januar 2016, 5:01am

Fotos vom Autor

Der Titel dieses Artikels stammt aus dem Text von Falcos Hit „Der Kommisar", dessen darauffolgende Textzeile im Skilehrer-Kontext eine völlig neue Dimension erhält, denn da wird behauptet: „... kennt heute jedes Kind, ...". Damit meine ich, dass Kinder, die über mehrere Jahre hinweg Ski- oder Snowboardkurse besucht haben, sehr wahrscheinlich mit zumindest einem Ski- oder Snowboardlehrer gefahren sind, der zum Zeitpunkt des Kurses auf legalen oder illegalen Drogen war.

Diese scherzhafte oder poetische Aufarbeitung des Drogenthemas weiter oben ist zwar überspitzt, hat aber einen wahren Kern. Schneesportlehrer nehmen Drogen, auch wenn das die Skilehrerverbände nicht hören wollen. Da ich selber jahrelang als Ski- und Snowboardlehrer gearbeitet habe, wollte ich mir einen Überblick über die Verbindungen zwischen Skilehrern und Drogen verschaffen.

Insgesamt habe ich über zehn Wintersaisons als Schneesportlehrer gearbeitet und diese paar Wochen jährlich auch meistens sehr genossen. Im Laufe der Jahre fiel mir auf, dass es immer öfter vorkam, dass der fruchtig süßliche Duft von Cannabis den nasskalten Geruch des Schnees überdeckte. Ob im Lift oder vor der Schirmbar—überall wurde gekifft. Darüber hinaus fanden sich auf den Toiletten der Skihütten und Schirmbars zunehmend Hinweise darauf, dass auch Drogen, die meist nasal eingenommen werden, in der Idylle der Berge angekommen waren.

Zerknüllte, achtlos neben die Kloschüssel geworfene Briefchen, oder Rückstände von Lines auf dem Toilettenkasten, um zwei besonders Auffällige zu nennen. Ich wußte damals nicht, dass diese Indizien von Schneesportlehrern stammten. Sie hätten auch von irgendeinem anderen Gast stammen können und taten es wahrscheinlich auch manchmal, aber nicht zu selten waren sie von einem Pistenpädagogen. Das wusste ich spätestens, nachdem sie es mir erzählten. Diverse Ski- und Snowboardlehrer unterschiedlicher Skischulen erzählten mir im Laufe der Jahre von ihrem Drogenkonsum. Mir wurde klar, dass nahezu jede mir bekannte Rauschsubstanz von zumindest einem Schneesportlehrer, den ich kennengelernt hatte, auch mal während der Arbeit konsumiert wurde. Wäre ich Zyniker, müsste ich behaupten, dass die Alpen trotz Klimawandel und Gletschersterben de facto schneesicher sind.

Wäre ich Zyniker, müsste ich behaupten, dass die Alpen trotz Klimawandel und Gletschersterben de facto schneesicher sind.

Angefangen bei den Klassikern Alkohol und Cannabis, über Kokain, MDMA, Speed, Ecstasy, Heroin bis hin zu Research Chemicals und Medikamenten war alles dabei. Dass Skihütten und Schirmbars, in denen Alkohol möglichst pistennah ausgeschenkt wird, für den Erfolg einer Skiregion beinahe genauso wichtig sind wie die Pistenkilometer, ist kein Geheimnis. Urlaubsdestinationen wie Sölden, Ischgl oder Mayrhofen gelten längst als Garanten für rauschende Feste. Sämtliche Weltstars heizen in regelmäßigen Abständen oberhalb der Schneefallgrenze Tausenden internationalen Ski- und Snowboardfreaks ein. Neben diesen Megaevents wartet jeder noch so kleine Wintersportort, der ein Stück vom großen „Tourismuskuchen" abhaben möchte, mit einer winterlichen Transformation auf, bei der sich die Ortszentren in einen große zusammenhängende Bar verwandeln.

Von daher darf es nicht verwundern, wenn zusätzlich Partydrogen wie Kokain, MDMA, Ecstasy und Speed konsumiert werden, um der Erschöpfung zu trotzen und die Partys so lange wie möglich durchzustehen. Das gilt natürlich für Gäste, Schneesportlehrer und andere saisonale Angestellte gleichermaßen. Heroin wird meiner Erfahrung nach hingegen nur sehr vereinzelt konsumiert oder aber nicht unbedingt während der Arbeitszeiten. Trotzdem gibt es sie auch, die heroinabhängigen Ski- und Snowboardlehrer. Genauso wie es auch heroinabhängige Verkäufer, Köche und Studenten gibt.

Um eine Vorstellung davon zu bekommen, was es bedeutet, unter dem Einfluss von Drogen einen Kurs abzuhalten, möchte ich drei Geschichten von Ski-/Snowboardlehrern erzählen, mit denen ich mich über ihre Erfahrungen unterhalten habe:

Stefan

Stefan, ein circa 20-jähriger Skilehrer, den ich vor einigen Jahren im Tiroler Oberland kennengelernt hatte, ging damals zum ersten Mal die gesamte Wintersaison dieser erfüllenden, aber auch verantwortungsvollen Tätigkeit nach. Er nahm bereits seit zwei oder drei Jahren gelegentlich auf Partys Drogen. Zu seinen bevorzugten Stimuli zählten Speed und MDMA. So auch während einer ausufernden Nacht mit seiner damaligen Freundin, die es ebenfalls nicht so genau nahm mit dem Suchtmittelgesetz. Sie tranken und schnupften die Nacht hindurch und plötzlich war es hell. Er hatte mehr als zwei Wochen keinen freien Tag gehabt, war also schon vor dieser Nacht physisch komplett am Ende. Was sollte er bloß tun? Blaumachen war keine Option, also versuchte er alles Erdenkliche, um zumindest halbwegs ausgeruht zu wirken. Nachdem er sich kalt geduscht hatte, trank er zwei große Tassen Espresso, in die er ein paar kleine Kristalle MDMA mischte. Den Rest steckte er ein, falls er während des Tagwerks müde werden sollte.

Er hatte am Anfang der Woche die schnellste Snowboardgruppe zugeteilt bekommen. Von vormals zehn Kursteilnehmern hatten noch zwei Jugendliche für diesen und den darauffolgenden Tag gebucht. Der Rest war schon abgereist. Die beiden Snowboarder waren ganz heiß aufs Springen, Carven und Tiefschneefahren, was an und für sich so was wie ein Lotto-Sechser unter den Snowboardlehrern ist. Verständnis und Nachsicht wegen Schlafmangels, der der durchzechten Vornacht geschuldet war, durfte er sich von den Teenies nicht erwarten. Also legte Stefan insgesamt dreimal an diesem Tag etwas MDMA nach, um wach und bei guter Laune zu bleiben.

Tags darauf gingen die Eltern der Kinder auf ihn zu und konnten gar nicht mehr damit aufhören, ihn zu loben.

Stefan sagte, dass das der beste Kurstag überhaupt gewesen sei. Überkommunikativ, getrieben, laut und nervig, aber das kam gut an—sowohl bei den beiden Schülern, als auch den dazugehörigen Hubschraubereltern, die aus einiger Entfernung das Engagement des Snowboardlehrers überprüften. Darüber hinaus verspürte er nicht im Geringsten Müdigkeit oder Erschöpfung—im Gegenteil. Letztlich waren die Jugendlichen mit ihren Kräften am Ende und beschlossen eine Viertelstunde vor Kursende den Snowboardtag abzubrechen.

Tags darauf gingen die Eltern der Kinder auf ihn zu und konnten gar nicht mehr damit aufhören, ihn zu loben. Die Dankbarkeit spiegelte sich später auch im Trinkgeld wider. Stefan war sich sicher, dass ihm MDMA geholfen hatte, die speziellen Herausforderungen eines Snowboardlehrers zu bewältigen. Er war nicht mehr so schüchtern gewesen und verfügte seiner Empfindung nach über schier unendliche Energie.

Mathias

Ein anderer Schneesportlehrer, Mathias, arbeitete während seiner Schulzeit und des Studiums stets zu Weihnachten und in den Semesterferien für verschiedene Skischulen im und ums Allgäu. Er war nicht nur ein Allrounder, was das Sportgerät betraf (er war Ski- und Snowboardlehrer), sondern auch in Sachen Drogen nicht ganz ohne. Er mochte alles, ganz egal ob schnell oder langsam, sofern der Zeitpunkt für ihn passte—was auch immer das bedeuten mag, angesichts des nachfolgenden Erlebnisses.

Als der runde Geburtstag eines guten Freundes bevorstand, wurde er beauftragt, für dieses Fest „Material" zu besorgen. Also fuhr er nach dem Skikurs mit dem Auto in die nächste größere Stadt, wo er von einem Bekannten knapp fünfzig Gramm Hasch, zehn Gramm Speed, vier Gramm Koks und dreißig LSD-Trips besorgte. Abgesehen vom LSD testete er jede Substanz und trank ein oder zwei Gläser Wein—auf den Geschäftsabschluss sozusagen—, bevor er sich wieder ins Auto setzte, um nach Hause zu fahren. Da er sich gleich nach Kursende auf den Weg gemacht hatte, trug er nach wie vor seinen Skilehreranorak und im Kofferraum und auf dem Rücksitz verstreut, befanden sich Handschuhe, Skier und das restliche Skizeug. Er stopfte die illegalen Substanzen in einen Skischuh. Das war das perfekte Schmuggelversteck, weil die Schuhe unglaublich stanken und noch feucht waren—niemand greift da freiwillig rein, war der Gedanke dahinter.

Als Mathias mit seinem Auto über eine Anhöhe fuhr, stand dort plötzlich ein Polizist. Mathias bremste und der Polizist deutete ihm grimmig dreinblickend, dass er das Fenster runter lassen solle. Der Polizist warnte ihn vor einem Hund, der entlaufen war. Somit war zumindest der eigentliche Grund für das Anhalten seines Wagens geklärt. Mathias bedankte sich bei dem Beamten höflich für die Warnung und fuhr langsam weiter. Nach knapp 100 Metern, wurde ihm erst so richtig klar, wie viel Glück er gehabt hatte, nicht richtig kontrolliert worden zu sein. Ohne seinen Skilehreranorak und die stinkenden Schuhe, so glaubt er bis heute, wäre er nicht an einer Fahrzeugkontrolle beziehungsweise einem Alkohol- und Drogentest vorbeigekommen.

Harald

Die letzte Anekdote stammt von Harald, der, wenn er gerade nicht als Schneesportlehrer im Einsatz war, auf dem Bau arbeitete. Harald kam aus Innsbruck, war zum Zeitpunkt des folgenden Ereignisses ungefähr 25 Jahre alt und hatte damals bereits für diverse Skischulen gearbeitet. An einem besonders anstrengenden Arbeitstag vor wenigen Jahren, hatte er, wie schon so oft zuvor, jeweils mittags und am späten Nachmittag noch eine Privatstunde zu absolvieren. Obwohl er es eigentlich besser hätte wissen müssen, hatte er die ganze Nacht hindurch gefeiert. Er hatte getrunken und sowohl MDMA als auch Kokain genommen und wusste, dass sich das bald rächen würde.

Als der Tag anbrach, war Harald noch drauf. Nüchtern konnte er bis Kursbeginn nicht mehr werden, also kaufte er sich vier 4cl-Fläschchen Wodka für den Tag—sozusagen als „Reperaturfusel"—, falls sich ein Kater einstellen sollte. Dazu nahm er noch zwei Valium. Der Vormittag ging seinem subjektiven Empfinden nach ohne bemerkenswerte Schwierigkeiten über die Bühne, aber er merkte, wie seine Kräfte schwanden. Mittags hatte er, wegen des Privatkurses, nur eine halbe Stunde Zeit, sich zu regenerieren. Er trank rasch einen großen weißen Spritzer und nahm noch vom übriggebliebenen MDMA des Vorabends.

Er stürzte vermehrt und es fiel ihm irgendwann selbst auf, dass seine Redeflashs nicht nur komplett zusammenhanglos waren, sondern dass er dabei auch noch lallte.

Der Nachmittag sei dann angeblich sehr „bunt" gewesen. Die Schneedecke verfärbte sich rot und pink, Harald wurde immer wieder schwindelig und irgendwann taten sich Löcher vor ihm auf. Er stürzte vermehrt und es fiel ihm irgendwann selbst auf, dass seine Redeflashs nicht nur komplett zusammenhanglos waren, sondern dass er dabei auch noch lallte. Anfangs hatte er über sich selbst noch lachen können, nachdem er jedoch mit seinem Rücken gegen einen kleinen Baum abseits der Piste prallte und sich bei ihm entschuldigte, machte er sich langsam Sorgen. Er hielt fortan die Kinder des Kurses dazu an, vor ihm zu fahren, was er damit begründete, dass er dann den Fortschritt ihres Könnens besser beurteilen könnte. Eigentlich wollte er natürlich nur verhindern, dass sie merkten, dass er nicht mehr fähig war, das Gleichgewicht zu halten.

Die Privatstunde nach den üblichen Kurszeiten war dann die reinste Katastrophe. Im Schlepplift vor der ersten und gleichzeitig letzten Abfahrt rauchte er einen Joint und trank seinen letzten Miniwodka, weil es eh schon egal gewesen war. Die beiden Kinder, die er betreute, sprachen nur französisch, was ihn vollends überbeanspruchte. Nichts hatte geklappt, weshalb sie die Hälfte der Abfahrt auf dem Hintern und den Rest zu Fuß hinter sich brachten. Die Eltern der beiden belgischen Kinder buchten danach verständlicherweise keinen Folgekurs mehr.

Der Chef Haralds schüttelte nur noch den Kopf, als sein Snowboardlehrer total geschafft beim Skischulbüro aufkreuzte. Er dachte, dass Harald am Vortag (nur) zu viel getrunken hatte und machte ihm deswegen heftige und vor allem laute Vorwürfe, aber er durfte seinen Job behalten.

Diese drei Anekdoten sind unterhaltsam und schauerlich zugleich. Sie spiegeln die Höhen und Tiefen von Drogenkonsumenten exemplarisch wieder. Sie zeigen, wie facettenreich die Wirkung von Drogen ausfallen kann. Zwischen unbeschreiblichem Hochgefühl und totalem Kontrollverlust ist eben alles möglich.

Es mag sich für einen Schneesportlehrer äußerst verlockend anhören, sprichwörtlich auf Knopfdruck fit und gut drauf zu sein. Aber dieser Knopf existiert so natürlich nicht. MDMA oder andere Drogen als diesen Knopf zu missbrauchen, mag schon hin und wieder funktionieren, aber selbst wenn, steht dieser scheinbare Vorteil in keinem Verhältnis zu den möglichen negativen Folgen, die ein Drogenrausch während der Kurszeiten nach sich ziehen kann. Harald und auch die beiden anderen hatten riesiges Glück.

Ein Schneesportlehrer, dem Drogenmissbrauch während der Arbeitszeit vom Arbeitgeber nachgewiesen wird, kann sich glücklich schätzen, wenn er nur seine Anstellung verliert und/oder angezeigt wird. Die Konsequenzen könnten nämlich viel weitreichender sein: Ein Ski- und Snowboardlehrer ist verantwortlich für die Sicherheit und Gesundheit der Gäste. Sie verlassen sich auf seine Expertise. Wenn ein Kursteilnehmer, oder der Schneesportlehrer selbst, verunglückt und der zuständige Lehrer nachweislich unter Drogen- und/oder Alkoholeinfluss gearbeitet hat, ist der Ruf der Skischule im Eimer und der Verantwortliche wird gegebenenfalls nicht mal mit der besten Tablette der Welt nochmal glücklich.

Aber warum nehmen Pistenpädagogen trotzdem Drogen, obwohl ihnen die vielen Risiken und Gefahren bekannt sind, die Ski- und Snowboardsport schon nüchtern mit sich bringen?

Ich glaube, dass vor allem die grundlegende Charakteristik des Jobs dafür mitverantwortlich ist. Ähnlich wie ein DJ oder ein Musiker hat ein Schneesportlehrer durchwegs mit Menschen zu tun, die gerade ihre Freizeit genießen, die Party machen wollen und sich darauf verlassen, dass der Ski-/Snowboardlehrer das möglich macht.

Um all den Erwartungen auch gerecht zu werden und um den Belastungen Stand zu halten, werden Drogen und Medikamente als Doping- und als herkömmliches Rauschmittel gleichermaßen miss- und gebraucht.

Die Erwartungen und Anforderungen, die an Schneesportlehrer gestellt werden, verleiten auf den ersten, trügerischen Blick eher zum Drogenkonsum während der Arbeit, als es vielleicht die Anforderungen, die an einen Mechaniker, Zahnärzte oder Politiker gestellt werden, tun. Auf den zweiten Blick ist aber klar, dass Drogenkonsum während der Arbeit, ganz egal in welchem Gewerbe, gefährlich und fahrlässig ist.