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Wenn deine Familie aus homophoben Arschlöchern besteht und die Welt ein ziemlich mieser Ort ist

Nasser wurde von seiner Familie ausgepeitscht, mit Benzin übergossen, mit kochendem Wasser verbrüht, zwangsverlobt, betäubt und entführt. Dafür gab's milde Geldstrafen.

von Franz Lichtenegger
27 April 2015, 10:45am

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Nasser El-Ahmad

Ausgepeitscht, mit Benzin übergossen, mit kochendem Wasser verbrüht, zwangsverlobt, betäubt, entführt. Als Nasser El-Ahmad mit 15 bei seiner streng muslimischen Familie von Mitschülern zwangsgeoutet wird, beginnt für ihn die schlimmste Zeit seines Lebens.

Berlin ist wohl eine der schwulenfreundlichsten Städte der Welt—zumindest Teile davon. Immerhin war hier mal Klaus Wowereit Bürgermeister. Wenn du allerdings als Teil einer muslimischen Familie mit libanesischem Hintergrund im Bezirk Neukölln aufwächst, stehst du vor ein paar mehr Hindernissen. Nasser musste das auf die harte Tour erfahren.

Sätze wie „Satan ist in Schwulen—sie landen in der Hölle" bekommt Nasser nach seinem Coming-Out vermehrt von seiner Familie zu hören. So wie Schwule in der Hölle brennen, so soll auch er brennen.

Sein Onkel überschüttet ihn mit Benzin, droht ihn anzuzünden. Sein Vater peitscht ihn mit einem Gürtel aus, will ihm ein Messer in den Hals rammen. Eine Zwangsheirat im Libanon soll ihn von der Todsünde Homosexualität befreien.

Nasser flüchtet zu Freunden in die schwule Community. Schnell schaltet sich das Jugendamt ein, entzieht den Eltern das Sorgerecht und erteilt umgehend eine Auslandssperre für Nasser—man weiß bereits, dass Kinder mit islamischem Hintergrund oft von ihren Familien in die Heimat gebracht werden um dort „therapiert" zu werden, egal mit welchen Mitteln. Im schlimmsten Fall durch Ehrenmord.

Die Auslandssperre gibt ihm zwar ein Gefühl von Sicherheit. Nasser ist zu diesem Zeitpunkt jedoch gerade mal 15 Jahre alt—noch ein Kind—und vermisst seine Mutter. Schließlich ruft er sie an.

Die Mutter—für ihn damals seine „beste Freundin"—bittet ihn endlich nachhause zu kommen und sagt, sie vermisse ihn. Entgegen aller Ratschläge vom Jugendamt und seinem gerichtlich bestellten Betreuer kehrt er in sein Elternhaus zurück. Dort erwarten ihn gleich mehrere Verwandte. Sie bieten ihm Cola an, wollen reden.

Als Nasser wieder zu sich kommt, befindet er sich mit seinem Vater und zwei seiner Onkel in einem Auto. In die Cola war Schlafmittel gemischt. Er liegt versteckt auf dem Rücksitz, in eine Decke gewickelt. Das Ziel ist der Libanon—dort warte bereits seine Verlobte auf ihn. Während der Fahrt gibt es eine Planänderung. Nasser soll hingerichtet werden.

Erst an der rumänisch-bulgarischen Grenze hat Nasser Glück und wird von Beamten entdeckt. Inzwischen war er bereits europaweit vom Jugendamt als vermisst gemeldet worden. Wie konnte er in Tschechien, der Slowakei und Rumänien völlig unentdeckt bleiben, wenn doch ein eine Warnung von Interpol an sämtliche Grenzübergänge ausgegeben wurde? Der Moment, in dem einer der Grenzbeamten Nasser zufällig entdeckt, rettet ihm das Leben.

Vier Tage später ist Nasser wieder in Berlin, sein Vater und die beiden Onkel werden einfach weggeschickt. Auch, wenn es für die meisten schwer vorstellbar ist, gegen seine eigene Familie vor Gericht zu ziehen—für Nasser war es das einzig Richtige. Er zeigt seinen Vater und die beiden Onkel an. Die Anklage lautet auf Freiheitsberaubung und Entziehung Minderjähriger. Für die Misshandlungen, die Quälereien und auch die angedrohte Zwangsheirat gibt es schlichtweg nicht genug Beweise.

Zum Prozess im März 2015 tauchen die Angeklagten erst gar nicht auf, die Verhandlung dauert keine vier Minuten. Die drei Männer werden jeweils zu 90 Tagessätzen à 15 Euro verurteilt. Das macht 1.350 Euro pro Kopf, entspricht dem Strafmaß von Diebstahl—und grenzt somit fast schon an Lächerlichkeit. Hinnehmen möchte Nasser das zwar nicht, sagt jedoch, die Richterin habe ihm jede Möglichkeit genommen, gegen das Urteil anzufechten. Immerhin hat er es überhaupt geschafft, seinen Fall vor Gericht zu bringen.

Heute ist Nasser 18, aus ihm ist ein waschechter Aktivist geworden. Er initiiert Demonstrationen gegen Homophobie und führt diese durch seine Heimat Neukölln an streng konservativen Moscheen vorbei, um eine Verbindung zwischen Homosexualität und Islam zu schaffen. Dafür kommen zwar Morddrohungen, aber damit kann er inzwischen recht gut umgehen.

Auch an seinem Elternhaus zieht die Demo vorbei. Als Nasser zwei Meter vor seinem Vater steht und ihm direkt in die Augen sieht, ruft er "Wir haben Menschenrechte" durch ein Megafon.

Über Nassers Geschichte wird gerade ein Buch geschrieben, ein Film ist in Planung. Gerade macht er seinen Schulabschluss. Kontakt zu seiner Familie hat er keinen mehr.

Franz auf Twitter: @FranzLicht

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