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LGTBQ

Wie Rechtspopulisten die Rechte Homosexueller für sich entdeckten

Und was zur Hölle bringt Menschen wie Alice Weidel, David Berger oder Milo Yiannopoulos dazu, rechte Positionen zu vertreten?

VonSophie WilkinsonundAdrian Jaksch

Milo Yiannopoulos bei der Republican National Convention Cleveland, Ohio, USA, 21. Juli 2016 | Foto: Mark Reinstein | Alamy Stock Photo

Im März 2017 kommen beim Londoner Terroranschlag auf der Westminster-Brücke sechs Menschen ums Leben, mehr als vierzig werden verletzt. Noch während Rettungskräfte die letzten Opfer abtransportieren, steht Tommy Robinson, Gründer der rechtsextremen English Defence League (EDL) und Prototyp des britischen Wutbürgers, mit einem Kamerateam vor der Polizeiabsperrung, um gegen Muslime zu hetzen. Neben ihm steht ein jüngerer Mann, der in seinem leicht femininen Habitus und modisch-gepflegtem Aussehen nicht gegensätzlicher sein könnte, und hält das Mikrofon. Während seines Monologs gerät Robinson in eine Diskussion mit einem anderen Journalisten und redet sich dabei in Rage. Jetzt mischt sich auch der Jüngere ein und übernimmt das Mikro.

Zeigefinger und Daumen in dezenter Trump-Manier aufeinanderdrückend blafft er die umherstehenden Schaulustigen an: "Das Blut. Klebt an. Euren. Verdammten. Händen." Seine Stimme klingt weniger nach Wutbürger als nach RuPaul's Drag Race-Queen mitsamt der überkandidelten Dramatik.

Das ist Caolan Robertson, ein Videoproduzent mit 12.000 YouTube-Abonnenten, 41.000 Facebook-Fans und 35.000 Twitter-Followern. Robertson, Jahrgang 1995, ist offen schwul und sagt gerne Sachen wie: "Alle Religionen sind ziemlich schlimm ... Der Islam ist am allerschlimmsten." Ähnlich wie Milo Yiannopoulos, der mit seiner Anti-Political-Correctness-Agenda zum Darling der Alt-Right-Bewegung aufgestiegen war, hat auch Robertson seine sexuelle Orientierung auf krude Weise politisiert.


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Dass zwei prominente Figuren der extremen Rechten offen schwul sind, erscheint auf den ersten Blick widersprüchlich. Beschwören Vertreter dieser politischen Strömung doch gerne das traditionelle Familienbild christlicher oder völkischer Prägung – wir erinnern uns daran, wie überfordert die braunen Burschen 2007 mit Olivia Jones' Besuch auf dem Parteitag der NPD waren. Ein flüchtiger Blick in die Geschichte zeigt: Rechts der Mitte hat man für Lesben und Schwule nie große Sympathien gehegt.

Ganz ungewöhnlich ist Homosexualität in der rechten Szene allerdings auch nicht, wie Rosa von Praunheim bereits 2005 in der Dokumentation Männer, Helden, schwule Nazis gezeigt hat.

Unter den Nazis war man höchstens heimlich schwul

Historisch betrachtet steht diese zeitweilige Akzeptanz weißer Schwuler am rechten Rand jedoch einer langanhaltenden Tradition institutionalisierter Homophobie gegenüber. Die vorübergehende Toleranz des homosexuellen SA-Führers Ernst Röhms ist vergleichsweise bedeutungslos mit den 50.000 Menschen, die wegen ihrer Sexualität von den Nationalsozialisten festgenommen, und den bis zu 15.000 Menschen, die wegen ihrer Sexualität in Konzentrationslager gesperrt worden waren.

Auch Jahrzehnte später haben es Rechtsradikale auf Homosexuelle abgesehen. 1999 richtete der Londoner Attentäter David Copeland seine Nagelbomben mit gleichem Hass gegen Schwarze, Pakistaner und Schwule. Neonazigröße Nicky Crane wurde nach seinem Outing 1992 von seinen ehemaligen Kameraden verstoßen. Er selbst erklärte schließlich, seine politische Weltanschauung sei unvereinbar mit seiner Sexualität.

Der deutsche Michael Kühnen hingegen brach nicht so klar mit seiner nationalsozialistischen Ideologie. Kühnen war in den 1970er und 1980er Jahren eine der wichtigsten Figuren der deutschen Neonazi-Szene. Sein Outing 1985 führte zu einer tiefen Spaltung unter seinen Anhängern. Kühnen selbst sah keinen Widerspruch zwischen Homosexualität und seiner politischen Einstellung und beschwor in seinen schriftlichen Ergüssen die Vorzüge von Männerbünden.

Aber Menschen wie Yiannopoulos oder Robertson haben aus ihrer Homosexualität nie ein Geheimnis gemacht – ganz im Gegenteil. Europas Rechtspopulisten Marine Le Pen und Geert Wilders haben im Wahlkampf um LGB-, wenn auch nicht T,-Stimmen gekämpft. Alice Weidel, Co-Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion ist offen lesbisch und zieht mit ihrer Partnerin zwei Söhne groß. Ebenfalls mit der AfD sympathisiert der schwule Theologe und Publizist David Berger, der auf seinem Blog Philosophia perennis rechte Positionen vertritt. Wie passt das alles zusammen?

9/11 bringt klare Feinde – und neue Verbündete

Nach 9/11 vollzog sich im Weltbild der Rechten eine Hierarchieverschiebung. Die selbsternannten Hüter der westlichen Kultur hatten einen neuen Hauptfeind und damit die Gelegenheit, verschiedene Fraktionen gegen ein großes gemeinsames Übel zu vereinen: den Islam.

Ähnlich wie die Bush-Regierung die Behandlung von Frauen unter den Taliban als Rechtfertigung für ihren Krieg gegen den Terror zu instrumentalisieren wusste, wussten Rechtspopulisten und andere Rassisten, die Behandlung queerer Menschen in islamischen Länder dazu einzusetzen, um alle Muslime als homo- und transphob hinzustellen. 2009 schien eine Umfrage des renommierten Gallup Centre for Muslim Studies, die die Behauptungen der radikalen Rechte zu unterstützen schien: Während 58 Prozent der britischen Allgemeinbevölkerung der Meinung waren, dass homosexuelle Handlungen "moralisch akzeptabel" seien, stimmten null Prozent der britischen Muslime dieser Aussage zu.

Selbst die liberale Presse griff die Umfrageergebnisse auf: "Patriotisch, respektvoll, homophob", lautete die Zusammenfassung des Independent. "Muslime in Großbritannien haben null Toleranz für Homosexualität, sagt Umfrage", hieß es im Guardian. Rechte Publikationen, die immer noch ein Problem mit Homosexuellen in der anglikanischen Kirche hatten und in der drohenden gleichgeschlechtlichen Ehe den Untergang des Abendlandes sahen, wussten nicht so recht, mit diesem Thema umzugehen.

Am Tag des Anschlags auf den Schwulenclub Pulse in Orlando 2016, bei dem 49 Menschen starben, schrieb Yiannopoulos einen Artikel für die rechte Seite Breitbart: "Die Linke hat Islam vor Schwulen gewählt. Jetzt sind 100 Menschen tot oder verstümmelt". Darin beschreibt er die Taten eines Extremisten als stellvertretend für den ganzen Islam. Auch die Gallup-Umfrage führt er an, um seine These zu untermauern: "Hier geht es nicht um den 'radikalen' Islam. Das ist keine kleine Randerscheinung", schreibt er. "In Großbritannien hat 2009 eine Gallup-Umfrage herausgefunden, dass kein einziger Muslim homosexuelle Handlung akzeptabel findet. Kein einziger!"

Tage später sprach Yiannopoulos vor einer kleinen Menge in einem YouTube-Livestream und rief zu einem Boykott von Muslimen auf. "Das ist kein radikaler Islam ... das sind Muslime im Westen", sagte er und ignorierte dabei, dass die gleiche Umfrage ergeben hatte, dass 19 Prozent der deutschen Muslime und 35 Prozent der französischen Muslime homosexuelle Handlungen für akzeptabel hielten.

Nichtsdestotrotz: Die Geschichte vom Kampf der Kulturen war damit etabliert.

Der rechte Mainstream entdeckt sein Herz für Homosexuelle

Wochen später wurde Donald Trump – dessen Berater zu jener Zeit Stephen Bannon war, der damalige Breitbart-CEO – der erste Präsidentschaftskandidat der Republikaner, der LGBT-Menschen zum Thema machte. Für ihn waren sie ein Argument für den Einreisestopp von Muslimen.

Der Rechtsextremismus-Experte und Historiker an der britischen Teeside University Matthew Feldman formuliert es so: "Die Idee dahinter ist folgende: 'Wenn das ein weiterer Stock ist, mit dem wir Muslime schlagen können, nehmen wir ihn. Wir schweigen zu der LGBT-Frage, wir reden über ihre Rechte lediglich auf einer abstrakten Ebene."

Anne-Marie Waters | Foto: James Poulter

Trumps Standpunkte zur LGBT-Gemeinschaft haben seitdem geschwankt – wie viele seiner Standpunkte. Andere rechte Gruppen zeigen noch weniger Scheu, LGBT-Rechte im Kampf gegen Muslime einzusetzen.

Bereits 2013 wollten die Rechtspopulisten von Pro Köln beim dortigen CSD mitlaufen. 2016 organisierte eine britische Gruppierung eine Pride-Demonstration. Die Organisatoren hatten zwar keine Verbindungen zur LGBT-Community, dafür aber zur EDL und Pegida UK. Die Veranstaltung würde "sich Tragödien aneignen, um weiteren Fanatismus zu verbreiten", warnte das Anti-Islamophobie-Projekt Tell MAMA.

Im folgenden Jahr trugen Demonstranten im britischen Bristol – organisiert unter dem Namen Gays Against Sharia – ein Regenbogenbanner vor sich her, auf dem stand: "Zusammen vereint, heute und für immer. Helft uns, das Wachstum einer bösen, hasserfüllten Ideologie zu stoppen". Eine der Bannerträgerinnen war Anne-Marie Waters, eine lesbische Frau, die sich 2017 als Vorsitzende für die rechtspopulistische Partei UKIP zur Wahl stellen lassen hatte.

Die Demonstranten stellten den Islam als den wahren und alleinigen Unterdrücker von LGBT-Menschen dar. Gleichzeitig inszenierten sich die Rechten als Beschützer von Minderheiten. Eine Strategie, die so zynisch wie durchschaubar ist.

Was die Gallup-Umfrage angeht, sagte Dalia Mogahed – Forschungsleiterin am Institute for Social Policy and Understanding – gegenüber VICE, dass diese fehlinterpretiert worden sei: "Zu sagen, dass homosexuelle Handlungen moralisch falsch seien, ist kein Beweis dafür, dass Muslime der LGBTQ-Gemeinschaft schaden werden."

Sie ergänzte außerdem, dass "Muslime seit Hunderten Jahren Teil Großbritanniens sind und sich im Gegensatz zur christlichen Rechten nicht gegen die LGBTQ-Gemeinschaft aussprechen". In einer demokratischen Gesellschaft seien die Freiheit der Gedanken und des Glaubens zentrale Prinzipien, erinnert Mogahed. "Darunter fallen auch Ansichten, mit denen wir vielleicht nicht übereinstimmen. Wir weichen unsere eigenen Werte auf, wenn wir anfangen, Gedanken zu verfolgen."

Mogahed verwies auch darauf, wie paradox es ist, dass sich Yiannopoulos über die Intoleranz von Muslimen gegenüber LGBT-Menschen beschwert, während er sich selbst für ein Einreiseverbot von Muslimen einsetzt.

Die Toleranz der Rechten für Homosexuelle hat ihre Grenzen

Aber Yiannopoulos hat erheblich an Einfluss verloren. Die Begeisterung der radikalen Rechten, seine Anstellung bei Breitbart und die finanzielle Förderung durch den US-Milliardär Robert Mercer waren futsch, nachdem er sich in einem Interview für sexuelle Beziehungen zwischen minderjährigen Jungen und erwachsenen Männern ausgesprochen hatte. Aber wirklich weg vom Fenster ist er noch lange nicht: Seine neue Website, Milo Inc, verurteilt Schwule und verwendet sie gleichzeitig als Schutzschild, um sich gegen Vorwürfe der Islamophobie zu wehren. "Alle Studien zeigen, dass homosexuelle Eltern nicht gut für Kinder sind" und "GOOGLE hilft Indonesiens muslimischer Regierung beim Vorgehen gegen Schwule" lauten zwei Artikelüberschriften aus jüngerer Zeit. Transsexuelle hat Yiannopoulos in der Vergangenheit belästigt und Lesben existieren für ihn gar nicht. Offensichtlich hat auch die Toleranz schwuler Rechter ihre Grenzen.

Der eingangs erwähnte Caolan Robertson zeigt seine Abscheu für die LGBTQ-Kultur noch offener. In einem Video für den rechten kanadischen YouTube-Kanal The Rebel Media besucht er die London Pride 2017, macht sich über die Besucher lustig und nennt die Veranstaltung "das zurückgebliebenste Festival, das ich je erlebt habe".

In einem anderen Video – dieses Mal ein Interview mit dem rechten Vlogger Millennial Woes – zitiert Robertson eine unbekannte Studie, nach der angeblich "60 Prozent aller Schwulen in Großbritannien zugeben, über 500 Partner zu haben. Schwule haben mit diesem Verhalten wortwörtlich auf die ganzen Menschen geschissen, die für ihre Rechte gekämpft haben, damit sie so existieren können." Die einzige Aufzeichnung, die mit diesen Behauptungen übereinstimmt, ist eine soziologische Studie von 1978, die regelmäßig auf christlichen Seiten geteilt wird.

Wie lesbische Frauen sich in der rechten Szene behaupten

Aber auch homosexuelle Frauen engagieren sich für das Abendland. Neben AfD-Politikerin Weidel ist in Europa vor allem die Politikerin Anne-Marie Waters aktiv, die auch das islamophobe Regenbogenbanner in Bristol mitgetragen hat. Ihre Ansichten zu den Rechten von Homosexuellen und Islam hat die britische Politikerin recht präzise in einem ihrer Tweets zusammengefasst: "Ich bin eine lesbische Frau, die ihre Freiheit zu schätzen weiß, glaubt mir, der Islam hat es auf mich abgesehen." Nachdem sie im Herbst 2017 im Kampf um die UKIP-Parteiführung gegen ihren Kontrahenten Henry Bolton unterlag, hat sie ihre eigene Partei, For Britain, gegründet. Das Gründungsmanifest erwähnt LGBT-Menschen allerdings mit keinem Wort.


Auch von VICE: 10 Fragen an Alice Weidel, AfD


Das könnte daran liegen, dass es in der radikalen Rechten kaum Platz für Lesben gibt. Wie Patrik Hermansson von der antifaschistischen Organisation Hope Not Hate sagt, sind sie dort dank des männlichen Chauvinismus "nicht einmal Thema". Hermansson hatte ein Jahr verdeckt in der Alt-Right-Bewegung recherchiert.

Hermansson versteht, wie schwule Männer Teil der radikalen Rechten und sogar von ihr gefeiert werden können: "Es gibt dort diese Verherrlichung des männlichen Körpers und diese Vorstellung, dass Männer in jeder möglichen Hinsicht die absolut Besten sind. Dementsprechend ist Homosexualität auch nicht so abwegig, wenn Männer in diesen Gruppen eng zusammen sind."

Hermansson führt auch die sogenannte Manosphere als Einstieg in die radikale Rechte an. Der Begriff bezeichnet den informellen Zusammenschluss von männlichen Individuen, die sich "von dem, was sie als Feminismus wahrnehmen, ausgeschlossen und unterdrückt fühlen". Rechtsextremismus-Experte und Historiker Matthew Feldman stimmt dem zu: "Eine enge männliche Bindung kann von Homosozialität, also der bevorzugten Umgebung mit Gleichgeschlechtlichen, über Homoerotik bis hin zu LGBT gehen."

Es stellt sich die Frage, wann fetischistische Begeisterung für faschistische Ästhetik in echte Bewunderung für das Nazi-Ideal vom Übermenschen umschwenkt. Man denke nur an den einflussreichen Kurzfilm Scorpio Rising von Kenneth Anger, Tom of Finlands Vorliebe für uniformierte Antagonisten und die schwule Skinhead-Kultur. Hermansson formuliert es so: "Es ist, als würden die Opfer zu Tätern werden. Das geschieht allerdings lediglich bei weißen Männern, weil sie auch die Möglichkeit dazu haben."

Aktuell ist allerdings viel drängender, dass vermeintliche Pro-LGBT-Gruppierungen ihren Minderheitenstatus als Freifahrtschein für islamophobe und rassistische Ansichten einsetzen. Damit verleihen sie der extremen Rechten eine ethische Berechtigung und am Ende neue Mitglieder. Nicht nur können ihre Argumente manchmal überzeugend wirken, sie stellen auch gerne Linke als die wahren Unterdrücker homosexueller Menschen hin.

Natürlich bringt eine sexuelle Orientierung nicht zwangsläufig eine bestimmte politische Orientierung mit sich. Idioten gibt es in allen Gesellschaftsgruppen. Rechten und Konservativen spielt zusätzlich in die Hände, dass in linken Kreisen "homofeindliche Gewalt von Menschen mit Migrationshintergrund und Geflüchteten" eine "diskursive Leerstelle" bildet, wie es Journalistin Juliane Löffler in der Freitag formuliert. Dieses Angst-Vakuum wissen AfD und andere Populisten geschickt auszufüllen. Wenn der Feind einmal feststeht, ist anscheinend jedes Opfer recht.

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