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Was bedürftige Menschen bei der Tafel für Ostern mitnehmen

"Meine Enkel fragen nicht, ob ich Mindestsicherung kriege, sondern: Oma, was hast du Schönes?", sagt die Pensionistin Marianne.

von Thomas Vorreyer
30 März 2018, 12:17pm

Tafelbesucher Mohamad in der Neuköllner Martin-Luther-Gemeinde || Alle Fotos: Eva L. Hoppe

"Das hier", sagt Carola Thümm-Söhle, "ist der Korb mit den coolen Sachen." Thümm-Söhle zieht Kartoffelpuffer, einen indischen Curry-Dip und Fischfond aus einer Plastikbox. Einen Meter weiter liegen eingedrückte Paprika und zehnmal abgetastete Avocados, die die Supermärkte am Vortag nicht mehr losgeworden sind. Immer noch gut genießbare Spenden, die Thümm-Söhle, die Leiterin der Neuköllner Tafel, und ihr Team aus 24 Mitarbeitern zusammengetragen haben.

In der Martin-Luther-Gemeinde können sich jeden Mittwoch Bedürftige mit Essen eindecken. Vorher sortiert das Team die Supermarktspenden. Aus der Biotonne strömt der Geruch zerquetschter Bananen und Feigen; sie sind ungenießbar.

Der Rest liegt auf einem großen U aus Tischen rund um den Altar aus: Kürbiskernbrotn und Enchiladas, Schinken-Sulz und Putenbrust. Kiloweise Eiweiß, Kohlenhydrate und Vitamine für

Ältere mit Minirenten und Geflüchtete; kurzum: für Menschen, denen kaum Geld bleibt, um sich gut und gesund zu ernähren. Oder, um sich mal was Süßes zu gönnen.

Gespendete Spritzkuchen, Apfeltaschen und Franzbrötchen bei der Neuköllner Tafel, rechts daneben steht Carola Thümm-Söhle
Die Ärztin Carola Thümm-Söhle leitet seit 14 Jahren die Tafel in der Neuköllner Fuldastraße

An diesem Tag sind alle Nachnamen von M bis Z dran, das Einzugsgebiet reicht vom Hermann- bis zum Richardplatz, nächste Woche dürfen die As bis Ls kommen. 80 Menschen treten zwischen 14 Uhr und 16 Uhr durch die Kirchentür, vor Weihnachten sind es fast 200 am Tag, sagt Thümm-Söhle. Manche leben allein, andere mit Partnern und Kind. Hinter 100 Haushalten stecken gut 180 Menschen. Die Berliner Tafel nennt sie "Kunden", Thümm-Söhle spricht lieber von "Abholern". Sie selbst arbeitet hauptberuflich als Hausärztin und hatte an diesem Morgen noch Sprechstunde.

"Niemand geht unter drei vollen Einkaufsbeuteln hier raus", sagt sie. Wir haben die Menschen gefragt, was sie vor Beginn des Osterwochenendes mitgenommen haben.

Marianne

Aus dem Trolley von Marianne lugen Brechbohnen und eine Packung Toast hervor, daneben stehen zwei volle Einkaufsbeutel
Marianne hat ihren Trolley bis oben hin mit Essen gefüllt (links)

"Stellen Sie jemand anderen dahin, ist ja peinlich", sagt Marianne zur Fotografin und lacht. Die Pensionistin will weder ihren richtigen Namen nennen, noch auf Bildern zu sehen sein. Die Anfang-60-Jährige hat zwei Sträuße Tulpen an ihren Trolley geklemmt.

Wie lange gehen Sie schon zur Tafel?
Ich gehe seit zwei Jahren hier her und könnte die alle knuddeln. Zu Ostern kommen meine zwei Enkel, da musst du was bieten können. Die fragen nicht, ob du Grundsicherung kriegst, sondern: "Oma, was haste Schönes?" Aber Kindern ist es egal, ob ein Kuchen frisch oder aufgebacken ist. Nur schön süß muss er sein.

Wussten Sie schon, was Sie zu Ostern kochen wollen oder haben Sie das hier entschieden?
Da gehe ich nach dem Angebot, heute habe ich hier Spargel, Kartoffeln, Zwiebel, grüne Bohnen und dreimal Suppengrün mitgenommen. Ein Stück Fleisch muss ich mir jetzt noch dazu kaufen.

Und Blumen für den Tisch gab's auch?
Ja, die gibt es nicht immer, aber heute habe ich zwei Sträuße Tulpen abbekommen.

Gesundheitsminister Jens Spahn hat gesagt, "niemand müsste in Deutschland hungern", auch nicht Hartz-IV-Empfänger. Was sagen Sie dazu?
Wer noch nicht von 400 Euro gelebt hat, kann gar nicht mitreden. Deshalb nehme ich das Jens Spahn auch nicht übel. Man muss schon ein Jahr von so wenig Geld leben, damit man merkt, was passiert, wenn Grundmittel wie Salz oder Mehl mal alle sind oder dir die Waschmaschine kaputt geht. Ohne die Tafel würde ich rund 150 Euro pro Monat für Essen ausgeben, dafür reichen meine Rente und die Grundsicherung nicht.

Simone

Simone hält eine dünne Plastiktüte mit zwölf Brötchen vom Vortag drin hoch, daneben stehen ihr Trolley und drei Einkaufstüten
Ein Tüte voll mit Rosinenbrötchen und Laugengebäck gehört ebenso zu Simones Auswahl wie ein Trolley voll Obst, Gemüse und Salat

Anfang 50 sei sie, sagt Simone, die eigentlich anders heißt. Seit zehn Jahren ist die ehemalige Einzelhandelsangestellte ohne Arbeit, mittlerweile bekommt die Frau mit dem Ostberliner Dialekt eine kleine Rente. Zur Tafel hat sie sich erst vor zwei Jahren getraut: Bis heute hat Simone Angst, dass ehemaligen Kunden sie bei der Tafel erkennen könnten.

Wie ist es für Sie, zur Tafel zu gehen?
Meine 33-jährige Tochter weiß nicht, dass ich hier bin. Die würde nichts davon nehmen, die schmeißt alles weg, was länger als einen Tag offen stand oder erst am Tag zuvor abgelaufen ist. Dabei hat sie selbst kaum Geld, muss aufstocken und zieht alleine zwei Kinder groß. Wenn ich meinen Enkeln was Süßes mitbringe, sage ich niemanden, dass es von der Tafel ist.

Sie haben viel Salat in Ihren Taschen. Was machen Sie damit?
Smoothies, genau wie meine Schwester. Die hatte Krebs, Chemo, alles. Dann hat sie angefangen, Smoothies zu machen, seitdem geht es ihr deutlich besser. Weil ich Rheuma habe, habe ich mich irgendwann überwunden, obwohl mir die grünen Smoothies früher nie geschmeckt haben.

Und jetzt haben Sie Ihre eigenen Smoothie-Rezepte?
Du brauchst Äpfel oder Bananen als Grundlage, nur Grünes geht nicht. Heute habe ich Kokosstücken mitgenommen, die kommen mit rein, und Artischocken.

Landen die auch im Smoothie?
Nein, die koche und backe ich. Die meisten wissen gar nicht, was sie damit machen sollen und lassen das Gemüse liegen. Dabei findet man heute im Internet so einfach Rezepte.

Agata

Mehrere alte Menschen stehen in einer Schlange rund um einen quadratischen Holzaltar und vor den Tischen mit dem Essen, darüber hängt ein großes Gemälde mit einer Picknickszene
Das Essen haben die Tafelmitarbeiter in einem großen U rund um den Altar ausgelegt

Die Deutschpolin kommt seit fünf Jahren zur Tafel. "Kaninchenfutter" habe sie an diesem Tag vor allem eingepackt: Gemüse, Salat. Auch ein bisschen Obst und Fleisch.

Wie sind Sie hier gelandet?
Ich komme aus dem ehemaligen Oberschlesien: Racibórz. In Polen habe ich jahrzehntelang als Erzieherin gearbeitet und meine kranken Eltern gepflegt. Die waren Deutsche. Meine Schwestern und meine Kindern sind in der Zwischenzeit alle nach Deutschland gezogen. Erst als meine Eltern 2007 gestorben sind, bin ich nachgekommen. Dann haben Ärzte Krebs bei mir diagnostiziert, ich konnte nicht mehr arbeiten. Deswegen gehe ich zur Tafel.

Von wie viel Geld leben Sie jetzt?
Der polnische Staat zahlt meine Rente für die Jahre, die ich gearbeitet habe, der deutsche für die, seit denen ich hier bin. Insgesamt kommen so 750 Euro pro Monat zusammen.

Was würden Sie ohne die Tafel machen?
Das wäre richtig hart. Ich habe 200 Euro pro Monat zur freien Verfügung, durch die Tafel gebe ich nur etwas mehr als die Hälfte davon für Essen aus – für Brot, Butter und Sahne etwa.

Haben Sie in den fünf Jahren bei der Tafel schon einmal Probleme gehabt?
Als junge, schöne Frau in Polen hat man mich immer "die Deutsche" genannt, hier bin ich für die Menschen nur die alte Polin. Das ist scheiße. Aber bei der Tafel hatte ich noch nie Probleme mit den Leuten.

Yvonne

Radieschen leuchten rot zwischen Mohnschnecken und abgepackten Sandwiches hervor, Yvonne trägt einen langen Wintermantel, Zopf und Schläfen rasiert
Auch wenn man wie Yvonne zum letzten Drittel auf der Namensliste gehört, bekommt man an diesem Tag noch diverse Produkte – von Radieschen bis Sandwiches

Yvonne sortiert an einem Fensterbrett ihren "Einkauf" nochmal neu: Die Tafel gibt Joghurt und Obst mit als Erstes aus, in den Tüten müssen die Produkte aber oben liegen, um nicht zerquetscht zu werden. 1999 kam Yvonne aus Bayern nach Berlin, in den letzten Jahren pendelte sie immer wieder zwischen Arbeitslosigkeit und Jobs, bei denen sie aufstocken musste.

Sie haben unter anderem Donuts, Schnittlauch und Fisch eingepackt. Was machen Sie damit?
Ich schaue mir zu Hause nochmal alles an, manches muss ich dann wegschmeißen, weil es doch bereits schlecht ist. Anderes schnippel ich sofort klein und frier es mit dem Brot ein. Mein Obst und Gemüse wickel ich in dünnes Papier ein, so hält es zwei Wochen. Fürs Osterwochenende werde ich mir noch etwas Hack kaufen. Ich teile mein Essen mit zwei Nachbarn, einer ist ein alter gebrechlicher Mann.

Warum?
Weil es wichtig ist, sich gegenseitig zu helfen – gerade in den letzten Jahren, wo die Mieten in der Gegend und auch bei uns im Haus immer weiter steigen. Vor zwei Jahren wurde ich auf dem Weg zur Arbeit angefahren, mein Arbeitgeber kündigte mir eine Woche später fristlos. Ich konnte ein halbes Jahr keine Miete bezahlen. Der Zusammenhalt hilft einem in solchen Situationen. Und weil ich direkt mit meinem Vermieter gesprochen habe, schmiss er mich nicht raus.

Wie war ihr Leben vor der Kündigung?
Ich habe 1.060 netto verdient, da hatte ich am Ende auch nicht viel mehr als jetzt. Aber durch die GEZ-Befreiung, das Berlin-Ticket und eben die Tafel muss ich als Hartz-IV-Bezieherin einige Dinge nicht bezahlen.

Mohamad

Mohamad trägt eine breite Blindenbinde an seinem rechten Handgelenk, er stützt sich auf einen Gehstock
Mit Spitzkohl, Kaiserschoten und Spargel will Mohamad in den nächsten Tage kochen

Mohamad ist blind und seine rechte Bauchhälfte ist ballongroß angeschwollen, seitdem ihn Bombensplitter getroffen haben. Der syrische Kriegsflüchtling lebt derzeit in Oranienburg, im Norden Berlins. Die Anfahrt mit den Öffentlichen dauert über eine Stunde, dennoch hat er den Weg nach Neukölln auf sich genommen. Zwei Mitarbeiter der Tafel stehen bei ihm und übersetzen unser Gespräch: Mohamed aus Beirut, Libanon, lebt seit 35 Jahren in Deutschland und arbeitet seit 14 Jahren bei der Tafel; Ghassan, 33, aus Latakia, Syrien, arbeitet seit drei Jahren hier.

Wie war Ihr erster Besuch bei der Neuköllner Tafel?
Hier ist es wunderbar. Alles ist sauber, alle sind höflich und hilfsbereit. Das Team hat mir bereits gesagt, dass ich ausnahmsweise wiederkommen darf. In Oranienburg kommen auch Menschen aus Afghanistan und Sri Lanka, da ist es schwierig, mit allen zu kommunizieren.

Wie sind Sie überhaupt hier gelandet?
Ein Mann, den ich auf der Sonnenallee hier um die Ecke getroffen habe, riet mir, zur Martin-Luther-Gemeinde zu gehen. Die könnten mir mit meiner Familie helfen, sagte er. Und ich würde Essen bekommen.

Ihre Familie ist noch in Syrien?
Ich bin seit zweieinhalb Jahren alleine hier. Meine Frau ist immer wieder von Damaskus nach Beirut gereist, um bei der deutschen Botschaft Visa für sie und unsere Tochter zu beantragen. Sie wurde jedes Mal abgewiesen, obwohl mir die Behörden hier große Hoffnungen gemacht haben. In einem halben Jahr verfällt mein Aufenthaltsstatus, ich weiß nicht, wie es danach weitergehen soll.

Barbro

Barbro trägt eine Bommestrickmütze, die aussieht wie eine Erdbeere, und hält einen durchsichtigen Beutel mit Joghurt, Käse und Sushi hoch
Barbros Erdbeer-Strickmütze ist im Handsarbeitskurs der Martin-Luther-Gemeinde entstanden

Die 51-Jährige ist gelernte Elektroinstallateurin und Köchin. Sie bewerbe sich permanent auf Jobs, sagt Barbro, aber wenn sie sage, dass sie Epileptikerin sei, "dann friert den Leuten sofort das Gesicht ein". Über das Jobcenter hat sie eine sogenannte Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung gefunden. Mit der Arbeit auf einem Friedhof verdient sie neun Euro – pro 6-Stunden-Schicht. Und jeden Mittwoch arbeitet Barbro bei der Neuköllner Tafel.

Was haben Sie mitgenommen?
Nur eine kleine Tüte: eine halbe Gurke, ein Salatherz, Frischkäse. Wenn man das mit anderen Sachen ergänzt, reicht es drei, vier Tage. Ich hole mir so ein Viertel bis ein Drittel meines Essens bei der Tafel.

In Ihrem Beutel liegt auch Sushi.
Ich liebe Sushi. Die Packung hier kostet im Supermarkt 6,99 Euro. Das kann ich mir niemals leisten. Das Mindesthaltbarkeitsdatum war gestern, also esse ich die Röllchen heute. Morgen würde ich mir vielleicht schon eine Fischvergiftung holen.

Was haben Sie gestern gegessen?
Drei dünne Vollkornbrotscheiben, die ich noch von letzter Woche von der Tafel übrig hatte; Scheibenkäse oben drauf. Butter hatte ich keine mehr. Aber die macht eh nur dick.

Bedeutet Ihnen Ostern was?
Ich bin niemand, der fastet. Essen ist meine Leidenschaft. Aber zu Ostern werde ich dafür beten, dass Jesus einen guten Einfluss auf unsere Politiker nimmt. Eigentlich sollte es sowas wie die Tafel gar nicht geben müssen.

Um 15:52 Uhr sind die letzten Abholer der Neuköllner Tafel durch. Die Kartoffelpuffer und der Currydip sind weg, der Fischfond und ein Haufen roter Paprika liegen noch da. Die dürfen die Mitarbeiter mitnehmen.

U Zerdrückte und aufgerissene Bananen stapeln sich in einer Biotonne, dazwischen liegt eine zerquetschte Feige
Ungenießebare Spenden wie diese zerdrückten Bananen und Feigen haben die Tafelmitarbeiter vor der Öffnung aussortiert

Die Berliner Tafel betreibt 44 Ausgabestellen, die jeweils einen Wohnbezirk abdecken und auf der Website der Tafel gelistet sind.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.