Foto mit freundlicher Genehmigung der Autorin

Wie ich als dunkelhäutiges Kind Schwarzblau erlebt habe – und warum ich es anderen ersparen will

An der Kassa, beim Schwimmen, in den Öffis – überall wurde ich unverhohlen als "Tschuschenkind" beschimpft. Diese Stimmung erlebe ich jetzt gerade wieder.

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Okt. 13 2017, 12:09pm

Foto mit freundlicher Genehmigung der Autorin

Sara Hassan war politische Referentin von Michel Reimen im Europäischen Parlament. Heute ist sie in einem Frauennetzwerk tätig, gibt Workshops zu sexueller Belästigung und schreibt frei.


Am Sonntag endet einer der längsten und sicher mühsamsten Wahlkämpfe in Österreich, in dem sich eine Option als immer wahrscheinlicher herausstellt: Eine zweite Auflage von Schwarzblau. Und wie man das in Österreich halt so macht – wahrscheinlich nicht nur da, aber hier zumindest besonders gerne –, wird schon im Vorfeld relativiert und schöngeredet, was das Zeug hält. In letzter Zeit höre ich immer wieder dieselbe Argumentationslinie, die ungefähr so geht: Man soll doch bitte nicht so eine Hysterie verbreiten, wir hätten damals ja immerhin auch überlebt, also stellt euch mal nicht so an .

Für mich war das anders. Ich habe nicht zu den Menschen gehört, die einen sicheren Platz in der Mitte der Gesellschaft hatten. Ich war keine von denen, für die es am Ende vielleicht wirklich gar keinen so großen Unterschied macht, ob da nun eine rechtsextreme Partei in der Regierung sitzt oder nicht. Zu spüren bekommen sowas nämlich vor allem die Menschen an den Rändern.

Zu diesen Menschen gehörte ich gleich aus zwei Gründen: Als Jörg Haider und Wolfgang Schüssel das Land regierten, war ich das Kind einer alleinerziehenden Mutter. Und ich war außerdem kein weißes Kind. Mit einem Vater aus dem Irak springt mein Migrationsvordergrund unweigerlich sofort ins Auge.


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Als ich in die Volksschule ging, war Haiders Saat schon voll aufgegangen. Seine Agitation hatte die niedrigsten Instinkte im Menschen geweckt und für den grassierender Hass auf AusländerInnen gab es kein Halten. Das ist für Menschen, die solche Erfahrungen nie machen mussten, sehr schwer nachzuvollziehen, darum will ich so genau wie möglich sein:

Als ich ein Schulkind war, war der gesamte öffentliche Raum ein einziges Minenfeld. Auf offener Straße, in den öffentlichen Verkehrsmitteln, an der Kassa im Supermarkt, im Schwimmbad – überall – wurde ich ganz nonchalant als "Tschuschenkind" beschimpft, aus dem Blauen heraus angeschnauzt, angerempelt und bespuckt. Die potentielle Gefahrenzone lauerte überall und der Hass ging von Leuten in jedem Alter aus, angefangen von Kindern im Ferienlager, bis hin zu PenionistInnen in der Straßenbahn.

Es gibt da so einen Moment, ein Aufflackern in den Augen, bevor die Leute die niederträchtigste Büchse aufmachen. Du unterhältst dich angeblich zu laut mit deinen FreundInnen in der Straßenbahn: "Geh dorthin, wo du hergekommen bist." Du lässt dich im Schwimmbad an der Schlange zur Rutsche nicht weg drängeln: "Geh dorthin, wo du hergekommen bist." Du verteidigst im Gemeindebauhof ein Nachbarskind, dem Unrecht getan wird: "Geh dorthin, wo du hergekommen bist."

Ich bekam Angst davor, aufzufallen. Ich versuchte, jeden Fehltritt zu vermeiden. Meistens musste ich aber gar nichts tun, denn der Hass traf mich oft auch ohne jeden Anlass.

Es war nicht nur Einfachste der Welt, ein Kind ins Visier zu nehmen, es war auch das Selbstverständlichste. Ich war schlichtweg das perfekte Ziel: leicht zu identifizieren, wehrlos und man konnte den ganzen angestauten, tief verwurzelten Hass gegen das klar konturierte Feindbild – die "Ausländer" – endlich entladen.

Ich bekam Angst davor, aufzufallen. Ich versuchte, jeden Fehltritt zu vermeiden, der sofort als Bestätigung für jedes Ressentiment ausgelegt worden wäre. Meistens musste ich aber gar nicht aktiv irgendwas tun, denn der Hass traf mich oft auch einfach so, ohne jeden Anlass. Das ist der widerliche Effekt, wenn man die Grenzen des Sagbaren so weit verschiebt, wie das gerade wieder passiert.

Erniedrigung und Entwertung schleicht sich zunächst gedanklich heran. Sie schlägt rasend schnell in die Sprache um und prallt dann mit voller Wucht auf die Realität, wo sie sich als rohe Menschenfeindlichkeit an den einfachsten Zielen entlädt: an Kindern wie mir. Nennt es "Normalisierung", nennt es falsch verstandene Toleranz, das Ergebnis war jedenfalls eine rechtsextreme Stimmung, die man als dunkelhäutiges Kind auf der Straße spüren konnte.

Sobald man eine Mehrheit hinter seiner vielleicht lange tabuisierten Meinung annimmt, weil die Politik sie gutheißt, bricht sich etwas Bahn. Ich sollte später noch viel Erfahrung mit Alltagsrassismus inklusive all seiner hässlichen Fratzen machen. Aber die damalige Zeit habe ich als völlig entfesselt erlebt.

Dasselbe passiert jetzt wieder. Unaussprechliche Dinge sind wieder akzeptabel. Wenn das von oberster Stelle gutgeheißen und geschürt wird, hat das seine Konsequenzen: Es lässt die Bestie von der Leine.

Wenn wir von Schwarzblau reden, dann waren das nicht nur Korruption und Misswirtschaft. Für uns – das andere "Wir" – ging Schwarzblau bis ins Mark, in jeder Stunde, an jedem einzelnen Tag. Unaufhörlich wurde der Unterschied gemacht zwischen "uns" und "den Anderen". Täuscht euch nicht: Es geht hier nicht um Firlefanz und Haltungsnoten für Wahlkampagnen. Es geht ganz konkret darum, eine Politik zu wählen, bei der man sich darauf verlassen kann, dass sie nicht in "wir" und "die Anderen" spaltet, was dann die Schwächsten unserer Gesellschaft in all ihrer Brutalität zu spüren bekommen.

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