Intime Einblicke: Was wir von dem Sex-Selfie-Stick lernen können
Illustration by Aparna Sarkar

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Intime Einblicke: Was wir von dem Sex-Selfie-Stick lernen können

Von Leonardo da Vinci bis hin zu Dickpics—Darstellungen von Sex und Genitalien gibt es bereits seit Tausenden von Jahren. Dennoch hat der Sex-Selfie-Stick, mit dem vaginale Orgasmen gefilmt werden können, für Aufregung gesorgt.
20.5.16

Wenn du dir anschauen könntest, wie es in der Vagina aussieht, während du einen Orgasmus hast, würdest du es sehen wollen? Bisher war der weibliche Orgasmus ein physiologisches Phänomen, das zum Großteil im Geheimen verborgen geblieben ist. Der Gaga Lighted Camera Vibrator beziehungsweise Siime Eye soll das nun ändern.

Vor zwei Jahren hat Svakom, ein Unternehmen für Luxussexspielzeuge, versucht, mit wasserdichten Highend-Vibratoren, die eine integrierte Kamera an der Spitze haben, eine riesige Marktlücke zu schließen. Das Gerät ist nicht nur ein wasserdichter, „flüsterleiser" und „wieder aufladbarer" Vibrator, sondern beinhaltet zusätzlich auch noch eine Software-CD „für alle mit einem PC." Unklar ist, wie viele dieser Geräte damals verkauft worden sind, aber als ein cleverer Online-Sexshop dem Vibrator letzten Frühling ein neues Image als „Sex-Selfiestick" verliehen hat, trat das relativ unbekannte Sexspielzeug im Netz eine riesige Welle los.

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The Independent nannte die „albtraumhafte Kreuzung aus Endoskop und Vibrator" einen weiteren „Beweis dafür, dass Selfies zu machen, wo auch immer es möglich ist, das einzig verbliebene Ziel der Menschheit ist."

„Alles da unten bis zum letzten Muskelzucken—sehr sexy", merkte eine sarkastische Bloggerin in der Huffington Post an. Nur wenige von ihnen—so schien es—wollten verstehen, warum es dieses Gerät gab, geschweige denn, warum es so begehrt war.

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Seit Tausenden von Jahren fertigen Menschen Bilder von Sex und Genitalien an, deswegen wirkt es umso verblüffender, dass der Sex-Selfie-Stick im Zeitalter der allgegenwärtigen Dickpics mit einer solchen, ernst gemeinten Abneigung konfrontiert wird. Kein Zweifel: Der Selfie-Stick gießt Öl ins Feuer der Debatte um unsere Selfiekultur. Kritiker sehen in solchen Bildern das Symptom einer Epidemie von Narzissten. Befürworter dagegen verteidigen die Selfie-Praxis als revolutionäre Liebeserklärung an sich selbst. In den Augen von echten Schwarzsehern nimmt der Sex-Selfie-Stick die Metapher der „elektronischen Masturbation"—also die Vorstellung, dass sowohl der Urheber, als auch das Modell, der Herausgeber und der Betrachter des Fotos ein und dieselbe Person sind—und setzt sie wortwörtlich um.

Doch der Versuch, die verborgenen Erregungsmomente im Inneren des Körpers einer Frau zu erkunden und sichtbar zu machen, ist nicht nur ein Auswuchs unserer Generation, die versucht, jede Sekunde ihres Lebens zu dokumentieren und mit anderen zu teilen. An den Grenzen von Kultur und Wissenschaft existiert der Wunsch, die innerkörperlichen Zeichen von Lust und Erregung festzuhalten, bereits seit Langem. Die abstoßende Faszination, die der Selfie-Stick hervorruft, ist Teil einer langwierigen Diskussion, die seit jeher versucht, die umstrittenen Grenzen zwischen pornographischer und medizinischer Bildsprache zu definieren.

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Jedes Jahrhundert hat seine eigenen Techniken, um Darstellungen anzufertigen, die sowohl erregend als auch klinisch sind, antwortet mir Thomas Lacqueur, ein Medizin- und Sexualwissenschaftshistoriker, auf meine Frage nach dem Zusammenhang zwischen anatomischen Darstellungen und Schweinkram. Lange vor der Videokamera, in der Zeit der Renaissance, stellten skandalöse Schriften wie Drei Bücher über die Sektion von Teilen des menschlichen Körpers und Aristoteles Meisterwerk obszöne Stiche ganz einfach neben legitimen medizinischen Ratschlägen dar.

Diese medizinischen und anatomischen Darstellungen des Körpers waren lange Zeit ästhetischen, erotischen und künstlerischen Interpretationen vorbehalten. Sogar bis Anfang des 20. Jahrhunderts, merkt Lacqueur an, wurden Informationen über Empfängnisverhütung als Pornografie angesehen und verfolgt. Als Ursprung des „genitalen Selfies" können die Wachsfiguren aus Florenz aus dem 18. Jahrhundert, die das Innere des menschlichen Körpers darstellen, betrachtet werden. Historiker streiten sich immer noch darüber, ob die Wachsfiguren klinische oder erotische Darstellungen sein sollten—oder beides.

Die Grenzen zwischen diesen beiden Kategorien, sagt Lacqueur, waren schon immer sehr verschwommen. „Seit es Pornografie gibt, steht die Medizin vor der Herausforderung, respektablere Nacktbilder anzufertigen", sagt er. „In der Medizin geht es um den Körper. Das heißt, es geht auf der einen Seite um eine kühle Wissenschaft, auf der anderen Seite ist es jedoch immer wichtig, wie etwas dargestellt wird."

Soweit ich weiß, hat noch niemand ein Vag-Cam-Video an andere Leute verschickt—Dickpics dagegen schon. Das kann jetzt jeder verstehen, wie er möchte.

Im 20. Jahrhundert mussten Stiche, Wachsmodelle und Illustrationen der Fotografie, Super-8-Filmen und VHS-Kassetten weichen. Mit der Erfindung des Endoskops und anderen kleinen, leichten Geräten war es dann schließlich möglich, Bilder aus dem Inneren des Körpers zu machen, was bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht realisierbar gewesen ist. Während Männer seit mehr als zwei Jahrhunderten in der Lage sind, sowohl Fotos von sich selbst als auch von nackten Frauen zu machen, sagt Lacqueur, können Frauen „erst seit Kurzem Bilder von ihrem Inneren machen."

Bevor es den Sex-Selfie-Stick gab, gab es die mechanische Dildokameravorrichtung, die in den 60er-Jahren von den beiden Sexualforschern William Masters und Virginia Johnson erfunden wurde. Das Paar generierte Daten über den weiblichen Orgasmus, indem es Frauen bat, mit einem Hightech-Dildo zu masturbieren, dem das Klinikpersonal den Spitznamen „Ulysses" gab. Thomas Maier, der Biograph von Johnson und Masters, hat die Jungfernfahrt von Ulysses in seinem Buch Masters of Sex nachempfunden: „Niemand hatte jemals zuvor das Innere einer Frau während dem Koitus gefilmt oder die Reaktion des weiblichen Körpers auf das Einführen und die Penetration durch einen Phallus dokumentiert. Diese überaus geniale Vorrichtung erlaubte es, diesen Vorgang ohne Störungen in realistischen Farben zu filmen."

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1995 hielt der holländische Forscher Pek van Andel zum ersten Mal erfolgreich ein Paar beim Sex in einem MRT fest. „Wir haben gezeigt, dass die Bilder eines MRT-Scans vom Geschlechtsverkehr in zwei unterschiedlichen Positionen sowohl möglich als auch ästhetisch sind—jedoch bei Weitem nicht so künstlerisch wertvoll wie die Bilder, die Da Vinci gezeichnet hat", erklärte das Forscherteam in seiner Arbeit und erkannte damit sowohl den physiologischen als auch den ästhetischen Wert der MRT-Bilder an. Trotz der Wissenschaftlichkeit seiner Studie, sagt van Andel, wurde das Experiment von Gutachtern wiederholt zurückgewiesen. Einige von ihnen sahen darin nur einen anzüglichen Witz. van Andel selbst findet seine Bilder nicht pornographisch, aber er sieht in ihnen—künstlerisch betrachtet—eine Hommage an Leonardo da Vincis Zeichnung eines kopulierenden Paares. „Es liegt im Auge des Betrachters", sagte mir van Andel über Skype. „Es kommt nur darauf an, von welchem Standpunkt aus man es betrachtet."

Wie sich herausgestellt hat, ist der medizinische Grundton des Sex-Selfie-Sticks kein Zufall: Ursprünglich wurde das Sexspielzeug als Gerät vermarktet, mit dem Frauen sich selbst untersuchen können. Im Promovideo wurde der Selfie-Stick sogar als „Endoskopievibrator" beschrieben. Emmeline Peaches, eine Rezensentin für Sexspielzeug, hat den Sex-Selfiestick selbst getestet und findet, dass sich die Erfahrung „im Grunde klinischer angefühlt hat, als die meisten erwarten."

Peaches erzählte mir, dass sie dieses „andersartige" Spielzeug unbedingt ausprobieren wollte und sich dafür extra ein Spekulum gekauft hat, das sie in Kombination mit dem Stick benutzt hat—ein absolutes „Must-have" für klare Aufnahmen, wie sie sagt. Als Peaches das Hightech-Spielzeug dann aber tatsächlich ausprobiert hat, hat sich das Ganze eher „klinisch" als sinnlich angefühlt. „Als ich alles eingeführt habe und meine Vagina schließlich auf dem Bildschirm sah, war das ziemlich surreal. Das Bild war hauptsächlich rosa, etwas verschwommen und zum Teil etwas undeutlich wegen der Körperflüssigkeiten und des Gleitmittels", erklärt sie mir per Mail.

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„Zuerst wirkte es gar nicht echt, bis ich dann anfing, meine Muskeln anzuspannen und ich die Bewegungen wiederum auf dem Bildschirm sehen konnte", sagt sie. „In dem Moment habe ich gemerkt, das meine persönliche Wahrnehmung und das, was ich da auf dem Bildschirm sah, vollkommen losgelöst voneinander waren. Egal wie stark ich meine Muskeln anspannte, es fühlte sich einfach nicht stimmig an." Sie sagte, sie hätte gehofft, dass sie „am Ende die Regungen [ihrer] Vagina bewundern könnte", aber die Erfahrung war „einfach nicht sexy."

Angesichts des medizinischen Beigeschmacks ihrer eigenen Erfahrung mit dem Sex-Selfie-Stick denkt Peaches, dass für andere Nutzer wahrscheinlich weder „das Attraktions- noch das erotische Potenzial des Geräts" eine Rolle spielen und sie es statt dessen dazu benutzen, „ihren eigenen Körper ein wenig besser kennenzulernen."

So betrachtet erinnert der Sex-Selfie-Stick nicht nur an die zweideutige Natur medizinischer Darstellungen, sondern steht auch in der guten alten feministischen Tradition der gynäkologischen Selbstuntersuchung. Dieser medizinische Nutzen des Sex-Selfie-Sticks geht zurück auf das Boston Women's Health Book Collective: 1969—am Höhepunkt der Frauenrechtsbewegung—gab es eine weitere Welle an Feministinnen, die sich in einem Pamphlet dafür einsetzten, dass Frauen ihren Körper selbst erkunden sollten—unabhängig von medizinischen Insitutionen und der klinischen Betrachtung von Männern. Die 1971 erschienene Neuauflage Our Bodies Ourselves wurde ein Riesenerfolg in der Szene und ermutigte viele Frauen dazu, mithilfe eines Spekulums oder eines Spiegels zum ersten Mal in sich selbst hineinzusehen. In Folge dieser Tradition stellt der Sex-Selfie-Stick einfach „nur eine neue Stufe der Dokumentation des eigenen Geschlechts dar", sagt Lacqueur.

Bisher ist der Sex-Selfie-Stick einfach nur ein Nischenprodukt. Genau wie das MRT-Sexvideo oder die offenbarenden Filme von Masters und Johnson, provoziert dieses neue Gerät, weil es die Grenze zwischen Medizin und Erotik auslotet. Gleichzeitig ist es jedoch auch ein Produkt, das an die Selfiekultur anknüpft und speziell für Frauen entwickelt wurde, wodurch es im Grunde ohnehin so wirkt, als hätte man sich ein leichtes Ziel gewählt.

„Ich denke, dass es hier definitiv um ein Rollenklischee geht", erklärt Peaches in einer Mail an Broadly. Sie glaubt, dass die Leute in unserem Kulturkreis generell negativ auf die Darstellungen weiblicher Genitalien reagieren, was auch dazu beiträgt, dass der Sex-Selfie-Stick so eine Abneigung hervorruft. Der Belfie-Stick—ein Selfie-Stick mit dem man Fotos von seinem Hintern machen kann—hat unter den Online-Kommentatoren dagegen kein vergleichbares Maß an Ablehnung erfahren. „Was ich mich auch frage, ist, wie der Sex-Selfie-Stick wohl angekommen wäre, wenn man ihn als Sexspielzeug verkauft hätte, das er an ihr ausprobieren kann—und nicht als Selfie-Stick", sagt Peaches weiter.

Ob der Sex-Selfie-Stick nun ein Leuchtfeuer der Befreiung ist oder nicht—weder die Ablehnung noch die Bilder sind neu. Was den Selfie-Stick einzigartig macht, ist letztendlich nur sein Nutzer. „Soweit ich weiß, hat noch niemand ein Vag-Cam-Video an andere Leute verschickt—Dickpics dagegen schon", meint Peaches. „Das kann jetzt jeder verstehen, wie er möchte."