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Sexismus

Was ich an der Olma über Sexismus auf dem Land erfahren habe

"Wenn man einen Minirock und einen Ausschnitt bis zum Bauchnabel trägt, ist man selbst Schuld, wenn sowas passiert"

von Johanna Senn
26 Oktober 2018, 11:53am

Foto: imago | fStop Image

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Wenn ich mich an meine Ausgehzeit als junge Frau auf dem Land zurück erinnere, denke ich an Wodka Redbull, schlechte EDM-Tracks und verrauchte Discos. Aber auch an überfüllte Bars und betrunkene ältere Männer mit Bierfahne, die beim Vorbeigehen wie zufällig meinen Hintern berührten. Gesagt habe ich damals, vor rund zehn Jahren, nicht viel. Ich dachte, dass es für mich einfacher wäre, zu schweigen. Die Berührung liess ich über mich ergehen und entfernte mich – wenn möglich – aus der Situation. Diese Passivität, dachte ich damals, ist eben der Grundkonsens, wie man mit sexuellen Übergriffen im Alltag umgeht.

Heute würde ich das nicht mehr tun. Als ich an der Uni meine Freundin Sandra kennenlernte – eine Frau, die nur von Frauen grossgezogen wurde und auf jeden dummen Spruch eine Antwort hatte ,– da merkte ich, dass auch ich mir nicht alles gefallen lassen musste. Dass ich das Recht habe, mich gegen Sprüche oder Berührungen zu wehren. Ich vernetzte mich mit anderen Frauen in der Medienbranche, wie meiner Kollegin Miriam, die unermüdlich mit ihren Texten gegen Sexismus anschreibt. Spätestens seit der #Metoo-Debatte fanden diese Diskussionen nicht mehr nur in meiner Bubble statt. Und ich fragte mich: Haben es die Veränderungen auch bis in die ländliche Ostschweiz geschafft?

Also entschied ich mich, zum ersten Mal in meinem Leben die Olma zu besuchen. Denn wo trifft man mehr Frauen vom Land auf einem Haufen, als an der Messe für Landwirtschaft und Ernährung?

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Was an der Olma immer unverändert bleibt: das Rezept für die gleichnamige Bratwurst

Schon an der Schlange vor dem Einlass vermischt sich die Morgenluft mit Zigarettenrauch und dem Geruch grillierter Würste. In den provisorischen Ställen begutachten dickbäuchige Landwirte mit Virginiazigarre im Mundwinkel adrige Milchkuheuter. Klebrige Kinderhände versuchen zwischen den Eisenstangen das Fell einer Ziege zu berühren. An den Weinständen in einer der Hallen betrinken sich Jugendliche und Rentner mit roten Gesichtern schon vormittags. Neben einer Imbissbude treffe ich auf eine blonde Frau um die 40, die gerade raucht. Sie trägt verwaschene Jeans mit Löchern und einen Hoodie. "Nein, darüber möchte ich nicht reden", sagt sie mit rauher Stimme. Dieses Thema bringe sie in Rage. Rund 600 Fälle von sexueller Gewalt dokumentiert die Polizei in Europa jeden einzelnen Tag. Wut wäre also verständlich. Doch dann redet die Frau an der Imbissbude wie Donald Trump: "Das viel dringlichere Thema ist", sagt sie, "dass Frauen Männer zu Unrecht wegen sexueller Übergriffen anzeigen. So werden ganze Existenzen zerstört."

"Logisch provozierst du einen Übergriff, wenn du freizügig rumläufst!"

"Werden nicht viel mehr die Leben Opfern von Übergriffen zerstört?", entgegne ich. "Ausserdem ist es statistisch viel wahrscheinlicher, dass eine Frau im Laufe ihres Lebens sexuell belästigt wird, anstatt dass ein Mann zu Unrecht wegen sexueller Belästigung verzeigt wird." Sie lacht. "Das glaube ich Ihnen nicht. Diese Statistik will ich sehen."


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Dass man auch ohne sexuellen Übergriff zu unrecht angeklagt werden kann, weiss spätestens seit der Netflix-Serie "Making a Murderer" jeder: Eine europaweite Studie ergab, dass zwei bis sechs Prozent aller Anzeigen gegen Vergewaltigung zu unrecht erfolgen. Glücklicherweise werden ja die wenigsten aller Männer je in ihrem Leben wegen Vergewaltigung angezeigt. Jede zweite Frau hingegen, zeigte eine andere europaweite Studie, wird in ihrem Leben jedoch Opfer eines sexuellen Übergriffs.

Obwohl sie sich ursprünglich nicht zum Thema äussern wollte, ist die blonde Frau noch nicht fertig: "Wenn man einen Minirock und einen Ausschnitt bis zum Bauchnabel trägt, ist man selbst Schuld, wenn sowas passiert", sagt sie und schaut mich herausfordernd an. Ich antworte: "Aber die Person, die den Übergriff ausübt, ist die Person, die sich entschieden hat, übergriffig zu werden. Daran ist niemals das Opfer schuld." "Die Frau", sagt sie, "hat sich aber entschieden, einen Minirock anzuziehen."

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Neben Dirndln mit Dekolleté unterhalte ich mich darüber, wie züchtig Kleidung zu sein hat

Ich beschliesse, jüngere Frauen auf der Messe anzusprechen. Schliesslich sind es sie, die mit diesen Debatten aufgewachsen sind. Draussen vor der Degustationshalle bahnt sich ein Paar den Weg durch die Menschenmenge. Mit den weissen Pullis, Sneakers und schwarzen Skinny Jeans stechen sie aus der Masse von Karohemden und Reissverschlusshosen heraus. Ich sage zu der Frau, worüber ich schreiben möchte. Die knapp 20-Jährige grinst verlegen im Arm ihres Freundes und sagt: "Logisch provozierst du einen Übergriff, wenn du freizügig rumläufst! Aus irgendeinem Grund zieht man sich ja so an." Das Argument, dass sich eine Frau auch für sich selbst hübsch oder heiss anziehen könnte, lässt sie nicht gelten. "Dann muss man auf dumme Kommentare nicht empfindlich reagieren wollen. Dann muss man damit rechnen." Das finden auch drei andere junge Frauen, die ich vor der Gartenmöbelausstellung anspreche. "Natürlich musst du mit dummen Sprüchen rechnen, wenn du Haut oder Dekoletée zeigst."

Dass Victim Blaming auch 2018 noch ein Thema ist, zeigte auch ein Artikel des Blicks, der meistverkauften Boulevardzeitung der Schweiz. Nach einem Text über Übergriffe auf Frauen bei der Streetparade, gingen so viele Leserkommentare ein, dass sich die Zeitung gezwungen sah, einen weiteren Beitrag über Victim Blaming zu veröffentlichen: Da "der Tenor der Leserkommentare" den Frauen wegen ihrer Outfits die Schuld an den Übergriffen gab. Eine Studie der Fachzeitschrift "Archives of Sexual Behavior" zeigt tatsächlich, dass visuelle Reize Männer leichter stimulieren. Nicht bewiesen ist allerdings, dass sich der Rest des männlichen Gehirns ausschaltet, sobald ein Mann Dekoletée sieht.

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In den Augen einiger Besucherinnen sind viele Männer triebgesteuerte Menschen

Im grellen Licht der Degustationshalle, eingenebelt in den Geruch von Appenzeller, mache ich mich auf die Suche nach Gratisproben und neuen Gesprächspartnerinnen. Ich werde auf drei Frauen aufmerksam, die mit einem Glas Weisswein in der Hand lachen und plaudern. "Worüber willst du mit uns reden?!", fragt eine skeptisch. Sie trägt einen braunen Strickpulli zu ihren Jeans mit leichtem Schlag. "Über sexuelle Übergriffe." "Na gut, aber ich möchte dann nicht meinen Namen in der Zeitung lesen", sagt sie. "Was ist denn ein sexueller Übergriff?", platzt die andere Frau dazwischen. "Heutzutage ist es ja schon als sexuelle Belästigung aufgebauscht, wenn ein Mann etwas sagt wie 'Hey, du hast einen geilen Arsch!'" Sie macht eine abwinkende Handbewegung. So seien sie halt, die Männer. "Je höher der Pegel, desto weniger kennen die überhaupt noch Grenzen." Die Schilderungen der Frauen klingen, als würden Männer zu sexbesessenen, triebgesteuerten Biestern mutieren, sobald sie einen Tropfen Alkohol im Gaumen oder etwas nackte Haut zu Gesicht bekommen.

Wer reinpassen will, muss sich anpassen

Ich stelle mich zwischen die "Uelis" und "Rolfs" die mit den Händen im Hosensack und Virginiazigarre im Mund fast regungslos dastehen und die Leute beobachten. Ob sie Angst habe, abends nach hause zu laufen, frage ich ein junges Mädchen, dass ich auf einer Bank vor der Messehalle treffe. "Ja, nachts finde ich das schon unheimlich. Wenn es mucksmäuschenstill ist, sonst niemand unterwegs ist und die Strassen kaum beleuchtet sind. Mein Handy habe ich immer griffbereit!", sagt sie. Ob sie etwas mache, um sich gegen Übergriffe zu schützen, will ich wissen. "Ich würde mich zum Beispiel nie so freizügig anziehen. Dann provoziert man das halt schon." "Aber angenommen du würdest jetzt einen sehr heissen Typen sehen, der zum Beispiel oben ohne auf der Baustelle arbeitet. Dir würde es doch nie in den Sinn kommen, dem Typen nachzupfeifen, ihn dumm anzumachen oder ungefragt zu berühren", sage ich. "Ja schon. Aber das ist halt so in unserer Gesellschaft", sagt sie. "Das ist doch scheisse." "Ja, das ist es schon."

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Viel lieber als über Sexismus zu reden, sprechen Olma Besucher über die Tierausstellung

Neben Kühen, die faul im Stroh liegen und unbeeindruckt vom Lärm auf einer Portion Heu herumkauen, steht eine Frau mit zwei Kinderjacken auf dem Arm. Ich frage mich, mit welcher Haltung ihre beiden Mädchen aufwachsen werden, die gerade mit aller Kraft ihre Arme strecken, um die Kuh zu streicheln. "Ach, weisst du, ich arbeite in der Pflege, da ist man sich das gewohnt", sagt sie. "Da passiert es ab und zu, dass ein Patient etwas Unangebrachtes sagt oder macht, wenn er direkt aus der Narkose kommt. Ich sage da jeweils nichts aber ich fordere das auch nicht heraus." Wie sie das meine, frage ich. "Irgendwann weiss man, wie Männer ticken. Meine Töchter erziehe ich so, dass sie nicht zu freizügig herumlaufen und zum Objekt werden." "Aber deine Töchter sollten doch anziehen dürfen, was sie wollen, ohne damit zu rechnen, sexuell belästigt zu werden." "Klar wäre das schön”, antwortet die Frau. "Aber so funktioniert diese Welt nicht. Wo kämen wir denn da hin, wenn alle nur noch machen, worauf sie Lust haben."

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