Illustration in violetten Farbtönen von einem Kind, das traurig in einer Kiste sitzt. Für viele Jugendliche ist es schwer, sich als Trans zu outen.
Illustration: Bambi
Menschen

Drei Jugendliche erzählen, wie sie sich vor ihrer Familie als Trans geoutet haben

"Ich hatte Angst, dass mein Großvater nicht so gut reagieren würde, weil er schon älter ist. Als ich es ihm aber gesagt habe, hat er mich umarmt." – Sam.
Tilke Wouters
Ghent, BE
14.4.21

Als Teenager ist das Verhältnis zu deinem Körper schon kompliziert genug, ohne deine ganze Geschlechtsidentität infrage zu stellen. Noch schlimmer ist es natürlich, wenn deine Eltern oder deine Schule dich nicht unterstützen. 

Und trotz aller Widrigkeiten legen Statistiken aus mehreren Ländern nahe, dass sich immer mehr Jugendliche als Transgender identifizieren – auch in Deutschland.

Wir haben mit drei Jugendlichen aus Belgien über ihr Coming-Out gesprochen und darüber, was sie dadurch gelernt haben.


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Sam, 14, identifiziert sich als weiblich

Seit ich elf war, wusste ich, dass ich mich irgendwo im Transgenderspektrum befinde. Anfangs habe ich mich als genderfluid identifiziert, vergangenen Sommer bemerkte ich dann aber, wie sich mein Körper zu ändern begann. Dadurch bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich genau in die andere Richtung von dem will, was mit meinem Körper passiert: dass ich ein Mädchen bin. Lange Zeit wusste es nur meine Psychologin, aber sonst niemand, weil ich nicht wusste, wie ich es sagen soll. Ich wusste, dass alle gut darauf reagieren würden, trotzdem habe ich gezögert.

Schließlich habe ich es meinen Eltern gesagt. Sie waren froh, dass ich so offen damit umgehen kann, wer ich bin. In solchen Momenten bin ich sehr glücklich über meine Familie. Andere junge Menschen werden nicht so akzeptiert. Ich hatte allerdings Angst, dass mein Großvater nicht so gut reagieren würde, weil er schon älter ist. Als ich es ihm aber gesagt habe, hat er mich umarmt und Witze darüber gemacht, dass er jetzt Probleme haben würde, mich und meine Schwester auseinanderzuhalten.

Auf Social Media habe ich mich im Dezember 2020 geoutet. Davor wussten es etwa 30 Leute. Dann haben plötzlich Tausende meinen Post gesehen. Das war ziemlich heftig, vor allem weil Social Media viel unpersönlicher ist. Das macht es anderen Menschen leichter, gemein zu sein.

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Während der Weihnachtsferien habe ich in meinem Ausweis meinen Namen ändern lassen. Ich muss allerdings noch zwei Jahre warten, bis ich auch mein Geschlecht ändern kann, obwohl ich die Erlaubnis meiner Eltern habe. Es ist sehr frustrierend, diesen letzten Schritt nicht gehen zu können. Wenn ich meinen Ausweis oder andere offizielle Dokumente vorzeigen muss, werde ich manchmal komisch angeschaut, weil die Leute dort das "M" für männlich sehen. Das löst in mir Gefühle von Geschlechtsdysphorie aus.

Nach den Weihnachtsferien habe ich mich auch in der Schule geoutet. Ich habe eine E-Mail an das Kollegium und die Schülerinnen und Schüler geschickt, damit es alle wissen. Die Schule hat gut reagiert und sofort die notwendigen Änderungen in die Wege geleitet.

Meine Schule will progressiv sein, aber trotzdem geht immer wieder mal was schief. Am Anfang des Schuljahres, als ich mich noch als nicht-binär identifizierte, benutzte ich die Mädchenumkleide, weil ich mich bei den Jungs nicht wohl fühlte. Niemand hatte ein Problem damit. Nach ein paar Wochen meinte der Sportlehrer aber, dass das gegen die Schulregeln verstieße, also musste ich mich auf der Toilette oder im Lehrerzimmer umziehen. In der Jungenumkleide durfte ich mich auch noch umziehen, da ich "biologisch ein Junge" sei. Als ich mich dann aber als Mädchen geoutet habe, hatte die Schule plötzlich kein Problem mehr damit, dass ich die Mädchenumkleide und -toilette benutze.

Ich bin der Meinung, dass Schulen schon früh ausführliche Informationen zu Geschlecht und Geschlechtsidentität teilen sollten, damit die Leute wissen, womit sie es zu tun haben. Mein Ratschlag für andere junge Transmenschen wäre, auf jeden Fall mit anderen über das zu reden, was ihr durchmacht. Behaltet es nicht für euch.

Robin, 16, identifiziert sich als männlich

Ich wusste, dass etwas mit mir los war, aber es hat eine Weile gedauert, bis ich gemerkt habe, dass es meine Geschlechtsidentität war. Vergangenes Jahr habe ich erkannt, dass ich ein Junge bin. Über Online-Freunde habe ich gelernt, was Geschlechtsdysphorie ist. Ich habe gemerkt, dass es das war, was ich fühlte. Die Wahl des Labels ist der schwierigste Teil, aber ich wusste sofort, dass männlich am besten zu meiner Identität passt.

Ich habe es meinen Eltern im September gesagt und sie haben nicht gut reagiert. Danach habe ich mich in einer Instagram-Story vor meinem engsten Freundeskreis geoutet. Ich hatte zu große Angst davor, es ihnen persönlich zu sagen. In der Schule wissen es ein paar meiner Lehrerinnen und Lehrer, aber ich möchte mich noch nicht vor allen outen, weil ich die einzige offen queere Person in meinem Jahrgang bin.

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So viel Zeit zu Hause verbringen zu müssen, ist gerade ziemlich hart. Zum Glück komme ich damit klar, wenn mein Pronomen und mein Name zu Hause nicht immer korrekt benutzt werden. Ich merke, dass meine Mutter manchmal mit meiner Geschlechtsidentität zu kämpfen hat. Es ist ein großes Thema zu Hause geworden, was den ganzen Prozess noch weniger angenehm für mich macht.

Mein Vater ist katholisch, er ist zum Beispiel auch Abtreibungsgegner. Mein Outing lief aber besser, als ich erwartet hatte. Anfangs hatte er noch ein Problem damit, als mein Geschwister und ich uns outeten. Einmal sagte er, mein Geschwister würde in der Hölle schmoren, aber er hat sich seitdem stark verändert. Er findet es immer noch komisch, aber er gibt sich Mühe.

Ich befinde mich auf der Warteliste der Universitätsklinik Gent, einem von zwei Krankenhäusern in Belgien, die minderjährige Transmenschen behandeln. Die Liste ist aber so lang, dass es für mich leichter wäre, zu warten, bis ich 18 bin, und dann zu einem anderen Krankenhaus zu gehen. Meine Mutter weigert sich momentan allerdings, nach anderen Optionen zu schauen. Meine Eltern verstehen nicht, dass das alles für mich gerade nicht schnell genug geht. Sie hoffen wahrscheinlich, dass sich die Sache mit der Zeit wieder legen wird. Ich habe meine Mutter nach einem Brustabbinder gefragt, aber sie hat immer wieder das Thema gewechselt und will, dass ich noch warte. Schließlich hat mir mein Geschwister, das auch Trans ist, zwei Abbinder gegeben. Die kann ich tragen, bis ich für eine Operation infrage komme.

Webserien über Transmenschen, die von Transmenschen gespielt werden, haben mir sehr geholfen. Sie sind leicht zu finden und ich kann sie entspannt an meinem Computer zu Hause gucken.

Coe, 16, identifiziert sich als nicht-binär

Als Kind wollte ich manchmal ein Junge sein, aber manchmal fühlte ich mich mehr als Mädchen oder als nicht-binär. Jetzt weiß ich, dass ich genderfluid bin.

Ich habe mich zuerst vor einem Freund geoutet, der auch Trans ist. Durch meine Gespräche mit ihm ist mir aufgefallen, dass ich verstärkt über mein Geschlecht nachgedacht habe. Und wenn ich weniger darüber gesprochen habe, habe ich meine Probleme mit meinem Geschlecht einfach verdrängt. Ich unterhalte mich auch online mit vielen Leuten.

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Meiner Mutter habe ich es gesagt, nachdem ich mich dazu entschieden habe, meine Haare abzuschneiden. Sie war verständnisvoll und verwendete auch die richtigen Begriffe, wenn sie mit mir oder über mich geredet hat. Ich habe das Glück, dass es in ihrer Familie noch andere queere Menschen gibt: eine Transtante und eine Transcousine. Mein Stiefvater hat da mehr mit zu kämpfen. Vor einiger Zeit habe ich mich auch vor meiner Stiefmutter als nicht-binär geoutet, aber jetzt will ich richtigstellen, dass ich mich als genderfluid identifiziere. Mein Vater und ich haben kein gutes Verhältnis, vor ihm will ich mich nicht outen.

In der Schule wissen es ein paar Leute. Einige Freundinnen und Freunde helfen mir, einen passenden Namen für mich zu finden. Was Pronomen angeht, bevorzuge ich "they/them". Männliche Pronomen sind auch OK, aber weibliche mag ich nicht, weil mir das Geschlecht bei der Geburt zugeschrieben wurde.

Die Repräsentation von Transmenschen in den Medien verbessert sich, aber könnte noch besser sein. Es sollte normal sein, transgender zu sein. Bei TikTok gibt es mehr und mehr Transinhalte. Es ist schön, offene Menschen zu sehen, die darüber sprechen möchten. Generell sollte sexuelle Aufklärung queere und Transidentitäten mehr mit einbeziehen. Wenn das der Fall gewesen wäre, hätte ich vielleicht schon viel früher gemerkt, dass ich Trans bin. Man sollte auch darüber reden, was man tun kann, wenn man herausfindet, dass der eigene Partner Transgender ist.

Trans zu sein, ist normal und OK. Label sind nicht nötig. Wenn du eins wählen möchtest, kannst du es später immer noch ändern.

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