Hört auf, mir zu sagen, dass ich mich um mich selbst kümmern muss
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Hört auf, mir zu sagen, dass ich mich um mich selbst kümmern muss

Ich habe mich auf diversen Selbstsorge-Websites und -Blogs umgeschaut, um herauszufinden, ob die dort angegeben Tipps mein Leben wirklich verändern könnten.
5.12.16

Um nicht komplett durchzudrehen, versuche ich normalerweise, die zeitgenössischen Begriffe zu ignorieren, die mich am meisten aufregen. Beispiele für solche Begriffe wären "beziehungsunfähig" oder "Langzeitsingle".

Ein bestimmtes Konzept geht mir jedoch mehr auf die Nerven als alle anderen: sich um sich selbst kümmern. Warum? Weil das wie vieles, was mal als revolutionäre Handlung begann, inzwischen zu einem Produkt verkommen ist. Mir erscheint es einfach sinnlos, tiefes Ein- und Ausatmen in eine To-Do-Liste aufzunehmen. Wir konnten doch die letzten Jahrhunderte auch ganz gut atmen, ohne dass uns irgendein Marketing-Experte vorgegeben hat, wie und warum wir das tun sollen. Vielleicht hasse ich es aber auch nur so sehr, weil ich nicht gut darin bin, mir mal Zeit für mich zu nehmen und mir selbst etwas Gutes zu tun. Im Laufe meines Lebens sind es immer mehr die zerstörerischen Dinge (zum Beispiel Opiate) gewesen, die mir gut getan haben. Und dazu kommt noch die Tatsache, dass sich selbst die wohltuendsten Dinge bei mir zur Sucht entwickeln können.

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Ich wollte aber mal nicht so sein und habe mich deswegen etwas genauer mit der Selbstsorge-"Bewegung" auseinandergesetzt. Dafür ging ich diverse Websites wie etwa Self-Compassion Project, Tiny Buddha oder Good Therapy durch, um zu schauen, ob die dort angegeben Tipps mein Leben wirklich verändern könnten.

1.) Nutze einen Terminplaner oder Kalender und lege bewusst Zeit für dich selbst fest
Ich bin eine Einzelgängerin. Fast mein ganzes Leben ist Zeit für mich selbst. Wenn ich mir noch mehr Zeit für mich selbst nehme, entwickle ich mich wahrscheinlich evolutionär zurück und verlerne das Sprechen. Auf meiner To-Do-Liste steht tatsächlich als tägliches Ziel, zumindest mit einem echten Menschen zu reden. Und selbst das schaffe ich nicht immer. Dieser Tipp ist somit wohl nicht gerade die beste Idee.

2.) Nimm ein langes, heißes Bad
Das mache ich jeden Tag. Und da ich in Kalifornien lebe, bin ich deswegen wohl mit an der dort anhaltenden Dürre schuld (neben Tom "Magnum" Selleck).

3.) Lass dir eine Maniküre machen
OK, geht klar. Eine Maniküre zur Selbstsorge ist jedoch irgendwie komisch, weil die Person, die die Maniküre durchführt, mit giftigen Chemikalien in Berührung kommt, unter beschissenen Bedingungen arbeitet und dazu noch kaum Freizeit hat. In anderen Worten: Das ist Selbstsorge auf Kosten eines anderen Menschen.

4.) Spende das Geld für deinen morgendlichen Kaffee lieber für einen wohltätigen Zweck
Ich trinke keinen Kaffe, denn der verursacht bei mir Panikattacken.

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5.) Verschwende nicht zu viel Zeit mit deiner Waage oder irgendeinem anderen Gerät, das dein Selbstwertgefühl mindert
Ich besitze keine Waage, weil das mein Leben zerstören würde.

6.) Gönne dir eine beruhigende Gesichtsmaske
Ich habe sowohl eine sehr empfindliche Haut als auch Hypochondrie. Wenn ich mein Gesicht 15 Minuten lang mit einer Peeling-Maske bedecke, die alle Unreinheiten beseitigen soll, dann habe ich direkt Todesangst, einen unheilbaren Ausschlag zu bekommen.

7.) Streichle deinen Hund
Wenn man einen Blog-Artikel als Erinnerung daran braucht, seinen Hund zu streicheln, dann sollte man wahrscheinlich keinen Hund besitzen.

8.) Lobe dich auch mal dafür, dass du so hart arbeitest
Ganz ehrlich, mir fällt es schwer, nicht hart zu arbeiten. Arbeit eignet sich perfekt dafür, um vor sich selbst wegzulaufen und ganz stumpf nichts fühlen zu müssen. Ich müsste mich schon eher dafür loben, wenn ich mal nichts mache.

9.) Trinke viel Wasser
Wenn ich nicht gerade durstig bin, macht mich Wasser eher depressiv. Ich habe dann immer das Gefühl, übertrieben gut sein zu wollen.

10.) Denke über die harte Zeiten nach, die deine Vorfahren durchmachen mussten, damit du jetzt existieren kannst
Wenn ich darüber nachdenke, was meine Vorfahren in den Schtetln von Russland alles aushalten mussten, nur damit ich jetzt plakative Sprüche tweeten kann, dann fühle ich mich echt beschissen.

11.) Gehe laufen (oder spazieren—je nachdem, wie körperlich gesund du gerade bist)
Ich würde mich selbst jetzt nicht als zwanghafte Sportlerin bezeichnen, aber mein Umfeld ist da wohl anderer Meinung. Ich laufe aber nicht wirklich wegen meiner Gesundheit. Ich laufe, weil ich Angst davor habe, was ich ohne das Laufen sein würde. Angst ist im Allgemeinen häufig mein Antrieb. Einmal in der Woche gehe ich sogar so exzessiv laufen, dass ich diesen Tag "Dysmorphophobie-Tag" nenne. Mir würde es also wohl eher besser tun, nicht laufen zu gehen.

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12.) Mache ein Nickerchen
Ich mache häufig Nickerchen. Meistens sind sie aber so drei Stunden lang.

13.) Putze dich raus und mache ein paar neue Profilbilder
Das ist wahrscheinlich die schlechteste Idee aller Zeiten. Wenn ich nämlich mein Profilbild ändere, dann warte ich den Rest des Tages ganz begierig auf Likes und hadere gleichzeitig mit mir, weil mein Umfeld nun weiß, dass es mir nicht egal ist, wie man mich wahrnimmt.

14.) Höre dir ein Album aus deiner Jugend an, das du schon lange nicht mehr angehört hast
Wenn ich Musik höre, die mich in Nostalgie versetzt, dann kommt in mir eine unstillbare Sehnsucht auf und ich bin überzeugt davon, dass ich sofort einen Ex-Freund kontaktieren muss, mit dem ich wirklich keinen Kontakt mehr haben sollte.

15.) Mache etwas, das du früher gerne gemacht hast—ganz egal, ob du gut darin warst oder nicht
Die Dinge, die ich früher gerne gemacht habe (zum Beispiel Drogen nehmen), kann ich heute nicht mehr tun, weil ich sonst wohl sterben würde.

16.) Erzähle dir selbst etwas Ermutigendes, das jeglicher Selbstkritik widersteht
Immer wenn ich versuche, mich nicht selbst zu kritisieren, kritisiere ich mich selbst dafür, wie viel Scheiße ich mir einrede.

17.) Rufe bei deiner Mutter an, um Hallo zu sagen
Selbstsorge beinhaltet bei mir garantiert keinen Anruf bei meiner Mutter

18.) Backe ein Blech Brownies, die du dann an Freunde, Familienmitglieder und Nachbarn verteilst
Das würde nur meine komische Essstörung fördern, bei der ich Essen fetischisiere, das ich nicht essen darf. Ich schaue dann anderen Menschen dabei zu, wie sie genau diese Sachen essen, und frage, ob es schmeckt. So versuche ich, das Essen durch Osmose zu genießen.

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19.) Lerne dein innerstes Ich kennen
Wenn ich noch weiter nach Innen vordringe, falle ich in ein Koma.

20.) Umgib dich mit Dingen, die dich glücklich machen
Sex mit Leuten zu haben, mit denen ich keinen Sex haben sollte, macht mich glücklich.

21.) Verkleide dein Haustier, um andere Leute zum Lächeln zu bringen
Das habe ich an Halloween sogar wirklich gemacht. Es folgte direkt ein Teufelskreis der Scham, weil ich dachte, die Leute würden mich für einen Menschen halten, der sein Haustier nur aus ästhetischen Gründen vermenschlicht und quält.

22.) Denke daran, dass schon ein kleines bisschen tägliche Selbstsorge gegen Depressionen hilft
Wir sind endlich bei dem Punkt angekommen, der mich an der Kommerzialisierung der Selbstsorge am meisten stört: die Annahme, dass genügend "wohltuende" Handlungen zu einem unbeschwerten und angstfreien Leben führen. Eine solche Annahme ist wie ein Schlag ins Gesicht eines jeden Menschen mit Depressionen—und von der Enttäuschung, die eintritt, wenn das Ganze dann nicht funktioniert, will ich gar nicht erst anfangen.

Depressionen sind eine Krankheit. Man würde einem Krebspatienten doch auch nicht erzählen, dass er einfach nur "einen angenehmen Duft einatmen" oder "mal ein wenig entrümpeln" muss, um wieder gesund zu werden. Überlassen wir es also lieber den Ärzten, sich mit Depressionen zu beschäftigen. Und die ganzen Selbstsorge-Blogger bleiben besser bei ihren überteuerten Kaschmir-Socken.

Falls du dir um deine eigene psychische Gesundheit oder um die eines geliebten Menschen Sorgen machst, dann findest du hier Hilfe und weiterführende Informationen.