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„Ich hasse die Türkei gerade“ – So unterschiedlich sehen Türken in Wien das Wahlergebnis

Die AKP ist bei in Österreich lebenden Türken so stark wie kaum woanders. Ein Lokalaugenschein am Wiener Brunennmarkt zeigt aber auch, wie sehr das jüngste Ergebnis polarisiert.

von Thomas Hoisl
03 November 2015, 8:30am

Wiener Brunnenmarkt; Foto: Andrew Nash | Flickr | CC BY-SA 2.0

Entgegen der Umfragen, konnte sich die AKP bei den türkischen Parlamentswahlen am Sonntag die absolute Mehrheit zurückholen, die sie im vergangenen Juni erstmals seit 2002 verloren hatte. Den Vorwurf, dass Erdoğan in seinem Land so lange wählen lässt, bis ihm das Ergebnis passt, sehen deshalb nun viele bestätigt.

Besonders bemerkenswert ist das Abschneiden der AKP bei Türken, die in Österreich leben. 68,96 Prozent wählten hier die nationalkonservative Partei von Recep Erdoğan, beziehungsweise seines Regierungschefs Ahmet Davutoglu. Im Vergleich zum bereits hohen Ergebnis im Juni ist das ein neuerlicher Zuwachs von fast 5 Prozent. Daneben stieg auch die Wahlbeteiligung der hier ansässigen Türken von 34,74 auf 40,62 Prozent. So stark wie in Österreich ist die AKP überhaupt nur in Belgien (69,40) und den Niederlanden (69,66). In Deutschland, wo die zahlenmäßig größte Gruppe an Auslandstürken lebt, lag das Ergebnis der AKP bei 59,70 Prozent.

Experten und internationale Medien waren sich schon vor der Wahl einig, dass die Situation im Land dramatisch und vor allem die Gesellschaft so gespalten ist, wie lange nicht mehr. Im Sommer brach der militärische Konflikt mit der PKK neu aus und das Land wurde Ziel einiger verheerender Anschläge, vermutlich seitens der Terrormiliz IS. Dazu kommt die Flüchtlingssituation, in der die Türkei eine der Hauptlasten trägt. Die Angst vor einer endgültigen Destabilisierung hat Erdoğan am Sonntag wohl genutzt, anderseits fachte er dadurch die Konflikte zu seinen Gunsten selbst weiter an, heißt es—denn eine Koalition hätte er nie gewollt. Daneben schienen auch die anderen Parteien nie wirklich bereit, miteinander zu arbeiten.

Aber nicht nur innerhalb des Landes scheint die Stimmung gespalten. Einer der Orte, an denen die türkische Community in Wien bekanntlich besonders präsent ist, ist der Brunnenmarkt in Ottakring. Bei einem Lokalaugenschein einen Tag nach der Wahl zeigt sich, dass die Reaktionen über das Wahlergebnis, von Jubel bis tiefsten Schock, schon von einem Marktstand zum nächsten wechseln. Dazwischen bleibt allerdings nicht viel Platz.

Yussuf R. verkauft an insgesamt drei Ständen Milch, Käse und Eier. Er ist vor gut dreißig Jahren von Ankara nach Wien gezogen und darf als österreichischer Staatsbürger in der Türkei nicht mehrwählen. Zum Ergebnis hat er eine klare Meinung: „Großartig, sehr gut. Ich hätte natürlich auch die AKP gewählt." Erdoğan habe das Land modernisiert und sei für neue Straßennetze, das verbesserte Abwassersystem und Großprojekte wie Flughäfen verantwortlich. „Vor ihm hat das keiner geschafft und jetzt nach ihm auch nicht."

Ein paar Meter weiter in Richtung Yppenplatz hört man am Dönerstand von Ali R. ganz andere Töne. „Das Ergebnis ist eine Katastrophe", meint der Kurde aus der Provinz Var im Osten des Landes. Er kann nicht wählen, aber seine Frau hätte natürlich für die pro-kurdische HDP gestimmt. „Die Kurden sind stark, aber zerstritten—vor allem mit den Gruppen in anderen Ländern wie im Irak", sagt er und outet sich als klarer Verfechter eines gemeinsamen Kurdenstaates.

„In der Türkei sind das Hauptproblem sicherlich die Medien, die von der AKP kontrolliert werden", sagt Ali R. weiter. „Auf den kurdischen Sendern wird nur Unterhaltung angeboten und wenn die Sender Politik machen, werden sie verboten." Er beklagt die Gewalt im Land, in seinem Heimatgebiet seien im Sommer hunderte Menschen durch Angriffe des türkischen Militärs getötet worden. Für den jüngsten Anschlag bei der Friedensdemo in Ankara hat er folgende Erklärung: „Die ISIS war das, aber die AKP hat denen geholfen."

Vor dem Fußballkäfig am Yppenplatz treffe ich den 20-jährigen Acer. „Ganz ehrlich, ich will dort nicht mehr hin", sagt er. „Ich hasse die Türkei gerade". Auch er ist Kurde, sein Vater hat ebenfalls die HDP gewählt. „Erdoğan hat betrogen und gestohlen und er wird weiterhin Krieg führen." Für ihn steht fest, dass es am Sonntag auch zu Wahlbetrug gekommen sein muss. Acer ist ebenfalls besorgt, dass sich die Kurden auch untereinander immer mehr spalten. „Ich hab zuletzt einen AMS-Kurs besucht, da waren einige Kurden, aber einer davon war sogar pro IS."

Die völlig konträren Meinungen zum Ergebnis zeigen sich aber nicht nur entlang ethnischer Linien. „Mein Mann hätte wohl Erdoğan gewählt, aber ich finde ihn furchtbar—viel zu rechts", meint die Verkäuferin Ketevan. Sie ist halb Georgierin, halb Türkin und fürchtet, dass Erdoğan mit der absoluten Mehrheit immer mehr zum Diktator werden könnte. „Bitte keine Fotos", fügt sie am Ende des kurzen Gesprächs hinzu. Sie sei zwar nicht ängstlich, aber als Jüdin sei ihr schon einmal ein Davidstern auf die Auslage gesprüht worden.

In der Teestube Horon sitzt eine ältere Herrenrunde, trinkt Çay, raucht Kette und spielt Karten. Wen man denn favorisiere, frage ich in die Runde. „Den ersten natürlich", meint einer und zeigt auf den Fernseher, wo am türkischen Kanal gerade über die Wahl berichtet wird.

Von den Anwesenden haben zumindest zwei, die ihre Stimme am Sonntag abgeben durften, selbst die AKP gewählt. Die anderen Anwesenden, österreichische Staatsbürger, begrüßen das Ergebnis. Der Kellner erklärt: „Ohne Erdoğan geht in der Türkei gar nichts. Kein Geschäft würde funktionieren, keine Löhne würden bezahlt werden, kein Strom würde fließen. Die anderen kritisieren nur, Erdoğan macht etwas."

Gegen Kurden habe man überhaupt nichts, „die sind Teil unserer Landes", heißt es. Nur die PKK sei das Problem—eine Terrororganisation, gleich schlimm wie die IS-Miliz. Es verwundert keinesfalls, dass man die Drahtzieher hinter dem verheerenden Anschlägen von Ankara auch ganz woanders als Ali, der kurdische Dönerverkäufer, sieht: „Ganz klar, das war die PKK." Fatima, der Sohn des Betreibers nickt freundlich und schenkt mir noch einmal Tee nach. „Geht heute alles aufs Haus."

Thomas auf Twitter: @t_moonshine

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