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Sollten alle Panama Papers öffentlich sein?

Wären die Panama Papers bei Wikileaks wirklich besser aufgehoben?
8.4.16
Bild: imago

Das alte Credo der Netzgemeinde, nach dem Informationen frei sein wollen, fand sich diese Woche wieder einmal in vielen Argumentationen im Netz wieder. Ganz vorne dabei: Wikileaks, für die die Veröffentlichung der Panama Papers nichts anderes zu sein scheint als eine von der USA gelenkte Schmutzkampagne. Nicht nur die Whistleblowerplattform, sondern auch viele Hacker und Netzaktivisten forderten, die Dokumente sollten nicht nur von einigen Medien ausgewertet, sondern müssten allesamt offen gelegt werden. Ansonsten entstünde der Eindruck, die Journalisten hätten etwas zu verheimlichen, so der Tenor. Ohnehin sei es nur ein echtes Leak, wenn die 2,6 Terabyte für alle im Netz einsehbar seien. Außerdem: Erst mit der freien Veröffentlichung der Dokumente sei der Öffentlichkeit wirklich gedient, und das Leak könne am besten aufgearbeitet werden.

WikiLeaks didn't lead the #PanamaPapers so most docs will not be released and you won't get a searchable database https://t.co/cbeH7o2mHa
— WikiLeaks (@wikileaks) April 3, 2016

Die erste Leser-Frage in einem FAQ-Artikel der SZ ist dann auch, ob die Zeitung die Panama Papers der Allgemeinheit zur Verfügung stellen wird. „Nein", schreibt Wolfgang Krach von der SZ. „Denn die SZ ist nicht der verlängerte Arm der Staatsanwaltschaft oder der Steuerfahndung. Staatliche Ermittlungsbehörden haben in Deutschland wie im Ausland bereits jetzt, bei entsprechendem Verdacht, die Möglichkeit, die Unterlagen bei den Betroffenen zu beschlagnahmen."

Was spricht eigentlich dagegen, die Dokumente der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen?

Das ist ein Seitenhieb in Richtung lascher Strafverfolgungsbehörden, die nun erst weltweit aktiv werden und ihre Ermittlungen in Sachen schmutzige Gelder langsam aufnehmen. Tatsächlich steht die Zusammenarbeit der Presse mit staatlichen Ermittlern den Interessen einer freien Berichterstattung diametral gegenüber. Aber mal abgesehen von der Polizei, was spricht eigentlich dagegen, die Dokumente der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen?

Man könnte sie zum Beispiel allesamt Wikileaks zuspielen und dort veröffentlichen, damit wir uns alle ein Bild machen können. Oder die recherchierenden Medien könnten zusätzlich zu ihren Artikeln auch die dazugehörigen Datensätze veröffentlichen—und am besten gleich den ganzen Rest der Daten dazu.

All documents released so far for #PanamaPapers (149 out of 11 million) https://t.co/JPTCen0jxV
— WikiLeaks (@wikileaks) April 3, 2016

Stellt man sich die Frage, ob die Panama Papers besser in den Händen von WikiLeaks oder dem Internet im allgemeinen aufgehoben wären, muss man sich unweigerlich auch damit beschäftigen, welchen bleibenden Eindruck und welche Folgen eine Veröffentlichung dort gehabt hätte.

Das Problem mit dem Impact

Was hätte also ein größeres Erdbeben verursacht: Der Release eines unfassbar großen Dokumentenhaufens, den man selbst sezieren muss—oder die geplante, zeitgleiche, weltweite Berichterstattung von recherchierten Fällen? Geschichten, die unzählige Datenpunkte verknüpfen und das tun, worin Journalisten einen handwerklichen und rechtlichen Vorsprung haben: Der Abgleich und die Verifizierung der Daten mit öffentlichen Registern, die Konfrontation einer Behörde als Pressevertreter, die Informationen, die bereits über die Geldwäscher im Haus recherchiert wurden und der internationale Austausch mit als Investigativreportern erfahrenen Kollegen.

Zehn Jahre nachdem WikiLeaks zum ersten Mal die Medienlandschaft durchschüttelte, müssen wir uns daran gewöhnen, dass es für jeden Leak je nach Fall mehr oder weniger geeignete Veröffentlichungskanäle gibt.

Die Journalisten haben Arbeitsgruppen gebildet, die sich beispielsweise mit dem Komplex der FIFA, der Ausbeutung der Abbaurechte an Eisenerz durch Bestechung von Mamadie Touré in Gabun oder Putins bestem Freund beschäftigen. Eine enorme Koordinierungsarbeit übernahm das ICIJ, das nicht nur die einzelnen Veröffentlichungszeiträume steuerte, sondern auch mehrere Treffen in Washington, München, London und Lillehammer organisierte.

Ein paar Wikileaks-Mitarbeiter hätten das schlicht nicht stemmen können.

Sitzt ein Whistleblower auf noch heißem Material, braucht es trotzdem einen oder mehrere starke Partner im Rücken, die der Veröffentlichung die nötige Aufmerksamkeit beschaffen. Selbst an dem Tag, als Edward Snowden Details über das globale NSA-Datensammel- und Abhörprogramm PRISM leakte, gab es in den USA mehr Google-Suchanfragen zum National Donut Day als zu PRISM, wie das New York Magazine mit einem gewissen triumphalen Unterton feststellte.

Fünf Tage Panama Papers: Eine Bilanz der rollenden Köpfe

Fünf Tage nach den ersten Berichten lässt sich in jedem Fall sagen, dass die Papers mit der jetzigen Veröffentlichungsstrategie weltweit eingeschlagen sind. Mit dem Rücktritt des isländischen Premierministers Gunnlaugsson ist der erste Kopf in der Politik bereits gerollt. In Österreich ist gestern ein Bankchef zurückgetreten. Doch auch andere spüren Druck: Der ukrainische Präsident Poroschenko, der neu gewählte FIFA-Spitzenfunktionär Gianni Infantini, David Cameron, der die Mauschel-Geschäfte seines Vaters zur „Privatsache" erklärte, acht Mitglieder aus dem chinesischen Politbüro (die KP reagierte souverän mit einem verordneten Medienblackout) und fast alle Mitglieder aus Putins engerem Freundeskreis (zumindest, bis uns einer erklären kann, wieso ein Cellist plötzlich dreistellige Millionensummen in die Karibik verschieben muss).

Die hoffnungsvolle Gleichung: Mehr Aufmerksamkeit führt zu mehr politischen Konsequenzen

Je stärker der politische Druck wächst, und je mehr die Öffentlichkeit nach Konsequenzen ruft, desto eher sind OECD und die G20 zum Handeln gezwungen, um die Tricks mit Offshore-Geschäften zu erschweren und vielleicht ganz trockenzulegen.

Panama Papers – nicht Jahrhundertscoop, sondern Jahrhundertflophttps://t.co/YjTUNaVgy0
— WikiLeaks (@wikileaks) April 7, 2016

Es mag etwas profan und nicht allzu idealistisch klingen, aber: Die Medien werden ihre Dokumente sowieso nicht herausgeben, um sich den Veröffentlichungsvorsprung neuer Geschichten zu sichern. Recherche kostet Geld, und das muss auch durch die Veröffentlichungen wieder hineingeholt werden.

Das Problem mit der Art der Dokumente

Tatsächlich sorgt auch die Art der Dokumente aus dem Panama-Leak dafür, dass sie in den Händen von Investigativjournalisten gut aufgehoben sind. Anders als Botschaftsdepeschen, die relativ unmittelbar Geheimnisse von Diplomaten und Politiker benennen, die zusammen mit öffentlichen politischen Ereignissen neue Perspektiven enthüllen, brauchen die Panama Papers viel Arbeit.

Die für die Öffentlichkeit relevanten Namen von Politikern und Prominenten verstecken sich häufiger hinter ihren Freunden oder den Scheindirektoren ihrer Firmen—erst aus der Verbindung vieler Dokumente ergibt sich dann ein Bild ihrer möglichen Vergehen. Der Aufbau und die Pflege von Datenbanken und die vielen Arbeitsstunden, in denen die absichtlich undurchsichtigen Strukturen der Offshore-Geflechte auseinanderklamüsert wurden, erfordern daher viel mehr organisatoren Aufwand und handwerkliche Fähigkeiten als der Dump eines E-Mail-Haufens. Es scheint kaum vorstellbar, dass die Schwarmintelligenz ehrenamtlicher Internet-Rechercheure das alles alleine hätte leisten können.

Drei Jahre nach den Enhüllungen Edward Snowdens und unzähligen weiteren Datenlecks gilt auch: Es gibt viele unterschiedliche Arten von Leaks. Manche enthüllen in einem Dokument Geheimnisse, die direkt in die Öffentlichkeit gehören, andere benennen einen klaren Schuldigen, müssen aber erklärt werden (wie die NSA-Enthüllungen, die Snowden ins Rollen brachte) und wieder andere sind vor allem wahnsinnig kompliziert und doch so wichtig für globale Gerechtigkeit—wie das System, das die Panama Papers exemplarisch offenbaren.

Die Leistungen von Wikieleaks

Es wäre allerdings sowieso unverantwortlich, den ganzen Haufen zu veröffentlichen. In den 11,5 Millionen Dokumenten finden sich zwischen den Bigshots dieser Welt, die mit Hilfe der Briefkastenfirmen ihr Geld verstecken wollen, auch unzählige Privatadressen, Kreditkartendaten, medizinische Dokumente und Namen Unbescholtener oder einfach unwichtiger Privatpersonen—kurz: Lauter Geschichten, die nicht unter den Begriff „gegebenes öffentliches Interesse" fallen. Wikileaks-Mitabeiter können durchaus verantwortungsvoll redigieren—doch dass sie oder eine unkoordinierte Gruppe Freiwilliger einen so komplexen, auf den ersten Blick wenig spektakulär aussehenden Leak in einer jahrenlangen Arbeit stemmen und ähnlich aufarbeiten könnten, um das Interesse der Öffentlichkeit auf die wichtigen Stellen zu lenken (nämlich, wie die Mächtigen dieser Welt das bequeme Offshore-System ausnutzen), haben sie noch nicht bewiesen.

Das soll nicht heißen, dass Wikileaks nicht bereits Großartiges geleistet hätte: Ihre Arbeit veränderte den Journalismus radikal und führte zu berechtigten, großen Enthüllungen, insbesondere bezogen auf die US-Armee und -Regierung. Wir verdanken Wikileaks einige der brisantesten Veröffentlichungen der jüngsten Zeit wie die Irak-Logbücher oder Informationen zum Transpazifischen Freihandelsabkommen TPP. Auch der jüngste Leak zum Thema Grexit und IMF ist aufsehenerregend und stärkt die Position, die Whistleblowing in unseren politischen Diskursen eingenommen hat. Nicht zuletzt bezeichnete sogar Fusion (ein US-Onlinemagazin, das ebenfalls als Teil des Rechercheteams an der Bearbeitung der Dokumente beteiligt war) die Panama Papers als „Wikileaks der Superreichen und Supermächtigen". Das sagt viel über den Status aus, den Wikileaks sich erspielt hat.

Aber es steht Wikileaks sehr schlecht, zu versuchen, die Bedeutung des Leaks herunterzuspielen—und es wirkt eitel und selbstherrlich, den medialen Umgang damit schlechtzureden. Die Veröffentlichung der Papers sei „ein Jahrhundertflop", zitierten sie den „Anti Mainstream-Medien-Blogger" Jens Berger von den Nachdenkseiten in einem Tweet. In einem anderen hieß es, die Recherche sei ja von US-Organisationen finanziert und würde darauf abzielen, Putin zu attackieren (was Russia Today natürlich runterging wie Öl).

3 days to go: With 86,987 votes counted over 95% demand full disclosure of #PanamaPapers https://t.co/1hi5FkmlJv
— WikiLeaks (@wikileaks) April 7, 2016

Auch Edward Snowden, der sich des Öfteren von Russia Today als US-Abtrünniger vor den Karren gespannt sieht, hätte sich an Wikileaks oder eine andere Enthüllerseite wenden können, wählte als seine Whistleblowing-Verbündete aber in erster Linie Laura Poitras als verantwortungsvolle und versierte Journalistin in Sachen NSA-Leaks aus. Eine weise Entscheidung, die eine ganze Ära begründet hat und von der noch heute politische und Tech-Diskurse bis hinein in Endverbraucherfragen rund um Privatsphäre zehren (jüngstes Beispiel: Whatsapp hat vorgestern die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung eingeführt). Allerdings zeigte auch Wikileaks im Fall Snowden, was sie können—schließlich war es die Wikileaks-Mitarbeiterin Sarah Harrisson, die Snowden in seiner Sackgasse in der Moskauer Transitzone half.

Die systematischen Vorteile von Journalisten

Nicht zuletzt genießt die Presse verfassungsrechtlich in den meisten Ländern einen besonderen Schutz (auch wenn der gern mal mit Füßen getreten wird). Ermittler dürfen nicht so einfach Büros von Journalisten durchsuchen, und auch in Verhören müssen Journalisten in Deutschland ihre Quelle nicht preisgeben. Ein Gegenbeispiel: In Schweden konnte sich Wikileaks nicht auf diesen Quellenschutz, der nur für traditionelle Medien galt, berufen, wie Verfassungsexperten 2010 urteilten—ihr schwedischer Server, an dem das Pentagon Interesse bekundete, wurde unsicher. Nach der unredigierten und vollständigen Veröffentlichung von Depeschen US-amerikanischer Botschaften durch WikiLeaks bildete das CIA sogar eine eigene Arbeitsgruppe, die versuchte, WikiLeaks zu unterminieren.

Selbst Reporter ohne Grenzen, eine Organisation, die per se auf Seite der Medien steht und sich gegen Gängelung und für Pressefreiheit einsetzt, schaltete daraufhin seinen Spiegelserver für die Depeschen ab, weil sie bei der WikiLeaks-Veröffentlichung „etablierte Standards des Informantenschutzes" nicht mehr gewährleistet sahen. Dutzende Medienpartner, die vorher mit Wikileaks zusammengearbeitet hatten, entzogen Assange das Vertrauen.

Ein anderer presseethisch schwerer Vorwurf wurde 2010 gegen Wikileaks laut: Die Whistleblower-Plattform veröffentlichte 80.000 geheime Dokumente zum Afghanistankrieg—im Namen der Transparenz, ohne die darin enthaltenen Namen zu schwärzen. Doch die Veröffentlichung der Namen von afghanischen Informanten der US- und anderer westlicher Armeen brachte unschuldige Menschen in Lebensgefahr.

Der Vorwurf der zentralisierten Medienmacht

Auch der Vorwurf, dass ein Medium zentralisiert auf den Daten sitzen würde, lässt sich entkräften. Das ICIJ hat Erfahrung mit dem Umgang mit enormen Datenmengen, und verteilte die Dokumente auf den Schultern zahlreicher nationaler Medien. Dadurch soll auch gewährleistet werden, dass die jeweiligen Skandale in den betreffenden Ländern konsequent aufgedeckt werden. Mit anderen Datenlecks vergleichen kann man die enorme Menge, die nun ans Licht gekommen ist, aber sowieso schwer. 11,5 Millionen Dokumente, das ist fast zehnmal so groß wie die Datenmenge der Offshore-Leaks und CableGate zusammen.

Bild: Süddeutsche Zeitung

Nicht zuletzt gibt es bei der Presse Ansprechpartner für das Feedback der Öffentlichkeit und idealerweise wird auch die Rückmeldung der Leser mit eingearbeitet und berücksichtigt . Es ist transparent, wer namentlich an welchem Teil der Leaks gearbeitet hat, und die Rechercheure beantworten auch kritische Fragen wie „Warum sind da keine Amerikaner in den Papers?". Alice Brannon von Fusion erklärt dazu: „Als wir die Daten bekommen haben, haben wir gesucht und gesucht, aber keine bombastischen Treffer wie unsere europäischen Kollegen gefunden". So unspektakulär kann das Wühlen manchmal sein. (Fusion hat inzwischen einen Text veröffentlicht, der erklärt, dass das Fehlen der US-Bürger auch an der Freiheit zur Eröffnung von Briefkastenfirmen im eigenen Land liegt.)

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Theoretisch wäre eine solche radikale Transparenz und Rücksichtnahme auf die Leser auch für eine digitale Plattform wie Wikileaks möglich. Doch Wikileaks, die sich selbst als Medienplattform und Herausgeber definieren, ist es bisher nicht gelungen, diese Transparenz herzustellen. Ob das nur daran liegt, dass man die eigenen Mitarbeiter vor Strafverfolgung schützen mag oder weil schlicht nicht genügend Ressourcen durch die ehrenamtlichen Unterstützer zur Verfügung stehen, oder aus anderen Gründen, bleibt unklar.

Zehn Jahre, nachdem WikiLeaks zum ersten Mal die Medienlandschaft durchschüttelte, müssen wir uns daran gewöhnen, dass es für jeden Leak je nach Fall diversifizierte Veröffentlichungskanäle gibt.

#PanamaPapers: Full docs or GTFO!
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— WikiLeaks Shop (@WikiLeaksShop) April 7, 2016

Im offiziellen WikiLeaks-Shop gibt es derweil sogar ein tolles Angebot zum Leak der SZ oder ICIJ: 15 Prozent Rabatt mit dem Code LEAKITALL. Zum Beispiel auf ein T-Shirt zu den Panama Papers mit der Aufschrift „Full Docs or GTFO" (in etwa: Alle Dokumente her oder verpisst euch). Kein Medium ist eben unabhängig von der Finanzierung.