Diese Frau verbrachte 19 Jahre ihres Lebens unter Neonazis

Heidi Benneckenstein über Neonazi-Elite-Camps, ihre "völkische" Erziehung und Anmachsprüche wie: "Hast du Lust, meine Hakenkreuz-Sammlung anzuschauen?"

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Okt. 12 2017, 11:42am

Foto: imago | Reiner Zensen

Heidi Benneckenstein ist 24 Jahre alt, Mutter eines Sohnes und Ehefrau. Früher hieß sie Heidrun Redeker und war Neonazi. Sie wurde in eine rechtsextremistische Familie hineingeboren, die in der Nähe von München lebte. Ihre Eltern haben sie mit dem erzogen, was sie als "völkische Werte" verstanden: Disziplin, Gehorsam und fanatischer Patriotismus.

Mit sieben Jahren besuchte sie zum ersten mal ein Ferienlager der Heimattreuen Deutschen Jugend – ein rechtsextremistischer Verein, dessen Ziel es war, junge Rechte zu einer neuen Nazi-Elite zu formen. 2009 verbot der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble den Verein. Bis sie vor fünf Jahren aus der Szene ausgestiegen ist, leugnete Heidi den Holocaust und feierte den Geburtstag von Adolf Hitler. Heute arbeitet sie in dem Bereich, in dem ihr Vater versagt hat: Sie ist Erzieherin. In ihrem Buch Ein deutsches Mädchen erzählt sie ihr Leben.

Heidi spricht ruhig, fast plaudernd, lacht viel. Sie wirkt nicht wie eine ehemalige Neonazi-Frau, die früher Punks verprügelt hat. Wir sprachen mit Heidi über die Hitlerjugend des 21. Jahrhunderts, Liebe unter Rechten und die Angst vor einem neuen Leben.

VICE: Du wurdest mit völkischen Werten in einer rechten Familie erzogen. Wie sah deine Kindheit aus?
Heidi Benneckenstein: Mein Vater war sehr autoritär und der Mittelpunkt unserer Familie. Wenn meine Schwestern und ich aufgestanden sind, mussten wir leise sein, damit wir ihn nicht wecken. Beim Essen führte mein Vater das Wort, wir Kinder durften nur sprechen, wenn wir gefragt wurden. Er hat bestimmt, wann wir aufstehen und gehen durften.



Das klingt streng, aber nicht zwangsläufig rechts.
Auf den ersten Blick nicht, aber das Völkische war allgegenwärtig. Amerikanische Produkte waren verboten und statt Handy mussten wir "Handtelefon" sagen. Die Leute dachten, wir wären Öko-Spinner.

Wann hast du gemerkt, dass deine Familie nicht nur komisch, sondern rechtsradikal war?
Natürlich habe ich gemerkt, dass ich mich irgendwo von meinen Kindergartenfreunden unterschieden habe. Einmal habe ich ihnen erzählt, was ein Hakenkreuz ist. Damals habe ich das noch nicht als rechtsradikal angesehen, es war eher, als ob ich Geheimnisse mit meiner besten Freundin austauschen würde.

Dein Vater ist ein Neonazi, der den Holocaust leugnet und den Geburtstag Adolf Hitlers feiert. Was ist mit deiner Mutter?
Ich habe viel über sie nachgedacht und glaube nach wie vor, dass meine Mutter nicht rechts war. Natürlich hat sie es auch geduldet, wenn mein Vater rassistische Witze gemacht hat, oder weggeschaut, wenn mein Vater meine Schwestern und mich beleidigte. Aber ich hatte eine sehr enge, sogar liebevolle Beziehung zu ihr. Wir mussten irgendwie zusammenhalten. Soweit es ihr möglich war, hat sie mich vor meinem Vater beschützt.

Foto: imago | Mauersberger

Den ersten Kontakt mit anderen aus der rechten Szene hattest du als Siebenjährige in der Heimattreuen Deutschen Jugend. Das Erziehungslager galt als die Hitlerjugend des 21. Jahrhunderts. Erinnerst du dich noch an deinen ersten Tag?
Ich erinnere mich an den ersten Abend. Es war ein Winterlager in Görlitz. Wir waren in einem NPD-Gebäude, das sie "Braunes Haus" nannten. Wir Kinder waren alle zusammen in einem Zimmer im Dachgeschoss. Es war eigentlich ganz lustig, wir haben gemeinsam gelacht und gespielt. Es fühlte es sich an wie ein normales Pfadfinderlager.

Und wie war der Alltag im Lager?
Jeder Tag war total durchstrukturiert. Es gab jeden Morgen und Abend einen Fahnenappell. Alles lief auf Gehorsam hinaus. Niemand hätte sich getraut wegzulaufen oder auszubrechen. Wenn Kinder beim Morgenappell rumgezappelt haben, gab es sofort eine Strafe.

Fürs Rumzappeln?
Ein Junge stand einmal morgens nicht stramm. Daraufhin musste er zehn Liegestützen machen. Wenn es danach wieder nicht geklappt hat, wurde er beschimpft und musste zehn weitere machen. Man musste manchmal bei 36 Grad strammstehen oder bei Minusgraden um 7 Uhr Frühsport machen. Meistens gab es nur eine Rüge, aber ein paar Mal ist es vorgekommen, dass Kinder geschlagen wurden. Manche Lagerführer sind da weitergegangen als andere, aber es war nicht die Regel.

"Als wir zu einer Lichtung kamen, stand dort ein Pflock, auf dem ein blutiger Schweinekopf steckte."

Was musstest du sonst noch im Lager machen?
Wir wurden in Arbeitsgruppen aufgeteilt, die auf die Geschlechterrollen ausgelegt waren. Die Mädchen haben genäht und gestickt, während die Jungs Lagertürme bauten oder boxten. Es gab regelmäßig Vorträge über NS-Größen wie Hitlers Lieblingspilotin Hanna Reitsch und zum Einschlafen haben wir Lieder aus dem Dritten Reich gesungen – die Schulung zur Neonazi-Elite.

Du hast erzählt, dass die Polizei die Lager im Auge hatte. Hat sie nie eingegriffen?
Es kam vor, dass der Verfassungsschutz vor den Lagern stand, aber sie haben es nie abgebrochen. Die Polizei ist in der Szene das große Feindbild. Auch schon für Kinder. Einmal wurden wir nachts geweckt und in den Wald getrieben – die Polizei sei im Anmarsch. Als wir zu einer Lichtung kamen, war weit und breit kein Polizist zu sehen. Nur ein Pflock, auf dem ein blutiger Schweinekopf steckte. Ich vermute, dass es für uns eine Art Mutprobe sein sollte.

Wie wurde man in die HDJ aufgenommen?
Man kam nur über Einladung oder durch Kontakte rein. Die Einladung bekam man nur, wenn der Bundesführer einen für würdig befunden hat. Meistens waren das Kinder aus Akademiker-Familien und ganz selten wurde aus dem normalen Berliner Kameradschaftsumfeld jemand ausgewählt. Ansonsten waren es nur Leute aus der Oberschicht. Wer in diesem Zirkel war, wurde als Elite der Szene angesehen.

Ist der kahlrasierte Neonazi mit Springerstiefeln nur ein Klischee?
Den gab es früher in den 90ern. Aber die rechte Szene hat kapiert, dass sie sich öffnen muss, auch gegenüber anderen Erscheinungsbildern, um weiterhin attraktiv für Jugendliche zu bleiben. Heute gibt es auch Neonazis mit Hipsterbart und Turnbeutel. Trotzdem halten sich Merkmale wie bestimmte Kleidungsmarken oder Buttons mit politischen Aussagen.

Wie viel Ahnung von Politik haben junge Nazis wirklich?
Wenn du dich mit manchen unterhältst und dann tiefer in eine politische Diskussion steigst, merkst du schnell, dass sie nur ihre Ansicht kennen. Meistens sind es Phrasen aus Büchern oder Flyern, die sie auswendig gelernt haben.

Du kommst aus einer streng völkischen Familie. Wie rutschen andere Jugendliche in die Bewegung?
Es ist sehr selten, dass die Familie von Szenemitgliedern bereits rechts ist. Die meisten Jugendlichen geraten mit 15 oder 16 durch Musik oder Klamotten in die Szene. In der Pubertät will man provozieren, also ist man ein Nazi. Zum anderen ist diese Ideologie auch für Jugendliche so leicht zu verstehen und wiederzugeben, was sie attraktiv macht. Viele von ihnen sind Nazi-Poser, also nur Mitläufer, die zwei Jahre rumpöbeln und dann wieder weg sind.

"Einer sprach mich mal an mit: 'Hast du Lust, dir meine Hakenkreuzsammlung anzuschauen?'"

In deinem Buch schreibst du, dass du dich eher mit Punks statt mit Ausländern geprügelt hast. Sind also nicht alle Neonazis rassistisch?
Das kommt darauf an, wo du aufwächst. Wir haben die Ausländer in Ruhe gelassen, wenn sie uns in Ruhe gelassen haben. Im Osten gibt eher weniger Migranten und deshalb auch weniger Kontakt und Möglichkeiten, sich auszutauschen. Die Chance, rassistisch zu sein, ist deshalb größer als in multikulturellen Großstädten wie Berlin oder eben in meiner Heimat München. Ich hätte mir keine ausländischen Freunde gesucht, aber sie waren auch nicht mein größtes Feindbild.

Wer waren deine Feinde?
Die Polizei, Linke, höhere Autoritäten und Gutmenschen.

Gutmenschen?
Ja, also Menschen, die immer nur das Gute sehen und gute Taten vollbringen wollen. Leute, die immer positiv sind und irgendwelche Lichterketten gegen rechts aufhängen.

Sind Rechte denn nie positiv oder glücklich?
Wenn man in der Szene ist, möchte man nicht gut sein. Man lehnt bewusst Menschen ab und hat eine negative Sicht auf die Welt. Leute, die eine andere Einstellung dazu hatten, verachteten wir. Ich war zu diesem Zeitpunkt auch nicht glücklich, sondern frustriert.

Trotzdem hast du ein Kapitel der "Liebe unter Rechten" gewidmet.
In der Naziszene ist man pragmatisch. Es gibt überwiegend Männer, die nicht besonders wählerisch sind, was Frauen betrifft. Umgekehrt sind die Frauen darauf aus, einen Mann zu finden, der etwas zu melden hat, damit sie selbst besser dastehen. Frauen haben in der rechten Szene keine Chance auf Autorität.

War dein erster Freund auch Neonazi?
Ja. Ich war 14, er sprach mich auf einem Konzert an, das auf dem Grundstück meines Vaters stattfand. Ich war betrunken, er auch. Ich schrie hin, er schrie zurück, paar Wochen später waren wir zusammen. Ohne große Romantik.

Wie spricht man eine Neonazi-Frau an?
Einer hat mich mal angesprochen mit: "Hast du Lust, dir meine Hakenkreuzsammlung anzuschauen?" Das ist selbst für Nazis sehr weit unten.

Die rechte Szene ist männerdominiert. Wie ist es da als Frau?
Man versucht, den Männern in Sachen Härte und Überzeugung nachzueifern, um Anerkennung zu bekommen. Gerade als junges Mädchen ist man in der Szene Freiwild. Mal ist es nur eine Hand auf deinem Bein, mal sogar Vergewaltigung. Ich kenne Mädchen, die als Jugendliche von Männern missbraucht worden sind, und niemand hat sich eingemischt. Da steht die Kameradschaft über den Frauen.

"Ein Neonazi wurde von seinen eigenen Kameraden zusammengeschlagen, nur weil er sich einen Irokesenschnitt zugelegt hat"

In der NS-Ideologie ist die Frau dem Mann untergeordnet. Wieso hält sich dieses Rollenverständnis in der Neonazi-Szene so hartnäckig?
Viele Frauen, die sich in die Szene verirren, haben Probleme mit dem Selbstbewusstsein. Es ist einfacher, sich unterzuordnen, zu wissen, wo man hingehört, als den anstrengenden Weg zu gehen.

Du bist den anstrengendsten Weg gegangen und ausgestiegen. Wieso?
Das war ein Prozess, der Jahre gedauert hat. Ich habe erst die Menschen infrage gestellt, bevor die Ideologie Risse bekam. Zum Beispiel als ein Neonazi von seinen eigenen Kameraden zusammengeschlagen wurde, nur weil er sich einen Irokesenschnitt zugelegt hat. Richtig angefangen zu zweifeln habe ich, als ich Felix kennenlernte, mit dem ich heute verheiratet bin. Wir fingen an, über Dinge zu sprechen, die sonst niemand ansprach – wie Frauen behandelt wurden, wie Nazis leben und was sie tun. Er hat damals in Dortmund gewohnt und wurde von der dortigen Szene verstoßen, weil er mit Leuten aus dem linken Flügel abgehangen hat.

Der linke Flügel der Neonazis ist ja immer noch rechts. Ist es so leicht, sich Feinde zu machen?
Niemand darf aus dieser Szene ausbrechen. Sobald man anfängt, etwas zu hinterfragen, oder in dem Fall, ob man Hitler kritisieren darf – nein, darf man nicht –, gilt man schon als Verräter.

Aussteigen bedeutet auch, das Weltbild der NS-Ideologie hinter sich zu lassen. Wie wird man weniger rassistisch?
In kleinen Schritten. Felix und ich sind nach München gezogen und wohnten in einem sehr multikulturellen Viertel, wo die ausländischen Nachbarn sehr freundlich waren. Wenn man sowieso schon zweifelt, fängt man irgendwann auch an, sich zu schämen. Den Holocaust habe ich noch sehr lange geleugnet, weil das so tief in mir steckte und ich sehr lange brauchte, bis ich mich damit kritisch auseinandersetzen konnte.

"Auch nach meinem Ausstieg hatte ich Angst, dass ich irgendwann wieder gewalttätig werden würde."

Wann hast du herausgefunden, dass der Holocaust real war?
Richtig zugelassen, also Empathie dafür entwickeln und dann auch erkennen, dass ich falsch lag, konnte ich erst, als ich ausgestiegen bin. Da war ich 19. Ich war vollkommen überzeugt von dieser Meinung, deshalb war es schwer, den Holocaust völlig neu zu bewerten und mir das auch einzugestehen. Das war das letzte Stück Nazi-Ideologie, was ich in mir hatte.

Wieso steigen nicht mehr Leute aus?
Weil ein Ausstieg bedeutet, dass man sich selbst und alles, was man bisher getan hat, hinterfragen muss. Du bist so in dieser Ideologie gefangen. Man muss sich selbst eingestehen, dass man Fehler begangen hat. Viele erwarten nicht, dass man zurück in die Gesellschaft kann, dass man akzeptiert wird oder sogar Hilfe bekommt. Man muss ein völlig neues Leben anfangen. Das macht Angst. Und mit dieser Angst spielt auch die rechte Szene.

Muss man mit Racheaktionen rechnen?
Jeder, der in der Szene aktiv war, muss mit Drohungen rechnen. In einem S-Bahnhof in der Nähe unseres Hauses wurde einmal ein riesiges Hakenkreuz angesprüht, darunter die Worte "Wir kriegen euch".

Dein Ausstieg – und damit ja auch dein Buch – endet mit der Geburt deines Sohnes. Hast du jetzt das Gefühl, dass du zurück in der Gesellschaft bist?
Seit der Geburt meines Sohnes ist mehr als ein halbes Jahr vergangen. Ich bin in der Gesellschaft angekommen und habe eine Ausbildung als Erzieherin gemacht. Dabei hatte ich lange Zweifel, ob ausgerechnet ich diesen Beruf ausüben sollte. Ich hatte Angst, dass ich irgendwann wieder gewalttätig werden würde. Aber ich habe auch gemerkt, dass ich nicht mein Vater bin und ein völlig anderes Verständnis von Kindererziehung habe. Dieser Punkt hat sich wie ein Abschluss angefühlt.

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