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Sex

Forscher haben endlich Orgasmusgesichter weltweit untersucht

Ohhhhh jaaaaa, science, baby!

von Eike Kühl
11 Oktober 2018, 10:56am

PNAS | Chen et al.

Es gibt viele Möglichkeiten, die Gesichter von Menschen während ihres Orgasmus zu untersuchen. Man könnte sie mit Helmkameras während des Akts ausstatten, das Archiv von PornHub durchforsten, oder Freiwillige fragen, vor einem Fotografen zu masturbieren. Oder man nutzt einfach mathematische Modelle und verbindet sie mit ein bisschen künstlicher Intelligenz und interkultureller Analyse.

So wie die Forscher und Forscherinnen der Universität von Glasgow. In einer Studie, die jetzt im Fachjournal PNAS erschienen ist, gehen sie der Frage nach, was ein typisches Orgasmusgesicht auszeichnet – und ob es hier möglicherweise kulturelle Unterschiede gibt: Kommen Asiaten anders als Westeuropäer? Worin unterscheiden sich Schmerz und Lust? Und wieso sehen wir häufig während des Höhepunkts so aus, als hätten wir uns gerade eine Hand oder andere Körperteile im Lattenrost eingeklemmt?

Bild: PNAS | Chen et al.

Um das zu beantworten, erstellten die Wissenschaftler zunächst am Computer eine ganze Menge animierter Gesichter. Jedem verpassten sie eine Auswahl aus insgesamt 42 Muskelbewegungen: Eine hochgezogene Augenbraue hier, ein offener Mund dort, ein vorgeschobenes Kinn vielleicht. Insgesamt kamen dabei 3.600 computergenerierte Gesichter heraus, die unterschiedlichste Emotionen zeigten.

Diese abstrakten Gesichter mussten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Studie anschliessend bewerten. Sie sollten bestimmen, ob das ihnen gezeigte Gesicht eher eine schmerzhafte Reaktion zeigt oder eher einen Orgasmus und falls ja, in welcher Intensität. Der Clou: Die Teilnehmer kamen aus zwei Kulturen, eine Hälfte bestand aus Asiaten, die andere Hälfte aus Westeuropäern.

Europäer machen die Klappe auf, Asiaten lächeln

Nach der Bewertung hatten die Forscher eine erste Vorstellung davon, welche Grimassen und Bewegungen ein authentisches Orgasmusgesicht ausmachen. Nun sollte eine zweite Teilnehmergruppe die Ergebnisse bestätigen, allerdings mit einem Unterschied: Die Gesichter wurden diesmal nicht bloss als Computermodell, sondern fotorealistisch dargestellt (was in diesem Fall heisst: wie in einer Low-Budget-YouTube-Animation). Ausserdem wurde das Geschlecht getauscht.

Das Ergebnis: Sowohl Asiaten als auch Europäer identifizierten die gleichen Schmerzgesichter. Sie zeichnen sich durch eine gerunzelte Nase, eine gesenkte Augenbraue und erhobene Oberlippe und Wangen aus. "Unsere mentale Repräsentation von Schmerz scheint über Kulturen hinweg zu gleich zu sein", schreiben die Autoren der Studie.

Anders sah es bei den Orgasmen aus. Hier zeigten sich deutliche kulturelle Unterschiede: Während die Europäer vor allem Orgasmen in jenen Gesichter sahen, die einen offenen Mund und geöffnete Augen hatten, triggerten die Asiaten vor allem die hochgezogenen Mundwinkel.

Soll heissen: Die Europäer und Menschen aus anderen westlichen Kulturen machen während ihres Höhepunkts offenbar gerne die Klappe auf. Die Asiaten lächeln lieber.

Bourdieu lässt grüssen

An den Ergebnissen liessen sich, wie die Forscherinnen schreiben, soziokulturelle Unterschiede und Normen ablesen. Sie bestätigen gewissermassen, was Soziologiestudenten im 15. Semester und Besucher jeder WG-Party längst wissen: Während unser Ausdruck von Schmerz universal ist, ist Sex viel stärker durch unser kulturelles Umfeld geprägt.

In westlichen Kulturen würde Erregung gewöhnlich durch "Aufregung und Enthusiasmus" gezeigt, was zu offenen Augen und Mündern führe, heisst es im Fazit der Studie. In Asien dagegen seien die Menschen zurückhaltender, das gelte auch für den Sex. In asiatischen Kulturen sei ein Lächeln bei geschlossenem Mund möglicherweise ausreichend, um sexuelle Erregung zu signalisieren. Allerdings weisen die Wissenschaftler aus Glasgow daraufhin, dass noch mehr Studien durchgeführt werden müssten, um eine sichere Aussage treffen zu können.

Es gibt also noch grosses Potenzial in der Orgasmusgesichtforschung. In jedem Fall liefert die aktuelle Studie jetzt schon eine wissenschaftliche Bestätigung für den Ausdruck "O-Face". Das ist nämlich nicht nur einfach die sprachliche Abkürzung von "orgasm face" im Englischen, sondern bezieht sich ganz offensichtlich auch auf den offenen Mund und die Geräusche, mit denen die Menschen im Westen zum Orgasmus kommen. Ohhhhh jaaaaa, science, baby!

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.