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Mein Vater hat zwei Menschen umgebracht

Ich habe auch nur meinen engsten Freunden von seiner Tat erzählt. Und selbst bei ihnen hatte ich Angst vor ihrer Reaktion.

von Pamela Brunskill
10 Mai 2016, 5:00am

Die Autorin mit ihrem Vater um das Jahr 1990 herum | Foto: bereitgestellt von Pamela Brunskill

Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit dem Marshall Project entstanden.

Mein Vater baute früher Buntglaslampen und Häuser. Er hat Philosophie studiert und war ein großer Poesie- und Naturfan. Als ich noch zur Schule ging, fuhren wir auch immer zusammen Kanu.

Später brachte er dann meine Stiefmutter und ihren Liebhaber um.

Was mir beim Aufwachsen in Buffalo, New York, immer wieder eingebläut wurde, war die Botschaft, dass Kriminelle böse Menschen seien, die die Gesellschaft kaputt und die USA für den Rest von uns so gefährlich machen. Mit diesen Menschen wollte man unter keinen Umständen in Verbindung gebracht werden. Und da mir das Thema Gewalt bis zu diesem Zeitpunkt ausschließlich aus dem Fernsehen bekannt war, bildete ich mir natürlich schnell ein Urteil.

Ich habe auch nur meinen engsten Freunden von der Tat meines Vaters erzählt. Und selbst bei ihnen hatte ich Angst vor ihrer Reaktion. Jeff, der heute mein Ehemann ist, erfuhr es direkt am Abend nach dem Mord. Wir waren beim Schulball und wiegten gerade zum Takt der ersten schrecklichen Töne von "November Rain". Mein Herz klopfte wie verrückt und ich stammelte mit einer hohen und weinerlichen Stimme vor mich hin—quasi das komplette Gegenteil zu der immer fröhlichen Freundin, die ich sonst für Jeff war. "Gestern hat mein Vater meine Stiefmutter getötet." Mein Tanzpartner machte einen Schritt zurück, um mich zu mustern, aber ich zog ihn schnell wieder an mich heran. "Das ist noch nicht alles. Er hat dann auch direkt noch ihren Liebhaber umgebracht", meinte ich.

Er nickte leicht, legte meinen Kopf auf seine Schulter und so tanzten wir dann weiter, als ob nichts passiert wäre.

In meinem ersten Studienjahr an der Wittenburg University in Ohio traf ich einen unglaublich netten Jungen, mit dem ich irgendwann auch zusammenkam. Als wir eines Tages spazierengingen, fragte ich Luke*, wie er denn über Menschen denken würde, die andere Menschen umbringen.

Er dachte, ich würde ihn auf den Arm nehmen wollen, und lachte deswegen kurz auf. "Willst du mir hier jetzt etwas beichten?" Mein Nacken spannte sich an—so wie jedes Mal, wenn ich über meinen Papa nachdachte. "Als ich noch zur Schule ging, hat mein Vater sowohl meine Stiefmutter als auch ihren Liebhaber umgebracht."

Stille. Wie immer. Es weiß halt auch niemand, wie man auf eine solche Aussage reagieren soll.

Ich erzählte ihm nichts davon, dass mein Vater damals Insolvenz angemeldet hatte, meine Stiefmutter die Scheidung wollte und er sie in flagranti mit einem Polizisten im gemeinsamen Schlafzimmer erwischte. Stattdessen wartete ich nur darauf, dass Luke mit mir Schluss machte, weil er nichts mit einem Menschen zu tun haben wollte, der mit einer solch schrecklichen Tat in Verbindung gebracht wird.

Dann meinte er jedoch: "Das hat ja nichts mit dir zu tun."

Es gab Zeiten, in denen ich mir wünschte, dass mein Vater in dieser Nacht gestorben wäre. Wir waren schon davor nicht wirklich gut miteinander ausgekommen und nach seiner Tat entwickelte sich unsere Beziehung zu einem ständigen Kampf zwischen seinen Forderungen und meiner Entscheidung, ob er meine Unterstützung nun verdient hat oder nicht. Ganz aufgeben konnte ich ihn jedoch nie, denn er war ja immer noch mein Vater. Deshalb verspürte ich auch so etwas wie Mitgefühl für einen Mann, dessen Taten ich unglaublich verwerflich fand. Und als eine meiner Töchter nach ihm fragte, entschied ich mich deshalb sechs Monate später auch dazu, sie beide zu einem Gefängnisbesuch mitzunehmen.

Das Ganze war dabei gar nicht mal geplant. Jeff sollte eigentlich nur mich bei der Clinton Correctional Facility rauslassen, aber als wir dann an einem eisigen Januartag kurz vor unserem Ziel waren, fragte er mich überraschenderweise, ob ich die Mädels nicht mit reinnehmen wollte. Was allerdings noch viel überraschender war: Ich sagte ja.

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Zusammen mit unseren Töchtern passierten Jeff und ich die Betonmauer des Hochsicherheitsgefängnisses. Wir beantworteten die Fragen der Wachen, liefen durch den Metalldetektor (ich wusste inzwischen, dass ich bei den Besuchen keinen Bügel-BH tragen durfte) und hörten uns den Tadel eines Aufsehers an, weil wir für unsere Kinder keine Papiere dabei hatten. Als mich Mackenzie*—eine meiner Töchter—irgendwann fragte, wo wir überhaupt seien, antwortete ich: "Im Gefängnis." Nach einigen weiteren Zwischenstopps betraten wir schließlich das Besucherzimmer. Ich konnte meinen Vater ganz kurz erblicken, bevor auch er uns durch das Sicherheitsglas sehen konnte. Er sah fast so aus wie damals vor zwei Jahren, als ich ihn das letzte Mal besucht hatte: lichtes Haar, kleiner Bauchansatz, ausgeblichenes lila Sweatshirt und rote Knollennase—fast genau so wie einige meiner Großonkel. Er winkte mir aufgeregt zu. Durch die Tür konnte ich seine Silhouette sehen, als er sich mit dem Rücken zum dem Wachmann stellte, der ihn auf Schmuggelware durchsuchte.

Als er dann zu uns ins Besucherzimmer kam, umarmte er mich innig und fing an zu weinen. Auch mir kamen fast die Tränen. Ich wusste jedoch nicht genau, warum.

"Du hast die Mädels mitgebracht!"

Dann schüttelten er und Jeff die Hände. "Schön, dich wiederzusehen", meinte mein Vater. Dann wandte er sich meinen Töchtern zu. "Du musst Josie* sein." Jeff nahm Josie auf seinen Schoß. Mein Vater drehte sich zu Mackenzie: "Und du bist bestimmt Mackenzie. Weißt du auch, wer ich bin?" Mackenzie vergrub ihr Gesicht in meiner Schulter. "Ich bin dein Opa. Deine Mama ist meine Tochter, so wie du ihre Tochter bist."

Mackenzie klammerte sich weiter an mir fest. Etwas später ging ich zusammen mit ihr ein paar Snacks holen. Auf dem Weg zurück ins Besucherzimmer blieb sie auf dem Flur stehen, um durch die Gitterstäbe den langen Korridor hinunter zu blicken.

"Muss er wieder zurück in das Verlies?"

"Ja."

"Warum?"

"Er hat das Gesetz gebrochen und muss jetzt dafür büßen."

"Ist er ein schlimmer Mensch?"

Ich dachte kurz nach. "Nein. Aber er hat einige schlimme Dinge getan."

*Name geändert, um die Identität der Person zu schützen

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