Rettet das Gemüse – Grassrooted gibt unperfektem Gemüse eine zweite Chance

Wenn unzähliges Gemüse im Müll landen soll, ist Grassrooted zur Stelle. Am Criterion Festival kannst du die Gründer selber kennenlernen.

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13 März 2019, 3:45pm

Foto: Tom Gibbons

Eigentlich willst du nachhaltiger Leben. Doch du kommst wahrscheinlich, wie viele andere, schon an deine Grenzen, wenn du in deiner Winterjacke vorm Bio-Regal stehst, und die in Plastikfolie verpackte Gurke aus Spanien betrachtest. Der Wille ist da, am Konsumverhalten etwas zu ändern, doch der Weg wird einem von den Supermärkten nicht erleichtert.

Dominik Waser will das unbedingt ändern, dafür hat er sogar sein Studium hingeschmissen. Nun rettet er mit dem Projekt Grassrooted Gemüse vor der sicheren Vernichtung. Schon mit der ersten Aktion, als er mit seinen Mitinitiantinnen 30 Tonnen frische Tomaten vor einem Ende in der Biogasanlage bewahrte, schrieb er Schlagzeilen.

Grassrooted ist nur eines der Projekte, das für die Zukunft mitdenkt. Am Criterion Festival in Zürich zeigen über 220 Aussteller aus Design, Ernährung und Technik, wie wir zukunftsweisend konsumieren und leben können. Über drei Tage wird in der Messe Zürich Nachhaltigkeit erlebbar gemacht. Und Dominik von Grassrooted ist für VICE mittendrin.


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Grassrooted möchte den Konsumenten eine Möglichkeit bieten, sich einfach am Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung zu beteiligen. Die Konsumenten sollen das unperfekte Gemüse, das es nicht in die Supermarktregale schaffen würde, mit eigenen Augen betrachten können und erfahren, dass es genau gleich gut schmeckt – wenn nicht noch besser. Wir haben mit Dominik über Nachhaltigkeit und Ernährung gesprochen.

Wenn du das selbst auch tun möchtest, komm mit uns ans Criterion, das Festival für Nachhaltigkeit. Wir haben Dominik und Grassrooted an unseren VICE-Stand eingeladen und verlosen 10 x 2 Tickets für das Festival. Wenn du dein Glück probieren willst, sende eine Mail an chwin@vice.com

VICE: Was bedeutet Grassrooted genau?
Dominik: Der Name unseres Projekts ist vom "Grassroots Movement" abgeleitet. Das "Movement" bezeichnet die Bürgerbewegung. Die Kraft, die von unten kommt. Das bedeutet, der Bürger soll beginnen, etwas zu machen und nicht die Dinge einfach akzeptieren, wie sie sind. Das Wort "rooted" steht dafür, dass wir zurück zu unseren Wurzeln sollen. Zu dem, wovon wir leben. Das sind in diesem Fall die Landwirtschaft und Lebensmittel.

Was sind die Visionen von Grassrooted?
Unsere Vision ist es, den Leuten bewusst zu machen, dass man anders konsumieren sollte. Unser Ziel ist es, dass Schweizer Gemüse und Früchte statt weggeworfen, konsumiert werden. Erst dann sollen aus anderen Ländern Lebensmittel importiert werden.

Grassrooted bei Karotten-Aktion
Mit einem Rüebli-Abfallberg in Zürich will Grassrooted vor Augen führen, wie real die Lebensmittelverschwendung ist. Foto: zvg von Grassrooted

An wen richtet sich Grassrooted?
Unser Fokus liegt stark auf der Jugend. Sie ist schlussendlich die Zukunft.

Seit wann existiert Grassrooted?
Die Idee kam mir letzten Frühling 2018 während meines Studiums. So richtig begonnen hat’s dann im Juni 2018 mit der Tomaten-Rettungsaktion. Seitdem arbeite ich Vollzeit, sieben Tage die Woche. Zum einen als Gemüseverkäufer. Zum anderen bin ich ein Netzwerkaufbauer, plane Events und kümmere mich um verschiedenste Anfragen.

Wann hast du begonnen, dich gegen die Lebensmittelverschwendung einzusetzen?
Das hat alles damit angefangen, dass ich meine Ernährung umgestellt habe. Ich habe irgendwann aufgehört, Fleisch zu essen. Dann fast keine Milchprodukte mehr zu mir genommen. Dadurch habe ich mich immer mehr damit auseinandergesetzt, wie Gemüse aussieht und produziert wird.

Also hast du über den Veganismus zum Aktivismus gefunden?
Genau. Ein anderes einschlagendes Erlebnis war mein Besuch bei einem grossen Biobauern. Ich habe gesehen, wie tonnenweise Gemüse, das eigentlich noch essbar wäre, täglich in die Biogasanlage geworfen wird. Das ergibt einfach null Sinn. Das war der Zeitpunkt, als ich entschied, etwas dagegen zu tun.

Auf eurer Website fordert ihr eine enkelgerechte Welt. Was meint ihr damit?
Dass wir nicht weiter auf Kosten von anderen leben dürfen: Wir schaden unserem Planeten und anderen Menschen. Im Moment im Süden etwa, wo viel unseres Gemüses herkommt. Vor allem werden aber die zukünftigen Generationen unter unserem heutigen Konsumverhalten leiden. Eine enkelgerechte Welt ist also sinnbildlich gemeint – dass man an die Kinder und Enkel denken sollte, nicht nur an sich selber.

Was tust du gegen die Lebensmittelverschwendung?
Ich versuche, auf verschiedenen Ebenen etwas zu bewirken: Mit dem Verein, der Arbeit, die ich mache, aber auch natürlich damit, dass ich darauf achte, was ich einkaufe und esse.

Karotten-Aktion
Awareness-Aktion am Helvetiaplatz von Grassrooted. Foto: zvg von Grassrooted

Wie können wir persönlich etwas gegen Lebensmittelverschwendung tun?
Ganz konkret kann man mehr darauf achten, saisonales aus der Schweiz einzukaufen: Foodwaste ist das Eine, das andere ist der Lebensmittelimport. Wenn wir im Winter weiterhin Gurken und Tomaten essen, obwohl wir Wintergemüse wie Randen oder Pastinaken in der Schweiz hätten, wird immer mehr Gemüse von unseren Schweizer Bauern weggeworfen.

Ihr seid vor allem durch eure Gemüse-Rettungsaktionen aufgefallen. Wie ist es zu denen gekommen?
Wir machen diese Aktionen immer dann, wenn es grosse Überschüsse gibt. Zum Beispiel bei den Tomaten hat uns der Bauer gesagt, dass er bis Ende Woche 30 Tonnen Tomaten wegwerfen müsste und gefragt, ob wir etwas dagegen unternehmen möchten. Wir haben es dann einfach mal versucht mit der Aktion und gar keine Ahnung gehabt, wie es verlaufen würde.

Wie verlief eure letzte Aktion?
Bei der letzten Gemüse-Rettungsaktion haben wir fast zehn Tonnen Süsskartoffeln gerettet. Süsskartoffeln sind sowieso ein beliebtes und sehr hochpreisiges Produkt. Es wäre einfach doppelt Schade gewesen sie wegzuwerfen. Wir wussten von Anfang an, dass es gut funktionieren wird und wurden nicht enttäuscht: Schon nach zwei Tagen mussten wir die Vorbestellungen der Süsskartoffeln wieder schliessen, da die Nachfrage so gross war.

Wir hätten die zwei- oder dreifache Menge verticken können. Diese zehn Tonnen Süsskartoffeln sind dann innerhalb von ein paar Stunden weg gewesen. Die Leute sind reingestürmt und haben sich ihre Süsskartoffeln geholt. Es ist jedes Mal ein Happening und mega cool, weil alle Leute so interessiert sind.

Sind alle begeistert von den Aktionen?
Nein, negative Rückmeldungen, wie zum Beispiel Hass auf Facebook, gibt es immer. Diese Leute haben sich nicht genug damit befasst, was wir machen. Oft motzen die Leute wegen dem Preis: Sie finden, wir wären zu teuer, obwohl wir mindestens 20 Prozent unter dem Bio-Preis sind. Die Leute vergleichen es meistens mit dem Preis des Nicht-Bio-Gemüses und sagen dann wir seien frech.

Gibt es auch ernstgemeinte Kritik?
Zu fragen, ob es Sinn macht, unsere Früchte und Gemüse frisch zu verkaufen, ist angebracht. Wenn wir zehn Tonnen Karotten verkaufen, dann wird nicht plötzlich einfach die doppelte Menge an Karotten gekauft, sondern die Leute kaufen sie an einem anderen Ort nicht. Das heisst, Coop oder Migros bleiben dann auf ihrem Gemüse sitzen. Ich bin aber überzeugt, dass die Rettungsaktionen der beste Weg sind, Leute auf Lebensmittelverschwendung aufmerksam zu machen.

Was steht euren Projekten im Weg?
Die Hürden sind immer die benötigten finanziellen und materiellen Ressourcen, die nicht immer einfach aufzutreiben sind. Bis jetzt sind wir aber erstaunlich wenig gehindert worden. Eher im Gegenteil, uns wird geholfen.

Trotzdem leben wir in einem Land, in dem viele von unserem Konsumverhalten profitieren. Somit gibt es Leute, die nicht wollen, was wir machen. Nicht alle sind Fans von uns. Wir wollen aber so vorgehen, dass das zukünftige Handeln im Mittelpunkt steht – wir haben nie die Täter gesucht. Darum glaube ich, sind wir so weit gekommen.


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