Bayern

Dieser Pastor erklärt, warum das Christentum auch nicht zu Deutschland gehört

"Hätte Söder wirklich ein kulturelles Symbol aufhängen wollen, hätte er einen Bierkrug nehmen sollen."
25 April 2018, 12:18pm
Foto: Privat

Für die CSU sind sinnlose Initiativen kein Neuland, das wissen wir schon seit Jahren. Aber seit Horst Seehofer den Innenministerposten und Markus Söder den Job als bayerischer Ministerpräsident übernommen hat, drängeln gleich zwei Alpha-Schwätzer miteinander ums Rampenlicht. Neuestes Beispiel: Markus Söder hat angeordnet, dass in sämtlichen Behörden Bayerns ein Kreuz hängen muss.

Die Idee ist nicht nur albern und möglicherweise sogar verfassungswidrig, sondern verkennt auch völlig, was das Christentum eigentlich bedeutet, sagt der Theologe Konstantin Sacher. Der 33-Jährige hat zwei Jahre lang als Vikar (eine Art Azubi-Pastor) in Frankfurt gearbeitet und unterrichtet nun Evangelische Theologie an der Universität Leipzig – will aber in Zukunft wieder als Pastor arbeiten. Außerdem schreibt er Bücher: zum Beispiel den Roman Und erlöse mich, in dem es unter anderem um Glauben, Ayahuasca und Analsex geht.

VICE: Was hältst du als Christ davon, dass Markus Söder sämtlichen bayerischen Behörden Kreuze verordnet hat?
Konstantin Sacher: Das ist eine dumme Provokation. Eigentlich wäre es am besten, da gar nicht drüber zu reden, aber nach seinem Tweet geht das nicht mehr. Er hat ja dazu gesagt, das sei ein "sichtbares Bekenntnis zu den Grundwerten der Rechts- und Gesellschaftsordnung in Bayern und Deutschland". Es gehe ihm nicht darum, ein religiöses Symbol aufzuhängen. Das ist Quatsch: Er kann das behaupten, aber es bleibt natürlich ein religiöses Symbol. Hätte er wirklich ein kulturelles Symbol aufhängen wollen, hätte er einen Bierkrug nehmen sollen. Das verbinden die Leute mit Bayern, und es passt, weil Besoffene auch gerne dumm rumprovozieren.

"Das Kreuz ist ein in sich total gebrochenes, irrationales Symbol, das nicht für Ordnung steht."

Ist das Kreuz also kein Bekenntnis zu unseren Grundwerten?
Natürlich nicht! Das verkennt völlig, was das Kreuz als religiöses Symbol bedeutet: Das Kreuz bedeutet ja gerade die Verkehrung jeglicher Ordnung. Gott, das absolut Mächtigste, wird niedergemacht und getötet. Das steht für eine totale Brechung der Macht, und für ein Scheitern der menschlichen Vernunft, die einen solchen Gott nicht fassen kann. Das ist ein in sich total gebrochenes, irrationales Symbol, das nicht für Ordnung steht.

Man könnte Söders Aktion ja auch als Pendant zu Seehofers Aussage sehen, dass der Islam nicht zu Deutschland gehört. Söder sagt jetzt eben: Das Christentum gehört zu Deutschland. Wie siehst du das?
Also, dieser Satz zum Islam ist an sich Schwachsinn, aber das wurde ja schon tausendfach gesagt. Das ist eine völlig platte Pauschalisierung – was ist überhaupt mit "Deutschland" und "Islam" und mit "gehört zu" gemeint?


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Und andersrum: Zu sagen, eine bestimmte Religion wie das Christentum "gehört zu Deutschland", also zu unserem Verfassungsstaat, ist meiner Meinung nach auch völlig verfehlt. Wenn man den Satz so versteht, dass eine bestimmte Religion natürlich zu unserem Verfassungsstaat passt, dann muss man sagen: Auch das Christentum gehört nicht zu Deutschland.

Wie meinst du das?
Man muss sich ja nur die Geschichte anschauen. Heute denkt man, dass Christen automatisch Freunde der Demokratie seien. Kurze Erinnerung: Die Evangelische Kirche hat 1985 eine "Demokratie-Denkschrift" verfasst. Das ist noch nicht lange her, und das war das erste und immer noch sehr zarte Bekenntnis zur Demokratie. In der Weimarer Republik und der NS-Zeit hatte weder die Kirche noch der Großteil der Pfarrer ein positives Verhältnis zur Demokratie. Und die katholische Kirche erst recht nicht – die hat bis heute die Vorstellung, dass der Papst das Oberhaupt der Menschheit ist.

"Die Idee, dass eine bestimmte Religion besonders gut zu unserer Staatsform passt, ist Quatsch. Das missversteht völlig, was Religion überhaupt ist."

Man kann also auf keinen Fall sagen, dass das Christentum besonders gut zum Verfassungsstaat passt. Das ist heute so und das ist auch wunderbar, das hat sich aber nicht selbstverständlich ergeben. Die Idee, dass eine bestimmte Religion besonders gut zu unserer Staatsform passt, ist Quatsch. Das missversteht ja auch völlig, was Religion überhaupt ist.

Was ist denn Religion?
Manche haben ja die Vorstellung, Religion würde die Menschen zum Besseren erziehen. Das kommt aus der Aufklärung, Kant hat das auch geglaubt. Aber das ist Unsinn. Schon 1799 hat der Theologe Friedrich Schleiermacher dazu gesagt, dass Religion weder Moral noch Metaphysik ist. Religion soll uns nicht erziehen und uns auch nicht die Welt erklären, sondern ist Sinn und Geschmack fürs Unendliche. Das ist emotional, sogar irrational. Heute könnte man sagen: eine Sinnsuche, die aber zum Großteil nicht über die Vernunft passiert, weil die Vernunft nicht an diese letzten Fragen herankommt. Religion hat etwas zutiefst Irrationales und passt nicht zu dem rationalen Versuch, unser Gemeinwesen zu ordnen, wie es der Verfassungsstaat tut.

Hilft es trotzdem, gegen Söder und die CSU zu beten?
Ich kann keine Gebets-Empfehlungen ausgeben. Das Gebet ist eher ein Versuch, sich selbst zu einem Gegenüber zu verorten. Das andere sollte man lieber an der Wahlurne austragen.

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