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Warum sich Deutschrap dringend von islamistischem Terror distanzieren sollte

Nein, es ist nicht cool, ein IS-Shirt bei einem Rapbattle zu tragen.

von Johann Voigt
25 März 2019, 8:31am

Screenshot: YouTube | Einigkeit & Rap & Freiheit

Stell dir vor, jemand trägt öffentlich ein Shirt der derzeit schlimmsten Terrororganisation der Welt, aber niemand sagt was. Bei der Battlerap-Veranstaltung "TopTierTakeover" in Frankfurt ist Anfang Februar genau das paßiert. Dort stand zwischen rappenden Künstlern ein Mann mit Kamera auf der Bühne. Er trug ein T-Shirt mit jenem Symbol als Aufdruck, das auf den Flaggen des sogenannte Islamischen Staats prangt. Man kennt es auch aus Propaganda-Videos der Terroristen.

Im HipHop sollte das unter keinen Umständen einen Platz haben. Aber es ist, leider, nicht das erste Mal, daß man im Deutschrap mit Terror-Referenzen kokettiert.

Einen Tag nach dem Anschlag auf das Pariser Satiremagazin Charlie Hebdo postete Bushido ein Selfie mit Paris-Sweater und der geschmacklosen Zeile "Bald gehts wieder rund". Der Rapper SadiQ setzte noch einen drauf und veröffentlichte ein Jahr später ein Musikvideo zum Song "Charlie Hebdo", in dem Männer mit Sturmhauben auf Polizisten schießen und auch SadiQ selbst eine Waffe auf den Kopf eines Polizisten richtet. Im Song rappt er: "Komm mit der AK, Al-Qaida-Slang/ Schieße für Gaza, Guantanamo, Mali/ Ich baller mit Arabern – Pariser renn". Der zumindest innerhalb der Berliner Rapszene relevante Denis Cuspert aka Deso Dogg kämpfte schließlich sogar für den Islamischen Staat in Syrien und hatte dort eine höhere Position, half bei Propaganda und "Preßearbeit".


Auch bei VICE: Mit der Goldenen Division gegen den Islamischen Staat


Den aktuellen IS-Shirt-Vorfall machte der Journalist Hubertus Koch auf seinem YouTube-Channel Einigkeit & Rap & Freiheit öffentlich, über einen Monat nach der Show in Frankfurt. Gegenüber VICE sagt er: "Meiner Redaktion wurden Screenshots von einem Mann im IS-Shirt auf der Bühne von TopTierTakeover zugespielt. Einige Tage zuvor gab es unter dem mittlerweile gelöschten Video und auf Facebook schon Diskußionen darüber." Doch erst nachdem Koch sich der Sache annahm, reagierten auch die Veranstalter von TopTierTakeover. Alle Videos, auf denen der Mann zu sehen ist, sind mittlerweile offline. Die Veranstalter meldeten sich in einem Video-Statement zu Wort, distanzierten sich zwar nicht namentlich vom IS, aber von dem Mann mit dem Shirt, den sie nicht gekannt haben wollen, sowie von jeglicher Form von Terror und Diskriminierung.

TopTierTakeover ist eine Battlerap-Liga, die in ganz Deutschland stattfindet. Rapper beleidigen sich auf der Bühne – mal mehr mal weniger kunstvoll, immer bis es einen Gewinner gibt. Battlerap läßt sich als eine Art Kampfsport-Disziplin verstehen, ein Duell mit Worten. Moralisch fragwürdige Beleidigungen sind normal, trotzdem gibt es Regeln, die jeder Veranstalter selbst definiert. Die Teilnehmenden sind sich klar darüber, worauf sie sich einlaßen, die Beleidigungen in dem Fall eine Kunstform.

TopTierTakeover ist die Nachfolgeveranstaltung von "Rap am Mittwoch", die vom jüdischen Rapper Ben Salomo geleitet wurde. Ben Salomo zog sich vergangenes Jahr aus der Szene zurück. Er begründete das mit dem großen Antisemitismus-Problem der Rapszene. Er hat auch ein Buch über seine Erfahrungen geschrieben. Es muß für ihn schmerzhaft sein, daß nach seinem Außtieg bei der Nachfolgeveranstaltung Symbole einer Organisation gezeigt werden, die von extremen Judenhaß getrieben ist.

Tierstar und Der Profi, Teil des Veranstalterkollektivs von TopTierTakeover, geben im Gespräch mit VICE Fehler zu: "Niemand aus dem Team hat das Shirt bemerkt", sagt Tierstar. "Ich hätte das Symbol auch nicht erkannt." Auch aus dem Publikum habe es keine Hinweise gegeben.

Doch wer war der Mann mit dem Shirt, der die gesamte Veranstaltung über mit einer Kamera auf der Bühne stand? Ein externer Fotograf, sagen die Veranstalter. Er sei schon bei einer Show in Leipzig dabei gewesen. Anfragen von Fotografen, kostenlos ein paar Bilder zu schießen, gebe es öfter. In Frankfurt wollte er wieder fotografieren. Da ein Kameramann ausgefallen war, durfte er spontan die Bühnenkamera übernehmen. Das sei eine Notsituation gewesen, sagen die Veranstalter. Kontakt habe es zu dem Mann ansonsten keinen gegeben. Und das Shirt sei anfangs von einer Jacke überdeckt gewesen.

Mittlerweile hätten sie den Mann angezeigt, sagen Tierstar und Der Profi. Die Frankfurter Polizei bestätigt das auf Anfrage von VICE. Gerade werde noch ermittelt. Ob Anklage erhoben wird, sei noch unklar. "Die Staatsanwaltschaft Frankfurt wird die Strafbarkeit abschließend beurteilen. Der Verdacht des Verwendens von verfaßungsfeindlichen Organisationen ist aber aufgrund der öffentlichen Darstellung durchaus gegeben", schreibt die Preßestelle.

Die scheinheilige Rechtfertigung des Shirt-Trägers: "Kunstfreiheit"

Der Shirt-Träger selbst rechtfertigt sich in einem Schreiben an die Veranstalter, das VICE vorliegt. Er habe mit dem Shirt auf die Verrohung im Battlerap hinweisen wollen und darauf, daß angeblich niemand mehr über kontroverse Außagen im Battle-Rap diskutiert. Er rechtfertigt sein Handeln außerdem mit "Kunstfreiheit". Was ein fragwürdiges Statement ist. Denn zum einen ist es keine Kunst, wenn man das Shirt einer Terrororganisation trägt, deren Mitglieder ihre Gegner vor laufender Kamera enthaupten und Minderjährige vergewaltigen. Zum anderen hätte er die Aktion, wenn es ihm wirklich um "Kritik" gegangen wäre, kurz nach der Veranstaltung auflösen müßen. Im Gespräch mit Tierstar und Der Profi wird klar, daß sie das IS-Logo bei ihrer Veranstaltung eigentlich nicht dulden. Und daß es für sie außer Frage steht, daß es ihre Verantwortung ist, das Shirt nicht bemerkt zu haben. Es wird aber auch klar, daß sowohl im Battlerap als auch in Teilen der Rapszene die Sensibilität im Umgang mit islamistischen Terror und seinen Symbolen fehlt.

Der YouTube-Channel von TopTierTakeover hat knapp 475 000 Abonnenten. Hunderttausende Menschen gucken ihre Videos. Auch im Falle von SadiQ oder Bushido verfolgen Hunderttausende junge Menschen alles, was ihre Idole in Social Media posten. Je öfter Terror-Symbole im deutschen HipHop auftauchen, desto mehr wird islamistischer Terror normalisiert, desto eher wird islamistische Metaphorik als etwas akzeptiert, das im Sinne der Provokation in Ordnung ist. Aber es ist nicht in Ordnung. Niemals.

Es ist wichtig, daß alle Menschen, die sich mit Rap beschäftigen, ob Journalisten, Manager oder Musiker, solche Fälle thematisieren und kritisieren. Und zwar sofort. In Zukunft sollten mehr Menschen so konsequent handeln wie Hubertus Koch.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.