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Wie an der Grenze Europas Menschen sterben

Vor Kurzem ging ein Bild um die Welt, auf dem Flüchtlinge auf einem Zaun festsaßen, während unter ihnen Golf gespielt wurde. Tanja Boukal hat die Situation miterlebt.
4.11.14
Foto mit freundlicher Genehmigung von José Palazón

Melilla ist eine Hafenstadt am Mittelmeer mit rund 80.000 EinwohnerInnen. Die Stadt liegt in Marokko, die Mehrheit der Bevölkerung ist arabisch. Das alles wäre noch nicht außergewöhnlich. Was Melilla besonders macht, ist, dass die Stadt bereits seit dem 15. Jahrhundert zu Spanien gehört, obwohl sie mitten in Marokko liegt. Heute hat die Stadt eine wichtige Doppelbedeutung: Einerseits kontrolliert das NATO-Land Spanien von hier aus den Zugang zum Mittelmeer. Und andererseits ist Melilla für Flüchtlinge eine der wenigen Möglichkeiten, ohne eine lebensgefährliche Bootsfahrt über das Meer die Grenzen der Festung Europa zu erreichen.

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Die Wiener Künstlerin Tanja Boukal war in den letzten Wochen in Melilla. Sie war in den Flüchtlingslagern, sie hat mit den Menschen vor Ort gelacht und gelitten, sie hat die mörderische Brutalität des spanischen Militärs gesehen. Und sie hat darüber in ihrem Blog geschrieben, der Zehntausende Male angeklickt wurde. Nach ihrer Rückkehr nach Wien habe ich als erster Journalist mit ihr über ihre Erlebnisse gesprochen.

VICE: Du warst jetzt einige Wochen in Melilla. Du warst auch dabei, als das nun schon sehr bekannte Golfplatzbild entstanden ist. Kannst du mal etwas zur Situation in Melilla erzählen?
Tanja Boukal: Klar! Die Stadt ist von drei Zäunen umgeben. Einer gehört noch zu Marokko, die beiden anderen zu Spanien. Wenn die Flüchtlinge es geschafft haben, alle drei Zäune zu überwinden, sind sie noch nicht im Schengen-Gebiet aber zumindest mal mehr oder weniger innerhalb der Festung Europa.

Damit diese Zäune nicht überwunden werden können, hat die EU sich einiges ausgedacht. Zuerst ist da mal das Militär von Marokko. Es gibt Abkommen, damit diese Leute die Schmutzarbeit machen und Flüchtlinge sofort weiter nach Algerien abschieben. Das Militär ist dabei in der Vergangenheit so brutal vorgegangen, dass die Abwehr der Flüchtlinge jetzt eine private Firma übernommen hat - die genauso brutal ist, aber noch weniger kontrolliert wird.

Dann gibt es elektronische Überwachungen, etwa Drohnen und Wärmebildkameras. Das versuchen die Menschen übrigens zu umgehen, indem sie sich im Fluss selbst so sehr abkühlen, bis sie von den Wärmekameras nicht mehr entdeckt werden. Das ist natürlich extrem gesundheitsschädlich, doch in Melilla hat niemand mehr viel zu verlieren.

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Und schließlich gibt es drei Zäune, die beiden inneren sind rund sechs bis acht Meter hoch und haben oben messerscharfe Spitzen. Allein die Wartung der Zäune in Melilla und der Schwesterstadt Ceuta hat in den letzten zehn Jahren 74 Millionen Euro gekostet. Anstatt also Menschen zu helfen, werden Millionen ausgegeben, um sie zu verletzen.

Nach dem letzten Zaun gibt es immer noch die Gefahr durch die spanischen Militärs der Guardia Civil, die die Leute sofort wieder aus Melilla rauswerfen, wenn sie sie erwischen. Das ist zwar komplett illegal, aber das ist der Guardia egal.

Tanja Boukal in einem Flüchtlingslager in Melilla. Bis zu fünf Jahre hängen die Flüchtlinge in diesen Camps fest, bevor sie nach Spanien weiter dürfen.

Was ist nun konkret am 15. Oktober passiert?
Um 7:50 am Morgen war ein größerer Versuch geplant, gemeinsam über die Grenzzäune zu kommen. Die Zeit wurde deshalb vereinbart, weil zwischen 7:45 und 8:00 bei der Guardia Civil Wachablösung ist. Der Ort für den Übertritt wurde so ausgewählt, dass er in der Nähe des Flüchtlinglagers in Melilla lag, um so schnell untertauchen zu können. Zwischen dem Zaun und dem Lager liegt der Golfplatz, der dann auf allen Bildern zu sehen war. Absurderweise wurde dieser Golfplatz übrigens mit EU-Geldern gefördert. Um die Lebensqualität in Melilla zu verbessern, während vor dem Zaun die Menschen verrecken.

Doch die Guardia war vorgewarnt, weil es am Tag davor einen erfolgreichen Versuch gegeben hatte und die rund 200 Flüchtlinge wurden erwartet. Der Großteil wurde bereits von den marokkanischen Sicherheitsleuten zurückgedrängt, doch 15 Leute haben es bis auf den Zaun geschafft, waren also bereits in Spanien.

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Dort oben saßen die Menschen dann allerdings fest und konnten nirgends mehr hin. Auf dem Bild ist nicht zu sehen, dass da noch eine Straße zwischen Golfplatz und Zaun ist, die voll war mit Guardia Civil mit Schlagstöcken, Pfefferspray und Hunden, die die Flüchtlinge bedrohten. Auf der anderen Seite wartete die marokkanische Security mit Eisenstangen. Das ist das übliche Vorgehen: Wenn es Leute auf den Zaun schaffen, haben sie danach sehr oft gebrochene Beine, wenn sie überhaupt überleben.

Die Flüchtlinge konnten also weder vor noch zurück, die Guardia wartete einfach, bis sie runterfielen. Es gab kein Wasser und keine Nahrung. Ab 10 Uhr am Vormittag begannen dann Leute, auf dem Golfplatz ihre Runden zu drehen. Das Bild war vollkommen surreal. Auf dem gut gepflegten Green wurde gespielt, während unmittelbar daneben Menschen um ihre Leben fürchteten.

Das ging den ganzen Tag so weiter, am Abend mussten die Flüchtlinge schließlich aufgeben und fielen buchstäblich vom Zaun. Sie fielen zwar auf die spanische Seite, dennoch wurden sie illegalerweise nach Marokko zurückgebracht und von dort sofort nach Algerien abgeschoben.

[Auf diesem Video könnt ihr einige Szenen dieses Tages sehen.]

Du hast vorhin gesagt, dass nicht alle Flüchtlinge überleben. Wie meinst du das?
Allgemein ist die Flucht in die Festung Europa eine lebensgefährliche Sache. Nach Schätzungen der Internationalen Organisation für Migration sind am Weg nach Europa seit dem Jahr 2000 über 22.000 Menschen ums Leben gekommen, die meisten davon sind im Mittelmeer ertrunken.

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Doch in Melilla droht noch eine andere Gefahr: die Guardia Civil verprügelt dort Menschen in einer Art, wo in Kauf genommen wird, dass sie sterben. Allein in diesem Jahr besteht der Verdacht, dass fünf Menschen so ums Leben kamen. Bei einigen anderen ist die Situation unklar, sie wurden einfach nie mehr gesehen. Es gibt einen Fall, wo ein Mann verprügelt und dann leblos über die Grenze geworfen wurde. Wir wissen nicht, was aus ihm geworden ist. Diese schreckliche Szene wurde auf Video aufgenommen.

Wie war es für dich, in dieser Situation zu recherchieren?
Du kannst dort eigentlich kaum länger recherchieren. Das ganze Gebiet unterliegt der Hoheit des Militärs, womit etwa fotografieren nur mit Genehmigung möglich ist. Am Anfang hatte ich mich ins gleiche Hotel einquartiert wie die Guardia Civil und konnte sogar einen Tag mit ihnen mitfahren. Als ich dann in meinem österreichischen Blog über einen versuchten Grenzübertritt geschrieben habe, wo ein paar hundert Leute illegalerweise zurück geschickt worden waren, wurde am nächsten Tag in der Früh meine Fotografiergenehmigung widerrufen. Offenbar war ich zu diesem Zeitpunkt also schon überwacht worden.

Kurz danach fuhr mir ein Polizeiwagen zwei Stunden nach, als ich am Weg zum Monte Gurugu war, wo die Flüchtlinge auf marokkanischer Seite dahinvegetieren. Ich habe dann begonnen, meine Kamera in einen Safe zu sperren und Daten sofort zu versenden. Denn es kann immer passieren, dass es Hausdurchsuchungen gibt und die Guardia deine Kamera zertritt.

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Sie gehen auch finanziell gegen AktivistInnen vor. Vor einigen Wochen wurde der Fotograf José Colon zu 2000 Euro Geldstrafe verurteilt. Er hatte im Mai fotografiert, wie die Guardia Civil einen Mann zu Tode geprügelt hat. Die Guardia sagt zwar, dass er nicht tot ist, aber er ist nie wieder aufgetaucht. Colon wurde verurteilt, weil auf den Bildern der Grenzzaun zu sehen war, der nicht fotografiert werden darf—doch es ist unmöglich, Bilder von der Situation am Zaun zu machen, ohne den Zaun zu zeigen.

Auch José Palazon, von dem das Golfplatz-Bild ist, wurde bereits die Kamera zertreten. Er ist sehr mutig und einer der wichtigsten Aktivisten vor Ort. Er macht laufend Anzeigen wegen der Morde durch die Guardia und gegen die illegalen Abschiebungen und schreibt auch regelmäßig darüber.

Die Flüchtlinge kommen zum großen Teil aus Syrien, aber auch aus dem subsaharischen Afrika.

Woher kommen die Leute, die in Melilla den Grenzübertritt versuchen und was sind ihre Motive?
Derzeit ist rund die Hälfte der Leute aus Syrien, viele davon aus Kobane. Hier ist der Grund klar, es ist der aktuelle Bürgerkrieg. Dann sind viele aus dem subsaharischen Afrika, etwa aus Zentralafrika, Somalia, Kenia, Ghana oder der Elfenbeinküste. In letzter Zeit kommen auch verstärkt Menschen aus Südost-Asien. Sie hatten vorher in Libyen gearbeitet und sind nun vor dem Bürgerkrieg nach Marokko geflohen.

Die Menschen flüchten entweder vor Kriegen oder vor menschenunwürdigen Zuständen. Die Einteilung in Kriegsflüchtlinge und sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge ist dabei natürlich völlig willkürlich. Warum ist es legitim, vor Krieg zu flüchten aber nicht vor Hunger oder Naturkatastrophen? Vor allem, wenn wir bedenken, dass im subsaharischen Afrika die sozialen Probleme eigentlich großteils auf den europäische Kolonialismus und die Ausbeutung durch internationale Konzerne zurückzuführen sind.

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Oft sind es gut ausgebildete Menschen, die in Melilla sind. Die Flucht nach Europa über die Schlepperrouten kostet mehrere tausend Euro, das bringen eher Mittelklassefamilien zusammen. Meist legt eine größere Familie zusammen, damit es eine besser ausgebildete Person aus dem Elend schafft. Ich gehe übrigens davon aus, dass es im Flüchtlingslager in Melilla eine höhere Akademikerquote gibt als in Spanien.

Auf den Schlepperrouten werden die Menschen dann ausgepresst. Oft wird etwa eine ganze Gruppe ohne Wasser und Nahrung in der Sahara liegen gelassen, bis die Leute per Handy eine festgelegte Summe zusammengebracht haben. Irgendwann ist das Geld aber aus und dann gibt es ein Problem. Oft müssen sich Menschen verpflichten, später noch aus Europa Geld zurückzuzahlen.

Die Frauen müssen sich unterwegs fast alle prostituieren. Es ist eigentlich Standard, dass sie irgendwann mit einem Schlepper Sex haben müssen, damit sie weiter mitgenommen werden. Auch Vergewaltigungen sind an der Tagesordnung. Und schließlich sind viele Frauen darauf angewiesen, Zweckbeziehungen einzugehen, wenn sie kein Geld mehr haben.

Wenn die Leute in der Gegend um Melilla ankommen, sind sie und ihre Familien mittellos. Damit können sie auch nicht mehr zurück. Sie sind dort buchstäblich gestrandet.

Wenn es Leute dann nach Melilla geschafft haben, wie geht es dann weiter?
Jedes Jahr schaffen es rund 3000 Menschen nach Melilla. Das ist nicht viel. Doch wenn jemand durchkommt, ist noch wenig gewonnen.

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Rechtlich ist die Lage ziemlich absurd. Die Menschen sind dann zwar in Spanien, aber dennoch nicht im Schengen-Raum. Sie dürfen von Melilla aus keine Asylanträge stellen sondern nur Anträge darauf, dass sie weiter aufs spanische Festland gebracht worden, wo sie dann Anträge stellen könnten. Ich habe etwa eine Frau aus Syrien kennengelernt. Sie sitzt mit ihrem Kind im Lager in Melilla fest. Ihr Mann hat in Frankreich als Kriegsflüchtling bereits Asylstatus erhalten, doch sie darf noch nicht einmal um Asyl ansuchen, weil sie nicht im Schengen-Raum ist.

Wer wann aufs Festland weitergeschickt wird, ist völlig willkürlich. Es kann bis zu fünf Jahre dauern, bis jemand aufs Festland darf, in der Zeit sitzt die Person in Melilla fest. Danach folgt ein Asylverfahren in Spanien, das wieder einig Jahre dauert und während dessen Spanien nicht verlassen werden darf.

Doch dann wird den Menschen ein perfides Angebot als Alternative gemacht: wenn sie nicht um Asyl ansuchen, werden sie früher nach Spanien weitergeschickt. Vor allem im Herbst fahren die Fähren dann statt nach Malaga nach Almeria, obwohl dorthin offiziell gar keine Fährverbindung besteht. Dort arbeiten die Leute dann illegal als ErntearbeiterInnen im sogenannten Weißen Meer von Almeria von wo ein großer Teil des Gemüses in der EU kommt. Am Hafen von Almeria stehen bereits Lastwagen, wenn die Fähren ankommen und holen die Leute zur Arbeit ab.

Die spanische Regierung setzt darauf, dass die Leute dort Geld verdienen und dann aus Spanien in ein anderes EU-Land abhauen. Das ist natürlich ein zynisches Spiel. Die Menschen verzichten auf ihr Recht auf einen Asylantrag, dafür müssen sie nicht jahrelang im Lager hausen.

Viele Menschen haben zu diesem Zeitpunkt bereits eine jahrelange Flucht hinter sich. Ich habe etwa einen Mann aus Zentralafrika kennengelernt, er ist bereits seit neun Jahren unter schlimmsten Bedingungen unterwegs. Er hatte es bis Libyen geschafft. Dort arbeitete er, bis er das Schlepper-Boot nach Italien bezahlen konnte. Das Boot kenterte allerdings, er war einer von nur drei oder vier Überlebenden auf einem Boot mit 150 Menschen. Die libysche Marine fischte ihn raus und steckte ihn dann für ein Jahr ins Gefängnis. Das ist ein Deal mit der EU, damit die Leute bereits vor der EU abgefangen werden. Danach wurde er abgeschoben und schaffte es in Folge, sich bis vor Ceuta durchzuschlagen. Dort lebte er im Wald. Beim Versuch, nach Ceuta zu schwimmen, wurde er gefangen und nach Algerien abgeschoben. Von dort ging er wieder Richtung Melilla, wo ihm bei einem Grenzübertrittsversuch der Fuß gebrochen wurde. Danach wurde er wieder nach Algerien deportiert und hat es nun endlich nach Melilla geschafft.

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