Psychische Gesundheit

Auch Männer können unter Wochenbett-Depressionen leiden

Akute Überforderung nach der Geburt des Kindes trifft nicht nur frischgebackene Mütter. Obwohl der väterliche "Babyblues" sogar in Suizidgedanken münden kann, wird er oft immer noch nicht ernstgenommen.
15 März 2017, 7:50am
Photo by Aleksandra Jankovic via Stocksy

Der Weg zum zweiten Kind war für den australischen Fotografen Israel und seine Frau Sarah* nicht einfach. Zwei Fehlgeburten erlitten sie, bevor Sarah wieder schwanger wurde. Überglücklich machen sich die Beiden machten daran, ihren Lebensstil und ihren Arbeitsalltag so umzustellen, dass alles ideal für die Geburt vorbereitet war. Weil Israel wollte, dass sich seine Partnerin voll und ganz auf das Muttersein konzentrieren konnte, übernahm er bei der Arbeit zusätzliche Aufgaben und steigerte sein Arbeitspensum.

Die zusätzliche Belastung hinterließ Spuren. Permanenter Schlafmangel wegen der Mehrarbeit, die Vorbereitungen auf das zweite Kind, während auch das Erste nach Aufmerksamkeit verlangte – Israel war überfordert. Einige Wochen nach der Geburt seines Sohnes wurden schließlich die psychischen Folgen spürbar. "Aus Rissen wurden Brüche und letztendlich tiefe Kluften", sagt Israel. "Ich war auf alles und jeden wütend und fühlte mich fast immer überfordert, traurig und verzweifelt." Aus Angst, eine zusätzliche Bürde für seine ebenfalls voll ausgelastete Frau zu sein, schwieg er.

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Als er schließlich doch zum Psychologen ging, diagnostizierte der bei ihm eine schwere Depression. Die Behandlung zeigte allerdings nur wenig Erfolg. Erst als seine Frau befürchtete, dass Israel sich etwas antun könnte, begann das Paar, der Ursache auf den Grund zu gehen. Schließlich bekam Israel die Diagnose postpartale Depression (PND), auch Wochenbettdepression genannt – eine Störung, die typischerweise bei frischgebackenen Müttern auftritt.

Früher wurden Wochenbettdepressionen oft als "Babyblues" abgetan, doch mittlerweile ist die Störung als psychische Erkrankung anerkannt und wird als mindestens genauso schwerwiegend angesehen wie andere depressive Erkrankungen. Laut einer Untersuchung der WHO leiden weltweit etwa 13 Prozent der Mütter unter diesbezüglichen Symptomen. Die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung ist bei Frauen in der Regel höher, weil sie die Geburt und primäre Versorgung des Kindes viel direkter erleben. Forscher gehen mittlerweile allerdings davon aus, dass auch Väter nach der Geburt eines Kindes depressiv werden können. Die Zahl der Betroffenen variiert Schätzungen zufolge zwischen vier und zehn Prozent.

In vielen Fällen führen die gesellschaftlichen Erwartungen und das Stigma dazu, dass Männer kaum oder überhaupt nicht über ihre Erfahrungen sprechen. Dabei untersuchen Forscher Wochenbettdepressionen bei Männern schon seit knapp zehn Jahren, sagt Anna Machin. Sie hat 2015 eine Studie der Oxford University zu diesem Thema geleitet. "Vielen Männern fällt es schwer zuzugeben, dass sie unter einer Wochenbettdepression leiden, weil die Reaktionen darauf sehr schwach sind", erklärt Machin. "Meistens wird ihnen nur gesagt: 'Reiß dich zusammen.'"

Machins Team hat über einen Zeitraum von acht Monaten 15 Väter vor und nach der Geburt ihrer Kinder befragt. Dabei stellten sie fest, dass es tatsächlich eine Form von PND bei Männern gibt, die ganz eigene Symptome aufweist. Bei Frauen sind Wochenbettdepressionen überwiegend durch Angstzustände, Schlaflosigkeit und schwere Melancholie gekennzeichnet. Männer scheinen sich hingegen eher zurückzuziehen oder ein aggressives und selbstzerstörerisches Verhalten an den Tag zu legen.

"[Männer] neigen dazu, ihre Selbstfürsorge und soziale Kontakte zu vernachlässigen. Sie scheinen nur noch wenig Freude am Leben finden zu können", sagt Machin. "Das kann sich gleichzeitig auch negativ auf den Schlaf und den Appetit auswirken. Darüber hinaus entwickeln viele von ihnen Selbstmordgedanken oder planen in schweren Fällen sogar, sich umzubringen."

Eine aktuelle Studie der Universität von Auckland konnte bei vier Prozent von insgesamt 3.500 neuseeländischen Vätern einige dieser Symptome identifizieren. "Uns wird immer mehr bewusst, welchen Einfluss Väter auf die psychosoziale und kognitive Entwicklung ihrer Kinder haben", heißt es in dem Bericht. "Angesichts der Möglichkeit, dass die Depressionen des Vaters einen direkten oder indirekten Einfluss auf die Kinder haben, ist es wichtig, dass wir die Symptome bei Vätern so früh wie möglich erkennen und behandeln."

Foto: Pixabay | Pexels | CC0

Wochenbettdepressionen werden bei Frauen in der Regel mit der Geburt in Verbindung gebracht – verstärkt durch Faktoren wie die individuelle psychische Verfassung, Hormone und äußere Umstände. Bei Männern sind die ausschlaggebenden Faktoren hingegen viel schwieriger festzumachen. "Wir wissen nicht genau, warum manche Männer darunter leiden und andere nicht", sagt Machin. "Es könnte tatsächlich auch eine hormonelle Komponente geben, ähnlich wie bei Frauen. Das könnte damit zusammenhängen, dass der Testosteronspiegel von Vätern infolge der Geburt abfällt."

Männer zögern häufig, über ihre Beschwerden zu sprechen, weil sie im Gegensatz zu ihren Partnerinnen die körperlichen und psychologischen Strapazen der Schwangerschaft nicht direkt miterlebt haben. Wie Terri Smith von Perinatal Anxiety and Depression Australia anmerkt, "fällt es werdenden und frischgebackenen Vätern oft schwer, sich Hilfe zu suchen. Wir hören Väter oft sagen, dass sie sich schuldig fühlen, wenn sie depressiv sind oder Angstzustände haben. Schließlich durchlebt ihre Partnerin all diese körperlichen Veränderungen."

Viele Männer ziehen sich infolgedessen aus der Familie zurück und/oder betäuben sich mit Alkohol und Drogen. "Sie wollen für ihre Partnerin da sein und sie unterstützen. Sie wollen nicht diejenigen sein, die Hilfe brauchen, aber niemand kann etwas dafür, wenn er krank wird – und es ist eindeutig eine Erkrankung", sagt Smith.

Dennoch wird oft infrage gestellt, wie sinnvoll die "Medikalisierung" von vermeintlichen affektiven Störungen ist. Wo zieht man die Grenze zwischen einer Erkrankung und dem turbulenten Gefühlschaos aus Angst, Frustration und Zweifeln, die vermutlich alle Eltern erleben

Angesichts des unvermeidbaren Schlafentzugs, der eingeschränkten Freiheit und (oftmals auch) den angespannten Beziehungsverhältnissen scheint es nur logisch, dass frischgebackene Eltern – Mütter wie Väter – irgendwann unter dem Druck zusammenbrechen.

"Einige Studien legen nahe, dass bis zu 90 Prozent der Frauen unter Wochenbettdepressionen leiden, obwohl sie eigentlich nur beschreiben, wie es ist, Mutter zu sein", sagt Ellie Lee, Direktorin des Centre for Parenting Culture Studies an der Universität von Kent. Sie hat eine umfangreiche Untersuchung über die sozialen Dimensionen des Elternseins durchgeführt. "Eine legitime und sehr wichtige Erkenntnis ist, dass Frauen und Männer die Anforderungen der Elternschaft zunehmend schwieriger finden. Sie versuchen, auf dieses Problem hinzuweisen, indem sie es zu einer Krankheit erklären."

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Lee merkt auch an, dass der aktuelle Ansatz, mit diesem Problem umzugehen, in direktem Kontrast zu dem steht, was Feministinnen in den 70er-Jahren in Bezug auf die Schwierigkeiten des Elternseins gefordert haben. Damals haben sich Frauen und Männer noch vehement gegen die Medikalisierung sozialer Probleme gewehrt. Die Frage, die sie sich stellt, ist: Sollen am Ende alle in die Psychiatrie oder zum Arzt rennen? "Die Lösung ist immer, dass man sich medizinische Hilfe suchen soll. Das ist doch vollkommen absurd."

Ein sehr viel konstruktiverer Ansatz wäre es laut Lee, eine gesamtgesellschaftliche Diskussion anzustoßen und kritisch zu hinterfragen, welche immensen Anforderungen und Erwartungen wir an frischgebackene Eltern stellen. Außerdem müsste es auch viel mehr Input von psychiatrischer Seite geben. Das hat bisher fast ausschließlich in der Peripherie der Diskussionen um Wochenbettdepressionen stattgefunden.

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"Aus irgendeinem Grund hat unsere Gesellschaft beschlossen, dass es das Beste wäre, wenn Männer und Frauen sich ständig Sorgen darüber machen, ob sie der Aufgabe, auf ein Baby aufzupassen, gewachsen sind", prangert Lee an. "Und dann streuen wir auch noch Salz in die Wunde, indem wir ihnen sagen, dass sie unter einer psychischen Störung leiden?"

Ob eine solche Medikalisierung nun sinnvoll ist oder nicht (auch die Meinungen von Experten gehen an dieser Stelle immer wieder auseinander) – Erfahrungen, wie die von Israel, machen deutlich, dass wir offen über die psychologischen Herausforderungen des Elternseins sprechen sollten. "Was unsere Gefühle angeht, belügen wir uns ständig selbst", sagt Israel. "Wenn Männer ehrlicher mit ihren Gefühlen umgehen und sagen würden: 'Ich bin überfordert. Ich schaff das nicht', dann könnten wir mit Sicherheit ein sehr viel produktiveres Gespräch über unsere eigene psychische Gesundheit führen."


*Namen wurden geändert.

Foto: Mateus Lucena | Flickr | CC BY-SA 2.0

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