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Interviews

Alt-J machen Weltuntergangsmusik

Alt-J veröffentlichen heute ihr neues Album, das die Welt zwar nicht zum Untergehen bringen wird, dich bis dahin aber lange beschäftigen kann.

von Viola Funk
19 September 2014, 10:20am

Es gibt Musik, die leicht zugänglich ist, die du beim ersten Mal verstehst und dessen Strukturen du spätestens beim zweiten Mal durchblickt hast. Das ist die Musik, die meist populär wird, es ist die Musik, die nett anzuhören ist. Es gibt aber auch Musik, die dich erstmal erschlägt, ob auf eine gute oder schlechte Weise, die du nach dem sechsten Mal Anhören langsam anfängst zu verstehen und die meist erst in ihrer ganzen Fülle wie einem Album zur Geltung kommt. Das ist die Musik, die dich länger begleitet und zu der du eine intensive Beziehung aufbaust. Das ist die Musik, die du dir anhören würdest, wenn die Welt untergeht.

Alt-J gehören natürlich zu den Musikern, die zweitere Art machen und es trotzdem schaffen, populär zu sein. Auf dem neuen Album This Is All Yours, das am heutigen Freitag erscheint, kannst du selbst nach dem zwanzigsten Mal noch kleine Feinheiten und Details entdecken (soeben habe ich eine nervige Mücke entdeckt), die dich in ihrer Fülle beim ersten Mal mit Sicherheit umhauen werden, ganz im positiven Sinne. Wir haben uns mit Joe, Gus und Thom in Berlin zum Gespräch getroffen, kurz nachdem das schlimmste Gewitter, das diese Stadt dieses Jahr wohl gesehen hat, wütete. Passenderweise.

Noisey: Ich habe mich heute schon gefühlt, als würde die Welt zu Ende gehen.
Joe:
Ja und wir müssen heute Abend noch nach Hause fliegen.

Ist das eine gute Stimmungslage, um die neue Alt-J-Platte zu hören?
Gus: Definitiv, wenn der Himmel dunkel ist und das Wetter donnert.
Joe: Falls die Welt zu Ende gehen würde, würde ich zu einem Wolkenkratzer fahren, nach ganz oben gehen und während ich beobachte, wie der Komet auf die Erde trifft, und eine Wolke von Staub, Dreck und Müll auf mich zukommt, würde ich zum richtigen Zeitpunkt springen und im richtigen Moment aufkommen, dann wäre der beste Song…Ich weiß es gar nicht. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass einige Leute unsere Musik dafür auswählen würden.

Habt ihr das Album auch in einer düsteren Atmosphäre oder Stimmung geschrieben?
Gus: Ich denke nicht. Die Songs wurden alle zu so verschiedenen Zeitpunkten geschrieben, so dass sie natürlicherweise alle komplett unterschiedlichen Gefühls- und Gemütslagen entsprungen sind.

Ihr habt das über die letzten zwei Jahre geschrieben?
Joe: Eigentlich über die letzten fünf Jahre. Wir hatten einige Songs für das erste Album, die wir nicht benutzt haben. Sie waren einfach noch nicht fertig. Also haben wir sie behalten und nochmal daran gearbeitet.

Ging die Arbeit jetzt also schneller oder langsamer? Beim ersten Album habt ihr oft betont, wie unfassbar lange ihr daran gearbeitet habt.
Gus: Dieses Album wurde eben nicht nur in einer Periode geschrieben. Es gibt ein paar Songs auf dem Album, die schon weit vor dem ersten Album entstanden sind, sie waren entweder nicht fertig oder wir haben sie nicht für das erste Album gebraucht. Einige wurden dann während unserer Tour geschrieben, nicht komplett fertiggestellt, aber die Ideen sind beim Touren entstanden. Und die letzte Station war dieses Jahr von Januar bis Mai, als wir dann richtig am Album arbeiten konnten.

Wenn du das Album hörst, wirst du in sehr viel eingeleitet. Es gibt Intros und Intros zu den Intros. Ist das sehr wichtig für euch, die Hörer einzuführen, anstatt sie direkt reinzuwerfen?
Ja, ich denke, genau das ist es, was ein Album zu einem Album macht, anstatt nur Songs zu haben. Es ist sehr wichtig für uns, das Album in ein zusammenhängendes Stück zu formen. Teil davon ist, wie du deine Songs kuratierst. Ich meine, viele Alben funktionieren nicht auf diese Weise, aber wir mögen es, wenn unsere Alben eine Art Struktur haben.

Gwil hat die Band Anfang des Jahres verlassen. Hatte er dennoch noch einen Einfluss auf das Album?
Joe: Er war bei einigen Tracks involviert, aber er spielt keine signifikante Rolle in einem, denke ich. Wir haben eigentlich richtig angefangen zu schreiben, als er ging. Er war auch nicht viel an den alten Tracks beteiligt, die wir mit auf dieses Album gebracht haben. Es ist wirklich bizarr, wie wenig er auftaucht, weil viele dieser Songs ja auch zu einem Zeitpunkt geschrieben wurden, als er noch Teil der Band war. Es war nicht so, dass wir alle seine Teile rausgenommen haben, weil er gegangen ist, er hatte einfach nicht viele. Was sehr interessant ist, aber ich kann das nicht erklären.

Ist euch das vorher schon mal aufgefallen?
Nein, ich glaube nicht, dass es mir aufgefallen ist. Nein.

Es wird also nicht hörbar sein, dass er gegangen ist?
Ich glaube, die Leute werden es einfach vergessen. Ich glaube nicht, dass jemand merken würde, ob er beteiligt war oder nicht. Ich denke, wenn jemand geht, hat die Öffentlichkeit immer Angst davor, dass die Band daran zerbrechen wird. Aber ich denke, sobald sie das neue Album hören werden, werden sie sagen: Gwil wer? Das klingt hart.

Ja, das tut es.
Ja, es ist hart, aber es ist auch irgendwie wahr, denke ich. Wir sind immer noch Freunde, wir freuen uns für ihn und unterstützen ihn in dem, was er tun möchte. Schließlich ist er erstmal ein Mensch und Individuum, bevor er ein Bandmitglied ist. Wir sind alle Freunde. Ich weiß, es klingt hart, was ich gerade gesagt habe, aber ich denke nicht, dass es unwahr ist. (zu Gus) Weißt du, was ich meine?
Gus: Ja, weiß ich.

Ihr hattet also auch kein Bedürfnis, eine Lücke zu füllen?
Nein, wir sind keine Band, in der jeder nur eine Sache tut und es Bassline, Drums, Gitarre, Keyboard gibt, vor allem wenn es um den kreativen Prozess geht. Die Kreativität ist sehr vielschichtig. Dass Gwil also gegangen ist, hieß nicht, dass wir keinen Gitarristen mehr hatten. Joe spielt auch Gitarre, Gwil hat auch manchmal Bass auf dem ersten Album gespielt, ich spiele die meisten Bass-Songs. Er hat also kein großes Loch hinterlassen, das wir mit jemandem füllen mussten, der seine Arbeit erledigt. Weil sein Job war schwer zu definieren, so wie bei uns allen.

Heißt das, ihr seid alle ersetzbar?
Ja, aber auf eine gute Art und Weise.
Joe: Nein, das glaube ich nicht.
Gus: Nein, okay, wir sind nicht ersetzbar.
Joe: Ich denke, Gwil ist der einzige, der ersetzt werden könnte, beziehungsweise kann niemand ersetzt werden. Der Rest der Band darf nicht gehen. Gwil war das einzige Mitglied, dessen Abgang wir als Band überleben konnten. Ich könnte nicht ohne Thom schreiben, oder ohne Gus. Ohne sie würde ich trotzdem schreiben, aber ich müsste viel härter daran arbeiten. Und ich weiß auch nicht, was die beiden tun würden, wenn ich gehen würde.
Gus: Wie bei Battles. Kennst du die Band Battles? Der Leadsänger hat die Band verlassen und sie haben einfach weitergemacht und alle Vocals von Gastsängern singen lassen, bei jedem Song jemand anderen, Gary Newman zum Beispiel. Das war ziemlich cool… Aber wenn er gehen würde…
Joe: Ich sage nicht, dass ihr verhungern würdet, wenn ich gehen würde, ihr würdet trotzdem Musik machen, aber es würde nicht wie Alt-J klingen.
Gus: Ja, wir sind also alle unersetzlich und auch Gwil war bis zu einem gewissen Punkt unersetzlich, aber wir können trotzdem weitermachen.

Bei unserem Interview zum ersten Album vor zwei Jahren hat Gwil während des Gesprächs etwas aus eurem Wikipedia-Eintrag gelöscht, weil es eine Lüge war. Was war bisher die seltsamste Lüge, die über eure Band verbreitet wurde?
Joe: Gute Frage. Es gibt ein Missverständnis, das eigentlich nicht lustig oder interessant ist, aber Leute denken manchmal, Alt-J ist nur ein Typ, ein Produzent. Sie sind dann überrascht, wenn sie herausfinden, dass wir eine Band sind. Das ist cool.
Gus: Mir fällt nichts ein. Es passiert oft, dass Leute etwas durcheinanderbringen, zum Beispiel dass wir alle zur Cambridge University gegangen sind. Aber das ist ja natürlich. Es tut mir Leid, wir haben keine gute Antwort zu der guten Frage.
Joe: Es gibt bestimmt eine gute Antwort. Thom?
Thom: Die größte Lüge ist, dass wir „Left Hand Free“ nur für das amerikanische Label geschrieben haben.

Die habe ich noch nicht gehört.
Irgendwer hat das falsch aufgeschrieben. Aber wir haben den Song schon vorher geschrieben und sie hatten ihn noch gar nicht gehört.

Er sticht aber auch sehr aus dem Album heraus.
Ja, er ist ganz anders.

Wie kam es dazu?
Es ging alles sehr schnell. Joe hatte das Riff schon eine ganze Weile und wir haben es einfach gespielt. Wir wussten alle gleich, dass es gut ist und wir es als Experiment behalten wollen. Es klang gut und als wir ihn fertig hatten, dachten wir „Warum nicht?“. Wir nehmen ihn mit auf’s Album, er macht genauso viel Sinn wie der Rest der Tracks, auch wenn wir ihn sehr schnell geschrieben haben. Es war auch ein Risiko, aber das Feedback ist bisher sehr positiv. Und ich mag ihn gern. Wir alle mögen ihn.

Ihr habt als erste Single vom Album „Hunger of the Pine“ veröffentlicht und tapfer Miley Cyrus gesamplet. Wie ist das zustande gekommen?
Joe: Thom?

Du bist verantwortlich?
Thom:
Ja, ich denke. Ich habe mal einen Remix für sie gemacht, für eine Track namens „4x4“ und wir waren in einem Zimmer, ich habe den Remix gespielt und gemerkt, dass dieses Sample über etwas passt, was wir gerade gemacht haben, nämlich „Hunger of Pine“. Wir mochten, wie es klingt, also haben wir es so gelassen. Dann haben wir es erstmal liegengelassen, später nochmal angehört und beschlossen, dass es drin bleibt. Es geht rein um die Art, wie es klingt. Ich denke, dass es Miley ist, ist irgendwie cool, wir könnten auch überlegen, ob es uns schadet, aber wir denken nicht so. Es geht nur darum, wie es klingt. Sie mochte es auch sehr und hat uns erlaubt, es zu benutzen. Sie ist eine Freundin von uns und sie benutzt auch einen ihrer Tracks in ihrer Liveshow. Während sie sich umzieht, läuft „Fitzpleasure“ und es läuft ein Video. Für uns ist es ganz normal, aber wenn man darüber nachdenkt, ist es schon eine seltsame Kollaboration. Aber auch hier ist das Feedback sehr positiv. Das Instrumental ist sehr stark und es trägt alles, man kann den Track nicht anhand des Miley Cyrus-Samples bewerten. Das Instrumental kompensiert jede Art von Hate. Leute lieben es, Dinge zu hassen, aber der Track ist nun mal stark.

Du machst in letzter Zeit viele Remixe. Willst du auch als Solokünstler produzieren?
Ja, ich mache zur Zeit viel.

Machst du das schon?
Ja, ich habe viele eigene Sachen am Laufen. Ich versuche, so viel wie möglich zu remixen, aber das ist recht zeitintensiv, deswegen versuche ich, eins nach dem anderen zu machen und es richtig anzugehen. Es dauert einfach lange. Aber ich bleibe definitiv dabei.

Was passiert sonst so auf dem Album? Man entdeckt ständig Neues und hört viel Field Recordings.
Gus: Ja, wir mögen es, schöne Sounds einzuarbeiten. Wir waren eine Zeit lang auf dem Land, dort haben wir Bienen und einen Bienenstock aufgenommen, das war schön.
Joe: Haben wir nicht auch was in der U-Bahn aufgenommen?
Gus: Vielleicht. Ich erinnere mich nicht.
Joe: Das ist die Sache. Wir machen so viel, wenn wir ein Album schreiben. Es ist schwer, das wieder abzurufen. Es kann auch sein, dass das gar nicht als großes Thema aufgenommen wurde, sondern nur in einem kurzen Moment auftaucht. Es sind so viele Sachen, die wir aufgenommen und benutzt haben, die wahrscheinlich niemandem auffallen, außer sie hören den Track hundertmal. Aber es sind die kleinen Dinge, diese netten kleinen Schichten, die man nur wertschätzt, wenn man den Track fünf oder sechs Mal hört. Oh, es gibt ein Kirchenläuten in einem Song. Das ist ziemlich cool. Es ist die Brixton Bell, einer unserer Studiotechniker hat die Glocken von Brixton aufgenommen, wo wir das Album aufgenommen haben. Die hört man jetzt auf einen unserer Songs.
Gus: Ist das in „Nara“?
Joe: Ja.
Gus: Das wusste ich gar nicht. Das ist schön. Ich war zu dem Zeitpunkt wohl nicht da.

In „The Gospel of John Hurt“ habt ihr diese Stimme, die „Come on“ und andere Dinge haucht. Ist das aus einem Porno?
Das kommt von einem Yamaha-Keyboard.
Joe: Aber es klingt wie aus einem Porno.
Gus: Du kannst auf diesem Keyboard DJ-Sounds benutzen. Klaxons haben das auch gemacht in „Atlantis to Interzone“. Am Anfang kommen nur Sounds von dem klassischen Yamaha Keyboard. Es gibt auch „Go“ und „One more time“ und „C’mon“ oder „Yeeeah“, was wir auch auf dem ersten Album benutzt haben. Es sind kleine lustige Sounds, sie sind richtig cheesy, aber sie machen Spaß. Ich denke, sie werden auf eine Art ironisch benutzt.

Habt ihr vorher schon mal einen Song für eine lebende, reale Person wie John Hurt geschrieben?
„Taro“ auf unserem ersten Album ging um die Fotografin Gerda Taro.

Aber die ist ja tot.
Ja. Du meinst jemanden, der lebt? Nein, wahrscheinlich noch nicht. Nein. Nur John Hurt, er ist alt, aber er lebt noch.

Würdet ihr es ihm gerne mal vorspielen?
Ja, das würde ich so gerne. Ich würde es lieben, wenn er es hören könnte. Das wäre schön.
Joe: Ich denke, dass er den Song mögen würde oder sich wenigstens geehrt fühlt.
Gus: Außer er sagt: „Dieser beschissene Film, das war vor 30 Jahren.“Es geht ja um den Film Alien, aus dem Jahr 1979.

This Is All Yours ist heute bei Pias Coop/Infectious (Rough Trade) erschienen. Ihr könnt es euch bei Amazon oder iTunes kaufen.

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