City Plaza: Das Refugee-Hotel im Herzen von Athen

Wir waren in jenem Hotel im Herzen von Athen, das von Anarchisten besetzt wurde und mittlerweile für 400 Refugees zum neuen Zuhause wurde. Das Hotel gilt als Vorzeigeprojekt für selbstverwaltete Flüchtlingshilfe.

|
Juni 5 2016, 5:00am

Asam K. ist 41 Jahre alt und vor drei Jahren aus dem Irak geflohen. Mit einem PhD in Computertechnik und einem eigenen IT-Unternehmen hat der Vater von zwei kleinen Kindern gut verdient. Doch dann überfielen die Banden der Terrormiliz Islamischer Staat Asams Heimatstadt. "Sie haben alles gestohlen und zerstört. Ich habe über 500.000 Dollar verloren. Meiner Familie blieb, wie vielen anderen, nur mehr die Flucht. Vor allem junge Männer sind geflohen, weil Daesh alle jungen Männer tötet, die sich ihm nicht anschließen. Frauen werden am Leben gelassen, allerdings oft missbraucht und verschleppt", erzählt er mir im City Plaza Hotel im Herzen von Athen.

Das City Plaza ist kein normales Hotel. Touristen wohnen hier schon lange nicht mehr. Über sechs Jahre ist das Hotel, das etwa drei Gehminuten vom Viktoria Platz entfernt liegt, leer gestanden, bis es Ende April von linken und anarchistischen Aktivistinnen und Aktivisten der Solidaritätsinitiative für Wirtschaftsflüchtlinge und politische Flüchtlinge besetzt wurde.

"Im Grunde war von Beginn an alles da. Betten, Bettbezüge, die große Hotelküche samt Geschirr. Wir mussten nur ordentlich durchputzen und ein paar kleinere Reparaturen erledigen, dann konnten die ersten Refugees einziehen", erklärt die 27-jährige Elena von der Kommunikationsgruppe der Besetzer. Während wir in der Hotellobby sitzen und einen Kaffee trinken, erzählt sie mir die ganze Entstehungsgeschichte des Refugee Accomondation and Solidarity Space City Plaza.

"Freedom to immigrants, freedom to all of us" steht auf einer Statue am Viktoria Platz.

Mehr als 400 Geflüchtete unterschiedlichster Nationen leben in den 120 Zimmern des siebenstöckigen Gebäudes im Stadtteil Agios Pandeleimon—gleich dort, wo bis 2013 das wahrscheinlich bekannteste besetzte Haus Europas, die Villa Amalias, stand. "Für uns war von Anfang an klar, dass wir nicht nur Menschen aus Afghanistan oder Syrien aufnehmen. Es leben hier auch Refugees aus kurdischen Gebieten, dem Irak, Palästina und dem Maghreb. Allerdings haben wir nur Familien, obdachlose Frauen und alleinerziehenden Mütter aufgenommen. Nur in wirklichen Notfällen haben wir alleinstehende Männer aufgenommen."

In Athen gibt es viele leerstehende Hotels. Allein im Stadtteil Exarchia, der für seine starke anarchistische Szene bekannt ist, wurden in den letzten Monaten knapp ein Dutzend Häuser besetzt und für Geflüchtete geöffnet. Das aber der bei weitem größte Squat für Refugees eben nicht im linken Szeneviertel eröffnet wurde, war auch eine bewusste Entscheidung, wie Elena erklärt: "Wir wollten ein sehr niederschwelliges Projekt machen. Da war es für uns klar, in ein Viertel zu gehen, wo es bereits viele, teils gut integrierte Migrantinnen und Migranten gibt."

In Agios Pandeleimon ein Hotel für 400 Schutzsuchende zu besetzen, ist gleichzeitig aber auch ein politisches Signal gegen die wieder erstarkende rechtsradikale Szene Griechenlands. Das Parteibüro der faschistischen Partei Chrysi Avgi (Goldene Morgenröte) liegt nur etwa 400 Meter entfernt. In der Vergangenheit kam es in dem Stadtteil immer wieder zu Übergriffen auf Ausländer und zu Auseinandersetzungen zwischen Neonazis und Autonomen, weshalb es regelmäßige Antifa-Patroullien gibt und auch das City Plaza Hotel in der Nacht von griechischen Antifas bewacht wird. Zu Angriffen auf das Hotel ist es seit der Besetzung aber noch nicht gekommen.

Die Parteizentrale der faschistischen Chrysi Avgi liegt nur 400 Meter vom Refugee-Hotel entfernt.

Asam wohnt seit etwa drei Wochen mit seiner Familie im City Plaza Hotel. Davor haben sie zu viert zwei Monate in einem Campingzelt am Hafen von Piräus gehaust. "Die Situation in Piräus war sehr schlimm. Bis vor Kurzem haben dort 5000 Leute gelebt, für die es gerade einmal 12 Bäder gab. Hier im Hotel ist es außerdem viel sicherer. In Piräus gab es jeden Tag Streit und Kämpfe und die Frauen hatten alle ein Messer eingesteckt, wenn sie allein aufs Klo gingen. Das ist aber kein Wunder in dieser Situation. Da versucht jeder nur noch selbst zu überleben. Das ist die Natur des Menschen." Asam selbst hatte genug Geld, um wenigstens einmal in der Woche seiner Familie eine Nacht in einem Hotel zahlen zu können.

Dass die Situation im City Plaza Hotel eine andere als vielerorts sonst in Griechenland ist, wird hier schnell spürbar. Die Menschen können sich von den Strapazen der Flucht ein bisschen erholen, die 180 Kinder spielen im ganzen Haus und in einem eigenen Kinderraum. Es gibt beinahe jeden Tag einen Allgemeinmediziner, einen Kinderarzt und einen Psychologen, die für ein paar Stunden die "Klinik" im Hotel öffnen.

Warum das in einem besetzten Haus möglich ist, während man solche medizinische Betreuung in den staatlichen Camps vergeblich sucht, erklärt Elena mit den starken sozialen Kämpfen der letzten Jahre. "In Griechenland sind im Zuge der Krise und der daraus resultierenden sozialen Kämpfe zahlreiche autonome Strukturen und Infrastrukturen entstanden und gewachsen", erzählt die Aktivistin. "Hätte es diese Agitationen von Anarchisten und Linken nicht gegeben, wäre auch so etwas wie das Projekt hier schwierig. Wir haben ein gutes Netzwerk von autonomen Ärztekollektiven, Anwälten und Lehrern." Mittlerweile gibt es sogar eine Art Schule im Hotel und die Aktivisten wollen erreichen, dass die Regierung in den Sommermonaten öffentliche Schulen für Geflüchtete öffnet.

Die medizinische "Klinik" im besetzten Hotel.

Für Asam und viele andere steht fest, dass das City Plaza Hotel um ein Vielfaches besser organisiert ist, als die staatlichen Camps. "Neben dem eigenen Zimmer und Badezimmer und dem guten Essen, das wir übrigens selbst kochen, haben wir vor allem Kontakt zu der Außenwelt. Nicht nur zu den Griechen, sondern über die internationalen Volunteers bekommen wir sogar ein bisschen etwas aus anderen europäischen Ländern mit", freut sich Asam.

Die Geflüchteten bekommen—soweit möglich—auch Unterstützung von den Aktivistinnen und Aktivisten, wenn sie in Griechenland um Asyl ansuchen wollen. Denn anders als in Österreich, wo man im Grunde bei jeder x-beliebigen Polizeistation Asyl beantragen kann, ist dieser Prozess in Griechenland ein extrem langwieriger, mühsamer und komplizierter. "Natürlich ist das in einem Land schwierig, wo 'Nai' 'Ja' heißt und generell alles sehr langsam ist", scherzt Asam. Dann wird er wieder ernst und sagt: "Um hier um Asyl anzusuchen, muss man eine Skype-Nummer anrufen. Es gibt aber nur eine einzige Nummer, die alle paar Tage für eine Stunde erreichbar ist. Da versuchen dann tausende Menschen auf einmal durchzukommen. Ich versuch das jetzt schon seit zwei Monaten, den Trick wie man es schafft kenn ich aber scheinbar noch nicht." Dann zeigt er mir den Timetable, die "Öffnungszeiten" der Skype-Nummer. Für Arabisch sind es immerhin zwei Stunden pro Woche. Ich bin fassungslos.

"Bitte erzähl in deinem Land folgende Geschichte und unterstreiche sie rot in deinem Artikel", sagt Asam kurz bevor wir uns verabschieden. "Ich habe eine Frau getroffen, die hat jemandem ihren Ehering verkauft, damit er sie zu diesem 'Skype' bringt. Die dachte das wär ein Auto, ein Bus vielleicht, der sie nach Deutschland bringt. Wir bekommen hier keine Informationen. Wenn du nicht weißt, was Skype ist, kannst du nicht um Asyl ansuchen."

Das Spendenlager des Hotels. Vor allem Hygieneartikel werden immer benötigt. Und Geldspenden für Strom, Wasser und Lebensmittel.

Während die Besetzung in der Nachbarschaft begrüßt wird und viele Menschen täglich Hygieneartikel und Lebensmittel vorbeibringen, steht die Besitzerin des Hotels dem Projekt kritisch gegenüber und überlegt auch eine Räumungsklage vor Gericht. Allerdings ist sie in einer denkbar schlechten Position, da sie das Hotel aufgrund von nicht bezahlten Eigentumssteuern auch an den Staat verlieren könnte. Das gesamte Mobiliar gehört außerdem den ehemaligen Angestellten des Hotels, die es als Ersatz für ausstehende Löhne bekommen haben–und die haben sich mit der Besetzung solidarisiert. Trotzdem ist die Besetzung natürlich nicht legal.

"Die Regierung ist aber nicht in der Position uns zu kritisieren, solange sie keine eigenen Wohnmöglichkeiten für Geflüchtete schafft, wo sie in angemessenen Bedingungen leben können, Zugang zu Bildung und medizinischen Einrichtungen haben und die Möglichkeit zur Integration besteht", zeigt sich Elena überzeugt. Auch vor juristischen Folgen haben die Aktivistinnen und Aktivisten keine Angst.

"Hier stehen sich zwei Rechte gegenüber. Auf der einen Seite das Recht der Eigentümerin, das zumindest in einer kapitalistischen Gesellschaft gerechtfertigt ist, auf der anderen Seite das Recht auf ein menschenwürdiges Leben und ein Dach über dem Kopf. Ich glaube, die Besetzung ist moralisch gerechtfertigt und vielleicht ist sie es am Ende ja sogar juristisch. Sollte uns tatsächlich der Prozess gemacht werden, weil wir Menschen in Not geholfen haben, dass ist das halt so. Da gibt es schlimmeres."

Zum Abschied zeigt mir Asam zwei Fotos seiner achtjährigen Tochter. Auf dem einen ist sie blass und mit rot geschwollenen Augen in einem Zelt zu sehen. Ihr Kopf ruht auf einem Nassen Schlafsack, ihre Stirn ist mit einem Waschlappen bedeckt. Auf dem zweiten sieht man ein hübsches, lachendes Kind mit einem selbst gebastelten, schwarzen Doktorhut auf dem Kopf. Das erste Bild stammt von der Zeit in Piräus. Das zweite wurde im City Plaza Hotel aufgenommen.

Paul auf Twitter: @gewitterland


Hier gehts zur englischsprachigen Facebookseite des Refugee Accomondation and Solidarity Space City Plaza.

Mehr VICE
VICE-Kanäle