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"Du musst dich selbst brechen": Enissa Amani über Frauenbilder und Satirefreiheit

Die Komikerin ist die erste Deutsche mit einem Comedy-Special auf Netflix. Ihr größter Erfolg ist aber ein anderer.

von Lisa Ludwig
16 April 2018, 7:36am

Alle Fotos: Eva L. Hoppe

Wenn Enissa Amani die Bühne betritt, scheinen viele erst einmal überrascht. Wie? Gesellschaftspolitische Comedy von einer Frau, die aussieht, als könnte sie Schmink-Tutorials für YouTube drehen? Die gebürtige Iranerin nimmt die Vorurteile mit Humor – und baut sie einfach in ihre Show ein. Ihren Durchbruch schaffte sie mit einem Auftritt bei TV Total, 2016 folgte mit Studio Amani ihre eigene Show auf ProSieben. Jetzt, zwei Jahre später, ist Enissa Amani die erste deutsche Komikerin, die ab dem 26. April ein eigenes Netflix-Special bekommt. Hat die Zeit in der männerdominierten deutschen Comedy-Branche sie verändert? Nein, sagt Amani und ist stolz darauf, wohin sie ihre scharfe Zunge und ihr Intellekt gebracht haben – von der Sozialwohnung in die Business Class. Wir haben mit ihr über Frauenbilder, Armut und die Grenzen der Satirefreiheit gesprochen.

Broadly: Wenn es um dich geht, wird schon beinahe ungläubig immer wieder betont: Sie ist sehr schön und sehr weiblich, aber auch knallhart und lustig. Hast du das Gefühl, das ist für viele Leute ein Widerspruch?
Enissa Amani: In gewisser Weise verstehe ich den Widerspruch schon: Weiblichkeit interpretiert natürlich jeder für sich selbst, was man als klassisch feminin definiert, widerspricht sich aber oft mit dem derb Komischen. Wenn ich jetzt 60 Jahre zurückdenke, würde es sich für eine Lady nicht gehören, Witze unter der Gürtellinie zu machen. Ich selbst möchte auch gar nicht so derb sein, da bin ich dann vielleicht einfach ein anderer Typ Frau. Unabhängig davon würde ich das mit dem "schön" auch gar nicht so herausstellen. Ich habe viele Comedy-Kolleginnen, die übertrieben schöne Frauen sind.

"Es ist was anderes, wenn du dich als Weißer hinstellst und den Leuten sagst, dass es total OK ist, jeden Schwarzen mit dem N-Wort anzusprechen."

Was würdest du auf der Bühne denn nicht sagen?
Ich sage punktuell "Nazis sind Hurensöhne" und das sage ich auch gern. Du wirst von mir aber niemals ein Set hören, in dem ich darüber spreche, was mir heute Morgen auf der Toilette passiert ist. Die Leute lieben sexuell Vulgäres oder Toilettenhumor. Ich hatte am Anfang Angst, dass ich abseits davon keine Themen finde, die lustig genug sind oder genug Tabus brechen. Tatsächlich ist es für mich persönlich mein größter Erfolg, dass viele Frauen durch mich gerafft haben, dass sie als Frau nicht derb sein müssen, um lustig zu sein. Ich hatte das nicht. Ich hatte keine Frau, bei der ich sagen konnte, dass die mir vom Typ her ähnlich ist. Die sich kleidet wie ich, die sich schminkt wie ich, die redet wie ich.

Alle Fotos: Eva L. Hoppe

Carolin Kebekus meinte mal, dass sie das Gefühl hat, dass man bis zu einem gewissen Punkt seine Weiblichkeit aufgeben muss, um ernst genommen zu werden.
Total. Ich musste mich erst damit anfreunden, über mich selbst zu sagen, dass ich Comedian bin. Am Anfang war das für mich so, als hätte mir jemand gesagt, ich solle Sumo-Ringer werden. Das hätte ich auch sehr männlich gefunden. In Amerika gibt es ganz viele verschiedene Typen von weiblichen Comedians, in Deutschland noch nicht. Carolin ist eine tolle Frau. Bei der lache ich mich kaputt, die ist wahnsinnig gebildet und ich finde sie sehr hübsch. Trotzdem gibt es bestimmte Dinge, die würde ich – anders als sie – nicht sagen. Wenn ich auf der Bühne stehe, stellt sich für mich immer die Frage: Wie bleibe ich Frau, so wie ich es für mich definiere? Und diese Freiheit finde ich auch in der Frauenbewegung so wichtig.

Meine Mutter war zum Beispiel eine sehr strenge Feministin. Wenn ich der erzählt habe, dass ich irgendwann mal heiraten und meinem Mann Tee machen will, meinte die: "Du machst alles zunichte, wofür wir 50 Jahre gekämpft haben!" Da habe ich dann gesagt: "Nein Mama. Der Unterschied ist, ich darf mir das aussuchen. Ich mach das nicht, weil ich es muss." Solche Aussagen von mir verwirren die Leute oft. Die wissen nicht, in welche Box sie mich stecken sollen. Wenn ich das auf der Bühne erkläre, lacht mein Publikum, weil die denken, ich will sie verarschen. Die sagen dann: "Aber die ist doch so locker! Die hat doch eben Hurensohn gesagt!"

Du hast mal gesagt, dass es dir wichtig ist, nicht blind provokant zu sein. Welche Dinge kann man deiner Meinung nach auf der Bühne sagen und welche gar nicht?
Satirefreiheit ist mir sehr wichtig. Trotzdem meine ich, eine Verantwortung zu haben, die ich aber auch für mich selbst definiere. Lisa Lampanelli, eine ganz derbe italo-amerikanische Komikerin, geht zum Beispiel auf jedes Klischee drauf. Die hat mal gesagt: "Es gibt Sachen, über die macht man keine Witze – außer in der Comedy." Das ist für mich einer der schlauesten Sätze überhaupt zu dem Thema. Comedy hat meistens einen Subtext und ist etwas völlig anderes, als wenn ich einen dummen Witz am Stammtisch mache. Aber du hast eben auch als Comedian eine Verantwortung und du musst immer auch gucken, aus welcher Perspektive du etwas sagst. Es ist natürlich etwas anderes, wenn ich ein weißer Junge aus der Oberschicht bin und mich auf der Bühne über Sozialhilfeempfänger lustig mache.

"Wir sind New Money, natürlich protzen wir, natürlich haben wir einen Gucci-Anzug an!"

Du bist selbst mit Sozialhilfe aufgewachsen.
Wir waren politische Flüchtlinge, für mich war es ganz normal, mit einem Zettelchen beim Amt zu sitzen. Ich weigere mich eigentlich zu sagen, dass wir damals in Armut gelebt haben. Schließlich gibt es Menschen, die kein Essen auf dem Tisch haben. Aber wir haben zum Beispiel unsere Möbel vom Sperrmüll geholt. Wenn ich bei einer Freundin vom Gymnasium zu Besuch war, deren Eltern ein Haus hatten, habe ich mich ein bisschen geschämt. Ich weiß noch, fast zwei Jahre lang ging die Haustür bei uns nicht zu. Weil wir nichts hatten, was hätte geklaut werden können, haben wir sie aber auch nicht reparieren lassen. Wir waren so arm, wie es in Deutschland überhaupt möglich ist, arm zu sein. Deswegen poste ich es jetzt, wenn ich in der Business-Klasse nach Amerika fliege. Der Regisseur Roberto Benigni wurde mal gefragt, was das schönste Geschenk ist, was ihm seine Eltern mitgegeben haben. Er hat gesagt: Armut. Es ist das Geilste, das alles nicht gehabt zu haben. Wir sind New Money, natürlich protzen wir, natürlich haben wir einen Gucci-Anzug an! Wir versuchen aber auch, den Aufzug wieder runterzuschicken und die nächste Generation nach oben zu holen. Jemand, der mit Geld aufgewachsen ist, kann das nicht nachvollziehen.

Wenn du dich als Perserin etwa darüber auslässt, welche Eigenarten Menschen aus dem Iran haben, dann tust du das auf Augenhöhe. Wenn das ein Durchschnittsdeutscher tut, dann guckt der oft nach unten.
Genau das meine ich! Ich bin da bei meiner eigenen Comedy genauso streng wie bei der meiner Kollegen. Wenn ein Kollege arabischer Herkunft Witze über alte deutsche Männer als Priester macht, die suggerieren, dass alle alten deutschen Männer pädophil sind, dann ist das natürlich was anderes, als wenn ein Deutscher diese Witze macht. Wenn ich Witze über Deutsche mache, schließe ich mich da mit ein und erkläre das auch im nächsten Satz. Das meine ich mit Verantwortung. Natürlich kommt es auch immer darauf an, wer das sagt und wie das interpretiert werden kann. Es geht nicht darum, dass Comedy das nicht erlaubt. Natürlich erlaubt Comedy das! Aber es ist eben was anderes, wenn du dich als Weißer hinstellst und den Leuten sagst, dass es total OK ist, jeden Schwarzen mit dem N-Wort anzusprechen.

"Durch mich haben viele Frauen gerafft, dass sie als Frau nicht derb sein müssen, um lustig zu sein."

Hast du das Gefühl, dass das für manche schwer zu verstehen ist?
Jeder Comedian hat eine Gabe, etwas, was er am Besten kann. Der Eine denkt sehr abstrakt, der Andere hat eine komische Mimik. Ich glaube, meine Gabe ist es, Dinge sehr gut verständlich zu machen. Das war schon in der Schule so. Ich rede ja sowieso immer viel mehr als ich soll oder darf und mag es, sehr weit auszuholen und sehr detailliert zu beschreiben. Für Stand-up ist das ganz cool, weil ich Leute zusammenführe. Es ist nicht so, dass man mir da als Fritz zuhört und komplett abschaltet, weil man sich denkt: "Raff ich nicht. Wer ist Kendrick Lamar?" Ich sehe es als meine Aufgabe, dass die Leute rausgehen und mehr wissen als vorher. Sie sollen mich nicht nur lustig finden, sie sollen auch verstehen, was ich ihnen damit sagen will.

Wie schafft man es, mit Klischees zu arbeiten, ohne dass sich Leute beleidigt fühlen?
Ich glaube, die Leute mögen am Allermeisten, wenn du echt bist und auch zu deinen eigenen Fehlern stehst. Dass ich zum Beispiel sagen kann: "Seitdem ich es mir leisten kann, fahre ich deutsche Autos." Ich glaube, du lachst über jeden, den du authentisch und sympathisch findest. Du könntest niemals über jemanden lachen, den du als arrogant empfindest – egal wie lustig der ist. Ich gehe zwar auch auf die Bühne und sage "Ich bin die Beste", aber die Leute lachen, weil eine Selbstironie mitschwingt. Wir können etwas mit einem Augenzwinkern sagen, wir dürfen es aber nicht so meinen. Du musst dich selbst brechen. Wenn du dich zu toll findest als Comedian, lacht keiner.

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