Foto: imago | i Images

Instagram Stories hat Männern geholfen, ihre merkwürdigen Gesichter zu akzeptieren

Vor zwei Jahren war die Vorstellung, ein Selfie zu machen, ein absolutes No-Go. Heute ist sie ein etwas weniger absolutes No-Go.

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Aug. 6 2018, 8:16am

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Fakt #1: ich habe die Schädelstruktur eines Gottes und es ist ein Verbrechen, die Welt nicht daran teilhaben zu lassen. Fakt #2: Instagram Stories ist gerade zwei Jahre alt geworden. Fakt #3: Männer – oder zumindest Heteromänner – haben ein kompliziertes Verhältnis zu Selfies. Wenn ich zum Beispiel ein Selfie mache, brauche ich 30 Versuche, von denen mir vier am Ende halbwegs gefallen. Die kommen in meinen "Favoriten"-Ordner. Dort schaue ich sie mir immer wieder an, gehe ständig vor und zurück, bemerke mikroskopische Unterschiede in Muskelstruktur und Hautton, einen perfekten Lichtstrahl hier, ein unfreiwilliges Haarbüschel dort und komme schliesslich zu dem Schluss: alles scheisse. Ab in den Papierkorb, Papierkorb leeren und zwei Stunden auf Beauty-Blogs Fruchtsäurekuren recherchieren.

Herzlichen Glückwunsch, Instagram Stories! Hoch sollst du leben!

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Hier ist mein Albtraum – wiederkehrend versteht sich. Ich bin in South Bank – das ist der Londoner Stadtteil an der Themse, wo das Riesenrad steht – und hinter mir strahlt die Sonne ihre letzten Strahlen. Du weisst schon, typisch-malerischer Sonnenuntergang: erst ist der Himmel blau, dann gelb, dann dämmert er in diesem perfekten Marineblau. Ich bin hierher geradelt und fühle mich gut. Ein Tropfen Schweiss rinnt mein vom sommerlichen Strassenstaub verklebtes Gesicht runter. Um mich herum erleuchtet alles in der Goldenen Stunde. Ich hole mein Handy raus, drehe es zu mir, mein Gesicht füllt den Bildschirm. "HEY, GUCKT MAL ALLE HER!", ruft plötzlich jemand, zwei Hände um den Mund gelegt wie eine Trompete. "SCHAUT HER! DIESER TYP HIER MACHT EIN SELFIE!" Ich will schnell wegfahren, aber die Menge hinter mir buht bereits. Ich versuche, mich auf die Millennium Bridge zu flüchten, aber es sind zu viele und sie sind zu nah. Sie schubsen mich, bedrängen mich. "Wie kannst du es wagen?", sagt eine wütende Fratze. "Was glaubst du eigentlich, wer du bist?" Ich werfe meine Rad hin und versuche, einen wilden Sprint hinzulegen. Aber die Körper um mich herum halten mich fest, werfen uns alle in einem grossen Haufen zu Boden. In einem Augenblick absoluter Stille – die Körper ringen und raufen lautlos weiter um mich herum – blickt ein Kind auf mich hinab, in der Hand einen Lolli, auf dem Kopf eine Käppi, im Gesicht tiefe Enttäuschung. "Was für eine Frechheit von dir, Joel Golby", sagt das Kind und zeigt mit dem Lolli auf mich. "Was erlaubst du dir eigentlich, zu denken, dass dein Gesicht es wert sei, hier dokumentiert zu werden." Das Kind lehnt sich zu mir runter, sein Gesichtsausdruck anfangs milde, dann grimmig-fletschend, schliesslich tausend gebleckte Zähne. Seine Muskeln spannen sich an, zerreissen sich selbst, es brennt, ein Schwarm Fliegen steigt auf. Dunkelheit. Ich wache auf, nass vor Schweiss. Der Himmel ist dunkel und blau.


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Auf Partys – ich werde nicht oft auf Partys eingeladen – versuche ich, die Smalltalk-Hölle mit den immer gleichen Belanglosigkeiten zu überbrücken, die ich in meinen drei semihilfreichen Jahren als Linguistik-Student gelernt habe:

1) Griechische Muttersprachler nehmen die Farbe Blau anders wahr als Menschen, die nicht mit Griechisch aufgewachsen sind. Auf Griechisch sind Hellblau und Dunkelblau nämlich zwei verschiedene Farben – wie Gelb und Orange bei uns. In China gibt es übrigens auch zwei verschiedene Brauns. Sprache kann also stark bestimmen, wie du eine Farbe wahrnimmst, auch wenn die Hardware – also deine Augen – die gleiche ist. Das ist ziemlich spannend, wenn man drüber nachdenkt... – hey, wo willst du hin, komm zurück.

2) Der Grund dafür, warum wir alle den Klang unserer eigenen Stimme hassen, ist, dass wir daran gewöhnt sind, sie durch unsere Knochen zu hören. Beethoven hat sich deswegen mit zunehmender Taubheit beim Komponieren einen Stift zwischen die Zähne geklemmt. Wenn wir unsere Stimme in Aufnahmen hören, dann hören wir, wie sie als Schallvibrationen durch die Luft wandert. Und genau dieser Unterschied – klein aber schockierend – macht das Transkribieren von Interviews zum absoluten Albtraum. Deswegen lasse ich das auch immer von Praktikanten erledigen.

Was ich mit dem zweiten Punkt sagen will – das erste tut überhaupt nichts zur Sache: Ich glaube, dass diese Knochen-vs-Luft-Sache nicht nur für die eigene Stimme, sondern auch fürs eigene Gesicht gilt. Wenn ich mich im Spiegel betrachte, nehme ich mein Gesicht pragmatisch als Ansammlung von Eigenheiten wahr – eine Nase hier, zwei Augen dort, eine Braue, die wieder in Form gebracht werden müsste, und Wangen, die wieder rasiert werden dürften. Mit einem Gesicht hat das alles aber nichts zu tun.

Wenn ich meine Reflektion in einem halbverschmierten Schaufenster betrachte, sieht das schon etwas mehr nach mir selbst aus. Auf Fotos, die jemand anderes von mir gemacht hat, sieht mein Gesicht wiederum in jedem einzelnen unterschiedlich aus – ernsthaft. Hier ist eine ziemlich gute, aber extrem geschlechtsbezogene – sorry! – Analogie für die klaffende Schere im Gesichtsbewusstsein: Jedes Mädchendas ich kenne, scheint genau die richtigen Winkel, Blicke und Posen zu kennen, um beim ersten Anlauf das perfekte Spiegelselfie zu machen. Jeder Junge allerdings, der sich bei Tinder anmeldet, kann nur genau die vier Fotos hochladen, die seine Ex von ihm gemacht hat. Es sind die einzigen guten, die es gibt. Das fünfte Foto ist ein Gruppenbild mit den Jungs – das er als einziger versaut. Wir, also Jungs, haben ein echtes Problem mit Selfies. Wir sind Selfie-Agnostiker. Wir können uns selbst nicht in die Augen schauen.

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Dabei hilft uns auch nicht, dass uns immer noch nachhängt, was Justin Bieber und Jaden Smith zwischen 2013 und 2014 mit ihren Augenbrauen angestellt haben. Das war die Zeit, in der Bieber und Smith für jedes Foto dreinblickten wie geprügelte Hunde, während ihnen die Augenbrauen über die Stirn wegzulaufen versuchten.

Würde mir jemand befehlen, auf Kommando zu weinen, ich würde genau dieses Gesicht machen: zusammengekniffene Augen, Augenbrauen bizarr hochgezogen, traurige Miene, kein Lächeln. Ich musste wirklich tief in Jaden Smiths Instagram graben, um das hier zu finden, aber du weisst eh, wovon ich rede:

Bis heute gehen Männer davon aus, dass das der einzige Gesichtsausdruck ist, den sie in einem Selfie machen dürfen. Es sei denn, man ist Amateur-Comedian oder Joss-Whedon-Fan: Dann zieht man nur eine Augenbraue hoch, schaut prüfend an der Linse vorbei und richtet sich die Fliege.

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Instagram Stories war der ziemlich offensichtliche Versuch, Snapchat ein paar User zu mopsen. Und wir sollten uns kollektiv ein bisschen schämen, dass dieser dreiste Plan voll und ganz aufgegangen ist. 2016 wurde Instagram allmählich öde, da die User mit ihren penibel kuratierten Timelines und nervigem Lifestyle-Blogging jegliche Spontanität getötet hatten. Die Zeit, die Menschen in der App verbrachten, wurde weniger und weniger.

Dann kam Stories und alle merkten, dass sich das Feature perfekt zum Flirten eignet. Instagram war plötzlich zwei Apps in einer. Auf der einen Seite akribisch ausgeleuchtete Fotos vom spontanen Frühstück im Bett, von Hotelpools und dir selbst im Sonnenuntergang – wieder, wieder und immer wieder. Auf der anderen Seite eine turbulente Abfolge alkoholgeschwängerter Abende, schnaufender Fahrradtouren, Spontanselfies und klirrender Gläser. Instagram hatte jetzt zwei Persönlichkeiten und irgendwo zwischen Dr. Jekyll und Mr. Hyde lernten Männer, ein Foto von ihrem Gesicht zu machen.

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Zurück zu meinem Albtraum: Irgendwas an der Permanenz eines absichtlich gemachten Selfies stösst dem kaputten männlichen Geist sauer auf. Wie viele Männer kennst du, die ein nettes Gruppenfoto mit einer bescheuerten Grimasse oder einer übertriebenen Geste ruiniert haben? Wie viele Männer kennst du, die wirklich wissen, wie man vorteilhaft lächelt? Eine Freundin gab mir mal auf eine so nette wie angsteinflössende Art den Ratschlag: "Du musst unbedingt aufhören, auf Fotos deine Zähne zu zeigen." Und was soll ich sagen, sie hatte recht.

Wir wissen einfach nicht, wie man sich vor einer Kamera verhält. Aber bei Stories ist das nicht so tragisch – immerhin ist das Bild in 24 Stunden wieder verschwunden. Selbst die uneitelste Person hat schon einmal ihre Markierung von einem unvorteilhaften Facebook-Foto entfernt. Auf Stories, selbst wenn dein Gesicht ein bisschen rot oder mitgenommen ausschaut oder dein Kinn unvorteilhaft getroffen ist, ist alles innerhalb eines Tages wieder weg – und du wieder frei.

Ein typisches "Fitte-Selfie" | Foto: Anna Bizoń | Alamy Stock Photo

Das ist es wohl: Freiheit. Instagram Stories hat uns in Sachen Selfie ein bisschen freier und lockerer werden lassen. Es ist einfach nur ein Foto von deinem Gesicht, Junge. Für mich hat das auf jeden Fall funktioniert. Während der Fussball-Weltmeisterschaft habe ich – zugegebenermassen regelmässig betrunken – jeden Englandsieg damit gefeiert, vor meine Handykamera zu springen, dabei vor Schweiss und Bierduschen zu triefen, Freunde zu umarmen, umklammern, "World In Motion" zu grölen oder auch bloss "Woohoo" zu sagen. Vor Stories wäre das wahrscheinlich nicht passiert. Vor Stories wäre der Vorschlag, den Abend in der Kneipe mit den Jungs für ein nettes Gruppenvideo zu unterbrechen, auf genau so viel Begeisterung gestossen wie der Vorschlag: "Hey Jungs, wollen wir heute Nacht einen Hund töten?"

Jedes Mal, wenn ich ein richtiges, permanentes Selfie mache, fühle ich mich tief in mir drin immer noch wie ein narzisstischer Wichser. Stories aber hat mir ein kleines Fenster geöffnet, in dem man in eine Kamera starren und dabei verspielt, bei Bedarf auch ironisch, flüchtig und temporär sein kann. Ich habe kein Problem mehr damit, mein Handy gegen mich selbst zu richten, wenn ich einen schönen Tag im Park geniesse oder einfach nur Zu Hause rumhocke. Überhaupt sehen meine Haare zwischen 20 und 22 Uhr irgendwie immer am besten aus. Das ist frustrierend, weil mich in dieser Zeit niemand ausser meinem Mitbewohner sieht. Ein temporäres Foto von mir bei Stories hochzuladen, scheint mir da das einzig Richtige zu sein.

Gesichter sind komisch und unangenehm und du wirst mit deinem für immer leben müssen. Deswegen sollten wir wohl alle eine bessere Beziehung zu ihnen aufbauen. Instagram Stories wird die Welt zwar nicht verändern, aber meine hat es auf jeden Fall entspannter gemacht.

Der Himmel ist blau, dann gelb, dann dämmert er in diesem perfekten Marineblau. Du holst dein Handy raus. "HEY, GUCKT MAL ALLE HER", ruft der Mann. Aber dieses Mal ist es anders. "AH, FEHLALARM", sagt er in Richtung der bereits drohenden Menge. "ES IST NUR INSTAGRAM STORIES. WEN INTEREssIERTS?" Du wachst auf und die Morgensonne scheint durch die Vorhänge.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE UK.

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