Wir haben mit einer Lehrerin über Kindesmissbrauch geredet

Die Täter sind nicht nur Täter, sie sind oft auch Mütter, Väter, Brüder, Schwestern oder Großeltern.

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Juni 23 2016, 9:51am

Titelbild: The EricGus | CC by 2.0

Wenn von sexueller Belästigung die Rede ist, dann denkt man im größten Teil der Fälle an Erwachsene. Frauen, die auf der Straße blöd angesprochen werden. Frauen, die im Club unangenehm angegriffen werden. Frauen, die vergewaltigt werden. Das ist schlimm genug.

An Männer will man dabei selten denken und noch seltener an Kinder. Das heißt allerdings nicht, dass es sexuelle Belästigung hier nicht gibt (auch wenn man Kinder vielleicht eher mit dem Begriff "Missbrauch" assoziiert). Aber die wenigsten wollen in diese Gedankenwelt eintauchen—verständlicherweise, denn was zurückbleibt, ist oft Sprachlosigkeit und wenig, was man als Leser konkret ändern kann. Hier gibt es keine "Graubereiche", keine fadenscheinigen Verteidigungen im Stil von: "Hätte sie halt nicht so viel getrunken", oder "Sie hätte deutlicher 'Nein' sagen müssen".

Jegliche vermeintliche Gegenargumentationslinie und jeder an den Haaren herbeigezogene Erklärungsansatz fehlen bei diesen Fällen. Genau das macht sie so beängstigend.

Wir haben uns mit einer Sonderschullehrerin in Verbindung gesetzt, die schon öfter mit sexuellem Missbrauch bei ihren Schülern konfrontiert war. Ihr Name wurde von uns zum Schutz der betroffenen Kinder geändert. Wir glauben, dass es wichtig ist, Sensibilität für alle Bereiche dieses Themas zu entwickeln und wollen erst recht #nichtmehrwegschauen, wenn es um Kinder geht.

Susanne M. arbeitet bereits seit vielen Jahren als Pädagogin. Die Dinge, mit denen sie im Laufe ihre Karriere konfrontiert war, sind teilweise alles andere als angenehm. "Ich kann mich eigentlich an kein Jahr erinnern, in dem ich nicht mit missbrauchten Kindern zu tun hatte", sagt sie.

Die Schüler von Susanne M. stammen sehr oft aus schwierigen Familienverhältnissen. Es fehlt ihnen häufig die nötige Unterstützung von zu Hause. Meistens, weil es die Eltern selbst nicht anders kennen.

Sie wollen darüber reden, wissen aber meistens nicht wie.

Die Familie ist auch der Ort, an dem in Susanne Ms Erfahrung am häufigsten Missbrauch passiert. "Man darf es aber nicht verallgemeinern", so M. "Missbrauch findet inner- und außerhalb der Familie statt und betrifft sowohl Mädchen als auch Jungen."

Es gäbe bestimmte Verhaltensweisen, die auf sexuelle Nötigung hindeuten würden. Die Kinder seien in der schwierigen Situation, einerseits reden zu wollen, sich jedoch andererseits zu schämen. Es entstehe ein innerer Konflikt, der in extrem auffälligen Verhaltensweisen münden würde. Im Grunde seien die Kinder zu diesem Zeitpunkt nicht oder nur schwer beschulbar. "Oft benehmen sie sich in einem übertriebenen Maße sexualisiert", so Susanne M. "Sie bringen das Thema immer wieder auf Sex, bieten sich offensiv für sexuelle Handlungen an oder werden selbst übergriffig. Sie wollen darüber reden, wissen aber meistens nicht wie."

Sexueller Missbrauch kann auch in Partnerschaften vorkommen.

Handlungen, die auf den ersten Blick vielleicht seltsam erscheinen, psychologisch gesehen jedoch durchaus Sinn machen. "Es ist ein Weg, mit einer extremen Überforderung umzugehen", sagt Psychotherapeut Mag. Sascha Fritsch. "Missbrauchsopfer re-inszenieren die erlebten Ereignisse, um sie für sich umdeuten zu können. Sie wollen die angstbesetzte und bedrohliche Situation psychisch anders erfahren und zwar diesmal so, dass sie selbst die Kontrolle haben, um das erlebte Trauma für sich verständlich zu machen." Der Umgang mit Traumata sei aber durchaus verschieden und könne nicht generalisiert werden, so Fritsch weiter.

Wenn der Verdacht auf sexuellen Missbrauch bestehe, müsse man vorsichtig damit umgehen. Suggestivfragen sollten, laut Susanne M., vermieden und die Kinder nicht unter Druck gesetzt werden—man möchte jeglicher Manipulation vorbeugen. "Meistens suchen sie irgendwann ein Gespräch unter vier Augen mit dir", sagt die Lehrerin. "Wichtig ist es, den Kindern Unterstützung und Hilfe zuzusichern und erst an die Öffentlichkeit zu gehen, wenn der Schüler wirklich sein OK gegeben hat. Sonst zieht er alles wieder zurück."

Immer wieder hat sie diesen Zwiespalt miterlebt, Schülerinnen und Schüler gesehen, die hin- und hergerissen sind zwischen Hass und Zuneigung.

Eine Schülerin von Susanne M. habe kürzlich in der Klasse verkündet: "Jetzt sage ich aber allen, dass mein Vater mich gefickt hat." Bei der anschließenden Gerichtsverhandlung hätte sie allerdings alles wieder abgestritten. "In diesem Fall ist das Mädchen wieder umgefallen, weil sie diesen Vater trotzdem liebt", sagt M. Gerade wenn der Missbrauch in der Familie stattfinde, wären die Kinder von einer furchtbaren Ambivalenz geplagt. Die Täter sind eben nicht nur Täter, sie sind auch Mütter, Väter, Brüder, Schwestern oder Großeltern. Bezugspersonen also, die jedes Kind braucht.

Immer wieder hat Susanne M. diesen Zwiespalt miterlebt, Schülerinnen und Schüler gesehen, die hin- und hergerissen sind zwischen Hass und Zuneigung. Eines ihrer Schulkinder, ein Mädchen, sei trotzdem am Wochenende immer gerne nach Hause gefahren zu ihrem Vater, der sie sexuell belästigte. Susanne M.: "Sie leiden unter diesen Menschen und lieben diese Menschen. Das ist wohl ihr großes Dilemma."

Lest hier, wie ein Sohn seinen Vater verklagte, weil dieser seine Schwestern über Jahre missbrauchte.

Vor vielen Jahren hatte sie mit einem besonders schweren Missbrauchsfall zu tun. Eine ihrer Schülerinnen, die wie sie sagt, "an der Grenze zur geistigen Schwerstbehinderung" war, sei von ihrem Vater richtiggehend "herumgereicht" worden. "Die Eltern sind bereits in einem Heim aufgewachsen und haben sich auch dort kennengelernt. Sie haben dann schnell geheiratet und Kinder bekommen, darunter meine Schülerin. Irgendwann sind sie dann zu einem Bekannten aus dem Heim gezogen, der ein aktenkundiger Pädophiler war. Die ganze Familie hat im ersten Stock seines Hauses gelebt, außer meiner Schülerin. Für die war oben kein Platz mehr, sie hatte ein Zimmer im Erdgeschoss, gleich bei dem Freund der Eltern ..."

Was dann passiert ist, muss nicht niedergeschrieben werden. Der Vater sei allerdings noch einen Schritt weitergegangen, so M., und habe das Mädchen auf "Spaziergängen" in Hinterhöfe mitgenommen und sie dort den Nachbarn angeboten. "Das Mädchen hat das alles über sich ergehen lassen. Sie hat dann auch begonnen, sich einzunässen. Das geschieht öfter, dass diese Kinder wieder inkontinent werden."

Ich frage M., wie die Behörden in diesem Fall agiert haben. Sie schweigt lange und erzählt mir dann, dass letztendlich nicht viel passiert sei. Das Mädchen sei weiterhin in der Obhut ihrer Eltern geblieben, sagt sie. Warum, weiß Susanne M. nicht genau. "Vermutlich hat es zu wenig Beweise oder Zeugen gegeben", mutmaßt die Lehrerin. "Missbrauch ist sehr schwer zu belegen."

Susanne M. will die Behörden nicht verurteilen. Fakt sei, so M., dass Lehrer nach der Aufgabe einer Anzeige über die weiteren Ermittlungen nicht informiert würden. Dadurch entstehe der Eindruck des Stillstandes. "Man begleitet die Kinder zur Polizei und bekommt Magenschmerzen, wenn man zuhört, was sie dort erzählen. Man erwartet Konsequenzen, aber meistens hat man erst einmal das Gefühl, dass nichts passiert."

Bei einem ihrer ersten Fälle, einem Jungen, der von einem Bahnhofsangestellten am Klo missbraucht worden war, sei ein halbes Jahr gar nichts geschehen. "Erst als es mehrere Fälle gab und er sich auch an Regelschulkindern vergangen hat, ist es zu einem Prozess gekommen." Was im Raum stehen bleibt, ist der stille Vorwurf von Susanne M., dass ihre Schulkinder, die schwierig und in manchen Fällen vielleicht auch schon polizeibekannt sind, nicht ernst genommen werden.

Die Studie bietet eine Erklärung für etwas, das eigentlich nicht zu begreifen ist.

Gleichzeitig habe sie erlebt, dass auch innerhalb der Familie nicht gehandelt wird, selbst wenn es, zum Beispiel, von Seiten des Kindes zu einer Anzeige gegen den Vater gekommen sei. Der Grund hierfür, so M., wäre unter anderem die finanzielle Abhängigkeit der Frauen von ihren Männern. Sie könnten es sich einfach nicht leisten, mit ihren Kindern auszuziehen.

Das ist kein Umstand, der nur in bildungsschwachen sozialen Schichten zu finden ist. Eine Studie der Statistik Austria fand heraus, dass nach wie vor 73 Prozent der Frauen ihren Lebensstandard ohne das Einkommen des Partners nicht sichern können. So erschreckend diese Zahlen auch sind, in diesem Zusammenhang wirken sie fast beruhigend. Sie bieten eine Erklärung für etwas, das eigentlich nicht zu begreifen ist.

Es ist wichtig, etwas zu tun. Präventionsarbeit kann im Kampf gegen sexuellen Missbrauch helfen.

Was nach dem Gespräch mit Susanne M. zurückbleibt, ist Bestürzung und ein Gefühl der Ohnmacht. Die meisten von uns sind in der glücklichen Situation, mit solchen Sachverhalten nicht konfrontiert zu werden. Leider heißt das aber nicht, dass sie nicht passieren, oder dass man nichts dagegen tun kann. Selbst die geringen Mittel, die Susanne M. zur Verfügung stehen—nämlich mit den Kindern zu reden und ihnen dabei zu helfen, Anzeige zu erstatten—, verbessern die Situation bereits im Kleinen. Zumindest wird die Schule dadurch zu einem "stabileren Lebensraum" und zu einem Ort, an dem sich die Kinder, im besten Fall, ein wenig sicherer fühlen. Was es dafür im ersten Schritt braucht, ist die Bereitschaft, dass wir #nichtmehrwegschauen.


Titelbild: The EricGus | Flickr | CC 2.0

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