Rassismus ist ein langsamer Tod

Die Ungleichheit in den Vereinigten Staaten belastet die Gesundheit Schwarzer Menschen – selbst wenn sie reich sind.

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10 Februar 2019, 2:37pm

Erica Garner | Foto: Mike McGregor/Getty Images | Illustration: Makeba Rainey

Aus der Burnout and Escapism Issue. Du willst das VICE Magazine abonnieren? Hier entlang.

In einem trostlosen Krankenhauszimmer in Summit, New Jersey, erfuhren meine Mutter, meine Tante und ich die Diagnose: Meine Großmutter habe einen Tumor im Hirn, ein Glioblastom. Das sei aggressiver Krebs, man müsse operieren. An dieser Krebsart ist der US-Senator John McCain vor Kurzem gestorben. Meine Großmutter ist kein Weißer Mann wie McCain. Sie wird ihren Hirntumor anders erleben als der republikanische Präsidentschaftskandidat.

Louise Kennedy Evans Elder, so heißt meine Großmutter, wuchs in den 1940ern und 50ern in Spartanburg, South Carolina, auf: in den Südstaaten zur Zeit der Rassentrennung, keine 100 Jahre nach dem Ende der Sklaverei. Als Kind spielte sie mit den Hühnern hinterm Haus. "So sahen damals unsere Nachmittage aus", erzählt sie mir. "Meine Eltern ließen uns aber nie merken, dass wir arm waren." Die Kleidung machten sie selbst, ihren Kindern boten sie alles Nötige. Nur einen größeren Fokus auf Bildung hätte meine Großmutter sich von ihren Eltern gewünscht. "Sie waren eben keine gebildeten Leute. Sie taten ihr Bestes mit dem, was sie hatten."

Insgesamt waren sie 13 Kinder, meine Großmutter war Nummer 10. Als sie klein war, brannte das Haus ab, ihre drei jüngeren Geschwister starben. Als Großmutter 13 war, zog die Familie nach New Jersey. Noch vor dem Highschool-Alter war sie gezwungen, erwachsen zu werden: Mit 15 wurde sie schwanger mit meiner Mutter. Mit 16 war sie verheiratet und Hausfrau, mit 19 arbeitete sie als Krankenpflegerin.

Vor dem Hirntumor hat sie schon Krebs in beiden Lungenflügeln und Brüsten besiegt. Ihre erste Mastektomie, so nennt man die Entfernung von Brustgewebe, hatte sie vor 34 Jahren. Als sie von dem Tumor in ihrem Kopf erfuhr, beschloss sie, einmal mehr um ihr Leben zu kämpfen.


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Pech – so könnte man den Leidensweg meiner Großmutter bezeichnen. Aber wer versteht, was es heißt, in den USA Schwarz zu sein, kann darin auch etwas Komplexeres sehen. Das Bewusstsein für die medizinische Ungleichheit in den USA wächst, denn neue Forschung zeigt: Krankheiten verlaufen bei Schwarzen Menschen in den Vereinigten Staaten schlechter als bei Weißen. Zudem stellt sich heraus, dass nicht einmal wohlhabende Schwarze Menschen sich Weiße Gesundheitsversorgung kaufen können.

Die Gesundheitsexpertin Arline Geronimus von der University of Michigan erforscht, wie sich Rassismus auf die Betroffenen auswirkt. Lebenslange Erfahrungen mit Rassismus bedeuten chronischen Stress, die Gesundheit leidet. Diesen Vorgang nennt Geronimus "Weathering", Verwitterung. Ich selbst erlebe das. Weathering fühlt sich an wie unzählige winzige Schnitte, ein schrittweises Zermürben.

Die Sklaverei in den USA ist gründlich dokumentiert, Geschichtsbücher und Museen erklären, wie sie sich auf die Gesellschaft ausgewirkt hat. Gleichzeitig finden Schwarze Autoren wie ich selten Gehör, wenn wir sagen, dass unser heutiges Wohlbefinden leidet, weil vor rund 400 Jahren das erste Sklavenschiff vor Virginia ankerte.

Was passiert mit unserem Gehirn, wenn wir auf alten Fotos die Narben unserer Vorfahren sehen? Wenn wir sehen, wie Weiße Amerikaner Lynchmorde an unseren Angehörigen feierten? Läuft in unserem Nervensystem dieselbe biochemische Reaktion ab wie beim Anblick des Videos, in dem ein New Yorker Polizist Eric Garner erstickt?

Menschen wie ich können noch heute mit Angehörigen sprechen, die in den USA von Polizisten verprügelt, von Hunden gebissen oder selbst wie Tiere behandelt wurden. Diese Ereignisse bilden eine Kette, von damals bis heute.

Meine Großmutter wuchs zu einer Zeit auf, als der Ku-Klux-Klan zum Alltag gehörte. Sie habe nicht antworten dürfen, wenn Weiße respektlos zu ihr waren, erzählt sie. Im Vorbeigehen musste sie aufpassen, ihnen nicht in die Augen zu sehen. Bis heute weiß sie nicht, wer ihren Vater damals in der Scheune ermordet hat. Jemand hat ihn mit einem stumpfen Gegenstand totgeprügelt, mehr ist nicht bekannt.

Menschen wie ich können noch heute mit Angehörigen sprechen, die in den USA von Polizisten verprügelt, von Hunden gebissen oder selbst wie Tiere behandelt wurden. Diese Ereignisse bilden eine Kette, von damals bis heute. Die Gräueltaten gegen meine Vorfahren haben geprägt, wie meine Community gelebt, gelernt und gegessen hat, welche Versorgung sie erhielt und wie das heute aussieht.

Da sind etwa die medizinischen Verbrechen, die gegen uns Afroamerikaner verübt wurden. Die Tuskegee-Studie* oder J. Marion Sims' Experimente an Sklavinnen, ohne jede Betäubung. Das hinterlässt Spuren, führt zu Misstrauen gegenüber Ärztinnen und Ärzten. Umgekehrt, das zeigen neuere Studien, stehen wir selbst ständig unter Verdacht: Oft glauben die Fachleute uns nicht, wenn wir sagen, dass wir Schmerzen haben – Schwarze Amerikanerinnen und Amerikaner bekommen keine Schmerzmittel, die sie dringend brauchen.

Zudem führen kulturelles Stigma und sozioökonomische Faktoren dazu, dass Schwarzen Menschen in den USA eine HIV-Infektion mehr schadet als Weißen. Wie die Bürgerrechtsorganisation National Association for the Advancement of Colored People betont, nehmen Schwarze und Weiße Amerikaner ähnlich häufig Drogen, die Justiz schickt Schwarze dafür aber fast sechsmal so häufig ins Gefängnis. Das zerstört systematisch Familienstrukturen. All diese Dinge haben einen großen Einfluss auf unsere Lebensqualität – und unsere Lebensdauer.

Im Zuge der Rassentrennung und danach wurde in US-Städten dafür gesorgt, dass Schwarze Menschen in den weniger attraktiven Gegenden leben. Jason Purnell ist Experte für öffentliche Gesundheit an der Washington University in St. Louis und leitet die Initiative For the Sake of All, die Gleichstellung im Gesundheitswesen erforscht. Er beschreibt das sogenannte Redlining, bei dem Afroamerikaner "systematisch und auf verschiedenen Ebenen, auch von staatlichen Stellen, vom Hauskauf ausgeschlossen werden und es ihnen unmöglich gemacht wird, Wohlstand anzuhäufen". Purnell zufolge können wir die heutige Ungleichheit in den USA ohne diesen Hintergrund nicht verstehen.

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Louise Kennedy Evans Elder | Foto mit freundlicher Genehmigung von George Johnson | Illustration: Makeba Rainey

Wo eine Familie wohnt, bestimmt unmittelbar, welchen Zugang sie zu Bildung hat und wie vielen Stressfaktoren sie im Alltag begegnet – darunter rassistische Mikro- und Makroaggressionen, die uns ständig daran erinnern: Wir sind "die Anderen". Zu diesen Stressoren gehört auch die einzigartige Trauer darüber, dass der Tod eines geliebten Menschen der Gesellschaft egal zu sein scheint. Die vielen schmerzhaften Erlebnisse können unserer Gesundheit langfristig schaden, selbst wenn wir medizinisch versorgt sind.

"Viele Menschen verstehen nicht, dass der Zugang zu medizinischer Versorgung nur etwa 10 bis 20 Prozent des Krankheitsverlaufs bestimmt", erklärt Purnell. "Selbst jemand, der optimal versorgt ist – und das sind viele nicht –, kann gegen eine Krankheit womöglich kaum etwas ausrichten."

Laut einem Bericht der US-Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control (CDC) sterben Schwarze Frauen in den USA dreimal so häufig im Zusammenhang mit einer Geburt wie andere Frauen. Die Tennisspielerin Serena Williams wäre 2017 nach der Geburt ihrer Tochter fast Teil dieser Statistik geworden. Denn auch Reichtum schützt nicht vor dem rassistischen System. "Schwarze Menschen in wohlhabenden Gegenden erleben schlicht andere Stressoren, die das Weathering vorantreiben", erklärt Geronimus gegenüber VICE. "Dort leben sie in einem Kontext, der sie zur Randfigur, zum 'Andersartigen' erklärt, und fühlen sich, als müssten sie alle Menschen ihrer Hautfarbe repräsentieren." Die ständige Wachsamkeit, die ein solches Umfeld verlangt, kann körperliche Symptome auslösen.

Purnell und seine Kollegen bei For the Sake of All beschrieben 2014 in einem Bericht, dass eine Schwarze Frau mit abgeschlossenem Studium mit größerer Wahrscheinlichkeit ein untergewichtiges Baby zur Welt bringe als eine Weiße Frau mit Highschool-Abschluss. Weil Schwarze Frauen mit hohem Bildungsstand und Einkommen "dem Stress ausgesetzt sind, häufig mit Menschen außerhalb ihrer Ethnie zu interagieren", erklärt Purnell.

Auch wenn Rassismus uns als Menschen nicht definiert: Er macht etwas mit uns. Dieses Etwas hat das medizinische Establishment allerdings jahrhundertelang geleugnet oder schlicht auf die niedrige Gesellschaftsschicht geschoben.

"Wenn wir die Armut beenden, verschwindet auch der Rassismus – so denken viele", sagt Purnell. "Aber egal, wie erfolgreich du bist, als afroamerikanische Person bist du stigmatisiert."

Manchmal ist das Weathering nicht so harmlos, sind die Schnitte, die uns ausbluten, gar nicht so winzig. Wann immer ich das Blaulicht eines Polizeiautos sehe, hämmert mein Herz. Dann geht mir durch den Kopf: Selbst wenn ich mich an jede Regel halte, könnte ich als Leiche auf dem Rücksitz dieses Autos enden. Zu oft habe ich online Videos gesehen, in denen meine Leute von Beamten misshandelt oder gar umgebracht werden.

Als der Polizist Daniel Pantaleo im Juli 2014 Eric Garner tötete, wurden Garners letzte Worte, "I can't breathe", für Millionen Menschen trauriges Mantra und Schlachtruf zugleich.

"Da war Pantaleo, der ihn würgte", sagt Gwen Carr, Eric Garners Mutter. "Da waren andere Polizisten, die sich auf ihn stürzten. Eine Beamtin stand daneben und unternahm nichts, um zu deeskalieren. Wieder andere logen in ihrem Bericht, bevor das Video rauskam. Sie alle sind schuldig." Carr sagt, auch die Sanitäter sollten sich dafür verantworten, dass sie nicht versuchten, Garner wiederzubeleben.

Eric Garner kam um in einem System, dass Schwarze Männer wie uns kriminalisiert, verurteilt und, so sehen es viele: versklavt. Das Werkzeug dafür ist die parteiische US-Justiz. CNN zufolge wurden im vergangenen Jahrzehnt landesweit 80 Polizisten wegen Mordes oder Totschlags angeklagt, weil sie im Dienst jemanden erschossen hatten. Nur etwa ein Drittel wurde verurteilt, viele Prozesse haben noch nicht stattgefunden. "So etwas würde seltener passieren, wenn man die Täter zur Verantwortung zöge", sagt Carr.

Garners Tochter Erica kämpfte dafür, dass die Geschichte ihres Vaters nicht in Vergessenheit gerät. Sie führte Märsche an und legte sich stundenlang an die Stelle, an der er starb, um gegen Polizeigewalt zu protestieren. "Erica wollte Gerechtigkeit", sagt Carr über ihre Enkelin. "Mit verschiedenen Organisationen hielt sie Kundgebungen im ganzen Land ab. Sie trauerten gemeinsam. Das verlangte ihr unheimlich viel ab."

Dass Erica Garner so kurz nach ihrem Vater starb, ist nicht einfach ein tragischer Zufall.

Im Dezember 2017 starb Erica Garner mit 27 Jahren. Sie lag in einem künstlichen Koma, nachdem sie bei einem Herzinfarkt Hirnschäden erlitten hatte – es war offenbar ihr zweiter Infarkt in dem Jahr. Ihre Mutter Esaw Snipes sagte der New York Times, ihre Tochter habe seit der Geburt ihres zweiten Kindes Herzprobleme gehabt.

Dass Erica Garner so kurz nach ihrem Vater starb, ist nicht einfach ein tragischer Zufall. Geronimus betont, wie extrem die Umstände für die junge Frau waren. Das Video vom Tod ihres Vaters war überall. "Viele tun es ab, indem sie sagen: 'Sie hatte ja schon ein Herzproblem.' Aber es steckt mehr dahinter."

Ebenso kein Zufall ist das Schicksal von Kalief und Venida Browder. Kalief kam mit nur 16 Jahren wegen mutmaßlichen Diebstahls für drei Jahre ins New Yorker Gefängnis Rikers Island, zwei davon verbrachte er in Einzelhaft. Ohne Prozess, ohne Schuldspruch. Dann wurde die Anklage fallengelassen. Wenige Jahre nach seiner Entlassung beging er Suizid. Nur 16 Monate später starb Kaliefs Mutter, Venida Browder. Die Gesundheit ganzer Familien zerbricht unter einer Last, die wir beim Namen nennen müssen: Rassismus raubt Schwarzen Menschen in den USA Jahrzehnte ihres Lebens.

Die Suizidrate bei jungen Schwarzen Amerikanerinnen und Amerikanern steigt, aktuell ist sie doppelt so hoch wie bei Weißen Jugendlichen. Meine Generation hat viel Tod gesehen: Tamir Rice, Renisha McBride, Jordan Davis, Trayvon Martin – alle unter 25, alle getötet von Polizisten oder von Bürgern, die selbst den rassistischen Cop spielten. Ich selbst bin Schwarz, queer und lebe mit HIV. Mit diesem Virus infizieren sich laut CDC im Laufe ihres Lebens die Hälfte aller Schwarzen Männer, die Sex mit Männern haben.

Meine Großmutter hat ihre Operation überlebt, aber es war wohl ihre letzte. Die Ärzte sagen, mit der Chemotherapie könnten sie die Tumoren allenfalls in Schach halten, doch häufig kehre der Krebs zurück. Die meisten Menschen mit einem Glioblastom leben nach der OP nur noch rund ein Jahr. "Meiner Seele geht es gut", sagt sie mir. Sie habe ein gutes Leben gehabt und bereue nichts. "Ich weiß, dass ich meine Kinder und Enkel zu guten Menschen erzogen habe und es ihnen gut gehen wird."

Schwarze Menschen sollten für einander eintreten und gewisse Standards verlangen – Notizen machen, Fragen stellen und sichergehen, dass der Arzt oder die Ärztin dem Familienmitglied zuhört.

Diese Gesellschaft hat meiner Großmutter viel Feindseligkeit entgegengebracht, und doch hat sie Freude im Leben gefunden. Diese Fähigkeit teile ich mit ihr. Wir sind widerstandsfähig gegenüber einer Welt, die uns nicht als vollwertige Menschen behandelt.

Wenn meine Großmutter aus dem Krankenhaus kommt, wird sich die ganze Familie um sie kümmern müssen. Eine Belastung für alle Beteiligten, auch wenn sich das niemand von uns anmerken lassen wird.

Die Psychologin Alfiee Breland-Noble erforscht am Center for Trauma and the Community der Georgetown University Bevölkerungsunterschiede hinsichtlich psychischer Gesundheit. "Natürlich sollten wir nicht zur Rassentrennung zurück, aber damals waren zur Selbsthilfe bestimmte Maßnahmen üblich", sagt sie. "Schwarze Menschen gingen nicht allein zum Arzt, weil sie nicht wussten, was dort passieren würde. Zur Sicherheit wartete jemand im Vorraum."

Breland-Noble rät, auch heute noch jemanden mitzunehmen. Schwarze Menschen sollten für einander eintreten und gewisse Standards verlangen – Notizen machen, Fragen stellen und sichergehen, dass der Arzt oder die Ärztin dem Familienmitglied zuhört, sagt die Psychologin. "Ärzte, Therapeutinnen und Sozialarbeiter sind Experten auf ihrem Gebiet. Aber jeder Mensch ist Experte für den eigenen Körper."

Auch außerhalb von Praxis und Klinik gilt: Verbringen wir regelmäßig Zeit mit Menschen, die aussehen wie wir selbst, die ähnliche Sorgen und Freuden haben, können wir das Weathering ein wenig ausgleichen. Purnell zufolge kann es die Psyche schützen, Menschen mit ähnlichem ethnischen Hintergrund um sich zu haben. Das mildert verinnerlichte Diskriminierung, Isolation und Angst.

Es mag ein wenig wie Wunschdenken klingen: die Community als Allheilmittel. Doch wenn man der Forschung glauben kann, geht es bei den gesundheitlichen Folgen von Rassismus weniger um Geld und Zugang zu Medizin als um Identität.

*Für die Tuskegee-Syphilis-Studie (1932–1972) rekrutierte die Gesundheitsbehörde US Public Health Service 399 Schwarze männliche Teilnehmer mit Syphilis und versprach ihnen fälschlich eine Behandlung. Als in den 40ern ein Heilmittel gefunden wurde, enthielten die Forscher es den Patienten wissentlich vor.

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