Selbstjustiz im Township: Die Bürgerwehr der Verzweifelten

Der Staat wird mit der Kriminalität nicht fertig. Kann die "Operation Wanya Tsotsi" anderen südafrikanischen Townships als Vorbild dienen?

von Christopher Clark; Fotos von Shaun Swingler; Übersetzt von Ruby Morrigan
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12 August 2017, 4:30am

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Auf einem kleinen Flecken Buschland sieht ein metallenes Abbild von Nelson Mandela zu, wie drei verängstigte junge Männer auf den Rücksitz eines silbernen Toyota Corolla geschoben werden. Um das Auto stehen Mitglieder von Operation Wanya Tsotsi (OWT) in orange-gelben Warnwesten. Sie reißen Witze und verspotten ihre Gefangenen. Die Gruppe hat sich die drei an diesem Freitagmorgen im April vorgeknöpft, weil sie in ein Haus eingebrochen waren und einen Plasmafernseher gestohlen hatten. Die drei Verdächtigen hatten Messer dabei, die wurden inzwischen konfisziert und zu einer bunten Sammlung beschlagnahmter Waffen auf den Beifahrersitz eines VW Polo gelegt. Spencer Plaatje ist der Einsatzleiter von OWT. Er erzählt, die Gruppe habe einen der drei bereits am Vorabend mit Diebesgut aufgegriffen, sie hätten eine Festplatte und ein Handy bei ihm gefunden. "Ihr seht also, womit wir hier zu kämpfen haben", donnert Plaatje mit seiner lauten Stimme. "Wir müssen diesen Jungs vielleicht gleich eine Lektion erteilen, aber das ist ein notwendiges Übel."

Operation Wanya Tsotsi, was grob übersetzt "Operation: Macht euch ins Hemd, Verbrecher" bedeutet, entstand vor gut zwei Jahren inmitten eines brutalen Bandenkriegs in Galeshewe. Das staubige, verwinkelte Township liegt im Nordwesten der südafrikanischen Diamantenstadt Kimberley und macht mit seinen mehr als 100.000 Einwohnern etwa die Hälfte der Stadtbevölkerung aus. Der OWT-Vorsitzende Pantsi Obusitse ist ein adrett gekleideter 37-Jähriger mit langen Dreadlocks. Er bezeichnet die Gruppe als "Gemeinschaftsinitiative gegen Verbrechen", die nötig sei, weil die Polizei in der Gegend versage und niemand mehr darauf vertraue, dass die reguläre Justiz mit den vielen Gewaltverbrechen in Galeshewe fertig wird.

OWT konfiszieren bei einer Personenkontrolle einen Drogenvorrat, darunter Marihuana und Mandrax.

Zu der Gruppe am Auto gehört ein kleiner, drahtiger Mann mit Aknenarben im Gesicht. Er holt einen Elektroschocker hervor, den er für 250 Rand, circa 17 Euro, im örtlichen Chinaladen gekauft hat, wie er mir stolz erzählt. Er lächelt trocken, als er sich zu dem Fotografen dreht, der mich begleitet, und sagt: "Am besten lässt du das Fotografieren, während wir unser Ding durchziehen." Dann steigt er vorn ins Auto, langt mit dem Elektroschocker auf den Rücksitz und drückt ihn gegen die Körper der Verdächtigen. Die Männer kreischen und winden sich, als der Strom sie durchzuckt. Ein weiteres OWT-Mitglied lehnt sich über den Fahrersitz, packt die Verdächtigen bei den Hoden und verteilt Ohrfeigen. Einer der drei fängt an zu weinen.

Schon bald gestehen sie den Diebstahl. Sie sagen, sie hätten den Fernseher an den nigerianischen Inhaber einer örtlichen Taverne verkauft. Laut Plaatje haben die drei länger durchgehalten als die meisten, weil sie Angst vor dem Tavernenbesitzer haben – ein berüchtigter Dealer, von dem es heißt, er sei auch in Menschenhandel verwickelt. "Früher oder später kriegen wir die Information aber immer aus ihnen heraus", sagt er.


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Die Männer ziehen den Wiederholungstäter aus dem Auto und befehlen ihm, sich mit dem Gesicht nach unten auf die Erde zu legen. Ein OWT-Mitglied versetzt ihm mit einer Viehpeitsche mehrere Hiebe auf den Hintern. Dieses Ritual wird "Segen" genannt und ist ein wichtiger Bestandteil der Selbstjustizmethode der Gruppe. Dem gesegneten jungen Mann wird auf die Beine geholfen, gerade als ein Streifenwagen sich nähert. Der Beamte am Steuer geht kurz vom Gas, um uns in Augenschein zu nehmen, und fährt davon. "Seht ihr? Es interessiert sie nicht mal", sagt Plaatje, als ich dem Polizeiauto nachsehe. "Wer hier ein Verbrechen meldet, wartet vier bis fünf Stunden auf die Polizei – wenn überhaupt jemand kommt. Wenn die ihren Job machen würden, bräuchte es uns nicht." Obusitse fügt hinzu: "Bei Verbrechen rufen die Leute hier zuerst uns an und dann die Polizei. Manchmal rufen sogar die Beamten uns an, bevor sie andere Polizisten anfordern."

OWT haben seit ihrer Gründung ein kompliziertes Verhältnis zu den örtlichen Vertretern des South African Police Service (SAPS). Die Ressourcen des Reviers sind knapp, die Zahl der Verbrechen ist hoch, und manche Beamte wirken erfreut, dass OWT ihnen etwas Arbeit abnehmen. Andere wollen keine Gruppe unterstützen, die das Gesetz in die eigene Hand nimmt, auch wenn vieles im Argen liegt. Obusitse sagt, er wisse schon gar nicht mehr, wie oft er seit der Gründung der Gruppe festgenommen wurde. Einmal seien er und ein paar andere Mitglieder ohne offizielle Anklage mehr als eine Woche inhaftiert gewesen; ein anderes Mal habe man 18 Mitglieder nachts aus den Betten gezerrt und in eine Zelle geworfen, nur um sie am nächsten Morgen ohne Anzeige gehen zu lassen.

Obusitse ist wegen Körperverletzung und Entführung angeklagt und auf Kaution frei. Der Vorwurf kommt von einem Mann, den Obusitse und ein Kollege mit Verdacht auf Mord an die Polizei übergeben hatten. Sie hatten den Hinweis erhalten, er habe gestanden, seine Freundin in der gemeinsamen Wellblechhütte in Galeshewe eingesperrt und dann alles mit Benzin übergossen und angezündet zu haben. Die junge Frau starb wenige Tage später im Krankenhaus an ihren Verletzungen, der Verdächtige kam am Tag nach dem Brand wegen Mangel an Beweisen frei – vorher zeigte er noch Obusitse und seinen Kollegen an.

Laut Obusitse werden viele Verdächtige, die OWT der Polizei übergeben, zu Anzeigen gegen die Mitglieder der Bürgerwehrgruppe ermutigt. Wüssten die Verdächtigen keine Namen, zeige die Polizei ihnen die Namen der OWT-Leitung und fordere sie auf, ein paar zu wählen. Weil Obusitse das Gesicht der Bewegung ist, treffe es ihn selbst oft als Erstes. Er glaubt, die OWT-Kritiker im Polizeirevier hätten entweder Angst, um ihren Job gebracht zu werden, oder "arbeiten mit kriminellen Elementen zusammen". Als ich den Polizeisprecher Mohale Ramatseba mit dieser Behauptung konfrontiere, sagt er nur: Wer Informationen über Polizeibeamte habe, die an kriminellen oder korrupten Aktivitäten beteiligt sind, "soll dies bitte melden, sodass auf solche Beamte entsprechend reagiert werden kann".

Insgesamt liegen 16 Strafanzeigen gegen OWT-Mitglieder vor. Im Januar 2017 legte die Gruppe ihre Arbeit auf Eis, wie es Obusitses Kautionsbedingungen verlangten. Damals sagte Obusitse Lokalmedien, die Vorwürfe seien von Vertretern der Polizei erfunden worden. Oberhäupter von Kirchengemeinden in Galeshewe organisierten Massenproteste und eine Petition, um die OWT-Sperre aufzuheben. Die Gruppe nahm ihre Arbeit Ende März wieder auf, unter lautem Jubel von Einheimischen, die sie bei ihrer ersten Abendpatrouille begrüßten. "Das war ein sehr emotionaler Moment", erinnert sich Obusitse.

Seit OWT wieder aktiv ist, wird erneut diskutiert, die Gruppe in das Community Policing Forum (CPF) aufzunehmen. Dieses Kollaborationssystem zur Verbrechensbekämpfung besteht aus Polizei, Lokalregierungen und NGOs, darunter auch Bürgerwehren. Eine Sprecherin der Lokalbehörde für öffentliche Sicherheit, Patsy Alley, sagt: "Wir erkennen an, welche wichtige Arbeit Operation Wanya Tsotsi leisten, aber sie müssen sie innerhalb eines Rahmens machen, in dem wir sie unterstützen können." Ramatseba zufolge ist die Polizei gewillt, "mit jeder Gruppe zu arbeiten, die innerhalb des gesetzlichen Rahmens bei der Verbrechensbekämpfung helfen möchte".

Doch Obusitse zufolge hat das CPF seit seiner Gründung 1996 in Townships wie Galeshewe nichts bewirkt. Er fragt: "Warum sollten wir uns in ein System integrieren, das uns im Stich gelassen hat?" Die Struktur des CPF müsste an die Methoden seiner Bürgerwehr angepasst werden, findet er. "Wir versuchen, den Machthabern zu zeigen, dass wir uns in einer außergewöhnlichen Lage befinden. Das heißt auch, dass die Lösung außergewöhnlich sein muss."

Ein mutmaßlicher Dieb wird zu einem Haus geführt, aus dem er gestohlen haben soll, um seine Drogensucht zu finanzieren.

In der Zwischenzeit weist vieles darauf hin, dass OWT auch im Alleingang jede Menge erreicht. Die kontroversen Methoden, denen man bei der Integration in ein staatliches Netzwerk sicher einen Riegel vorschieben würde, scheinen äußerst effektiv zu sein: Statistiken der Polizei zeigen, dass es vergangenes Jahr in Galeshewe 22 Morde gab, 2015 waren es noch 36. Die Zahl der schweren Raubüberfälle sank von 2015 auf 2016 um etwa 40 Prozent. Der einheimische Journalist Murray Swart hat für den Diamond Fields Advertiser, eine Tageszeitung in Kimberley, über OWT geschrieben. Er sagt, der Einfluss der Gruppe auf die Kriminalität in Galeshewe sei nicht von der Hand zu weisen, OWT habe daher enormen Rückhalt unter den Einwohnern.

Linja van Wyk, die stellvertretende Vorsitzende des Community Police Forum von Kimberley, betreibt auch eine private Sicherheitsfirma und leitet eine Bürgerwehr in der Stadt. Sie stimmt Swart zu und betont, die Kriminalität sei in den Monaten, als OWT suspendiert war, merklich angestiegen; in der Zeit gab es allein sieben Morde. Van Wyk sagt, sie habe eine gute Arbeitsbeziehung zu OWT, oft tausche man Informationen aus. Sie klingt weniger sicher, als sie von den Methoden der Gruppe spricht: "Es ist schwierig im Township. Es gibt sehr viel Gewalt. Operation Wanya Tsotsi müssen also anders vorgehen. Wir könnten das hier in unserem Vorort nicht machen, aber ihre Methoden funktionieren bei ihnen."

Weniger als eine Stunde nach der Festnahme der drei Fernseherdiebe hält ein Konvoi aus sechs Autos vor der New Jack City Tavern, einem beliebten Treffpunkt der kleinen nigerianischen Diaspora in Galeshewe. Etwa 25 OWT-Mitglieder steigen aus. Manche positionieren sich an den Metallgittern hinter dem Ziegelgebäude, andere gehen in die Bar, vorbei an den Billardtischen und hoch Richtung Theke. Zwei Nigerianer mit muskulösen, tätowierten Armen kommen aus einem Hinterzimmer. Plaatje verlangt, dass sie den Inhaber anrufen, der mutmaßlich den gestohlenen Plasmafernseher gekauft hat. Die Männer weigern sich zuerst, doch als Plaatje droht, die Polizei zu einer Prüfung ihrer Aufenthaltspapiere anzustiften, gibt einer von ihnen nach. Die Nigerianer werden außerdem gezwungen, mehrere Türen im Gebäudekomplex aufzusperren. Über eine der Türen hat jemand "Military Zone – Do not enter" gekritzelt, daneben grob die Umrisse eines Totenkopfsymbols. Dahinter kommt ein kleines, fensterloses Zimmer zum Vorschein, in dem nur ein ramponierter Drehstuhl steht. Plaatje spekuliert, dass es sich dabei um eine Art Folterkammer handelt.

Während OWT das Gebäude durchsuchen, trifft der Besitzer ein. Trotz der trockenen Mittagshitze trägt er eine zu große Lederjacke. Er ist über die illegale Razzia wenig erfreut, doch ihm bleibt kaum mehr übrig, als den Kopf zu schütteln und seinen Kollegen etwas auf Yoruba zuzuraunen – die Nigerianer sind weit in der Unterzahl. Als die Suche in der Taverne erfolglos bleibt, wird der Inhaber zu Plaatjes BMW geführt. Ein weibliches OWT-Mitglied will ihn in den Rücksitz drücken, doch er stemmt sich dagegen und bellt: "Beleidige mich nicht, Schwester!" Sie lässt seinen Arm los, er starrt sie ein paar Sekunden lang an, bevor er ins Auto steigt und die Tür schließt.

OWT-Mitglieder konfiszieren regelmäßig Messer bei ihren Personenkontrollen. Laut dem Einsatzleiter Spencer Plaatje gibt es in Galeshewe eine „Messer-Plage".

Der Konvoi fährt zum Haus des Inhabers für eine weitere gründliche Durchsuchung. Zwar gibt es keine Spur von dem gestohlenen Fernseher, doch OWT-Mitglieder finden kleine Mengen Gras in Zeitungspapier und eine riesige Machete mit geschliffener Klinge. Der Barbesitzer muss sich fotografieren lassen, die Waffe quer vor seiner Brust präsentiert. Die Facebook-Seite von OWT, die mehr als 10.000 Fans hat, ist voll mit ähnlichen Bildern. In einer von der Polizei vernachlässigten Gemeinschaft wie Galeshewe ist die öffentliche Bloßstellung in den sozialen Medien eine mächtige Strafe. Es mag viel Konflikt geben, aber das Township ist ein enges soziales Gefüge, in dem jeder jeden kennt.

Die Waffe und der spärliche Drogenvorrat des Barbesitzers wandern in die mobile Asservatenkammer, den VW Polo. Dann fährt der Konvoi mit dem Inhaber und den Dieben zum zentralen Polizeirevier von Galeshewe; unterwegs dorthin holen OWT noch die alte Frau ab, in deren Haus eingebrochen wurde. Plaatje führt alle in den Eingangsbereich des Reviers und kehrt zurück nach draußen. Er lehnt sich in der Sonne an sein Auto, zündet sich eine Zigarette an und sagt: "Wir haben den Cops alles gebracht: die Geschädigte, die Diebe, den Käufer. Diese Kriminellen sind morgen wahrscheinlich wieder draußen, aber wenigstens heute verbringen sie die Nacht in einer Zelle."

Mitglieder von OWT stehen im Kreis und beten, bevor sie ihre Patrouille am Freitagabend in Galeshewe beginnen.

Die Gruppe macht Pause, Mitglieder reichen Zigaretten, Fanta und Cola herum. Sam Tshakela, ein breitschultriger, kahler Mann mit einem schallenden Lachen, erzählt mir, er sei letzte Nacht bis 3 Uhr auf Patrouille gewesen. "Ich bin so müde", er schüttelt den Kopf und lächelt. Tshakela ist in Galeshewe geboren und aufgewachsen, war früher Lkw-Fahrer für die Mine auf der anderen Seite von Kimberley. Aktuell ist er arbeitslos und patrouilliert seit drei Wochen ehrenamtlich für OWT. Er zeigt auf ein paar Risse in der hinteren Stoßstange seines schwarzen Polo, in dem auch die konfiszierten Gegenstände liegen. Die Risse kommen von den vielen Stunden auf den schlaglochübersäten Straßen Galeshewes, von denen viele unbefestigt sind. Die Benzinkosten setzen ihm auch langsam zu. "Aber ich mache das hier nicht für mich", sagt Tshakela. "Sondern für das Gemeinwohl. Ich habe eine Verantwortung. Ich habe mich verpflichtet, zu helfen, wo ich nur kann."

Die Pause ist vorbei und wir fahren zu einer Grundschule, in die in der Nacht zuvor eingebrochen wurde. Die Rektorin hat statt der Polizei OWT angerufen. Als der Konvoi vor dem Schulgebäude hält, versammeln sich Hunderte kleine Kinder vor den Fenstern der Klassenzimmer und rufen: "Wanya Tsotsi! Wanya Tsotsi!" Das Team untersucht das zerstörte Schloss der Aula, befragt die Rektorin, was fehlt, und versichert ihr, das Diebesgut zurückzubringen. Die Zuversicht ist nicht unbegründet: Neben zahlreichen Bildern von Menschen mit Messern, Macheten und manchmal auch Feuerwaffen gibt es auf der Facebook-Seite von OWT auch eine Flut von Bildern, in denen Diebe gestohlene Gegenstände wie Handys, Fernseher und Mikrowellen halten oder an ihre rechtmäßigen Besitzer zurückreichen. Vermutlich nachdem man die Täter "gesegnet" hat.

Mary Nel ist Professorin für öffentliches Recht an der Stellenbosch University und hat ihre Doktorarbeit über Selbstjustiz in Südafrika geschrieben. Laut Nel sind Gruppen wie OWT beliebt, weil sie anders als die traditionelle Strafjustiz direkt auf Verbrechen reagieren können. Sie erklärt, die Polizei behalte gestohlene Gegenstände oft als Beweismittel ein, während die Fälle oft erst Monate oder Jahre später verhandelt werden.

Der "Segen", den OWT austeilt, bildet in seiner Unmittelbarkeit einen attraktiven Kontrast zur südafrikanischen Justiz, die oft ineffizient, träge und zahnlos ist, so Nel. "Die Gewalt ist für viele Menschen sehr anziehend, weil sie so sehen können, dass der Gerechtigkeit hier und jetzt genüge getan wird", sagt sie. Gleichzeitig sei das gewaltsame Vorgehen für außerstaatliche Gesetzeshütergruppen wie OWT ein letzter Ausweg: "Es ist ein Ausdruck der Verzweiflung. Diese Menschen würden gern auf die Gewalt verzichten, wenn sie eine Alternative hätten, die funktioniert."

Als ein wütender Mob an einem heißen Sonntag im März 2015 durch die Straßen von Galeshewe zog, wurde der definitiv auch von Verzweiflung getrieben. Seit Anfang des Jahres hatte es im Township bereits 17 Morde im Zusammenhang mit einem Bandenkrieg gegeben. Die Lage hatte sich so zugespitzt, dass die verfeindeten Gruppen Criminal Mapensele und Devil's Best Child selbst Schulen und Bestattungen auf dem immer voller werdenden Friedhof zu blutigen Schlachtfeldern machten. "Irgendwann sagten wir uns, es kann nicht sein, dass wir alle den ganzen Tag in den sozialen Medien über die Bandengewalt und die Kriminalität klagen, aber niemand von uns unternimmt etwas dagegen", sagt Obusitse. "Wir haben gesagt: 'Es reicht!', und eine Menschenmenge organisiert, um uns diese Jungs zu schnappen."

Tshepo Mathloko ist der stellvertretende Vorsitzende von OWT. Hier sitzt der Maler, der weltweit Bilder ausgestellt hat, in seinem Studio in Galeshewe.

Zeugenaussagen, wie viele Menschen sich an der Jagd beteiligt haben, gehen stark auseinander. Plaatje, der einen Hang zur Übertreibung hat, spricht von 10.000, der stellvertretende OWT-Vorsitzende Tshepo Mathloko erinnert sich an mehrere Hundert. Jemand muss die mutmaßlichen Gangster wohl vorgewarnt haben, denn der Mob konnte keinen von ihnen finden. "Das ist durch Gottes Gnade so gekommen. Wenn wir diese Jungs am ersten Tag gefunden hätten, wäre es unschön geworden. Wir hatten Schlagstöcke, Macheten, Schaufeln, einfach alles Mögliche, weil wir so wütend waren", sagt Obusitse. "Wir wollten zeigen, dass man umgebracht wird, wenn man jemanden umbringt. Auge um Auge."

Acht junge Männer wurden in den folgenden Tagen aufgegriffen. Obwohl mit dem ersten Tag bereits viel Wut verflogen war, schlugen Bewohner von Galeshewe sie übel zusammen. "Diese Jungs wurden von so vielen Leuten so brutal angegriffen, dass man nicht glauben konnte, dass Menschen anderen Menschen so etwas antun", sagt Obusitse. Die Jugendlichen wurden bis auf die Unterwäsche ausgezogen, dann legte man ihnen Reifen um die Hälse. Die wütende Menge marschierte mit ihnen zum Polizeirevier und drohte, die Reifen mit Benzin zu übergießen und in Brand zu setzen. Der Journalist Swart nennt diesen Tag die "Coming-out-Party" von OWT. "Ob man mit ihrem Vorgehen einverstanden war oder nicht, es war eine sehr deutliche Ansage. Das musste einfach Auswirkungen haben."

Obusitse sitzt auf einem dunkelgrünen Sofa in seinem Wohnzimmer. Er erinnert sich noch lebhaft an diesen Tag, doch er besteht darauf, dass OWT seither gereift ist. "Anfangs waren wir eine Gruppe für Selbstjustiz", sagt er, "aber heute haben wir mehr Struktur. Wir laufen nicht einfach herum und greifen Leute an." Es gehe ihnen nicht darum, jemanden zu verprügeln, sondern Informationen herauszubekommen und Leuten eine Lektion zu erteilen, die sie dann weitergeben können. "Wir machen es auf eine Art, die nicht unmenschlich ist", beteuert er.
Plaatje, Tshakela und weitere Mitglieder von OWT scheinen sich genauso von dem Begriff "Selbstjustiz", auf Englisch "vigilantism", distanzieren zu wollen wie Obusitse. Das ist laut Nel vor dem historischen Kontext verständlich: "Vigilantism" habe vor dem Ende der Apartheid 1994 allgemein "eher als konservative Bewegung mit staatlicher Unterstützung" gegolten. "Diese Vigilante-Gruppen dienten im Grunde dazu, die Herrschaft der Apartheid-Regierung zu erhalten", sagt Nel. "Man sah in ihnen Feinde des Volkes."

Im demokratischen Südafrika gibt es zwar inzwischen eine unabhängige und eher unauffällige Bürgerwehrbewegung, doch das Wort "vigilantism" wird heutzutage häufig mit den brutalen Lynchjustizmorden in Verbindung gebracht, zu denen es immer wieder in vernachlässigten Townships kommt. Polizeistatistiken von 2011 zeigen, dass fünf Prozent der 46 Morde, die im Schnitt jeden Tag in Südafrika verübt werden, im Zusammenhang mit Selbstjustiz standen. In vielen der Fälle werden Verdächtigen benzingetränkte Reifen um den Hals gelegt und angezündet. Diese brutale Praktik, "Necklacing" genannt, kam Mitte der 1980er auf. Townships im ganzen Land litten unter Polizeigewalt, das Land stand am Rande des Bürgerkriegs. Erschreckend viele, die im Verdacht standen, mit dem Apartheidstaat zu kollaborieren, starben so.

Nel führt die neue Welle der Selbstjustiz auf "einen Mangel an Polizei, Armut, eine Kultur der Gewalt und ein Gefühl der Machtlosigkeit" zurück. Sie verweist aber auch auf die "neoliberale Verantwortungsrhetorik", welche die Polizei im Bezug auf Verbrechensbekämpfung gegenüber Bürgern anwende: "Man wird ermutigt, auf sich selbst aufzupassen. Du bist verantwortlich für deine Sicherheit und die deiner Mitmenschen. Das lässt sich leicht interpretieren als: 'Tu was auch immer du tun musst, um deine Mitmenschen zu schützen.' Und das kann über das Legale hinausgehen."

Obusitses Wunsch, OWT als legitime Organisation anerkannt zu sehen – statt als Selbstjustiztruppe mit dem entsprechenden kulturellen Ballast – könnte auch zum Teil finanziell motiviert sein. So lange noch diskutiert wird, ob OWTs Vorgehen angemessen ist, lassen sich Geldgeber in Lokalbehörden, NGOs und im Privatsektor nur schwer überzeugen. Der Sprung in die Privatwirtschaft wäre nicht komplett unwahrscheinlich: Eine Bürgerwehr namens Mapogo a Mathamaga, die es Anfang der 2000er zu einer gewissen Prominenz brachte, hat sich in den letzten Jahren zur privaten Sicherheitsfirma gewandelt. Mapogo ist zwar weiterhin umstritten, doch Privatleute, Landwirte und Firmen in ganz Südafrika haben die Dienste der ehemaligen Vigilantes bereits in Anspruch genommen.

Bisher wird OWT fast ausschließlich von Mitgliedern finanziert. Die wenigen kleinen Spenden von örtlichen Firmen trägt Obusitse fein säuberlich in eine Excel-Tabelle ein. Er sagt, er und der stellvertretende Vorsitzende Mathloko hätten in den letzten zwei Jahren neben Zeit und Energie auch viel eigenes Geld in OWT gesteckt, um die Gruppe am Laufen zu halten. Anfang 2016 habe die finanzielle Belastung und die Angst vor Festnahmen einen solchen Höhepunkt erreicht, dass OWT zwischenzeitlich von mehr als 100 Mitgliedern auf zwei Männer geschrumpft war: Obusitse und Mathloko. "Wir gingen trotzdem jede Nacht auf Patrouille, auch wenn wir nur zu zweit waren", erinnert sich Obusitse. "Wir haben auch heute noch damit zu kämpfen, aber wenn ich auch noch aufgebe, gibt es keine Hoffnung mehr."

Obusitse hat einen anspruchsvollen Vollzeitjob als Beamter in der Bildungsbehörde, den er mit seiner Arbeit bei OWT vereinbaren muss. Er räumt ein, sein Engagement habe sich negativ auf sein Privatleben ausgewirkt. Aktuell steckt er mitten in der Scheidung von der Mutter seiner zwei Kinder. "Aber davon kann ich mich nicht aus der Bahn werfen lassen", sagt er. "Ich habe eine bewusste Entscheidung getroffen. Ich kann nicht einfach nach Hause gehen und mich schlafen legen, während da draußen Verbrecher unsere Leute terrorisieren."

OWT fotografieren einen Mann, den sie mit einem Messer erwischt haben. Solche Fotos postet die Gruppe regelmäßig auf ihrer Facebook-Seite.

Es ist kurz nach 18 Uhr an einem Freitag, die Sonne geht gerade unter. Eine OWT-Gruppe versammelt sich auf demselben Fleckchen Buschland, wo zuletzt die drei Diebe festgenommen wurden. Die Mitglieder begrüßen einander und bereiten sich auf die abendlichen Patrouillen vor. Es gibt fast so viele Frauen wie Männer, das Alter reicht von knapp 20 bis vielleicht 60. Soweit ich feststellen kann, ist das jüngste Mitglied Theresa Pienaar, eine schüchterne 19-Jährige, die vergangenes Jahr ihren Schulabschluss gemacht hat. Pienaar sagt, sie wolle sich nützlich machen, bis sie einen Weg gefunden habe, ihr Studium an der Universität in Kimberley zu finanzieren – für dieses akademische Jahr hat sie kein Stipendium bekommen. Am anderen Ende des Altersspektrums gibt es einen Pastor Ende 50, der sich zum Gehen auf einen Stock stützt. Die meisten Mitglieder sind arbeitslos, aber Plaatje arbeitet als Motivationsredner und Unternehmer, und Mathloko ist ein bekannter Maler, der weltweit Arbeiten ausgestellt und laut eigener Aussage Bilder für bis zu 16.000 Euro verkauft hat.

Als alle versammelt sind, stellen sie sich im Kreis auf und fassen einander an den Händen. Sie stehen direkt vor dem zweidimensionalen Nelson Mandela aus Metall, der die rechte Faust in seiner typischen Triumphgeste in die Luft reckt. Die kleine Gemeinde senkt die Köpfe, während der jüngere der beiden Pfarrer leise betet. In einer nahtlosen Mischung aus Afrikaans, Setswana und Englisch bittet er um Gottes Schutz für die Gruppe. "Nachts ist alles unberechenbarer", sagt Plaatje. "Haltet euch zum Rennen bereit – manchmal müssen wir rennen", warnt eine füllige Frau mit Cornrows, der beide Schneidezähne fehlen.

Im Juni 2016 seien sie in einen Hinterhalt geraten, erzählen einige der alteingesessenen Mitglieder. Sie versuchten, eine Schlägerei zwischen Betrunkenen zu schlichten, bei der ein Mann mit einem Hammer auf einen anderen einschlug. Mit Messern bewaffnete Freunde des Angreifers stürzten sich plötzlich auf sie. Obusitses Schulter wurde ausgekugelt, vier andere OWT-Mitglieder mussten mit Stichwunden in die Notaufnahme.

Die Patrouille beginnt mit Routinekontrollen: Je zwei Mitglieder springen aus dem Auto und durchsuchen Personen, die ihnen verdächtig erscheinen. Tshakela erklärt, es gebe gewisse Zeichen, nach denen man Ausschau halten müsse: eine bestimmte Art zu gehen oder andere zu begrüßen, bestimmte Kleidung. Auf mich als Außenseiter wirkt ihre Auswahl eher willkürlich, doch die Erfolgsrate ist beeindruckend. Die Zahl der konfiszierten Messer wird schnell unüberschaubar. "In unserer Gegend gibt es eine Messer-Plage", sagt Plaatje und erklärt, die meisten Verbrechen in Galeshewe würden mit vorgehaltener Klinge verübt.

Die Personenkontrollen sind zwar illegal, doch die meisten wirken weder überrascht noch wehren sie sich groß dagegen. Wer sauber ist, kriegt einen freundlichen Klaps auf den Rücken, einen Fistbump und ein Danke. Manche danken im Gegenzug OWT, loben die Gruppe für ihre gute Arbeit und gehen dann ihrer Wege, als sei nichts Außergewöhnliches passiert.

Doch im Laufe der Nacht gibt es gelegentlich auch bissige Kommentare von jungen Männern, die vor Kneipen und Clubs trinken und Shisha rauchen. Manche fordern OWT auf, sie zu "segnen", damit sie Anzeige wegen Körperverletzung erstatten können. In anderen Fällen fliehen magere Schuljungen verängstigt in alle Richtungen, bevor die OWT-Mitglieder überhaupt aus ihren Autos gestiegen sind. Bei einer Razzia in einer Billardhalle zwingen sie Kinder, die kaum älter als 13 oder 14 sein können, sich mit dem Gesicht nach unten hinzulegen. Sie verhören die Jugendlichen und schicken sie nach Hause. Der sichtlich verwirrte Besitzer der Billardhalle beteuert, dass er keinen Alkohol verkaufe und dass es den Jungs viel besser tue, ein paar Runden Billard zu spielen, als draußen auf der Straße herumzulungern. Es sieht aus, als hätten die OWT-Mitglieder die Situation falsch eingeschätzt und überreagiert. Vor allem, wenn man bedenkt, dass viele von ihnen den Mangel an Freizeitangeboten in Galeshewe für den Drogenkonsum und die vielen Verbrechen mitverantwortlich machen – ein Problem, das in ganz Südafrika nur zu bekannt ist.

Ursprünglich war OWT eine Reaktion auf die Banden­kriminalität in Galeshewe, aber seit es die beiden wichtigsten Gangs nicht mehr gibt, hat die Gruppe ihre Aktivitäten ausgeweitet. Neben den Personenkontrollen, den Diebstählen, Raubüberfällen und Drogenrazzien kümmern sich OWT auch um Körperverletzung, Vergewaltigung und sexuellen Missbrauch und sogar um häusliche und finanzielle Konflikte. Gegen Ende der Abendpatrouille erreicht Plaatje ein Notruf: OWT werden in einem Haus gebraucht, wo ein Vater seinem zehnjährigen Sohn mehrmals auf den Kopf getreten hat.

Der Junge wird von seiner Tante in der Küche getröstet, als die Gruppe eintrifft. Eine Seite seines Gesichts ist blutig und angeschwollen. Der Vater liegt betrunken und bewusstlos in seinem Bett. Tshakela und Plaatje verschaffen sich Zutritt zu seinem Zimmer und schleifen ihn in den Hof. Dort versetzen sie ihm ein paar Ohrfeigen, von denen er seitwärts stolpert. Lallend versucht er zu erklären, dass es sein Recht sei, sein eigenes Kind zu schlagen – was er der Tante zufolge jedes Wochenende im Suff tut. Tshakela, Plaatje und ein paar andere Männer ringen den Vater zu Boden und ziehen ihm die Beine über den Kopf. Dann schlagen die älteren Frauen der Gruppe seinen Hintern und seine Genitalien mit Peitschen, bis ihnen die Kraft ausgeht. Die Frauen, allesamt Mütter, verfallen in ein betroffenes Schweigen, als sie zu den Autos zurückkehren. Sie wirken erschlagener als der betrunkene Vater, der wieder zu Bett gestolpert ist und sich morgen wohl nur noch schemenhaft an den Vorfall erinnern wird.

Konfiszierte Waffen, darunter Steakmesser, Scheren, Schafscheren und Macheten, werden versteckt aufbewahrt und einmal im Quartal der Polizei übergeben.
Neben Waffen konfiszieren OWT auch Drogen, darunter Marihuana, Metamphetamin und Mandrax sowie diverses Drogenzubehör.

Am nächsten Tag besuche ich Mathloko in dem Studio, das er in einem Gebäudekomplex für Kleinunternehmer mietet. Mathloko ist schlank, mit kurzen Dreadlocks, einem graumelierten Bart und einer entspannten Art, die ihn jünger als seine 42 Jahre wirken lässt. Seine Kunst hat ihm viele Türen geöffnet, er hat die Welt gesehen, doch es hat ihn immer wieder nach Galeshewe gezogen, wo er in den 1970ern und 80ern aufgewachsen ist. Mathloko hat unerwartet rosige Erinnerungen an eine Zeit, als sich der Kampf gegen die Apartheid seinem Höhepunkt näherte: "Damals konntest du einfach überall hingehen, wann immer du wolltest. Du wusstest, dass du sicher warst. Deine Eltern und jüngeren Geschwister wussten, dass du heil zurückkommst, wenn du ausgehst. Heute müssen sich alle ständig Sorgen machen."

Als eines der bekannteren Gesichter von OWT hat Mathloko mehr zu befürchten als die meisten. Sowohl er als auch Obusitse sagen, sie würden regelmäßig Drohanrufe und SMS von Unbekannten erhalten. Mathlokos Frau und sein Sohn wurden schon von Männern angegriffen, die in seinem Haus nach ihm suchten. Sie würgten seine Frau und stachen mit einem Messer nach ihrem Hals, doch sie hatte mit einem Tablet versucht, Mathloko anzurufen, und als es ihr aus der Hand fiel, wehrte es die Klinge ab. Dann schlug sie nach den Angreifern und schrie, und die Männer flohen. "Gott hat meine Familie damals beschützt", sagt Mathloko. OWT fanden die Täter kurz darauf, segneten sie ausgiebig und übergaben sie an die Polizei. Doch laut Mathloko wurden sie am nächsten Tag freigelassen, aus Mangel an Beweisen.

Die Beziehung zu seiner Frau habe durch sein Engagement für OWT gelitten, sagt Mathloko: "Unsere Partnerinnen sagen manchmal, wir schützen andere Familien und währenddessen kümmert sich niemand um sie. Dass wir uns um fremde Familien mehr scheren als um unsere eigenen. Irgendwann ging es meiner Ehe nicht gut. Aber meine Frau und ich haben entschieden, dass wir das irgendwie hinkriegen."

Die OWT-Gruppe des kleinen ländlichen Orts Ritchie führt bei Sonnenuntergang ihre Abendpatrouille durch.

Mathloko und Obusitse haben außer den Drohungen und den Eheproblemen noch etwas gemeinsam: Beide gehörten in ihrer Teenagerzeit zu Gangs. Mathloko landete wegen schwerer Körperverletzung für fast ein Jahr im Gefängnis. Beide Männer änderten ihr Leben von Grund auf, verließen Galeshewe und entschlossen sich irgendwann heimzukehren. Auch weil sie sich sorgten, dass andere junge Männer dieselben Fehler machen könnten wie sie. Deswegen betonen Obsusitse und Mathloko auch, dass es ihnen ein großes Anliegen sei, "Menschen, die den Segen von Wanya Tsotsi kennengelernt haben", wie Mathloko dazu sagt, in sozialen Programmen und Förderinitiativen unterzubringen. Am liebsten mit der Unterstützung von NGOs und der Lokalregierung.

Am Nachmittag fahren wir mit Mathloko zu der kleinen, ländlichen Siedlung Ritchie, etwa 40 Kilometer südlich von Kimberley. Dort operiert seit Anfang 2016 eine eigene OWT-Gruppe. Wie schon in Galeshewe deuten die Statistiken darauf hin, dass OWTs Einfluss auf Ritchie erheblich ist. Die Rietvale High School blieb aufgrund eines Bandenkriegs Anfang 2015 monatelang geschlossen, nur knapp ein Drittel der Schüler bestand in dem Jahr die Abschlussprüfung. 2016 stieg die Zahl der erfolgreichen Absolventen auf 94 Prozent. Laut dem Schulleiter ist diese erstaunliche Verbesserung zum Großteil OWT zu verdanken.

Wir verbringen ein paar Stunden in Ritchie, bevor wir nach Galeshewe zurückkehren und den Rest des Wochenendes die Tages- und Nachtpatrouillen begleiten. Es ist überraschend ruhig, doch anstatt das als ein positives Zeichen zu werten, scheinen sich die OWT-Mitglieder fast schon zu genieren – sie wollen der Presse eine gute Show bieten. Mehrere Mitglieder entschuldigen sich bei mir für den Mangel an Action. Manche Personenkontrollen sind halbherzig, während andere wiederum übereifrig wirken. Ein Mann, bei dem die Gruppe eine große Menge Mandrax – das stark abhängig machende Hypnotikum Methaqualon – sowie Metamphetamin, Gras und ein Messer findet, bekommt ein paar milde Ohrfeigen und darf gehen. Ein anderer Mann, der allein auf einem umgedrehten Bierkasten sitzt und ein kleines Messer bei sich hat – zur Selbstverteidigung, wie er sagt – wird von jüngeren OWT-Mitgliedern böse verprügelt. Mehrere gestehen mir später, der Kontrast zwischen diesen beiden Vorfällen habe auch sie verwirrt.

Weil ihre Strafprozesse noch laufen, müssen sich Obusitse und Mathloko weitestgehend aus den Patrouillen heraushalten. Plaatje ist den Großteil des Wochenendes mit einem Begräbnis und anderen kirchlichen Pflichten beschäftigt. Ich höre, wie mehrere Frauen sich untereinander darüber beschweren, wie viel die Bustickets zu den Patrouillen sie kosten, und dann gebe es dort nicht einmal wirklich Action. Tshakela war mehrere Monate weg, um in einer Mine zu arbeiten, und meint offensichtlich, etwas beweisen zu müssen. Er wirkt sehr eifrig, doch er ist gleichzeitig launisch. Er sagt, inzwischen würden sich zu viele Frauen den Patrouillen anschließen, und er mache sich zunehmend Sorgen, Probleme zu bekommen, weil er den ganzen Tag einen Haufen Drogen und Waffen herumkutschiere.

Am Sonntagabend, unserem letzten in Galeshewe, lädt uns Obusitse zu einem Fußballspiel ein. Es ist ein Versöhnungsspiel zwischen OWT und Ex-Bandenmitgliedern, die "den Segen von Wanya Tsotsi kennengelernt" haben. Obusitse soll in Galeshewe eine Dribbel-Legende sein, doch er hat sich beim Spiel zuvor am Bein verletzt und sitzt auf der Bank. Mathloko kümmert sich um seine Familie. Tshakela wird spät als Torwart eingewechselt, doch hauptsächlich reißt er laut Witze mit Zuschauern hinter der Torlinie. Dennoch kommt er schwer atmend vom Feld, als sei er 90 Minuten umhergerannt. Er sagt, er wolle bei OWT aufhören, bis die Ungewissheit der Strafprozesse vorüber sei und man die Beziehung zu den Behörden klarer abgesteckt habe. "Ich habe Angst um meine Sicherheit. Ich habe keinerlei Schutz. Ich muss an meine Familie denken", sagt er.

Obusitse sieht vom Spielfeldrand zu, die Augen gegen die untergehende Sonne zusammengekniffen. Er wirkt unbeeindruckt von den Problemen, denen OWT sich gegenübersieht, seit die Gruppe nach der Suspendierung ihre Arbeit wieder aufgenommen hat. Er hat schon häufig gesehen, wie die Mitgliederzahlen anschwellen und schrumpfen, und meint, Streitigkeiten und politische Konflikte seien unausweichlich. "Wir haben alle unsere eigenen Gründe, hier zu sein", sagt er. Gleichzeitig sieht er diese Vielfalt als einen der Gründe für den starken Rückhalt, den OWT in der Gemeinschaft hat: "Die Leute unterstützen uns, weil sie wissen, dass wir uns nie von einer bestimmten politischen Ideologie vereinnahmen lassen." Das kann er noch leicht garantieren, so lange OWT sich selbst finanziert. Doch wie wird es aussehen, wenn große Geldgeber auf den Plan treten?

Die lokale Sicherheitsbehörde wolle "eine Stimmung erzeugen, in der wir mit OWT zusammenarbeiten können", sagt Ende April ihre Sprecherin Patsy Alley. Die Gespräche würden sich langsam aber sicher in die richtige Richtung bewegen. "Das könnte für Südafrika zu einem Meilenstein in der Verbrechensbekämpfung werden", sagt sie. Der neue Polizeiminister Fikile Mbalula, den Präsident Jacob Zuma vor Kurzem in seiner kontroversen Kabinettsumbildung ernannte, hat gelobt, härter gegen Kriminalität durchzugreifen. Seine neue Kampagne heißt tatsächlich Wanya Tsotsi. Ob es sich dabei um reinen Zufall oder ein kleines Zeichen der Anerkennung für das Vorgehen in Galeshewe handelt, ist nicht bekannt. So oder so bemüht sich Obusitse um ein Treffen.

OWT-Mitglieder spielen an einem Sonntagabend in Galeshewe zur Versöhnung Fußball mit Ex-Bandenmitgliedern.

Mary Nel meint, die südafrikanische Regierung und Justiz sollten mehr auf Menschen in Orten wie Galeshewe hören, um effizienter gegen Verbrechen vorzugehen, statt ihnen immer wieder ihre eigenen Lösungen aufzudrängen. Sie warnt aber auch, Veränderungen in einer tief verankerten Kultur der Gewalt seien ein sehr langwieriger Prozess. "Und die Gründe aus der Welt zu schaffen, warum die Menschen überhaupt zu Selbstjustiz greifen, ist noch langwierigere Arbeit. Wir müssen über Armut, Ausgrenzung und all die großen sozialen Probleme sprechen. Selbstjustiz ist hauptsächlich ein Symptom dieser Probleme."

Das Fußballspiel ist vorbei und die rostigen Zuschauerränge auf beiden Seiten des Feldes leeren sich. Als ich mich verabschiede, wird es laut um den silbernen Toyota Corolla. Ein Teenager wurde festgenommen, weil er mutmaßlich Gegenstände aus dem Haus seiner Eltern gestohlen und im Viertel verkauft hat, um seine Mandrax-Sucht zu finanzieren. Seine Mutter hat den Fall Obusitse gemeldet. Der Vorsitzende zieht seine bedruckte Warnweste an und befiehlt den anderen, die noch ganz verschwitzt vom Spiel sind, ihm zu folgen. Tshakela, eigentlich ja nur noch ein Beobachter, kann nicht anders, als dem Verdächtigen eine schallende Ohrfeige zu verpassen, sobald Obusitse sich wegdreht. Dann springt er in seinen Polo und schließt sich dem Konvoi an, der vom Fußballfeld davonrast und Staub aufwirbelt, während sich die Dämmerung über Galeshewe senkt.

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